Nachlese zum „Schwarzen Donnerstag“ bei Facebook

Geht das "FAANG"-Märchen zu Ende? Einige Gedanken über die Tragweite der Gewinnwarnung Facebooks für Fonds-Investoren. Und wir haben natürlich auch nachgeschaut, in welchen Portfolios Facebook-Aktien besonders häufig vertreten sind.    

Ali Masarwah 27.07.2018

Die Kursverluste bei Facebook am gestrigen Donnerstag werden in den Medien heute als Erdbeben beschrieben.  Oder noch schlimmer. „Bombe löst Ausverkauf aus“, lautet etwa die Schlagzeile in der Financial Times. Die Dimensionen der Kursverluste sind tatsächlich beachtlich: Rund 120 Milliarden Dollar wurden gestern vom Wert des Unternehmens an der Börse abgeschlagen, der höchste Einzelverlust, der jemals an einem Tag in der US-Börsengeschichte anfiel, wie die FT vorgerechnet hat.

Doch wie bedeutsam ist der Rücksetzer tatsächlich? Und hat das gestrige Ereignis möglicherweise einen Nachhall jenseits dieses einen Unternehmens?  

Zunächst einmal ist das Ereignis eigentlich ziemlich unspektakulär. Hinter dem knapp 20-prozentigen Kursverlust steht ein ganz normaler Vorgang, wie er sich nach jedem Quartalsende dutzendfach, ja, vermutlich hundertfach ereignet. Das soziale Netzwerk hatte am Mittwochabend nachbörslich eine Gewinnwarnung mitgeteilt – es war, strenggenommen, eher eine so genannte Guidance, die Investoren auf (etwas) magere Zeiten einstimmen sollte. (Eine Gewinnmarge von rund 35 Prozent ist so schlecht nicht, wie deutsche Einzelhändler vermutlich bestätigen können.) 

Doch für erfolgsverwöhnte Growth-Investoren kam die Nachricht offenbar als Schock. Es klingt vielleicht vermessen, aber offenbar wurden sich viele Anleger erst jetzt der Tatsache gewahr, dass Facebook auch nur ein Unternehmen unter vielen ist (zugegebenermaßen: ein ziemlich großes!) - und dass Gewinne nicht ewig exponentiell steigen können. 

Doch an dieser Stelle wird die Gewinnwarnung etwas spektakulärer. Denn Facebooks Ausblick hat vor allem eine psychologische Dimension. Investoren könnten diese Mitteilung nicht nur zum Anlass nehmen, die Wachstumsstory von Facebook, sondern auch die Allmacht der US-Technologiekonzerne insgesamt zu hinterfragen. 

Vorgestern Tesla, gestern Netflix, heute Facebook: Tech-Konzerne unter Beobachtung 

Es gibt Anzeichen dafür, dass die heißeste Börsen-Story der vergangenen Jahre an Strahlkraft verliert: der sagenhafte Aufstieg der US-Technologiekonzerne, der so genannten „FANG“s bzw. – je nach Zählweise der Konzerne - „FAANG“s, wird immer mehr hinterfragt. Gut möglich, dass die heftigen Reaktionen auf die Facebook-Zahlen im Rückblick als eine Zäsur betrachtet werden. Das zweite Quartal 2018 könnte in die Annalen eingehen als die Zeit, in der die Tech-Riesen entzaubert wurden. 

Dass die einstmals makellose Fassade der Börsenstars heute Risse aufweist, sollte nicht überraschen. Im Mai mehrten sich die kritischen Berichte über den Autohersteller Tesla, und die Börse reagierte unerwartet heftig. Einen weiteren Warnschuss gab es vor gut zehn Tagen, als die Aktie von Netflix nach enttäuschenden Quartalszahlen zeitweilig rund 15 Prozent an einem Tag einbüßte. Wenige Tage später notierte die Aktie bei 355 Dollar, deutlich unter dem kürzlich erreichten Jahreshoch von 401 Dollar (notabene: noch weit über dem 12-Monatstief von 165 Dollar im August 2017!). 

