Wenn Sie mit der Nutzung dieser Website fortfahren, stimmen Sie dem Einsatz von Cookies auf Ihrem Gerät zu. Lesen Sie hier mehr über unsere Cookie Policy und welche Arten von Cookies wir verwenden.

Die beständige Unbeständigkeit der Emerging Markets Wachstums-Story

Seitdem Schwellenländer auf den Radarschirmen von Anlegern aufgetaucht sind, werden entsprechende Fonds als Träger einer heißen Wachstumsstory verkauft. Doch was befindet sich in typischen Emerging Markets Benchmark-Portfolios? Und was hat sich im Zeitverlauf geändert?

Ali Masarwah 06.12.2017

Eigentlich wollen alle Anleger dasselbe, wenn es um Emerging Markets Investments geht. Sie wollen teilhaben an einer spektakulären Wachstumsstory. Schwellenländer sind die Dynamiker auf der Weltwirtschaftsbühne. Das ist kein Wunder, denn sie kaufen den „alten“ Industrieländern, die unter dem Phänomen der Überalterung und einem unterdurchschnittlichen BIP-Wachstum leiden, schon seit Jahren den Schneid ab. Und wer das „echte“ Wachstum der Schwellenländer einfangen will, der sollte das nach gängiger Meinung an der Quelle abschöpfen, also in Unternehmen aus den Schwellenländern investieren. 

Gesagt, getan. Der Treck der Investoren aus den Industrieländern zieht seit Jahren an die Märkte Asiens, Osteuropas und Lateinamerikas, unterbrochen nur von gelegentlichen Rücksetzern, etwa 2013, als die US-Notenbank einen Kurswechsel andeutete und Carry-Trades kurzfristig wegen der Angst vor steigenden Zinsen in den USA aufgelöst wurden. Auch in diesem Jahr investieren Anleger wieder in großem Stil in Fonds für Schwellenländeraktien. Per Ende Oktober wurden nach unseren Schätzungen knapp 20 Milliarden Euro netto in aktiv und passiv verwaltete globale Schwellenländer-Aktienfonds investiert. Inzwischen stecken gut 310 Milliarden Euro in diesen Vehikeln.

Per Ende Oktober haben Anleger 2017 knapp 20 Milliarden Euro netto in aktiv und passiv verwaltete globale Schwellenländer-Aktienfonds investiert.

Doch wovon ist eigentlich die Rede, wenn es um Emerging Markets geht? Typischerweise werden Aktienmärkte nach dem Prinzip der Marktkapitalisierung gewichtet. Der Gesamtwert der Anteile der wichtigsten börsennotierten Unternehmen bestimmt die Struktur des Marktes, egal, ob man als Investor aktiv verwaltete Fonds kauft oder ETFs. Und das Konzept der Marktkapitalisierung ist ein höchst instabiles. Denn es unterliegt dem Wandel der zugrundeliegenden Akteure. Unternehmen wachsen und gedeihen, stagnieren, schrumpfen oder scheitern. Das gleiche gilt für ganze Märkte und Volkswirtschaften, welche den Rahmen setzen für die unternehmerischen Akteure (Man denke nur an die Boom- und Bust-Zyklen in Griechenland, Argentinien oder Venezuela!).

Welche Story kaufen Investoren also, wenn Sie in Emerging Markets investieren? Woraus setzt sich das Universum zusammen? Und wodurch unterscheidet es sich zu früher, sagen wir, vor zehn Jahren, also kurz vor der Finanzkrise 2008/9? Auch damals waren Emerging Markets eine Wachstumsstory. Ist die damalige Story die gleiche, die heute von Fondsverkäufern und Asset Managern herbeizitiert wird? 

Technologie-Aktien waren die großen Gewinner der letzten Dekade

Wir wollen nun die Struktur der wichtigsten Aktien-Benchmark von heute mit der per Ende 2007 vergleichen und verwenden dafür den MSCI Emerging Markets. Dafür blicken wir auf die Zusammensetzung nach Branchen und nach Ländern. Im Anschluss daran wollen wir schauen, wie sich aktiv verwaltete Fonds von dieser Benchmark abheben, bevor wir ims dann in einer weiteren Umschau exemplarisch einige empfehlenswerte Schwellenländerfonds anschauen. 

Kommen wir zunächst zur Branchenebene. Wer sich heute die MSCI Benchmark anschaut, stellt fest, dass es sich um einen sehr Technologie-lastigen Index handelt. Per Ende September machten Aktien aus dem Sektor knapp 26 Prozent des MSCI Index aus. Zum Vergleich: Der inzwischen allgemein als Technologie-lastig bezeichnete USA-Standardwerte-Index S&P 500 besteht nur zu 21 Prozent aus Technologie-Titeln. Beim STOXX 600 Europe, eine der größten Benchmarks für Europa-Aktien, sind es sogar nur gut fünf Prozent. 

Ein typisches kapitalisierungsgewichtetes Schwellenländer-Aktienuniversum hat also heute einen klaren Schwerpunkt im Technologiesektor. Tencent, Samsung, Taiwan Semiconductor sind hier die wichtigsten Namen, die auch, aber nicht nur, für den Aufstieg Chinas stehen (Alibaba ADRs werden dagegen nicht als Technologie-Aktie gezählt, sondern zyklischen Konsumgütern zugeschlagen). Das war im Jahr 2007 noch anders. Seinerzeit machten Technologie-Aktien nur knapp elf Prozent des MSCI Emerging Markets aus. Die Zeiten ändern sich und mit Ihnen die Zielmärkte von Investoren! 

