Das Morningstar Sustainability Rating: Erläuterungen und Hintergründe

Wir erläutern im Frage-Antwort-Format die wichtigsten Aspekte unseres neuen Nachhaltigkeits-Ratings in drei Teilen. Teil I: Der Einstieg.

Ali Masarwah 17.03.2016
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Am 17. März 2016 haben wir ein neues globales Research Format lanciert, das Morningstar Sustainability Rating (hier gelangen Sie zum Übersichtsartikel). Für Einsteiger erläutern wir im Folgenden die wichtigsten Aspekte unseres Ratings im Frage-Antwort-Format.

Was besagt das Morningstar Sustainability Rating?

Das Morningstar Sustainability Rating für Fonds liefert, vereinfacht gesagt, eine aggregierte Übersicht über die Nachhaltigkeit der Unternehmen in einem Wertpapierportfolio. Es misst, wie diese Unternehmen die mit umweltbezogenen, sozialen und Governance-Fragen zusammenhängenden Chancen und Risiken managen. Basierend auf einem Scoring-Modell, das sich zwischen 0 und 100 Punkten bewegt, werden folgende Rating-Stufen ermittelt, die mit Weltkugel-Symbolen (im Folgenden: Globen) verdeutlicht werden: das Rating „niedrig“, ausgedrückt durch einen Globus, „unterdurchschnittlich“ (zwei Globen), „durchschnittlich“ (drei Globen), „überdurchschnittlich“ (vier Globen) und das Rating „hoch“ (fünf Globen).

Was wird im Einzelnen bewertet?

Das Morningstar Sustainability Rating setzt sich aus drei Teil-Ratings zusammen, die Unternehmen auf folgende Nachhaltigkeitskriterien abklopfen: Umweltbilanz (zum Beispiel Energieeffizienz, Luftverschmutzung usw.), die sozialen Komponenten der Unternehmenspolitik (Arbeitsbedinungen, Genderfragen, soziales Engagement usw.) und Grundsätze der guten Unternehmensführung (Zusammensetzung der Aufsichtsräte, Entlohnung der Unternehmensführung, Lobbyaktivitäten usw.). Diese drei Komponenten werden oft mit dem englischen Akronym „ESG“ (steht für environmental, social, governance) abgekürzt. Die einzelnen Teil-Ratings können, je nach Branche, unterschiedlich gewichtet werden, was sich auch auf das Fonds-Rating niederschlägt. Die Sustainability Analyse von Sustainalytics gilt für alle Finanzierungsformen von Unternehmen, also nicht nur Aktien, sondern auch Unternehmensanleihen.

Wer bewertet die Unternehmensebene?

Morningstar arbeitet mit dem Nachhaltigkeitsspezialisten Sustainalytics zusammen, einem Analysehaus, das auf die Erstellung von Nachhaltigkeits-Analysen und -Ratings spezialisiert ist. Sustainalytics ist unabhängig und agiert weltweit. Es beschäftigt 250 Mitarbeiter und analysiert die Nachhaltigkeitsbilanz von 4.500 Unternehmen. Die Erkenntnisse von Sustainalytics auf Ebene der Unternehmen werden mittels des Morningstar Sustainability Ratings auf die Ebene von Investmentfonds übertragen und vermögensgewichtet aggregiert.

Drücken Sustainability Ratings einen absoluten Wert aus oder wie sind sie  zu deuten?

Das Morningstar Sustainablity Rating eines Fonds ist immer relativ zu den Fonds seiner Kategorie zu sehen. Schließlich sollen Anleger Äpfel mit Äpfel vergleichen können. Vergleichsgruppen sind die bereits weithin bekannten Morningstar Fondskategorien. Dass unser Sustainability Rating der Systematik der Morningstar Kategorien folgt, hängt damit zusammen, dass auch Anleger, die nachhaltig investieren (wollen), in aller Regel diversifzierte Portfolios aufbauen wollen bzw. pflegen. Für sie sind unsere Kategorien also hochrelevant für die Anlagepraxis.

Das Morningstar Sustainability Rating erinnert sehr stark an das Morningstar Sterne Rating für Fonds. Ist das Absicht?

Ja. Es gibt einige Ähnlichkeiten mit unserem Sterne-Rating, aber auch etliche Unterschiede. Zu den Gemeinsamkeiten: Beide werden monatlich ermittelt (auch wenn die Zeitpunkte der Veröffentlichung unterschiedlich ausfallen), beide sind normalverteilte, fünfstufige Bewertungsverfahren, ausgedrückt durch Sterne bzw. Globen, bei denen die niedrigste Stufe das schlechteste und die höchste Stufe das beste Ergebnis abbildet. Entsprechend der Normalverteilung werden innerhalb einer Kategorie den besten 10% Fonds fünf Globen bzw. Sterne zugewiesen, die schlechtesten 10% erhalten einen Globus/Stern, die nachfolgenden jeweils 22,5% besser bzw. schlecht bewerteten Fonds erhalten vier bzw. zwei Globen/Sterne, und die mittleren 35% der Fonds erhalten drei Globen/Sterne. Weil beide Ratings relative Bewertungen innerhalb ihrer Kategorien sind, kann es sein, dass unterschiedliche Tranchen des identischen Fonds unterschiedliche Ratings aufweisen, wenn sie sich in unterschiedlichen Kategorien befinden.