Etliche Beobachter dürften in den Ereignissen der vergangenen Tage eine Bestätigung ihrer These sehen, wonach US-Technologie-Unternehmen überbewertet seien und dass nunmehr eine heilsame Korrektur angesagt ist. Das erscheint möglich, muss aber nicht so sein. Zwar weisen manche Unternehmen, etwa Netflix, sehr hohe Bewertungen auf. Aber andere, wie etwa Facebook, Apple oder Amazon sind nicht zwingend überteuert. Vielmehr haben ihre starke steigenden Gewinne die rasanten Kursanstiege gerechtfertigt. Sie sind, sozusagen, in vertretbare Bewertungsregionen „hineingewachsen“.

Festzuhalten bleibt dennoch, dass die Wachstumsstory erste Kratzer bekommen hat, und Investoren dürften den schlechten Nachrichten künftig mehr Gewicht beimessen, etwa den Auseinandersetzungen zwischen den US-Tech-Giganten und Regulatoren. Das bisher wenig beachtete Thema Datenschutz befindet sich seit Mai, als die EU-Datenschutzrichtlinie DSGVO akut wurde, in Europa verstärkt auf der Agenda der Regulatoren, und die Rekordstrafzahlung von knapp 4,5 Milliarden Euro, welche die EU-Kommission gegen die Google-Mutter Alphabet in der vergangenen Woche verhängte, könnte der Anfang eines Backlash der staatlichen bzw. supranationalen Ebene sein.

Facebook-Korrektur sollte auf die Unzulänglichkeiten des NASDAQ-Index hinweisen 

Was bedeutet die Causa Facebook für Fonds-Investoren?  Für sich genommen sind die Schäden des Facebook-Crashs nicht groß: Facebook-Aktien machen gerade einmal zwei Prozent des S&P 500 aus, und selbst im NASDAQ 100 sind es nur rund sechs Prozent, was den Tagesverlust am Donnerstag auf knapp 1,5 Prozent begrenzte. Selbst Investoren in NASDAQ-Trackern sind also vor größeren Verlusten verschont geblieben.

Allerdings sollten sich Anleger gewahr werden, dass Technologie-Aktien rund 60 Prozent des NASDAQ 100 ausmachen. Das ist zu viel für diejenigen, die einen diversifizierten Zugang zum US-Aktienmarkt suchen. Und Anleger, die ihren Portfolios einen Growth-Dreh verpassen wollen, finden zahlreiche bessere Fonds-Alternativen, die Growth nicht mit Technologie-Aktien gleichsetzen. 

Halten wir also fest, dass die Kursverluste bei Facebook (wie zuvor bei Netflix) ein heilsamer Schuss vor den Bug von Fondsanlegern sein könnten. Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, so liefern die Verluste beim NASDAQ zwischen 2000 und 2003 eine Blaupause für das, was schlecht diversifizierten Indizes bzw. Portfolios im schlimmsten Fall droht. Einige Anleger könnten also bei dieser Gelegenheit einen Blick nach links und rechts werfen und vielleicht sogar die Vorzüge von Value-Fonds wiederentdecken?

Wie auch immer Investoren zur FANG-Story stehen: Dass der NASDAQ 100 nicht das Zeug für einen repräsentativen Marktindex hat, haben wir bereits vor einiger Zeit geschrieben. Konzentrierte Indizes eignen sich nicht als Kernbestandteile eines diversifizierten Portfolios, denn sie haben nun einmal die Eigenschaft, dass Korrekturen schmerzhaft ausfallen können, sei es auf Branchen- oder Einzeltitelebene. (Fondsanleger brauchen systematische, keine idiosynkratische Risiken!).

Wir wollen zum Abschluss der Vollständigkeit halber nachsehen, in welchen Fonds und Indizes/ETFs die Facebook-Aktie prominent vertreten ist. Dafür haben wir unsere Datenbank Morningstar Direct angeschmissen und die Fonds mit den höchsten Facebook-Gewichtungen herausgefiltert. Die untere Tabelle zeigt Ihnen die Fonds, die aktiv verwalteten wie die passiven, die ein Facebook-Gewicht von mehr als sechs Prozent haben, die also ein höheres Exposure zu Facebook als der NASDAQ 100 haben. Das Ergebnis zeigt, dass selbst deren Anleger mit einem blauen Auge davon gekommen sind. 

Tabelle: Die europäisch domizilierten Fonds mit dem höchsten Facebook-Exposure

 

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.