Osteuropa-ETFs: Polen oder Russland?

Wer in Osteuropa investieren möchte, hat mehrere Möglichkeiten, aber vielleicht nur wenige echte Alternativen. Wie umgehen mit der Länder-Unwucht? Unser wöchentlicher Bericht über Indizes, ETFs - und ihre Kosten.

Investoren, die in osteuropäische Aktien investieren wollen, stehen vor einer Herausforderung. Breitaufgestellte ETFs, die den osteuropäischen Aktienmarkt abbilden, sind zu ca. 70% in Russland investiert. Wem diese Allokation zu hoch ist bzw. Russland außen vor lassen möchte, kann in ETFs auf Osteuropa investieren, die Russland ausschließen. Anleger sollten sich jedoch bewusst sein, dass in diesen Produkten Polen mit 60%-70% Gewichtung im Index vertreten sind. Was spricht für ein Engagement in Russland, was für Polen?

Russische Aktien: Unterbewertung oder Diktatoren-Malus?

Russische Aktien werden seit Jahren mit einem Abschlag gegenüber anderen Schwellenländern gehandelt. Dies liegt zum größten Teil an der anhaltenden Korruption, der rechtlichen Unsicherheiten, und dem Eingreifen des Kremls in die Geschäftswelt. Schätzungen zufolge besitzt die russische Regierung ca. 50% der Unternehmen. In den letzten Jahren hat sich die Regierung aber bemüht, das Wirtschaftsklima investorenfreundlicher zu gestalten und hat unter anderem damit begonnen, Staatsanteile von Unternehmen abzustoßen.

Die Aktienmärkte haben die Bemühungen der Regierung bisher noch nicht eingepreist und lassen sich die Risikofaktoren in Form einer Prämie weiterhin bezahlen. Der MSCI Russia Index wird derzeit mit einem KGV von 5,4 gehandelt. Zum Vergleich: Der MSCI Emerging Markt Index weist ein KGV von 11,5 auf.

Auf der anderen Seite hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) Mitte des Jahres ihre Wachstumserwartungen für die osteuropäischen Länder und Russland gedämpft. Ausschlaggebend ist jedoch nicht die schwächelnde Wirtschaft im Euroraum, sondern vielmehr Russland, das unter einer schwachen Weltnachfrage nach Rohstoffen leidet. Auf ihrer jährlichen Veranstaltung in London senkte die EBWE die Wirtschaftsprognose für Russland von 3,5% auf 1,8% für 2013. Der Internationale Währungsfonds IWF geht mittlerweile von 1,5% Wachstum aus, während die russische Regierung die Wirtschaft um 2,4% wachsen sieht.

Nicht nur Russland schwächelt

Andere Länder, wie die Ukraine oder die Türkei, haben mit einem großen Handelsdefizit zu kämpfen. Obwohl sich der Euroraum mittlerweile in der längsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg befindet, argumentiert die EBWE, dass die Eurokrise die Region zunehmend weniger belastet. Der Export in einige Länder sei bereits wieder gestiegen.

Dennoch hat die Bank ihre Wirtschaftsprognose für Länder wie Polen, Ungarn, Bulgarien und die Slowakei gesenkt und der Region wichtige strukturelle Reformen ans Herz gelegt, um das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben.

Polen ist hingegen so gut durch die Finanzkrise gekommen, wie kein anderes europäisches Land. Eine Rezession war Fehlanzeige, dennoch bekommen die Stützen, die Polen durch die Finanzkrise geholfen haben, langsam Gegenwind. Der Investitionsschub  für die Fußball EM 2012 und die robuste Binnennachfrage verlieren langsam an Fahrt. 2012 hat die Wirtschaftsleistung um 1,9% zugelegt, so wenig wie seit 2009 nicht mehr. Im ersten Halbjahr 2013 lag das Wachstum im Vergleich zum H1 2012 bei 0,65%.

Insgesamt könnte die Region jedoch ein attraktives Investment sein. Trotz der aktuellen Schwächephase wächst die Region, im Gegensatz zum Euroraum, weiterhin und bietet eine attraktive Risikoprämie. Zudem sind die meisten Länder mit dem Euroraum eng verbunden und bieten daher mehr Sicherheit als andere Schwellenländer. Im Gegensatz zu vielen anderen Schwellenländern, aus denen Investoren seit einigen Monaten Gelder abziehen, verbuchen diese Länder Zuflüsse. Manche Analysten sprechen sogar vom neuen „sicheren Hafen“ in den Schwellenländern Osteuropas. 

Die Märkte und ihre Merkmale: Osteuropa und Russland 

In unserer heutigen Analyse haben wir uns auf ETFs, die Osteuropa ohne Russland abbilden und auf die drei größten russischen ETFs konzentriert.

