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Vanguard dominiert die Fondsindustrie oder wenn ein Name zum Programm wird

Morningstar Daten zeigen, dass die Nettomittelzuflüsse beim US Indexfonds-Spezialisten 2016 das Aufkommen in Fonds weltweit überstiegen haben. Hinter den Zahlen verbirgt sich ein außereuropäisches Phänomen, aber der zugrundeliegende Trend ist auch bei uns zu beobachten.

Ali Masarwah 06.02.2017

Die Erfolgsgeschichte des US Fondsgiganten Vanguard ist bereits seit Jahren Legende. Vor allem in den USA hat das 1974 von John Bogle gegründete Fondshaus in den vergangenen Jahren regelmäßig alle anderen US-Fondsanbieter im Neugeschäft hinter sich gelassen. Genauer gesagt führt Vanguard die Ranking-Liste der Fondsanbieter in den USA Jahr für Jahr seit 2007 an. (Vorher waren American Funds, der Brand der Fonds der Capital Group, der dominante Name im Neugeschäft in Amerika.) Im abgelaufenen Jahr ist dem Unternehmen aus Malvern in Pennsylvania allerdings ein Kunststück sondergleichen gelungen: Die Nettozuflüsse in Vanguard-Fonds (einschließlich ETFs, ohne Geldmarktfonds), übertrafen die aggregierten Flows aller anderen Fondsanbieter weltweit. Genauer gesagt standen den 289 Milliarden US-Dollar, die Vanguard-Fonds zugingen, den 244 Milliarden Dollar aller anderen 4.000 Fondsanbieter weltweit gegenüber, die wir in unserer Datenbank erfasst haben (siehe untere Grafik). 

Grafik: Vanguard dominiert das Fondsneugeschäft 2016

 

Doch wie ist die Dominanz eines einzigen Fondshauses zu deuten? Die Antwort ist recht einfach: Die aggregierte Fonds-Absatzbilanz 2016 sagt mehr über den Zustand der aktiven Fondsindustrie aus als über die Qualitäten des bereits seit Jahren rasant wachsenden genossenschaftlichen Anbieters Vanguard. Aktiv verwaltete Fonds mussten im vergangenen Jahr netto gut 92 Milliarden Dollar an Abflüssen verkraften. Demgegenüber verbuchten Indexfonds 625 Milliarden Dollar an Zuflüssen. Auch wenn der Aufstieg von Indexfonds bereits seit Jahren zu beobachten ist, hat das Jahr 2016 diesbezüglich eine neue Qualität offenbart. Bis 2016 war das Nettoneugeschäft der aktiven Fondshäuser stagnierend bis rückläufig, aber keinesfalls negativ. Zum Vergleich: 2011 und 2015 konnten passive Indexfonds und ETFs mehr Nettoneugelder verbuchen als aktiv verwaltete Fonds; 2012 bis 2014 hatten wiederum aktiv verwaltete Fonds die Nase vorn, wie die untere Tabelle zeigt. Der Erdrutsch des vergangenen Jahres war also aus dem historischen Kontext keinesfalls ausgemachte Sache. 

Tabelle: Weltweites Mittelaufkommen aktiv versus passiv 2011 bis 2016 

Doch ganz überraschend kommt diese Entwicklung dann doch nicht, wenn man sich den Bewusstseinswandel der Anleger vergegenwärtigt. Immer mehr haben offenbar erkannt, dass günstige Kosten der wichtigste Grund für den künftigen (relativen) Erfolg einer Fondsanlage darstellen. Dass günstige Fonds nicht nur in der Theorie bessere Startbedingungen haben als vergleichbare teure Fonds, sondern diese auch tatsächlich en gros outperformen, dürfte immer mehr Anlegern gedämmert haben. (Nebenbei gesagt ist es natürlich auch für uns eine Genugtuung, dass sich immer mehr Anleger unser langjähriges Mantra zu eigen machen). 

Übrigens war 2016 nicht nur für Vanguard höchst erfolgreich. Zwar steht das Haus wie kein anderes für günstige Investments, doch ein genauerer Blick auf die im Vertrieb erfolgreichsten Anbieter zeigt, dass die Top drei Asset-Sammler des vergangenen Jahres allesamt Indexfondsanbieter waren. So konnte iShares 137 Milliarden US-Dollar an Nettomittelzuflüssen einsammeln, State Street brachte es auf ein Nettoneugeschäft von 63 Milliarden Dollar. 

Tabelle: Die Top zehn Asset Sammler weltweit 2016

 

Ein qualifizierender Hinweis ist jedoch an dieser Stelle angebracht: Die Indexfonds-Erfolgsstory ist in erster Linie in den USA beheimatet. Immer noch. Es waren vorwiegend Anleger aus den USA, die 2016 den spektakulären Erfolg von Vanguard ermöglichten. Von den 289 Milliarden Dollar an Nettozuflüssen in Vanguard-Fonds gingen 277 Milliarden Dollar den in den USA domizilierten Produkten zu. Das entspricht 96 Prozent der Vanguard-Zuflüsse weltweit.

In Europa ist iShares der Treiber des Indexfondswachstums, allerdings auf einem viel bescheideneren Niveau: Mit Mittelzuflüssen von "nur" 26,4 Milliarden Euro setzte sich iShares 2016 mit großem Abstand an die Spitze der ETF-Anbieter in Europa. Das zeigt:  Zwar wachsen auch in Europa Indexfonds überproportional, es waren jedoch vorwiegend US-Anleger, die den Erdrutsch in der globalen Fondsindustrie 2016 auslösten. Diese Erkenntnis deckt sich übrigens auch mit unseren Beobachtungen. Ende 2015 hatten wir in einer statistischen Untersuchung ermittelt, dass günstige Kosten ein entscheidender Treiber für Fondsinvestments in den USA darstellen; für europäische Anleger hat dieser Faktor dagegen keine große Priorität hat, wenn es darum geht, Gelder in Fonds zu investieren. 

Auch wenn in Europa inzwischen gut 15 Prozent aller in Fonds investierten Gelder in passiven Vehikeln stecken, ist es also vermutlich noch ein langer Weg, bis das Ausmaß der Passivierung von Assets in Publikumsfonds das US-Niveau von heute 35 Prozent erreicht haben wird. Zwar schlägt das Pendel regulierungsbedingt in Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz deutlich in Richtung Index-Investments. Anders stellt sich das jedoch in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Italien dar, wo der Provisionsvertrieb unverändert dominiert. In solchen Ländern werden Fonds in erster Linie von Beratern an den Mann oder die Frau gebracht, die kein Interesse am Vertrieb günstiger Indexfonds haben, weil das ihrem Geschäftsmodell zuwider läuft. Dieser Verkäuferstreik stellt eine formidable Hürde für die Verbreitung des „Vanguard-Modells“ in weiten Teilen Europas dar --- globale Dominanz hin oder her.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.