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Fondsmanager flüchten aus Schwellenländern: Deutungsversuche und Szenarien

Globale Aktienfonds weisen die niedrigsten Quoten an Emerging Markets Aktien seit 2011 aus. Zur Unzeit? Anleger müssen Wachstumsschwäche der Schwellenländer mit der neuen „weichen“ Linie der US-Notenbank abwägen. Und einen Blick auf die Historie werfen.

Ali Masarwah 24.03.2016

Die Zeichen stehen auf Sturm: Den Schwellenländern geht es schlecht, und die Perspektiven sind alles andere als rosig: Das Wirtschaftswachstum hat sich abgeschwächt, die Kapitalflüsse zwischen Industrie- und Schwellenländern haben die Richtung gewechselt: Westliche Anleger sehen sich nach lukrativeren Investment-Chancen um. Das wiederum ergänzt die ökonomischen Probleme der Entwicklungsländer um ein Liquiditätsproblem.

Niedrigste Schwellenländer-Quoten in globalen Fonds seit 2009

Kein Wunder, dass sich angesichts derart gehäufter schlechter Nachrichten auch Fondsmanager für globale Aktien verstärkt aus den Schwellenländern verabschieden. Um die Unbeliebtheit von Emerging Markets zu taxieren, haben wir die fünf Fondskategorien* für globale Standardwerte, die in Europa zum Vertrieb zugelassen sind, auf ihre Emerging-Markets-Quoten untersucht. Das Ergebnis: Die Quote ist so niedrig wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise, im März 2009, nicht mehr. Per Ende Januar 2016 lag ihr Anteil bei 4,45% verglichen mit 4,36% per Ende März 2009. Wir erinnern uns, dass der MSCI Emerging Markets im Jahr 2008 um 51% nachgegeben hatte.

Man kann also mit Fug und Recht die These aufstellen, dass Fondsmanager die Flinte ins Korn geworfen haben. Sie haben, in der gelegentlich militaristisch angehauchten Börsensprache formuliert, „kapituliert“.

Global anlegende Fonds sind deshalb ein wichtiges Barometer für die Haltung der Profis zu Schwellenländern, weil diese Produkte traditionell versuchen, durch Investments fernab der üblichen MSCI World Benchmark zusätzliche Erträge zu erzielen. Wer die Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte beobachtet hat, weiß, wie schwer sich aktiv verwaltete Fonds tun, den sehr breit aufgestellten MSCI Index zu übertreffen (siehe hier, hier und hier). Kein Wunder also, dass Fondsmanager mit der Beimischung von Schwellenländern versuchen, den globalen Index, der keine Schwellenländer-Gewichtung aufweist, zu übertreffen. 

Schwellenländer haben Fondsanleger harten Prüfungen unterzogen

Was in der Vergangenheit gut funktioniert hatte, erwies sich in den letzten fünf Jahren als Performance-Bremse: Das Exposure zu Schwellenländer-Aktien hat global investierenden Fonds geschadet. Mit Ausnahme des Jahres 2012 lag der MSCI Emerging Markets seit 2011 in jedem Jahr deutlich hinter dem MSCI World. In den vergangenen drei Jahren legte er (per 23.3.) um magere 0,44% jedes Jahr zu, verglichen mit einem Plus von 12% pro Jahr bei seinem großen Bruder. In den vergangenen fünf Jahren lag der Abstand ebenfalls bei rund elf Prozentpunkten pro Jahr.

Fondsmanager folgen dem Auf und Ab des MSCI Emerging Markets

Wir wollten nun sehen, ob sich ein Zusammenhang feststellen lässt zwischen der Performance von Emerging Markets Aktien (in Gestalt des entsprechenden MSCI Index) und der Entwicklung der Schwellenländerquoten in globalen Fonds. In der zweiten Auswertung, die wir in der unteren Grafik abgebildet haben, setzen wir die Emerging Markets Quoten ins Verhältnis zur Performance des MSCI Emerging Markets seit März 2013. Für diese Auswertung haben wir Aktien aus Südkorea und Taiwan hinzugenommen, da der Indexanbieter MSCI diese als Emerging Markets definiert. Gegenüber der ersten Auswertung, die ex Südkorea und Taiwan erfolgte, ist der Emerging Markets Anteil in den Fonds infolgedessen noch einmal deutlich angestiegen. Per Ende Februar 2013 lag er bei 8,1%. Er ging bis Ende Januar dieses Jahres auf 6,0% zurück.

