Hätten Sie Berkshire Hathaway 1975 gekauft?

Warren Buffett genießt heute Kultstatus bei Investoren weltweit. Aber auch die größten Talente können schwere Zeiten durchlaufen. Wir unternehmen eine Zeitreise in die 1970er Jahre.

John Rekenthaler 29.08.2018

Der Erfolg von Warren Buffett bzw. der von seiner Investment-Holding Berkshire Hathaway ist Legende. Es kursieren immer wieder Zahlen, die seinen Erfolg belegen. Etwa die Bilanz seit 1975. Hätte man seinerzeit Berkshire Hathaway-Aktien im Wert von 1000 Dollar gekauft, dann wäre diese Position heute 7,5 Millionen Dollar wert. Langfristig ist die Erfolgsbilanz makellos.

Aber das ist die Tücke der Rückwärtsbetrachtungen. Heute weiß man es besser. Doch 1975 waren vermutlich keine Zeitreisenden aus der Welt von heute mit einem Investmentbudget von 1000 Dollar unterwegs, sondern Investoren aus dem Jahr 1975. Das brachte mich zum Nachdenken: Hätte sich damals ein Investment in Berkshire Hathaway (im Folgenden: BRK) aufgedrängt?

Gehen wir in die Anfänge zurück. Warren Buffett übernahm im Mai 1965 die Kontrolle über BRK. Die untere Grafik zeigt den Wert einer Investition  von 10.000 Dollar über die nachfolgenden fünf Kalenderjahre, also von 1966 bis 1970. Zum Vergleich habe ich den S&P 500 und die Entwicklung des Ölpreises miteinbezogen (die beiden letztgenannten Investitionen sind rein theoretischer Natur: Es gab damals keine Indexfonds oder Zertifikate auf den Ölpreis). Alle Zahlen sind in Dollar gerechnet und inflationsbereinigt.

Grafik: 1966-1970: Berkshire Hathaway, S&P 500 und Öl im Vergleich

Nach zwei eher bescheidenen Jahren ging die Buffett Holding im Jahr 1968 mit einem Plus von 70 Prozent durch die Decke. Die Aktie war zwar volatiler als der Index, aber die Volatilität zeigte in die richtige Richtung: nach oben. Der Ölpreis indes ging dagegen inflationsbereinigt zurück.

Zu diesem Zeitpunkt hätten die meisten Investoren, wenn sie sich zwischen den drei Optionen hätten entscheiden müssen, sicherlich BRK gewählt. Auch wenn das Unternehmen nur eine fünfjährige Historie unter Buffetts Leitung hatte und die Aktie riskanter war als der S&P 500, so war die Performance hoch genug, um solche Einwände beiseite zu schieben.

Auf in die 1970er Jahre

Machen wir nun einen Schnellvorlauf in die nächste Fünfjahresperiode.

Grafik: 1971-75: Berkshire Hathaway, S&P 500 und Öl im Performance-Vergleich

Junge, was haben sich die Zeiten geändert! BRK knüpfte zu Beginn der Periode lückenlos an den Erfolg der Vorperiode an und legte im Jahr 1971 um 73 Prozent zu. Doch dann kam der Absturz. 1974 belief sich der Verlust auf 54 Prozent. Davon erholte sich die Aktie nicht und beendete die Periode mit einem doch deutlichen Verlust. Hätte man im Januar 1971 auf Warren Buffett 10.000 Dollar gesetzt, wären davon Ende 1975 knapp 7.200 Dollar übrig geblieben. Aus dem (damals nicht existenten) Titel „Orakel von Omaha“ hätte man vermutlich das „Debakel von Omaha“ gemacht!

Zwar lief es für den S&P 500 nicht viel besser, aber immerhin lag er vor BRK - und bei einer deutlich niedrigeren Volatilität. Der Star der Manage wäre dagegen ein Öl-Investment gewesen. Eine theoretische Investition von 10.000 Dollar hätte bis Ende 1975 einen gigantischen Wertzuwachs auf fast 26.000 Dollar erreicht. 

