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Analyse zu den Morningstar Fund Awards 2016: Keine Überraschung und doch ein Erdbeben

iShares hat bei den Morningstar Deutschland und Schweiz Awards 2016 kräftig gepunktet. Ein Erklärungsversuch, warum es dazu kommen musste und wieso die ETF-Anbieter Gefahr laufen, einen vergleichbaren Durchmarsch künftig zu verspielen.

Ali Masarwah 17.03.2016

Der Höhepunkt der alljährlichen Morningstar Awards ist die Prämierung der besten Fondsanbieter im Rahmen der Fund House Awards. Die Ergebnisse in diesem Jahr sorgten in der Schweiz, vor allem aber in Deutschland, für Furore: In Deutschland konnte sich in allen drei Kategorien Aktien, Renten und Multi Asset der ETF-Anbieter iShares gegen die größtenteils aktiven Konkurrenten durchsetzen; in der Schweiz sicherte sich die BlackRock-Tochter die begehrte Trophäe des besten Bondhauses.

Wie konnte es dazu kommen? Auch wenn der Sieg der ETF-Tochter von BlackRock gerade in Deutschland für Stirnrunzeln bei so manchem Teilnehmer der Awards-Zeremonie sorgte, so kam dieses Ergebnis nicht aus heiterem Himmel. Bereits im Vorjahr hatte iShares in allen drei großen Fund House Kategorien Platz drei in Deutschland belegt, was freilich angesichts der typischen Fixierung des Publikums auf den Sieger, der 2015 noch Fidelity hieß, untergegangen war (lesen Sie hier mehr). Auch die Tatsache, dass in diesem Jahr mit db X-trackers ein weiterer ETF-Anbieter in Deutschland beim Kampf um die Bond-Krone ziemlich weit vorne mit von der Partie war, zeigt, dass der Sieg von iShares keine Ausnahmeerscheinung war.

Dass ETF-Anbieter in der Mitte der Asset-Management Gesellschaft angekommen sind und längst auch für Privatanleger eine Alternative darstellen, dürfte spätestens mit den Morningstar Fund Awards 2016 klar geworden sein. Wir wollen uns die Ergebnisse im Einzelnen anschauen und einige Schlüsse daraus ziehen.  

Auf der Aktienseite gibt es wenig am Durchmarsch der ETF-Branche herumzudeuteln 

In Deutschland konnte sich iShares in diesem Jahr auf der Aktienseite gegen Comgest und Fidelity durchsetzen, die auf Rang zwei bzw. drei verwiesen wurden. Die  Indextochter von BlackRock setzte sich also zum einen gegen den Großanbieter Fidelity durch und verwies zugleich auch den hochangesehenen Europa- und Emerging-Markets-Spezialisten Comgest auf die Plätze. Das ist bemerkenswert.

Auch die Zahl der Produkte, die in die Auswertung des Fund House Awards eingeflossen ist, sollte zur Kenntnis genommen werden: Auf der Aktienseite schickte iShares 120 Produkte ins Rennen um den Titel, bei Comgest waren es nur 15, und auch Fidelity brachte es nur auf 70 Fonds. Allein diese Zahl zeigt, dass Indexfonds den aktiven Platzhirschen auch mit Blick auf die Breite des Produktangebots Konkurrenz machen.

Interessant ist ein Blick auf die Details des Aktien-Sieges von iShares in Deutschland. Denn Mr. Market konnte sich jüngst beileibe nicht immer gegen die aktive Konkurrenz durchsetzen. In vielen Bereichen waren die iShares Produkte alles andere als top. Beispielsweise schnitten ETFs, welche die Performance von europäischen Bankaktien-, europäischen Rohstoffaktien- oder "Clean Energy"-Indizes abbilden, im Rendite-Risiko-Ranking, dem die Award-Berechnung zugrunde liegt, ziemlich schwach ab. Auch die Bilanz einiger ETFs auf marktbreitere Indizes wie FTSE MIB (Italien), MSCI UK, MSCI UK Large Cap, STOXX Europe Small waren alles andere als Glanzpunkte.

In Summe wird man jedoch konstatieren müssen, dass der Markt doch überwiegend Recht hatte. Die Bilanz der ETFs auf Indizes wie den NASDAQ 100, S&P 500, MSCI World, SMI, Nikkei 225 und viele mehr katapultierten iShares auf das Sieger-Treppchen. Aktive Asset Manager sollte dieses Ergebnis bedenklich stimmen, da diese Produkte stellvertretend für die Kategorien stehen, in denen das meiste Geld der Aktienfondsanleger europaweit steckt.