Grafik: Emerging Markets Quoten vs MSCI Emerging Markets

Emerging Markets in globalen Aktienfonds

Die obere Grafik zeigt, dass die Fondsmanager im Wesentlichen dem Auf und Ab der Märkte gefolgt sind. Stieg der MSCI Emerging Markets, legte der Anteil der Schwellenländer-Aktien zu, fiel der MSCI EM, sank auch der Anteil der Aktien in den Portfolios --- bis Ende Januar, nach dem Ausverkauf bei Schwellenländern im vierten Quartal 2015, die Quote schlussendlich auf dem Tiefpunkt gelandet war.

Anhand dieser Zahlen lässt sich ablesen, dass die Manager globaler Aktienfonds ungeachtet der fortdauernden Underperformance von Schwellenländern noch lange an ihrer „alten Liebe“ festgehalten haben. Möglicherweise haben sie, wie viele andere Anleger auch, unterstellt, dass das überdurchschnittliche Wachstum einer Volkswirtschaft eine überdurchschnittliche Performance des Aktienmarkts nach sich ziehe (was die Realität so nicht hergibt).

Fest steht indes, dass sich die Zuneigung der Manager globaler Fonds für Emerging Markets ab der 2. Jahreshälfte nachhaltig abgekühlt hat und per Ende Januar 2016 ihren Tiefpunkt fand.

Die Entwicklung seit Anfang 2016 wirft indes die Frage auf, ob der Abschied der meisten Manager von Emerging Markets zur Unzeit erfolgte. Möglicherweise ja, möglicherweise nein. Vorläufig lässt sich allerdings festhalten, dass der MSCI Emerging Markets ausgerechnet seit Februar 2016 zu einer rasanten Aufholjagd angesetzt hat. Seit Jahresanfang liegt er gut 500 Basispunkte vor dem MSCI World, in den vergangenen zwei Monaten belief sich der Abstand sogar auf satte 900 Basispunkte.

Gut möglich also, dass die Manager globaler Aktienfonds und mit ihnen zahlreiche Anleger den Ausstieg zur Unzeit gesucht haben. Natürlich lassen sich auch für den --- vorläufigen? ---Turn-around der Schwellenländer-Börsen Gründe finden: Die Wachstumsaussichten seien viel zu niedrig eingeschätzt worden, der Pessimismus der Marktteilnehmer mithin zu groß gewesen, sagen die Auguren heute. Auch wird die „weichere“ Linie der Fed nach den Marktturbulenzen in den ersten Monaten des Jahres als Grund für höhere Zuflüsse in Schwellenländerbörsen ins Feld geführt. Nunmehr werden allenfalls zwei statt bisher vier Zinsschritte für die USA erwartet.

Und die Moral der Geschichte? Auch Fondsmanager sind nur Anleger. Sie mögen zwar mit besseren Informationen ausgestattet sein als Otto-Normalanleger. Im Besitz der berühmten Glaskugel sind sie freilich auch nicht. Auch Fondsmanager dürften beim Blick in die Zukunft allzu oft die aktuelle Lage fortschreiben. Um mit Warren Buffett zu sprechen, sind viele Anleger dann ängstlich, wenn sie eigentlich gierig sein sollten und gierig, wenn Vorsicht angebracht wäre.

Die Investmentschwerpunkte der Profis zu ermitteln kann ein guter Indikator sein für den Grad der Beliebtheit einer Anlageregion oder Branche. Beliebte Aktien sind langfristig nicht der Weg zur Outperformance, unbeliebte Aktien dagegen schon. Manchmal hilft auch ein Blick auf vergangene Krisen, um ein Gefühl für potenzielle Chancen zu bekommen. Erinnern wir uns, dass Anfang 2009 die Emerging Markets Quoten in globalen Fonds sich ebenfalls auf einem Tief befanden. Danach hob der MSCI Emerging Markets zu einer spektakulären Aufholjagd an. Das Jahr 2009 schloss er mit einem sensationellen Jahresplus von 73 Prozent ab. Emerging Markets könnten heute also eine antizyklische Chance darstellen.

 

* Die Gruppe der global anlegenden Aktienfonds setzt sich aus den drei Standardwertekategorien Blend, Value und Growth sowie aus den Kategorien Dividenden weltweit und währungsgesicherte Fonds zusammen und umfassten per Ende Februar 2.103 Produkte mit einem verwalteten Vermögen von 503,1 Milliarden Euro.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.