Der MSCI Russia ADR/GDR Index basiert auf dem MSCI Russia Index, ein nach der Marktkapitalisierung gewichteter Index, der ca. 85% des investierbaren Aktienmarktes abbildet. Ausgeschlossen sind dabei jedoch solche Aktien, die nicht als American Depository Receipts („ADR“) oder Global Depository Receipts („GDR“) an westlichen Börsen gehandelt werden und entsprechend liquider sind. Der MSCI Russia Capped Index begrenzt wiederum die maximale Gewichtung der Unternehmen.

Alle Indexbestandteile, die im MSCI Russia Index mit mehr als 25% gewichtet sind, werden beim MSCI Russia Capped Index täglich auf maximal 22,5% reduziert und quartalsweise auf 20%. Zum Vergleich, der MSCI Russia 30% Capped Index begrenzt die Gewichtung jeder Indexkomponente täglich auf 30% und quartalsweise auf 25%. Der DJ Russia Titans 10 Index setzt sich wiederum aus den 10 größten Unternehmen zusammen, die an der russischen Börse notiert sind. Ein weiterer Index ist der DJ Russia GDR Index, der 85% der Marktkapitalisierung der russischen GDR an der Londoner Börse abbildet.

Die Auswahl an ETFs auf europäische Schwellenländer ist nicht gerade üppig, aber ausreichend. Die meisten ETF-Anbieter nehmen den MSCI Eastern Europe Index als Referenzwert. Der Index ist nach der Marktkapitalisierung gewichtet und besteht aus großen und mittelgroßen Unternehmen. Der Index deckt ca. 85% der Marktkapitalisierung dieser Region ab. Dabei repräsentiert Russland ca. 70% der Indexgewichtung.

Wem das Risiko der großen Rohstofflastigkeit des russischen Aktienmarktes zu groß ist, kann auch in ETFs investieren, die Russland ausschließen. Hierzu bieten Amundi, Lyxor und iShares entsprechende Produkte an. Investoren sollten jedoch realisieren, dass Polen mit 60%-70% im Index vertreten ist und auch hier ein hohes Konzentrationsrisiko besteht. Es handelt sich also schon fast um Länder-ETFs, mit einer kleinen Beimischung anderer Märkte.

Tabelle: Eine Auswahl an ETFs mit Schwerpunkt Osteuropa und Russland 

Kommen wir nun zu den Kosten. Bei ETFs fallen vielfältige Gebühren an. Die Management-Gebühren sind dabei das eine. Das andere sind die Gebühren, die beim An- und Verkauf anfallen, die Spreads. Wir haben schon häufiger darauf hingewiesen, dass Anleger neben der Management-Gebühr diese oft übersehene Kostenkomponente beachten sollten (lesen Sie hier mehr).  Neben den wichtigsten Kennzahlen der ETFs am Markt enthält unsere Tabelle auch eine Aufschlüsselung der Kostenkomponenten.

Lyxor, db x-trackers und iShares haben die größten Produkte

In den 30 Handelstagen vom 12. September bis 23. Oktober sind die Spreads bei den einzelnen Regionen relativ vergleichbar. Die Spreads der Osteuropa (ex Russland) ETFs von Lyxor und Amundi liegen bei 28 bzw. 22 Basispunkten, während der ETF von iShares mit 52 Basispunkten aus der Reihe tanzt. Bei Russland-ETFs müssen Anleger mit einem Spread zwischen 20 und 36 Basispunkten rechnen, wobei auch hier der iShares-ETF die höchsten Handelskosten aufwies.

Die hohen Spreads bei iShares lassen sich jedoch relativ einfach erklären. Die Märkte Osteuropas sind relativ illiquide, was die Kosten des Handels bei physisch replizierenden ETFs in die Höhe treiben kann. 

Die Management-Gebühren der Osteuropa-ETFs sind wesentlich günstiger als die Russland-ETs, wobei iShares als physisch replizierender Anbieter das teuerste Produkt stellt. Bei den Russland-ETFs können Investoren die Management-Gebühren bei der Kostenanalyse ignorieren, da diese Kosten bei allen Produkten identisch sind.

Schaut man sich jedoch die Estimated-Holding-Costs an, so ist iShares bei den Russland-ETFs das bessere Produkte, da die Kennzahl eine höhere Outperformance des Referenzwertes suggeriert als beim Konkurrenzprodukt von db X-trackers. Bei ETFs auf Osteuropa schaut es hingegen anders aus, hier underperformt iShares den Referenzmarkt, während Amundi eine Outperformance generiert.

Über den Autor

Gordon Rose, CIIA, CAIA,

Gordon Rose, CIIA, CAIA,  ist Fondsanalyst bei Morningstar.