Der Sieg des ETF-Anbieters zeigt eindrucksvoll, dass tiefe Kosten ein zentrales Erfolgsrezept sind, wenn es um die Prognose künftiger relativer Renditen geht. Und Privatanleger nehmen dieses Erfolgsrezept erfreulicherweise immer stärker als maßgeblich wahr. Sie haben derzeit viele Möglichkeiten, in ETFs zu investieren. Vor allem die kostenlos angebotenen ETF-Sparpläne etlicher Direktbanken dürften im Nachhinein als sehr effektiver Schachzug der ETF-Industrie in die Annalen eingehen.

Strategic Beta, mon futur?

Doch wie sieht die Zukunft aus? Vermutlich, und diese These ist derzeit keine Mehrheitsmeinung, arbeitet die ETF-Branche daran, ihre künftige Erfolgsbilanz zu trüben. In vielen Fondskategorien sind ETFs kaum zu schlagen. Dennoch rühren die ETF-Anbieter kräftig die Werbetrommeln für alternative Indexkonzepte, die sich deutlich in Richtung aktives Management bewegen. Diese Produkte erfordern von Anlegern indes Market-Timing-Fähigkeiten, die nur die wenigsten aufbringen. Zudem sind diese Produkte deutlich teurer als herkömmliche ETFs auf DAX, SMI, Barclays Capital Euro Aggregate und Co.

Die ETF-Branche geht mit ihrer Suche nach besseren Ertragsquellen mit Strategic Beta-Strategien ein veritables Risiko ein

Meine These ist, dass viele dieser so genannten „Smart“ Beta-Produkte (wir bei Morningstar sprechen lieber von „Strategic Beta“) das Schicksal vieler aktiver Fonds erleiden werden: Sie werden mehr oder weniger deutlich den marktbreiten ETFs hinterherhinken und Anleger enttäuschen. Nicht zuletzt die Ergebnisse der Morningstar Awards 2016 haben gezeigt, wie hoch die Hürden für den Erfolg von Strategic Beta sind. Die ETF-Branche geht also mit ihrer Suche nach besseren Ertragsquellen ein veritables Risiko ein. 

Die Spezifika des Bond-Marktes werden zu oft ignoriert

Der Marktführer für börsennotierte Indexfonds konnte sich bei den Fund House Awards 2016 für das beste Bond-Haus sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz durchsetzen. Dieses Kunststück war der BlackRock-Tochter bei den Schweizer Awards bereits 2015 gelungen. Seinerzeit hatte bei den Deutschland-Awards PIMCO iShares noch auf Platz drei verwiesen. In diesem Jahr war es dagegen soweit: iShares siegte in beiden Märkten. In Deutschland setzte sich iShares gegen AXA Investment Managers und -- auch eine Randnotiz wert -- den ETF-Anbieter db X-trackers durch, die ETF-Tochter der Deutschen Bank. In der Schweiz verwies iShares AXA und Fidelity auf die Ränge zwei und drei.

Mit diesem Doppelsieg in Deutschland und der Schweiz profitierte iShares davon, bereits frühzeitig auf den Bond-Bereich gesetzt zu haben, derweil die meisten anderen ETF-Anbieter vor fünf Jahren noch überwiegend ihre Aktien-ETF-Palette erweiterten. Rund 40 iShares Produkte flossen in den Kampf um den Titel des besten Bond-Hauses ein, bei AXA waren es 20, db X-trackers schickte sogar 22 Produkte ins Rennen.

Der Sieg von iShares beim Bonds-Award sollte Signalwirkung für Anleger haben. Er weist auf das Erfolgsrezept für Bond-Fonds in Zeiten tiefster Zinsen hin: Günstige Kosten sind überaus wichtig, und sie werden künftig aller Voraussicht nach ein noch wichtigeres Erfolgsrezept sein. Denn angesichts der unverändert expansiven Notenbankpolitiken weltweit ist kaum mit einem kurzfristigen Anstieg der Zinsen zu rechnen; weithin dürften die Bond-Renditen also im Keller verharren. Doch selbst wenn es anders kommen wird, haben ETFs Vorteile. Die Bond-Paletten vieler ETF-Anbieter sind inzwischen so breit aufgestellt, dass genügend Angebote bei kürzeren Laufzeiten vorhanden sind, die bei steigenden Zinsen weniger stark in Mitleidenschaft gezogen werden als der breite Markt. Auch hier werden die tiefen Kosten schlagende Erfolgsargumente sein.