Das ganze Bild

Nachdem wir die beiden Fünfjahresperioden getrennt betrachtet haben, wollen wir nun auf die (bis dahin) vollen zehn Jahre blicken.

Grafik: 1966-75: Berkshire Hathaway, S&P 500 und Öl im Vergleich

Für das Jahrzehnt verzeichnete BRK einen bescheidenen realen Gewinn von etwas mehr als zwei Prozent jährlich (kumulativ waren es 30 Prozent). Der S&P 500 verzeichnete real einen Verlust. Aggressive Investoren hätten sich vermutlich für BRK und nicht für ein Marktportfolio entschieden. Für risikoaverse Investoren wäre der S&P 500 aufgrund der niedrigeren Schwankungsintensität dagegen die bekömmlichere Wahl gewesen.

Die ersten zehn Jahren gaben wenige Hinweise den Genius von Warren Buffett. Ja, BRK hatte in zwei Kalenderjahren um jeweils mehr als 70 Prozent zugelegt, aber das beste Ergebnis unter den verbleibenden acht Jahren war ein relativ bescheidener Gewinn von 13 Prozent. In fünf Kalenderjahren hatte BRK Geld verloren. Heute gilt BRK als Performance-Maschine, die Jahr für Jahr eine positive Rendite abliefert. Das war damals ganz anders.

Für Vollprofis gab es doch wichtige Hinweise auf das, was danach passierte

Für Profi-Beobachter gab es jedoch einen Hinweis auf das Potenzial von BRK: der Buchwert des Unternehmens. Natürlich können Investoren nicht den Buchwert eines Unternehmens kaufen, sondern müssen auf die Aktien setzen, in der Erwartung, dass sich der Aktienkurs langfristig mit dem Buchwert entwickelt. So hätte man es auch mit der BRK-Aktie handhaben können, die Ende 1975 deutlich unter ihrem Buchwert notierte. 

Springen wir nun ins Jahr 2018. Zu ihrem 50-jährigen Jubiläum hat BRK einen jährlichen nominalen Kursgewinn von 21,6 Prozent und einen Buchwertzuwachs von 19,4 Prozent verzeichnet. (Beim S&P 500 lag das Jahresplus bei 9,9 Prozent).

Natürlich kann sich in kürzeren Zeiträumen eine Aktie vom Buchwert lösen. Das war bei BRK immer wieder der Fall. Im vierten und letzten Diagramm haben wir die Veränderungen im Buchwert von BRK hinzugefügt. Und da haben wir den Gewinner! Die violette Linie des Buchwertes übertrifft die drei Alternativen deutlich. Er hat die bei weitem stabilste Leistung und verpasst um ein Haar den höchsten kumulativen Gewinn. Man hätte also durchaus zu einer sehr viel positiveren Beurteilung von BRK kommen können, als es der zehnjährlge Aktienkursverlauf Ende 1975 anzeigte.

Grafik: BRK Buchwert als Teil der Bilanz von 1966-1975 

Ich würde folgende Lehren aus dieser Übung ziehen:

1) Treffen Sie auf keinen Fall Entscheidungen auf der Grundlage von Fünfjahresrenditen. Das wissen Sie natürlich bereits, aber es lohnt sich, darauf hinzuweisen, dass viele Fonds-Investments weiterhin auf der Grundlage von Fünfjahresergebnissen getätigt werden.

2) Zehn-Jahres-Zeiträume sind besser, aber immer noch unvollkommen. Von 1966 bis 1975 sah der erfolgreichste Investor höchst gewöhnlich aus. Zugegeben, das war seine einzige schlechteste Zehnjahres-Strecke. Aber unsere Ausgangsfrage lautete ja, ob sich 1975 ein Investment in BRK aufgedrängt hätte.

3) Das Wachstum des Buchwerts von BRK hätte die Qualität von Buffett besser als die Aktienkursentwicklung widergespiegelt. Fonds-Investoren sollten sich also stärker mit solchen Kennzahlen befassen, auch sie nicht zu den klassischen Fonds-Bewertungskennziffern zählen.

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier.

Über den Autor

John Rekenthaler  is vice president of research for Morningstar.