30. November 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Es gehört zu den beliebteren Aussagen zahlreicher Politiker im In- und Ausland, dass die "Politik" in Abgrenzung zur "Wirtschaft" (bei Lichte betrachtet sind beide Begriffe ja sehr dehnbar zu interpretieren) wieder an Einfluss und Macht gewinnen solle. Vom "Primat der Politik", das Gültigkeit haben soll, ist in diesem Kontext immer wieder zu hören und zu lesen. Dass dieser Anspruch subjektiv von den Politikern erhoben wird, bezweifelt niemand. Dass die Politiker diesen Anspruch erheben dürfen, ist zumindest in allen Ländern, in denen es sich um vom Volk gewählte Vertreter handelt, ebenso wenig unumstritten. Dass es in der Praxis aber überhaupt dazu kommen muss, dass diese Ordnung erhoben wird, ist maßgeblich der modernen Welt mit Globalisierung und multinationalen Konzernen geschuldet. Über deren tatsächliche Macht, auch in Abgrenzung zur Reichweite der Politik, ist eigentlich alles geschrieben. Sehr gut nachvollziehen lässt sich der tatsächliche Einfluss bei solch heiklen Themen wie der effektiven Steuerlast, die manch prominente US-Hightech-Konzerne in fast schon dekadenter Weise durch ihre Internationalität und geschickte Verlagerung der Profite in Steueroasen drücken konnten. Auch die Diskussionen über Finanzkonzerne, die schlussendlich "too big to fail" waren und doch eher unfreiwillig von der Politik gerettet werden mussten, passt in dieses Raster. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Politik über Gesetze, Vorschriften oder auch fiskalische Methoden versucht, ein Mehr an Macht zu erlangen. Wie erfolgreich das schlussendlich ist, wird die Zeit zeigen. Vielleicht ist es ein Trost für die Politik, dass sie ausgerechnet dort, wo das Herz des Kapitalismus am lautesten schlägt, nämlich auf dem Börsenparkett, schon einen Schritt weiter scheint. Denn momentan lässt sich eines sicher konstatieren: Für die wesentliche Bewegungen im Aktienmarkt zeigen sich weniger Firmenlenker oder Geldgeber (Investoren) verantwortlich. Momentan ist nahezu jede Auf- oder Abbewegung an Entscheidungen der Politiker im Euroland oder den USA gekoppelt. Mal sind es Entscheidungen über weitere Hilfen für das am Abgrund stehende Griechenland, über die die Finanzminister der EU-Staaten wochenlang wechselhaft debattiert haben und dabei indirekt eine rasante Fieberkurve in den Kurszetteln veranlasst haben. Ähnliches gilt für die Diskussionen auf der anderen Seite des großen Teichs, wo die beiden großen US-Parteien der Demokraten und Republikaner über eine Fortsetzung oder einen Stopp wichtiger steuerlicher Vergünstigungen streiten. Ob dieses "Fiscal cliff" umschifft wird oder nicht, scheint momentan nach der zumindest kurzfristigen Lösung für Griechenland das Hauptthema auf dem Parkett zu sein. Alleine angesichts der Tragweite der Verschuldungen nahezu aller industrieller Staaten und den daraus resultierenden mitunter gravierenden Gegenreaktionen der Politiker könnte der Trend, dass politische Entscheidungen auf dem Parkett stärker wiegen als gute oder schlechte Firmenbilanzen, auch im kommenden Jahr aufrecht erhalten bleiben. Somit scheint sich der 1992 sehr erfolgreiche Wahlkampfslogan des späteren US-Präsidenten Bill Clinton ("It´s the economy, stupid") praktisch umzukehren. It´s the politics, stupid! © 30. November 2012/Roger Peeters *Roger Peeters ist Vorstand der Close Brothers Seydler Research AG, einer Tochter der Frankfurter Wertpapierhandelsbank Close Brothers Seydler Bank, einer auf mittelständische Unternehmen fokussierte Bank. Zuvor leitete Peeters viele Jahre die Redaktion der "Platow Börse" und beriet den von ihm konzipierten DB Platinum III Platow Fonds. 2008 erschien von ihm 'Finde die richtige Aktie - ein Profi zeigt seine Methoden' im Finanzbuchverlag. Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt. Disclaimer Die nachfolgenden News werden Ihnen direkt von der Redaktion von boerse-frankfurt.de bereitgestellt. Die hierin enthaltenen Angaben und Mitteilungen sind ausschließlich zur Information bestimmt. Keine der hierin enthaltenen Informationen begründet ein Angebot zum Verkauf oder die Werbung von Angeboten zum Kauf eines Wertpapiers.
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December 03, 2012 14:00 ET (19:00 GMT)