Fidelity auf Abwegen?

Jüngst haben sich einige Publikationen auf das Fonds-Powerhaus Fidelity eingeschossen. Steckt das Haus in der Krise? Auch wenn einiges dafür spricht, so ist die Antwort doch deutlich komplizierter als es die einfache Frage suggeriert.  

John Rekenthaler 05.06.2018

Im vergangenen Monat malte die New York Times von Fidelity das Bild eines Unternehmens, das wie verloren durch die Wüste irrt. Im Artikel "Fidelity, Bruised From Crises, Searches for Life After Mutual Funds" wird die These aufgestellt, dass die "einst dominanten Stockpicker des Unternehmens in der Vergangenheit stecken geblieben sind, in mehrfacher Hinsicht". Ein Newsletter-Verlag (Jim Lowell) sekundierte: "Fidelity steckt in einer existenziellen Krise."

Das ist wahr und ist es wiederum aber doch nicht.

Es ist einerseits wahr, dass Fidelity nicht mehr das Kraftpaket der US-Investmentbranche ist. Vor 25 Jahren war es der unbestrittene Marktführer. Fidelity verfügte über mehr Vermögen als jeder andere Wettbewerber, hatte die höchste Anzahl an Fonds mit der höchsten Performance und erstrahlte im Glanz des berühmtesten Fondsmanagers der Welt, Peter Lynch. Heute ist davon nichts mehr übrig. Für jüngere Generationen von Investoren ist Fidelity nur ein weiterer vage bekannter Name, wie Prudential oder T. Rowe Price.

Doch das ist nicht neu. Fidelity verlor den Titel des größten US-Vermögensverwalters schon vor dem Ende des vergangenen Jahrtausends. Das ging im Wesentlichen auf einen Leistungseinbruch der Fonds zurück. Bei Fidelity hielt sich zunächst die Hoffnung, den Titel mit einer Erholung der Fonds wiederzuerlangen. Das ging nicht auf. Im Jahr 2005 war das Rennen im Grunde gelaufen. Obwohl Vanguard noch nicht offiziell der Branchenchampion war -- American Funds besetzte vorübergehend diesen Titel --, so befand sich der Indexfondsanbieter eindeutig auf dem Weg dorthin, wo Fidelity nicht mehr hinkonnte. Jetzt läuft Vanguard quasi außer Konkurrenz.

Zwei Türen verschmäht

Als sich das alles abzeichnete, standen Fidelity drei Möglichkeiten offen.

Erstens hätte Fidelity versuchen können, noch mehr Vanguard als Vanguard zu sein, also noch billigere Indexfonds anzubieten. Das ist nicht passiert. Obwohl Fidelity Indexfonds lancierte und förderte und an mehreren Preiskämpfen teilnahm, setzte man in Boston nicht alles auf diese Karte. Kein erfolgreicher aktiver Manager hat es je versucht. Die Vermögenswerte in aktiv verwalteten Produkten sind schlicht zu wertvoll. Diese Kühe werden gemolken, nicht geschlachtet.

Fidelity hätte als zweite Option „verdoppeln“ können, also den Einsatz noch einmal erhöhen können. Fidelity hat seinen Erfolg als herausragender aktiver Aktienfondsmanager erreicht. Man hätte angesichts der Schwächephase zu dem Schluss kommen können, dass die Lösung darin bestünde, alle Energien darauf zu konzentrieren, das Problem zu lösen, also eine Investitionsoffensive zu starten.

Das war im Wesentlichen die Entscheidung von American Funds, also Capital Group. Auch dieses Haus wurde von Vanguard überholt (Obwohl im Fall von American Funds das Problem weniger die Performance-Schwäche von Fonds war, sondern eher auf den überzogenen Erwartungen der Anleger beruhte.). Egal. American Funds entschied sich, Gas zu geben. Capital Group konnte zwar nicht mehr die größte Fondsgesellschaft Amerikas sein, aber das Haus konnte immer noch führend im aktiven Fondsmanagement sein. Das ist ein vernünftiger Weg, da aktives Fondsmanagement ein sehr hochmargiges Business ist.

Die dritte Tür

Fidelity ging jedoch den dritten Weg: den der Diversifizierung. Das Haus optierte für die Konglomeratslösung. Um fair zu sein: Dieser Prozess war schon lange im Gange, bevor Fidelity-Fonds zu kämpfen hatten. Der damalige Fidelity-Vorsitzende Ned Johnson war bekannt dafür, in Technologie zu investieren und neue Wege zu gehen. (Ein berüchtigter Versuch war der Limousinenservice namens BostonCoach, den Fidelity vor fünf Jahren abstieß.) Das Unternehmen nutzte also auch seine Gewinne in der Investment-Management-Einheit, um neue Wege zu beschreiten.

Dazu gehörten der Aufbau einer großen Discount-Brokerage-Plattform, die Entwicklung zum größten 401(k)-Anbieter und der Ausbau der Depotdienstleistungen. Wie es im erwähnten NYT-Artikel beschrieben, administriert Fidelity 4,4 Billionen Dollar an Vermögenswerten, hinzu kommen noch einmal 2,4 Billionen Dollar, die das Haus selbst managt. Letztere Assets bleiben die Goldmine - sie erwirtschaften den größten Teil der Einnahmen von Fidelity und einen noch größeren Anteil am Gewinn. Dennoch sind die neueren Aktivitäten des Unternehmens profitabel und wachsen deutlich schneller als das traditionelle Geschäft.

Daher würde ich Fidelity nicht im Zustand des Übergangs betrachten und auch nicht in einer schweren Krise. Ziel der Unternehmensführung ist es, mehr als ein aktiver Fondsmanager zu sein. Natürlich wäre es für Fidelity angenehmer gewesen, diese Diversifikation aus einer Position der Stärke zu erreichen. Aber man versuchte das Beste aus der Situation zu machen, das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert.

Fidelity war entschlossen, mehr als nur ein aktiver Fondsmanager zu sein - und das Ziel wurde erreicht – auch wenn derzeit die Abflüsse aus den aktiv verwalteten Fonds in den Schlagzeilen machen. Ironischerweise liegen die massiven Anteilsrückgaben heute nicht an der Leistung der Fonds, die sich wacker schlagen. In jedem der vergangenen zehn Jahren haben Fidelitys Dickschiffe massiv Geld verloren, egal, wie gut sie in den Performance-Rankings abgeschnitten haben. Das mag man als Ironie der Geschichte auffassen. Oder als den normalen Gang der Dinge in der Unternehmenswelt.

Über den Autor

John Rekenthaler  is vice president of research for Morningstar.