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DJ Börse Frankfurt/Halvers Woche: Wenn die Politik sich über den Winter rettet

03.12.2012 19:30
 
Halver 
 
30. November 2012 MÜNCHEN (Baader Bank). Eine Fähigkeit kann man 
der Euro-Politik nun wirklich nicht absprechen. Sie ist sehr unorthodox bei 
der Wegdrückung selbst der größten Probleme. Ein besonderes 
Paradebeispiel für diese "pragmatische" Politik ist das lockere 
Händchen, das man im hellenischen Krisenland beweist. Selbst vor dem 
tiefsten Griff in die Kiste der kreativen Buchführung - man könnte 
auch von Bilanztricks sprechen - scheut man nicht zurück, um einen 
weiteren Zeitgewinn für Griechenland und für Euroland 
herauszuholen. Mit dem fünffachen Trommelschlag aus erstens 
Schuldenrückkauf mit wohlgemerkt fremdem Geld, zweitens Zinsreduktionen 
und drittens Zinsstundungen bei griechischen Krediten, viertens 
Laufzeitverlängerungen aller Kredite um direkt einmal 15 Jahre nach dem 
Motto "Nach uns die Sintflut" sowie fünftens dem 
griechenlandbegünstigenden Verzicht des Bundes auf Gewinne der EZB 
über etwa drei Milliarden in den nächsten drei Jahren haben die 
Griechenland-Versteher ein besonderes Überraschungs-Ei 
präsentiert. Insbesondere der fünfte Punkt räumt schonungslos 
mit der monstranzenhaft vorgetragenen Mär auf, dass Deutschland an den 
griechischen Krediten noch verdient. 
 
Mit welcher Begründung will man eigentlich anderen prekären 
Euro-Ländern diese nur noch winterschlussverkaufsgleichen 
Vergünstigungen verweigern? Wer jetzt noch absurderweise von 
europäischer Stabilitätsunion spricht, sollte sich seinen 
Nachnamen im Pass noch einmal genauer ansehen: Er kann nur Pinocchio lauten. 
 
Das dicke Ende kommt 
 
 
"Was Du Politiker heute kannst besorgen, verschiebe aus wahltaktischen 
Gründen lieber auf morgen" 
 
Die Politik versucht mit allen Mitteln, die Griechen von 190 Prozent im 
nächsten Jahr bis 2020 auf einen Schuldenstand von 124 Prozent zur 
Wirtschaftsleistung zu bringen. Dass dieser Operation 
"Glücksrittertum" phantasievolle, besonders unrealistische 
griechische Wachstumsannahmen von real 3,5 Prozent zugrunde liegen, 
verschweigt des Dichters Höflichkeit. Grundsätzlich hätte man 
als Politiker - oder Politikerin - bis 2020 unendliche viele Gelegenheiten, 
frühere, falsche, schöngeredete Annahmen aufgrund von 
plötzlich völlig "überraschenden" Schocks zu 
rechtfertigen oder gerade zu biegen. Aber vielleicht muss man bis dahin auch 
gar nicht mehr regieren und verdingt sich als Vortragsreferent. Ist ohnehin 
lukrativer. 
 
Grundsätzlich wird man sich an die großen griechischen Brocken 
erst Anfang 2014 wagen. Dann erst werden wir aus dem Beruhigungsschlaf der 
Marke "Alles wird gut" geweckt. Was Du Politiker heute kannst 
besorgen, verschiebe aus wahltaktischen Gründen lieber auf morgen. Denn 
morgen, das heißt nach der Bundestagswahl, wo eine von vielen 
angestrebte Große Koalition dem Unausweichlichen nicht mehr ausweichen 
kann und auch nicht mehr ausweichen muss, weil es keine große 
Opposition mehr gibt. Dann gibt es den griechischen Schuldenschnitt, der den 
deutschen Steuermichel kalt erwischen wird. 
 
Den Augenblick genießen 
 
 
"Der Markt unter der Lupe: Politik oder es lebe der Augenblick" 
Halvers ausführliche wöchentliche Marktbetrachtung, auch als 
Newletter abonnierbar. 
 
Aber morgen ist morgen und heute ist heute. Immerhin hat die Kuh 
zunächst das brüchige griechische Eis verlassen. Griechenland als 
der emotionalste Fokus der eurozonalen Probleme wird sich zunächst vom 
Krisenradar verabschieden. Damit kommt die Euro-Politik gut über den 
Winter. 
 
Und die Finanzmärkte? Sie haben längst aufgegeben, auf nachhaltige 
Lösungen zu hoffen. "Warum in die Ferne schweifen, sieh' 
das Gute liegt so nah" ist ihr Motto. Wie die Politik, hat auch die 
Finanzindustrie gelernt, auf Sicht zu fahren. Es zählt der angenehme 
Augenblick. Immerhin muss der kurzfristige Erfrierungstod aufgrund der 
politischen Heizdecken nicht befürchtet werden. Ich denke, das 
wäre auch das Instrument, um die spanische Grippe wegzuheizen. 
 
Über den Winter kommen gilt nicht nur für die Politik, sondern 
auch für die Finanzmärkte. Und wie man bei Staatsanleihen von 
Italien und Spanien sowie den Aktienkursen sieht, scheint man für die 
Wärme der Politik sehr dankbar zu sein. Wenn einem so viel Gutes wird 
beschert, das ist schon eine Jahresend-Rallye wert. 
 
Spätestens 2014 mehr in diesem Euro-Theater. 
 
 
 
  · "Der Markt unter der Lupe: Politik oder es lebe der Augenblick", 
    online auf baaderbank.de verfügbar. Halvers ausführliche 
    wöchentliche Marktbetrachtung ist auch als Newletter abonnierbar. 
 
Autor: Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. 
 
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