Schwellenländer Turn-around? Für Fonds-Investoren vermutlich nicht

Schwellenländer-Fonds sind wieder gefragt: Die zugrunde liegenden Märkte erholen sich. Leider profitieren Anleger erfahrungsgemäß nur eingeschränkt von solchen Erholungsphasen. Auf der Suche nach der verlorenen Anlegerrendite.  

Ali Masarwah 10.06.2014

Schwellenländer-Investments könnten jetzt, wo die Europäische Zentralbank die Büchse der geldpolitischen Pandora endgültig geöffnet hat, wieder in den Fokus der Anleger rücken. Geht es um Performance, ist das Gedächtnis der Marktteilnehmer kurz. Renditehungrige Investoren dürften in den kommenden Monaten erneut ihr Geld auf Reisen schicken und dabei nicht nur Schwellenländer-Aktien im Blick haben. Ob Emerging Markets Aktien oder Schwellenländer-Bonds: alles, was im Zuge der Tapering-Diskussion in den USA auf den Markt geworfen wurde, wird bald wieder in den Genuss der Renditejagd europäischer Investoren kommen.

Anleger lernen nicht aus ihren Fehlern

Angesichts der wahrscheinlich bevorstehenden Wiederentdeckung einer alten Liebe wollen wir der Frage nach den Erfolgsaussichten nachgehen - aus Anlegersicht. Natürlich wissen wir nicht, wie sich die Märkte entwickeln werden und ob die Bewertungen der Schwellenländer-Märkte einen Einstieg heute zwingend nötig machen. Wir wollen vielmehr auf die typischen Handlungsmuster von Anlegern in den Boom- und Bust-Phasen der Vergangenheit schauen und Schlüsse für die Zukunft ziehen. (Im Gegensatz zur Performance der Vergangenheit, die keine Indikation für die künftige Wertentwicklung ist, kann man aus dem Verhalten der Anleger in der Vergangenheit durchaus Schlüsse für die Zukunft ziehen kann – Investoren haben sich bisher sehr resistent gezeigt, wenn es darum geht, aus Fehlern zu lernen.)

Zunächst wollen wir eine Bestandsaufnahme des jüngsten Investitionsverhaltens europäischer Anleger in den Schwellenländern vornehmen. Anschließend, und hier wird es etwas grundsätzlicher, widmen wir uns den Folgen der bisherigen Investitionspraxis und ziehen zuletzt Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die Zukunft. Unsere Ausgangsthese: Die Historie zeigt leider immer wieder, dass die Anlegerrenditen niedriger sind, als es die Marktentwicklung und auch die Fondsrenditen vermuten lassen. Unsere Untersuchung zu Schwellenländer-Investments steht insofern beispielhaft für das grundsätzliche Verhalten von Anlegern. 

Vor allem global investierende Fonds gefragt

Kommen wir zunächst zum Investitionsverhalten von Privatinvestoren. Die jüngsten Absatzdaten zum paneuropäischen Fondsvertrieb im April haben einige lang bestehende Trends bestätigt: Aktien-, Bond- und Mischfonds sind laut unserer Fonds-Vertriebsstatistik unverändert gefragt (lesen Sie hier mehr). Und doch war im April einiges anders als in den vergangenen Monaten. Getragen wurden die positiven Zuflüsse zu erheblichen Teilen von Investitionen in Schwellenländerfonds. Das hat es lange nicht mehr gegeben. Aktien- und Rentenfonds für Schwellenländer wurden in den vergangenen 12 Monaten – genauer gesagt: seit Beginn der Diskussion um das Ende der ultralockeren Geldpolitik in den USA im Mai 2013 – in großem Stil verkauft.

Das hat sich andeutungsweise im März und erst recht im April geändert. Wie die untere Übersicht zeigt, wurden zahlreiche Schwellenländer-Fondskategorien im April regelrecht mit Geld überschüttet – wie in den „guten alten Zeiten“, als Schwellenländer-Investments als Retter der Anlegerrenditen fungierten. 

Tabelle: Mittelflüsse in 40 Schwellenländer-Fondskategorien

Am auffälligsten sind die hohen Zuflüsse in den größten Kategorien für Schwellenländer-Investments. Anleger haben marktbreit anlegenden Fonds im April den Vorzug gegenüber konzentrierteren Investments gegeben. Die Morningstar Kategorien mit den höchsten Zuflüssen sind Fonds, die global investieren. Bemerkenswert ist dabei, dass vier der fünf Schwellenländerkategorien mit der größten Nachfrage im April Bonds-Fonds umfassen. Ihnen flossen insgesamt 5,35 Milliarden Euro zu. Schwellenländer-Aktienfonds konnten knapp zwei Milliarden Euro netto einsammeln.

