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DJ Börse Frankfurt/Hüfners Wochenkommentar: Geldmenge M3 auf der Kippe

31.01.2013 14:10
 
Hüfner 
 
31. Januar 2013. FRANKFURT (Börse Frankfurt).Was kaum jemand beachtet: 
Das Wachstum der Geld­menge M3 in Euroland steigt deutlich an. Vor drei 
Jah­ren, zu Beginn der Eurokrise, bewegte sich hier gar nichts. Vor 
einem Jahr wuchs sie um magere 1,5 Prozent. Da musste man sich auch nicht 
weiter drum kümmern. Jetzt beträgt die Zunahme 3,3 Prozent. Das 
ist deutlich mehr als das nominale Wachstum der Wirtschaft (2012: 0,9 
Prozent). Wenn man sich die Grafik anschaut, mag man denken, die Geldmenge 
sei auf dem besten Wege sich zu nor­malisieren. Ist das richtig? Um die 
Antwort vorwegzu­nehmen: Nein, das ist keine Entspannung. Hier droht ein 
neues Ungleichgewicht. 
 
*Wachstumsrate von M3 
 
Quelle: EZB* 
 
Zunächst eine Begriffserklärung. Bei der Geldmenge M3, die ich 
hier betrachte, handelt es sich nicht um das Zentralbankgeld (oder das 
Basisgeld), das in letzter Zeit so stark aufgebläht wurde und das 
inzwischen durch die Rückzahlungen der Banken wieder etwas 
zurückgeht. Das Zentralbankgeld spielt nur im Verhältnis zwischen 
der Notenbank und den Kreditinstituten eine Rolle. Die Wirtschaft hat damit 
direkt nichts zu tun. 
 
Wer das Geld in den Kassen der Wirtschaft sehen will, muss auf M3 schauen. 
Diese Größe ist für das Ge­schehen auf den Märkten, 
auch für das Entstehen von Inflation, viel wichtiger. Sie steht 
unmittelbar im Zusam­menhang mit dem Ausgabeverhalten von Unternehmen 
und Privatpersonen. Technisch gesehen umfasst M3 das gesamte Bargeld plus 
die kurz- und mittelfristigen Einlagen bei den Banken (dazu kommen 
Geldmarkt­fonds, Repoverbindlichkeiten, Geldmarktpapiere und 
Bankschuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren). 
 
M3 spielte in der geldpolitischen Diskussion lange Zeit eine große 
Rolle. Die Bundesbank benutzte sie vor der Währungsunion zeitweise als 
Zielgröße für ihre Politik. Als die EZB gegründet 
wurde, war M3 neben der Infla­tionsrate eine der Zielvariablen, an der 
sich die Geld­po­litiker orientierten (die sogenannte "zweite 
Säule"). In den USA war M3 in der politischen Diskussion 
vorüber­gehend so wichtig geworden, dass die Federal Reserve 
rigoros beschloss, die Zahlen dazu nicht mehr zu veröf­fentlichen. 
Sie wollte damit unliebsamen Diskussionen 
in der Öffentlichkeit entgehen. (Offiziell sagte man, die 
Größe führe zu zu vielen Missverständnissen). 
 
Heute ist es ruhiger um M3 geworden. Der EZB ist die Entwicklung dieser 
Größe nur noch zwei Seiten in ihrem Monatsbericht wert. Der 
Präsident der EZB erwähnt sie, wenn überhaupt, nur noch 
selten in seinen monatlichen Statements. Das zeigt, wie sehr sich die EZB 
von der Bundesbank entfernt hat und eine eigene Identität 
ent­wickelt. 
 
Dabei sind den Zahlen nach wie vor wichtige Informatio­nen zu entnehmen. 
Grundsätzlich kann eine Beschleuni­gung der monetären 
Expansion, wie wir sie derzeit be­obachten, auf zwei Gründe 
zurückgeführt werden. Der eine könnte sein, dass die 
Wirtschaft expandiert, die Banken mehr Kredit vergeben und die Wirtschaft 
da­durch mehr Geld hat und braucht. Das ist aber derzeit nicht der Fall. 
Die Kreditgewährung der Banken an Un­ternehmen und Privatpersonen 
geht schon seit einigen Monaten absolut zurück (Dezember -0,7 Prozent). 
 
Die zweite Möglichkeit ist, dass Unternehmen und Pri­vatpersonen 
ihre Kassenhaltung erhöhen, also mehr Geld auf ihren Konten halten, als 
unter normalen Um­ständen benötigt wird. Sie wissen nicht, wie 
es weiter­geht. Sie bereiten sich auf alle Eventualitäten vor. 
Dabei kommt ihnen zugute, dass die zusätzliche Kassenhal­tung wegen 
der niedrigen Zinsen keine besonders ho­hen Kosten erfordert. 
 
Das ist das, was man in der ökonomischen Theorie 
"Li­quiditätsfalle" nennt. Es gibt immer mehr Geld. Dieses 
entfaltet aber keine Wirkung. Weder kann es die Zinsen weiter senken, noch 
führt es zu einer Besserung der Konjunktur. Allenfalls wirkt es sich 
als "Liquiditäts­haus­se" positiv auf die Kapitalmärkte 
aus. 
 
Das ist freilich kein stabiler Zustand. In Abwandlung ei­nes Spruchs des 
Ökonomen Joseph Schumpeter, ist es ein bisschen wie der Wurstvorrat, 
den sich ein Hund hält. Er ist nicht von Dauer. Aktienkurse können 
sich auf­grund der hohen Liquidität nicht auf ewig von den 
Fun­damentaldaten lösen. Irgendwann müssen sie 
zurück­fallen (oder die Fundamentaldaten bessern sich und 
schließen zu den besseren Kursen auf). 
 
Wir befinden uns in einer Zwickmühle: Entweder bildet sich die 
Kassenhaltung der Wirtschaft wieder zurück (das wäre dann das Ende 
der Liquiditätshausse an den Aktienmärkten). Oder die Konjunktur 
kommt doch auf Trab. Das bringt dann aber die Gefahr stärkerer 
Geld­entwertung. 
 
Noch ist das Ungleichgewicht nicht so groß, dass unmit­telbare 
Gefahren drohen. Eine Zunahme von M3 um 4 Prozent entspricht in etwa dem 
nominalen Potenzialwachs­tum in Euroland. Eine solche 
Größenordnung könnte sich eine Zentralbank als 
geldpolitisches Ziel setzen. Im Übrigen hatte sich die Wachstumsrate 
der Geldmenge im Dezember leicht verringert. Aber Vorsicht wenn es mehr 
wird. 
 
Für den Anleger 
 
 
Nutzen Sie die Zeit, in der die Märkte noch von der 
Li­quidität getrieben werden. Das kann aus meiner Sicht noch ein 
bisschen dauern, wobei es natürlich auch da immer wieder Schwankungen 
geben wird. Wenn die Konjunktur anspringt (oder wenn M3 zurückgeht), 
wird dieses Spiel vorbei sein. Das Ende ist absehbar. 
 
Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog 
mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com. 
 
© 31. Januar 2013 /Martin Hüfner 
 
Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management 
S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei 
der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den 
renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der 
Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für 
große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder 
die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in 
Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von 
Morgen" und "Comeback für Deutschland". 
 
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January 31, 2013 09:10 ET (14:10 GMT)