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Was Anleger nach dem Scheitern von „Jamaika“ tun sollten (und was nicht)

Nach dem Ende der Gespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen erwarten viele Beobachter eine Phase der politischen Unsicherheit in Deutschland. Warum sich Anleger davon nicht beeindrucken lassen sollten.

Ali Masarwah 20.11.2017

Das Ringen um die so genannte Jamaika-Koalition - eine einmalige Konstellation in Deutschland! - ist zu keinem guten Ende gekommen. Nach vier Wochen politischer Sondierungsgespräche haben die Freien Demokraten in der Nacht zum Montag ihren Ausstieg angekündigt. Damit wurde das Bündnis zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen, von dem die meisten politischen Beobachter ausgegangen waren, doch noch verhindert. „Deutschland wacht an diesem Montagmorgen auf und weiß vorerst nicht, wohin die Reise geht. Es ist ein Moment der Ungewissheit, ungewohnt für ein Land, das viel auf seine Berechenbarkeit hält“, gab Spiegel Online die Stimmung treffend wider. 

Und weil auch Investoren nichts so sehr wie Unsicherheit hassen, blicken viele Anleger auf die Entwicklung an den Finanzmärkten. Die ersten Reaktionen deuten auf eine besonnene Haltung der meisten Investoren, und das ist auch gut so. Der Euro zeigte sich heute früh stabil, und der DAX verlor in den ersten 30 Handelsminuten nur 54 Punkte oder 0,4 Prozent. Im weiteren Verlauf des Vormittags erreichte der deutsche Leitindex sogar positives Terrain. 

Doch auch wenn sich das im Laufe des Tages oder im weiteren Verlauf der Woche ändern sollte und die Kurse nach Süden zeigen, spricht viel dafür, dass sich Anleger nicht von der Nervosität an den Märkten anstecken lassen sollten. Ja, die politische Unsicherheit ist zweifellos seit gestern Nacht gestiegen, aber bevor Investoren ein Negativszenario aufmachen, sollten sie folgende Rahmenbedingungen und Voraussetzungen berücksichtigen. 

Die Makro-Ebene: Deutschland in der Weltwirtschaft 

Die globale Konjunktur ist mehr als nur intakt - die Weltwirtschaft wächst vielmehr 2017 so dynamisch wie seit Jahren nicht mehr. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat erst jüngst seine globale BIP-Prognose für dieses Jahr von 3,6 auf 3,7 Prozent angehoben. Wachstumsmotoren sind dabei die Eurozone, Japan, China sowie Osteuropa, deren Ökonomien sich deutlich dynamischer zeigen als die angelsächsischen Länder USA und Großbritannien, die der IWF nur unterdurchschnittlich wachsen sieht. 

Seine BIP-Prognose für Deutschland 2017 hat der IWF jüngst um 0,2 Punkte auf 1,8 Prozent angehoben. Auch wenn das weniger ist als das Eurozonen-Wachstum, profitieren die export-orientierten deutschen Unternehmen von der Erholung der EU und dem Wachstum der Schwellenländer mehr als das BIP-Wachstum Deutschlands vermuten lässt. 

Die Mikro-Ebene: Die deutschen Unternehmen

Gerade deutschen Unternehmen geht es blendend; der Umsatz steigt, und die Gewinne sprudeln. Wie die Unternehmensberatung EY ermittelt hat, ist die Zahl der angehobenen Gewinnprognosen im Frankfurter Aktiensegment Prime Standard im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 140 Prozent auf 107 gestiegen. Zugleich sind die Bewertungen deutscher Aktien im internationalen Vergleich moderat. Gemessen am Morningstar Fair Value, notierten die Aktien im Morningstar Germany Index zuletzt mit einem Abschlag von 0,5 Prozent auf ihrem fairen Wert. Zum Vergleich: der britische Aktienmarkt ist nach unserer Einschätzung um knapp zehn Prozent überbewertet, der US-Aktienmarkt notiert um 3,5 Prozent über seinem fairen Wert.