China und Osteuropa werden nach wie vor verkauft 

Spiegelbildlich haben sich Anleger von Länder- und eng begrenzten Themen-Investments getrennt. Vor allem wurden China-Aktienfonds im April – wie auch in den vergangenen 12 Monaten - verkauft. Das gilt auch für Fonds mit Investmentschwerpunkt Greater China sowie für Hongkong-Aktienfonds. Insgesamt beliefen sich die Abflüsse aus diesen Kategorien im April auf gut 800 Millionen Euro. Auch Osteuropa-Investments sind wegen der Ukraine-Krise unverändert „out“. Fonds für Russland-Aktien, Osteuropa-Dividendentitel und Osteuropa-Bonds wurden durch die Bank verkauft. 

Es spricht insgesamt jedoch einiges dafür, dass sich ein Trendwechsel andeutet. Insgesamt flossen den Fonds in 40 Morningstar Schwellenländerkategorien im April 7,39 Milliarden Euro zu. Die Breite und Intensität der Zuflüsse sprechen dafür, dass sich Anleger risikofreudiger zeigen.  

Die untere Grafik illustriert den sich andeutenden Umschwung anhand der Zuflüsse in die globalen Kategorien Aktien Schwellenländer global und Schwellenländer Bonds (Lokal- und Hartwährungen sowie Unternehmensanleihen): Nach einer Bodenbildung im März sind die Zuflüsse in diese Fondskategorien europaweit im April regelrecht nach oben geschossen. 

Grafik: Turn-around bei global anlegenden Schwellenländerfonds

In diesem Jahr sind Anleger mit diversifizierten Schwellenländer-Investments gut gefahren. Per 5. Juni stieg der MSCI Emerging Markets in diesem Jahr um 5,4% und lag damit deutlich vor dem S&P BRIC 40 Index, der auf der Stelle trat, und erst recht vor Märkten wie Russland, China, Mexico und Brasilien. Für Anleger viel wichtiger zu wissen: Breit gestreute Indizes federn die Risiken nach unten stärker ab als einzelne Märkte. Der maximale Verlust in den vergangenen drei Jahren lag beim MSCI Emerging Markets beispielsweise bei  18,3%.  In der Spitze verlor der MSCI Türkei dagegen 44%, der MSCI Brasilien verlor maximal knapp 39%, und russische Aktien gaben maximal um 34% nach. So gesehen machen Anleger derzeit einiges "richtig".

So weit, so gut. Allerdings gibt es eine zweite Botschaft, die gegen einen allzu optimistischen Blick auf das Anlegerverhalten spricht. Durch ihr Timing-Verhalten verschlechtern Anleger systematisch die Performance ihrer Investments. Das zeigt sich beim Vergleich der zeitgewichteten Rendite, die den üblichen Performance-Rechnungen zugrunde liegt, mit der geldgewich­teten Rendite.

Geldgewichtete versus zeitgewichtete Rendite

Der Morningstar Investor Return bringt die Mittelzu- und -Abflüsse als Teil der Gleichung ins Spiel. Gewichtet man die Rendite unter Berücksichtigung der Mittelzu- und -abflüsse kommt man der Erfahrung eines durchschnittlichen Anlegers relativ nah – näher jedenfalls als der Total Return, welcher mit der Rendite eines Buy-and-hold-Investors gleichzusetzen ist. Leider entspricht buy and hold nicht der Praxis der Anleger. Unsere Untersuchungen haben wiederholt ergeben, dass in allen betrachteten Märkten Anleger durch Timing-Versuche viel Schaden anrichten (lesen Sie hier mehr zum Thema Investor Return).

Dass Anleger dazu neigen, der Performance der Märkte hinterherzulaufen, lässt sich am Beispiel von Schwellenländer-Investments illustrieren. Man gleiche den Verlauf des Aktienindex MSCI Emerging Markets mit den Investitionen und Desinvestitionen von Fondsanlegern ab. Die untere Grafik gibt eine Ahnung über die prozyklische Investment-Praxis von Privatinvestoren. Die blaue Linie zeigt den Verlauf des MSCI Emerging Markets seit 2007 (Monatsrenditen, in Punkten). Die roten Balken-Linien zeigen die monatlichen Mittelflüsse europaweit in global anlegende Emerging-Markets-Aktienfonds in den vergangenen sieben Jahren.

Grafik: Die Sache mit der Prozyklik: Flows und Performance seit 2007

Bereits auf den ersten Blick wird das Drama der Privatinvestoren sichtbar: In guten Zeiten jagen sie der Performance der Märkte hinterher; in Abwärtsphasen suchen sie das Weite. „Buy high, sell low“ oder „Hin und Her macht Taschen leer“, lautet leider das Motto der Anleger. Sie agieren stimmungsgetrieben, und das tut der Performance nicht gut. Anhand des Morningstar Investor Return haben wir nun eine Annäherung an die tatsächlichen Anlegerrenditen versucht.

