Intro: Das Bond-Enigma: Gefragter Markt, gefürchteter Markt

Wir beschäftigen uns in einer speziellen Themenwoche mit dem europäischen Rentenmarkt. Wer sich heute mit Bonds beschäftigt, kommt nicht ohnehin, sehr verschiedene Dimensionen auszuleuchten – und muss dennoch alle Fäden wieder zusammenzubringen. Die großen Trends in einem komplexer gewordenen Markt.   

Ali Masarwah 05.11.2018

Was waren das früher doch für herrliche Zeiten: Damals, in den 1980er und 1990er Jahren, war die Inflation zwar noch nicht abgeschafft, aber vor dem Hintergrund auskömmlicher Zinsen, die auch Sparkonteninhabern reale Renditen brachten, war die Teuerung eine Irritationsquelle, längst aber kein Performance-Killer. Damals war der typische Bond-Anleger ein ziemlich konservativer Typ: Er kaufte Bundesanleihen, besuchte regelmäßig seine Bank und begab sich zu seinem Depot im Keller, um die Kupons abzuschneiden und sie beim Schalterbeamten im Erdgeschoss einzulösen. Oder er kaufte über die Bundesfinanzagentur große und kleine „Schätzchen“, die für ihn freundlicherweise kostenlos verwahrt wurden. Ab und an kamen auch Rentenfonds zum Einsatz, die ähnlich langweilig waren wie Direktinvestments.

Doch die Zeiten ändern sich: Der Bund will schon längst nichts mehr mit dem Bürger als Bond-Investor zu tun haben, 2013 wurde die Ausgabe von Bundesschatzbriefen durch die Finanzagentur eingestellt, und auch Verwahrkonten gibt es dort nicht mehr für den Otto-Normalbürger. Zinsen gibt es übrigens auch keine mehr, und die Renditen von Bundesanleihen sind im Zuge der höchst lockeren EZB-Geldpolitik im Keller.

Bond-Renditen verzweifelt gesucht 

Für Neuinvestoren war das Jahr 2016 ein Alptraum: Über weite Strecken des Jahres war die Rendite umlaufender Staatsanleihen negativ, der Bund konnte also Schulden machen und sich dafür bezahlen lassen. Heute bringen Bundesanleihen immerhin 0,27 Prozent im Schnitt. Das ist allenfalls nominal positiv, aber dank steigender Teuerung real im tiefroten Bereich. Immerhin bringen zehnjährige Euro-Staatsanleihen aktuell – Italien sei Dank! - eine Rendite von 1,83 Prozent; in UK sind es knapp 1,8 Prozent, und in Japan rentieren zehnjährige Papiere gerade einmal mit 0,52 Prozent. Allenfalls in den USA liefern zehnjährige Treasuries mit 3,4 Prozent real positive Renditen. Fünf Prozent und mehr gibt es allenfalls bei Hochzinsanleihen (Junk Bonds) oder Schwellenländer-Bonds zu haben – mit den entsprechenden Risiken. 

Der obere Absatz gibt in verkürzter Form das Dilemma von Bond-Anlegern in Deutschland wider: Performance gibt es ohne signifikante Risiken am Rentenmarkt nicht zu haben. Zeit also, zu neuen Ufern aufzubrechen und nicht-rentierliche Bunds im Portfolio zugunsten von High Yields und anderen Corporates, Emerging Markets und US-Treasuries auszutauschen? Zumal bei steigenden Renditen, die auch bei Euro-Anleihen mittelfristig anstehen, Kursverluste anstehen? 

Performance ist bei Bonds nicht alles

Gemach. Wer so vorgeht und nur die Renditejagd im Blick hat, könnte Schiffbruch erleiden. Denn Performance ist das eine. Das andere ist, dass Bonds eine ganz ureigene Funktion in breit gestreuten Portfolios haben: Sie dienen dazu, die Aktienrisiken auszubalancieren. Ohne klassische Bonds sind Aktienportfolios - welch eine erwähnenswerte Binse - auf Aktienrisiken ausgerichtet. Das diese Unwucht schmerzlichen Folgen haben kann, haben die Jahre 2000 bis 2003; 2007 bis 2009, und auch das Jahr 2011 bewiesen.