Was ist der Unterschied zwischen dem Morningstar Sterne-Rating und dem Morningstar Sustainability Rating?

Abgesehen von den unterschiedlichen Symbolen (Sterne-Icons vs. Globen) misst das Morningstar Sterne Rating das Rendite-Risiko-Profil von Fonds unter Einbeziehung von Kosten. Das Sustainability Rating basiert dagegen auf der ESG-Analyse der (gewichteten) Bestandteile eines Portfolios. Zudem kommt das Sustainability Rating durch eine Momentaufnahme zustande, während das Morningstar Sterne Rating Rendite-Risikodaten einer mindestens dreijährigen Periode zusammenfasst – bei älteren Fonds fließen die Daten der vergangenen drei, fünf und zehn Jahre ein (lesen Sie mehr zum Morningstar Sterne Rating hier). Last but not least ist für die Vergabe von Morningstar Sterne-Ratings auf Kategorieebene in der Regel ein Minimum von 20 Fonds erforderlich; für die Vergabe des Morningstar Sustainability Ratings auf Kategorieebene reichen zehn bewertbare Fonds in einer Kategorie aus.

Ist ein Fünf- oder Vier-Globen-Rating gleichbedeutend mit einer Kaufempfehlung für einen Fonds?

Nein. Das Morningstar Sustainability Rating drückt lediglich die aggregierte Nachhaltigkeitsbilanz der Firmen aus, die sich im Fondsportfolio befinden. Unser neues Nachhaltigkeits-Rating bewertet auch nicht die Performance oder das Risiko eines Fonds und sagt auch nichts über die Qualität des Investmentprozesses aus.

Sagt das Morningstar Sustainability Rating etwas darüber aus, ob ein Fondsmanager durch aktives Engagement versucht, die Unternehmen in seinem Portfolio zu einer nachhaltigeren Unternehmenspolitik zu bewegen?

Nein. Das Rating sagt nur aus, wie die einzelnen Unternehmen im Fonds die Nachhaltigkeitsrisiken oder die Chancen managen. Ob ein Fondsmanager versucht, die Unternehmen, in die er investiert, zu einer nachhaltigen Praxis zu bewegen, wird mit unserem Rating nicht ausgedrückt.

Sagt das Morningstar Sustainability Rating aus, ob ein Fondsmanager nachhaltige Kriterien beim Investieren berücksichtig?

Nein, die Absicht des Fondsmanagers spielt bei unserer Bewertungsmethodik keine Rolle. Unser Anspruch ist es, das Nachhaltigkeitsprofil der breiten Masse an Fonds am globalen Markt zu ermitteln und somit das Thema Fondsnachhaltigkeit für weite Anlegerkreise zu erschließen bzw. transparent zu machen.

Warum bewertet Morningstar überhaupt Fonds, die keine Nachhaltigkeitsziele verfolgen, auf ihre Nachhaltigkeitsbilanz?

Die Zahl der nach nachhaltigen Kriterien investierenden Fonds (auch SRI-Fonds genannt) steht in keinem Verhältnis zum wachsenden Interesse von Investoren am Thema Nachhaltigkeit. Nur etwa 2% aller Investmentprodute weltweit haben ein Nachhaltigkeitsmandat. Dem steht das Interesse einer wachsenden Zahl von Anlegern an Nachhaltigkeitsthemen gegenüber, die nicht notwendigerweise in solche spezialisierten SRI-Fonds investiert sind. Die Nachhaltigkeitsbilanz konventionell investierender Fonds war bisher nicht für Anleger erschließbar. Das wollen wir mit unserem Rating ändern. Die Anwendungsmöglichkeiten unseres Ratings sind vielfältig: Wer etwa feststellt, dass sein Fonds in unserem Nachhaltigkeits-Rating nicht besonders gut  abschneidet, wird möglicherweise gezielt nach Fonds mit einem expliziten Nachhaltigkeitsmandat suchen. Andere Anleger werden möglicherweise zufriedener mit ihrem Fonds sein, wenn sie ein gutes Rendite-Risiko-Profil von einer guten Nachhaltigkeitsbilanz ergänzt wissen. Andere Investoren werden wiederum unser Rating vielleicht zum Anlass nehmen, sich stärker mit der Nachhaltigkeitsstrategie eines Fonds auseinanderzusetzen.