In den beiden unteren Tabellen finden wir die Ergebnisse „auf Heller und Pfennig“. Zunächst haben wir die beiden Renditekennzahlen für alle Fonds der Kategorie "Aktien Schwellenländer global", für die wir die zur Berechnung der geldgewichteten Rendite nötigen Daten vorliegen haben, abgeglichen. Für die vergangenen drei Jahre sind das 536 Produkte; eine Fünfjahresbilanz können wir für 326 Produkte ziehen. In der obersten Zeile finden sich zum Vergleich die MSCI-Index-Renditen, darunter sind die Fonds- und in der letzten Zeile sind die Anlegerrenditen aufgeführt.

Tabelle: Markt, Fonds, Anleger: Die drei Ebenen der Performance

Der MSCI Emerging Markets trat per Ende Mai in den vergangenen drei Jahren mit einem Mini-Minus von 0,04 Prozent auf der Stelle. In den vergangenen fünf Jahren legte der Index deutlich um 9,17 Prozent pro Jahr zu. Die zweite Zeile zeigt den Total Return, also die zeitgewichtete Rendite, die Anleger typischerweise in den Medien und den Marketing-Unterlagen der Fondsanbieter vorfinden. Die Fondsrenditen fielen mit einem Minus von 0,27 Prozent pro Jahr (3 Jahre) bzw. einem Plus von 8,53 Prozent pro Jahr (5 Jahre) leicht schlechter aus als die des Index.

Ein deutlicher Abfall zeigt sich dagegen bei der Anlegerrendite in Gestalt des Morningstar Investor Return, der die geldgewichtete Rendite misst. Mit einem Minus von 3,24 Prozent lag der Durchschnittsanleger seit 2011 um 320 Basispunkte pro Jahr hinter dem Index und 297 Basispunkte pro Jahr hinter dem Total Return der Fonds.

In den vergangenen fünf Jahren mussten Anleger ebenfalls eine unterdurchschnittliche Rendite hinnehmen – sie vereinnahmten pro Jahr 203 Basispunkte weniger als der MSCI Emerging Markets Index zulegte und lagen um 139 Basispunkte hinter dem Total Return der Fonds.

Privatinvestoren im Nachteil

In einem zweiten Schritt haben wir die identische Rechnung für die Fonds aufgemacht, die für Privatanleger aufgelegt wurden. Die um die Tranchen für institutionelle Anleger bereinigte Bilanz fällt - erwartungsgemäß - noch schlechter aus als die der gesamten Fondsgruppe, wie die untere Tabelle zeigt.

Mit einem Minus von jährlich vier Prozent in den vergangenen drei Jahren haben Privatanleger deutlich schlechter abgeschnitten als der Total Return ihrer Fonds – 331 Basispunkte um genau zu sein. Gegenüber dem Markt lagen Retail-Fonds in den vergangenen drei Jahren 396 Basispunkte pro Jahr hinten. Das gleiche Bild zeigt sich auch in der längeren Zeitperiode. In den vergangenen fünf Jahren fiel der Morningstar Investor Return mit 6,78 Prozent pro Jahr um 239 Basispunkte pro Jahr schlechter aus als die Marktrendite und lag zugleich 123 Basispunkte pro Jahr hinter der durchschnittlichen Fonds-Rendite (Total Return).

Tabelle: Privatinvestoren haben das Nachsehen

Die Tatsache, dass auch bei institutionellen Fondstranchen eine (notabene: kleinere) „Performance-Lücke“ zwischen Total Return und Investor Return existiert, zeigt, dass auch Profis nicht vor falschem Timing gefeit sind – die bessere Performance ihrer Produkte dürfte in erster Linie auf die vergleichsweise günstigen Kosten zurückzuführen sein und nicht auf ihr Timing-Geschick.

Die Untersuchung zeigt, dass Anleger bei ihren Timing-Entscheidungen selten ein gutes Händchen haben – egal, ob es sich um Profis oder um Kleinanleger handelt. Insofern ist die Frage nicht maßgeblich, ob die Schwellenländer-Märkte heute günstig bewertet sind oder nicht, sondern ob die Anleger, die heute vermutlich aus guten Gründen diese Fonds kaufen, im Angesicht der künftig – irgendwann zwangsläufig – wieder fallenden Märkte die Ruhe bewahren werden oder ihre Investment-Pläne kurzfristig über den Haufen werfen und den Ausstieg zur Unzeit suchen werden.   

Wir sind skeptisch, was das Beharrungsvermögen der Investoren anbelangt und werden deshalb an dieser Stelle in den nächsten Wochen einige Rezepte wider die schlechte Anleger-Performance vorstellen. Das wichtigste sei bereits jetzt vorweggeschickt: Hektisches Trading, das aus Timing-Versuchen resultiert, ist die Geißel der Investoren. Risiko-Investments sollten vor allem eines sein: langfristig angelegt!

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.