Schwellenländer stark von Finanzaktien geprägt

Kommen wir zur zweitwichtigsten Branche der Schwellenländermärkte. Finanzaktien sind derzeit im MSCI Emerging Markets der zweitgrößte Sektor mit einem Gewicht von gut 21 Prozent. Das ist – wiederum – deutlich höher als das Banken-Gewicht im S&P 500, das nur bei rund 15 Prozent liegt. Dagegen ist in der Hinsicht der STOXX 600 Europe ähnlich gestrickt – hier machen Finanzdienstleister ein Gewicht von gut 21 Prozent aus. Wie auch bei Tech-Aktien waren Banken-Titel im MSCI Emerging Markets im Jahr 2007 deutlich niedriger gewichtet, nämlich nur mit 16 Prozent. Auch hier fallen vor allem China-Banken wie China Construction Bank oder Industrial and Commercial Bank of China ins Auge. Auch hier drückt das Reich der Mitte der Benchmark also seinen Stempel auf.

Zugenommen hat auch die Bedeutung von Konsumgütern, deren Anteil im MSCI Emerging Markets in den vergangenen zehn Jahren von gut 7,5 Prozent auf 18 Prozent zulegte. Diese Gewichtsverschiebung legt ein beredtes Zeugnis über die wachsende Bedeutung des Privatkonsums in den Schwellenländern in der vergangenen Dekade ab. Interessant ist, dass zyklische Konsumgüter in den Emerging Markets in etwa so hoch gewichtet sind wie in den Benchmarks der USA und Europas, wohingegen defensive Konsumgüter - vor allem in den europäischen - Industrieländern ein höheres Gewicht einnehmen. 

Vor zehn Jahren lag der Schwerpunkt von Emerging Markets bei Energie- und Rohstoffaktien. 

Wir müssen also feststellen, dass Anleger heute in den Schwellenländern ein Technologie- und Financials-lastiges Aktienuniversum vorfinden. Das ist insofern interessant, als vor zehn Jahren der Schwerpunkt definitiv woanders lag: bei Energie- und Rohstoffaktien. Damals waren Energie-Aktien mit gut 16 Prozent das Top-Gewicht auf Sektorebene im MSCI Emerging Markets. Heute, drei Jahre nach dem großen Ölpreis-Crash, sind es nur noch knapp sechs Prozent. Rohstoffe standen ebenfalls mit einem Gewicht von knapp 16 Prozent weit oben auf der Rangleiter.

Können Sie sich noch an den so genannten Super-Cycle erinnern? Wer vor 20 Jahren auf die Rohstoff-Story gesetzt hatte, blickte 2007 auf eine hervorragende Entwicklung zurück. Davon kann heute bekanntlich keine Rede mehr sein. Rohstoff-Aktien sind zwar nicht vom Radar verschwunden, spielen aber mit einem Gewicht von knapp sieben Prozent im MSCI Emerging Markets nur noch eine untergeordnete Rolle. Leidtragender dieser Entwicklung sind brasilianische Unternehmen, die in beiden Sektoren stark repräsentiert sind. Diese Entwicklung steht auch spiegelbildlich für den Wandel der Schwellenländer vom Rohstofflieferanten der Welt hin zu Konsum- und Dienstleistungsgesellschaften. 

Tabelle: Die Branchenstruktur im MSCI Emerging Markets: Heute und gestern

Schwellenländer-Investments: China, China, China 

Kommen wir nun zur Ländergewichtung. Die wohl augenfälligste Veränderung ist der Aufstieg Chinas auf der Kapitalisierungsleiter. Betrug das Gewicht chinesischer Aktien Ende 2007 noch 15 Prozent, so stieg deren Anteil per Ende September 2017 auf 29 Prozent. Dies ging zulasten etlicher anderer Länder, vor allem Russlands, dessen Anteil von gut neun Prozent auf 3,3 Prozent zurückging sowie Brasilien, dessen Gewicht von 10,5 Prozent auf Prozent zurückging und Mexiko (von 4,2 Prozent auf 2,9 Prozent). Auch das illustriert die sinkende Bedeutung des Rohstoffsektors für diese Länder.

Es ist übrigens keine gewagte Prognose, einen weiteren Aufstieg Chinas vorherzusagen: Seitdem MSCI und andere Indexanbieter in diesem Jahr grünes Licht für die Aufnahme chinesischer Festlandsaktien gegeben haben, werden die so genannten A-Aktien schrittweise auch in die globalen Schwellenländer-Indizes integriert. Gut möglich also, dass in zehn Jahren das China-Gewicht in den gängigen Benchmarks nicht weit von der 50 Prozent-Marke entfernt sein wird. 

Zu den Gewinnern der vergangenen Dekade zählen auch Indien, Indonesien und Taiwan. Dass der Anteil griechischer Aktien dagegen seit 2007 von null auf 0,3 Prozent im MSCI Emerging Markets zulegte ist dagegen schwerlich als positive Entwicklung zu deuten: Griechenland wird seit der großen Krise nicht länger als Industrieland, sondern seit 2013 als Entwicklungsland geführt. Umgekehrt ist die Herausnahme israelischer Aktien aus dem MSCI Emerging Markets nicht als Bedeutungsverlust zu verstehen, sondern als Aufstiegs-Story: Aktien des jüdischen Staates sind seit 2009 im globalen Index für Industrieländer, MSCI World, vertreten. 

Tabelle: Ländergewichtungen heute und gestern

Lesen Sie in der kommenden Woche mehr zu aktiv verwalteten Schwellenländer-Fonds sowie zu einer Auswahl an gut bewerteten aktiv und passiv verwalteten Fonds. 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.