Der Sieg von iShares beim Bonds-Award sollte Signalwirkung haben. Er weist auf das Erfolgsrezept für Bond-Fonds in Zeiten tiefster Zinsen hin: günstige Kosten und eine neutrale Laufzeitenpositionierung 

Ein weiterer Erfolgsfaktor für ETFs auf der Bond-Seite war und dürfte auch weiterhin sein, dass diversifizierte Rentenfonds schon seit langem „zu kurz“ auf der Durationsseite positioniert waren und sind. Marktbreit investierende Indexfonds hatten indes aufgrund ihrer längeren Laufzeitenstruktur grünes Performance-Licht. Auch 2015 war per Saldo, ungeachtet der zeitweilig hohen Volatilität, ein gutes Bondjahr, zumindest für die meisten breit aufgestellten Indizes. Punkten konnten entsprechend ETFs auf den Barclays Euro Aggregate Bond Index oder den JPMorgan Emerging Markets. Im Zuge einer regen Emissionstätigkeit haben etliche ETF-Anbieter zahlreiche Bond-Segmente abgedeckt und sich als All-Rounder etabliert, wie auch unsere diesjährigen Awards gezeigt haben.

Wie aussichtsreich sind die Alpha-Versprechen der Bond-Fondsanbieter?

Natürlich schläft die aktive Konkurrenz nicht. Sie wird mit flexiblen und Long-short-Bondprodukten vereinzelt das Ertragsproblem von Bond-Investoren erfolgreich adressieren. Aber in Summe dürften diese Produkte mit hohen Kosten und dem klassischen Timing-Problem zu kämpfen haben. Für viele Anleger werden deshalb auch weiterhin klassische Bond-ETFs eine Alternative sein. In jedem Fall bringen herkömmliche Bond-ETFs die Erwartungen vieler Anleger effektiver mit der tristen Realität an den Anleihemärkten in Einklang, als das aktive Manager tun, die mit Alpha-Versprechen Begehrlichkeiten wecken.

Für Anleger sollte indes Realismus an der Tagesordnung sein: Es gibt nun einmal Perioden an den Märkten, in denen es keine attraktiven Prämien zu ernten gibt. Sind tiefe Renditen indes ein Grund, gleich auf einen ganze Asset Klasse zu verzichten? Richtigerweise dürften viele Anleger nicht auf derart radikale Lösungen setzen und das Bond-Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Zumal sich die Absolute Return Lösung allzu oft als die unerreichbare, sprichwörtliche Taube auf dem Dach erwiesen hat. Auch die Versprechen der ETF-Anbieter, mit Strategic Beta Produkten das Rendite-Risiko-Profil von Bond-Indizes zu optimieren, sollten mit Vorsicht genossen werden.

Interessanterweise steht ferner die Ineffizienz der Bond-Märkte und die spezielle Natur dieser Asset-Klasse einer Dominanz von Strategic Beta Strategien entgegen. Bond-Investments spielen in einer ganz anderen Risikoklasse als Aktien. Kommt es hart auf hart, werden Bond-Halter gegenüber Eigenkapitalinvestoren vorrangig bedient. Risikokontrolle nach herkömmlichem Verständnis ist bei Bonds oft keine gute Idee. Wer dem häufig vorgebrachten Argument folgt, wonach es ein schlechtes Risiko sei, in die Bonds der am stärksten verschuldeten Staaten zu investieren, der muss wissen, dass er dann nicht nur auf Rendite, sondern auch auf die für Bond-Märkte essentielle Liquidität verzichtet.

Vielleicht sollte man also nicht auf die liquiden italienischen Bonds zugunsten der deutlich weniger liquiden, höher gerateten finnischen Pendants verzichten? Investoren, die in ihrem Bestreben, ihr Bond-Risiko zu senken, italienische Anleihen aus ihren Portfolios werfen, werden höchst wahrscheinlich weniger Risikomanagement als fehlgeleitetes Rendite-Killing betreiben. Auch auf der Bond-Seite dürften ETF-Anbieter gut beraten sein, nicht leichtfertig ihre Kernkompetenz als Lieferanten günstiger marktbreiter Beta-Bausteine aufs Spiel zu setzen. Die spezielle Natur des Bond-Marktes könnte ein unfreiwilliger Helfer sein, den fragwürdigen Drang der Anbieter hin zu Strategic Beta zu bremsen.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.