Nicht zu vernachlässigen ist mit Blick auf die Unternehmens-Ebene auch die expansive Linie der Notenbanken, die verzweifelt um ihre Glaubwürdigkeit ringen und die niedrige Inflation mit tiefen Zinsen und QE-Programmen bekämpfen. Angesichts der Abwesenheit des Zinses in vielen Märkten gewinnen Aktien für viele Anleger, die zuvor typischerweise auf Nominalinvestments gesetzt hatten, an Bedeutung. Das stützt die Kurse und rechtfertigt nach Meinung vieler Beobachter auch höhere Bewertungen.(Sehr zum Leidwesen von Value-Investoren!) 

Die Portfolio-Ebene: Risikotragfähigkeit vs. Risikotoleranz 

Hier dreht sich alles um die Anleger-Rendite, die es zu maximieren gilt. Eiserne Disziplin ist die entscheidende Tugend, wenn es darum geht, die langfristigen finanziellen Ziele zu erreichen. Wer langfristig spart, sollte sich tunlichst nicht von der Alltagshektik an der Börse anstecken lassen. Ich empfehle Anlegern, in turbulenten Zeiten das Radio oder den Fernseher einfach einmal abzuschalten und sich stattdessen ein gutes Buch vorzunehmen. Einer meiner Favoriten ist „A Little Book of Common Sense Investing“ von John („Jack“) C. Bogle, dem Gründer von Vanguard, der auf die wirklich wichtigen Fragen des Investierens eingeht. 

Meines Erachtens sind die grundlegenden Parameter der Portfolio-Ebene entscheidend für den Anlageerfolg, viel wichtiger jedenfalls als die Frage, ob man seine Strategie mit ETFs oder aktiv verwalteten Fonds umsetzt. Es gilt das Motto: „Dabeisein ist alles“. Das ist oft nicht der Fall. Leider entgeht vielen Anlegern durch überflüssiges Trading wertvolle Performance – sie kaufen erst dann, wenn die Märkte einen guten Lauf hinter sich haben und verkaufen, wenn die Märkte korrigieren oder korrigiert haben. 

Natürlich setzt eine disziplinierte Strategie voraus, dass man regelmäßig überprüft, ob sich das Portfolio von den Parametern, die man ursprünglich definiert hat, aufgrund von Marktbewegungen entfernt hat. Dann sollte man das Portfolio wieder auf die Ausgangslage zurücksetzen. Hektisches Reagieren auf vermeintlich marktrelevante Ereignisse läuft dagegen dem langfristigen Anlageerfolg zuwider. Unser Research hat gezeigt, dass Timing-Verhalten schädliche Ergebnisse zutage fördert. Das zeigt der Unterschied zwischen der zeitgewichteten und der geldgewichteten Rendite, den wir leider regelmäßig ermitteln.

Auch wenn sich die Schwankungen an den Märkten in Abwärtsphasen nicht gut anfühlen, weil keiner gerne Geld verliert, sollten Anleger nie den Unterschied zwischen ihrer Risikotragfähigkeit und ihrer Risikotoleranz vergessen. Bei der Risikotragfähigkeit geht es um die Frage, welche Verluste man unter Berücksichtigung seines Anlagehorizonts tolerieren kann. Ab wann droht dem persönlichen Anlageziel, etwa das Minimalniveau der Altersversorgung zu erreichen, durch Marktverwerfungen Gefahr?

Bei der Risikotoleranz geht es dagegen darum, wie gut man die Marktvolatilität aushalten kann. Hier gilt es gegenzusteuern und dem Bauchgefühl bzw. den Fluchtreflexen zu widerstehen. Hier finden Sie einige Tipps, wie man den schädlichen menschlichen Affekten bei der Geldanlage widerstehen kann. Und vielleicht hilft hier an kalten Tagen wie diesen ja auch einfach ein heißer Tee mit einem ordentlichen Schuss Jamaika-Rum weiter? 

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.