Auch in den vergangenen zwölf Monaten haben Staatsanleihen ihre Funktion mehr als erfüllt: Sie haben Aktienrisiken hervorragend ausgeglichen. Zwischen November 2017 und Oktober 2018 war die Korrelation von Euro-Staatsanleihen gegenüber den Maßgeblichen Aktienindizes deutlich negativ. In den vergangenen zehn Jahren war die Korrelation gegenüber globalen und Euroland-Aktienindizes gleich null. 

Übrigens gab es auch gegenüber riskanteren Bond-Märkten war die Korrelation klassischer Staatsanleihen in den vergangenen zwölf Monaten nahe null oder negativ. In den vergangenen drei und fünf Jahren war der Diversifikationseffekt gegenüber Risiko-Assets weniger markant, aber immerhin noch einigermaßen gegeben. (Man könnte hier auf das Anleihekaufprogramm der EZB hinweisen, die als überaus mächtige Nachfragekraft nicht nur Bond-Kurse, sondern auch – indirekt – alle Asset-Preise beeinflusst hat und somit für einen großen Gleichklang gesorgt hat.)

Übrigens sollten sich Anleger vergegenwärtigen, dass die vielbeschworenen Durationsrisiken dann irrelevant sind, wenn sie eine Anleihe bis zur Fälligkeit halten. Buy-and-Hold-Investoren wissen im Vorhinein sehr genau, was sie mit ihrem Bond verdienen werden. Aktuell gibt es bei Neu-Investments zwar nicht viel zu holen, aber es gibt nun einmal nicht in jeder Marktphase Bond-Prämien satt. Manchmal ist Schmalhans Küchenmeister, und diesen Umstand gilt es zu beachten! 

Performance-Erwartungen sollten neu kalibriert werden

Wer sich also den Bond-Markt nähern will, muss zwei Faktoren abwägen: die hohen Bewertungen der meisten Bond-Kategorien einerseits – das wohltuende Diversifikationspotenzial andererseits. Vermutlich sollten Investoren sich vor allem vergegenwärtigen, dass die Entwicklung der vergangenen 30, 40 Jahre eine Anomalie darstellten: Der langwährende Renditerückgang seit Anfang der 1980er Jahre hat uns alle verwöhnt: Es gab nicht nur Diversifikationseffekte, sondern auch reichlich Prämien an den Rentenmärkten zu ernten. Glücklich, wer an diesen Märkten partizipieren konnte. Künftig geben die derzeit tiefen Renditen den Takt für die Performance vor. 

Es gibt also gute Gründe, sich den Bond-Markt genauer anzuschauen. Das wollen wir in dieser Woche tun und laden Sie auf eine Reise durch die Welt der Bond-Investments ein. Folgende Artikel werden wir in der Bond-Woche veröffentlichen:

 

Montag, 5.11.: Intro: Das Bond-Enigma: Gefragter Markt, gefürchteter Markt

                         Mit dem Renditeanstieg kamen die Tränen

                         Anleger sollten klassische Bonds nicht abschreiben

                         Bond-Kennzahlen für Sie erklärt 

 

Dienstag, 6.11.: Drei Strategien für das neue Zinsumfeld

                           Euro-Staatsanleihen: Perspektiven und Optionen für Anleger

                           Die traurige Wahrheit über aktiv verwaltete Rentenfonds

                           Warum Bond-Fondsmanager chronisch zu „kurz“ waren 

 

Mittwoch, 7.11.:  Die Tücken der Duration

                            Ihr Bond-Portfolio wiegt schwerer als Sie glauben

                            Drei Diversifizierte Rentenfonds mit Analyst Ratings 

 

Donnerstag, 8.11.: Zinserhöhungen müssen keinen Bond-Crash bedeuten

                               Renditen am US Bond-Markt bringen kein Free Lunch

                               US-Dollar-Rentenfonds mit Morningstar Analyst Ratings 

 

Freitag, 9.11.: Emerging Markets Rentenfonds in der Übersicht

                        Absolute Return ist keine Antwort auf das Bond-Dilemma

                        Interview: Mal mehr Prämie, mal mehr Risiko

 

                        

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.