Schneiden Fonds mit einem Nachhaltigkeitsmandat eigentlich besser im Morningstar Sustainability Rating ab als konventionelle Fonds ohne ein derartiges Mandat?

Ja. Basierend auf der Sichtung der Erst-Ratings per Ende Dezember 2015 lässt sich feststellen, dass 63 Prozent der Fonds, die über ein Nachhaltigkeitsmandat verfügen, ein Vier- oder Fünf-Globen Rating aufweisen und damit überdurchschnittlich nachhaltig sind. Das entspricht rund dem doppelten Anteil aller Fonds. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass Nachhaltigkeitsfonds in unserem Rating schlecht abschneiden können, wenn sie sich nur auf Teile der drei ESG-Bereiche konzentrieren, die in unser Rating einfließen. So wird ein Fonds, der nur ökologische Faktoren in seinem Investmentprozess berücksichtigt, nicht zwangsläufig in den anderen beiden ESG-Bereichen, soziale und Governance-betreffende Faktoren, gut abschneiden.  

Kann ich mit dem Morningstar Sustainability Rating auch Fonds aus verschiedenen Fonds-Kategorien miteinander vergleichen?

Ja, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen: Weil die Fonds-Ratings innerhalb einer Kategorie normalverteilt sind, werden sich proportional gleich viele Fonds in jeder Rating-Stufe befinden. Investoren, denen Nachhaltigkeitsbelange wichtig sind, werden also nach Fonds mit einem überdurchschnittlichen oder hohen Rating Ausschau quer über viele Kategorien halten können. Durch den Einsatz der Morningstar Sustainability Ratings können sich Anleger als Ausgangspunkt ihrer Recherche auf die Fonds mit den höchsten Rating-Stufen ihrer jeweiligen Kategorie konzentrieren. Zum anderen können Anleger Fonds in unterschiedlichen Kategorien mit den Portfolio Sustainability Scores vergleichen. Zwei Fonds in unterschiedlichen Kategorien können identische Scores aufweisen und zugleich unterschiedliche Ratings führen. Unbeschadet ihres jeweiligen Ratings zeigt ein identischer Score an, dass die Fondsunternehmen ESG-Themen in einer ähnlich effektiven Weise adressieren.

Wie werden ESG-relevante Skandale auf Unternehmensebene im Morningstar Sustainability berückstichtigt?

Wir berücksichtigen Skandale und Kontroversen auf Fondsebene mittels unserer Portfolio Controversy Deduction, die das Research von Sustainalytics auf Unternehmensebene wie folgt agregiert:  Auf Unternehmensebene hat Sustainalytics zahlreiche ESG-bezogene Vorkommnisse und –Kontroversen definiert, zu denen die Rating-Agentur eine Fülle an Daten sammelt, die sowohl die Unternehmen betrifft als auch die Branche, in der diese agieren. Zu diesen Kontroversen gehören umweltbezogene, ethische, soziale, oder unternehmenspolitische Probleme und Skandale. Sustainalytics erstellt diesbezüglich ein fünfstufiges Scoring-Modell von 0 bis 100 Punkte für die Unternehmen, die es bewertet. Skandale der Kategorie 5 sind „schwerwiegend“ für Umwelt oder Gesellschaft und stellen „ernste“ Risiken für das Unternehmen dar. Ein Unternehmen mit einem Vorkommnis der Kategorie 5 erhält einen Company Score von null Punkten. Skandale der Kategorie 4 haben einen „großen“ Einfluss auf Umwelt/Gesellschaft und stellen „signifikante“ Risiken für das Unternehmen dar. Dies resultiert in einem Controvery Score von 20 für das Unternehmen. Weniger signifikante Kontroversen führen gemäß Sustainalytics in den Kategorien 3,2 und 1 zu deutlich höheren Scores.

Wir modifizieren dieses Score-Modell, indem wir „Strafpunkte“ auf einer Skala von 0-20 wie folgt berechnen:

Category Company Score Company Controversy Deduction
5 0 20
4 20 16
3 50 10
2 80 4
1 99 0,2
0 100 0

 

Der Portfolio Sustainability Score resultiert final aus dem Portfolio ESG Score abzüglich des Portfolio Controversy Score.

Sie nutzen das Morningstar Sustainability bereits und haben noch Fragen aus Praktiktersicht? Lesen Sie hier weiter.

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken. Sie sind weder als Aufforderung noch als Anreiz zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers oder Finanzinstruments zu verstehen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sollten nicht als alleinige Quelle für Anlageentscheidungen verwendet werden.

STICHWÖRTER
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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah war von 2011 bis Frühjahr 2021 als Chefredakteur für die deutschsprachigen Anleger Websites von Morningstar verantwortlich