Index-Diversität: für Anleger ein Wachstum ohne Wert

Die Indexwelt zeichnet sich durch eine verwirrende Vielfalt aus. Doch hat die Proliferation von Indizes auch eine Erweiterung des Investment-Horizonts gebracht? Wir blicken auf die Präferenzen von ETF-Anlegern in Europa.

Ali Masarwah 17.01.2019

Je nach Quelle schießen die Schätzungen über die Anzahl an Indizes weltweit ins Kraut. Die umfassendste, die mir unterkam, war die Schätzung der Vereinigung Index Industry Association. Nach ihr umfasste die Zahl der weltweit gerechneten Indizes per Ende Juni 2018 gut 3,7 Millionen, eine Zunahme von fast 440.000 Indizes gegenüber dem Vorjahr. Auch wenn längst nicht alle diese Benchmarks investierbar sind, deutet diese exorbitant hohe Zahl an, dass sich das Geschäft mit Marktbarometern längst zu einer Massenproduktion entwickelt hat. Die Zeiten, in denen Indizes bloße Spiegelbilder von real existierenden Märkten waren, sind lange vorbei! 

Das wirft zwangsläufig die Frage auf, wie relevant der rasante Zuwachs an Indizes für Investoren tatsächlich ist. Man muss wissen, dass das Wachstum von Indexfonds in den letzten Jahren rasant verlaufen ist. Hat sich die Produktvielfalt analog zur steigenden Anzahl an Indizes entwickelt? Was machen Investoren heute, im Jahr 2019, anders, als, sagen wir, 2009, bevor der gigantische Index-Boom eingeleitet wurde? 

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir den europäischen Markt für ETPs (Exchange Traded Products) in zweierlei Hinsicht analysiert. Zum einen haben wir nachgesehen, in welchen Indextypen bzw. Fondskategorien heute das meiste Geld in europäischen ETPs steckt und wie sich das gegenüber dem Jahr 2009 entwickelt hat. 

Als nächstes blicken wir auf die Entwicklung alternativer Indizes, die gemeinhin als „Smart Beta“ bezeichnet werden – wir bei Morningstar bevorzugen den weniger Marketing-lastigen Terminus „Strategic Beta“. 

Kommen wir zunächst zur Frage nach den beliebtesten Indizes bzw. Zielmärkten für ETP-Investoren. Von den rund 680 Milliarden Euro, die per Ende 2018 in ETPs in Europa investiert waren, steckten gut 230 Milliarden Euro oder gut 34 Prozent der Assets in ETFs auf zehn Indizes. Neun von zehn waren Aktienbarometer, der Goldpreis komplettiert die Zehner-Runde. Wie die untere Tabelle zeigt, handelt es sich ausschließlich um klassische Benchmarks.

Wenig überraschend ist, dass der S&P 500 NR der beliebteste Index für ETF-Invesetoren war. Gut 75 Milliarden Euro oder elf Prozent aller ETP-Assets in Europa steckten per Ende 2018 in 18 ETFs auf das klassische, kapitalisierungsgewichtete US-Aktienbarometer. Mit großem Abstand folgt der Euro Stoxx 50 NR, dem 29 Milliarden Euro, verteilt auf 12 ETFs, „folgen“. Knapp 29 Milliarden sind in 13 ETFs auf den MSCI World investiert. Letztere beiden Indizes vereinen jeweils gut vier Prozent der ETP-Assets in Europa auf sich. 

Der einzig halbwegs ausgefallene Index, hinter dem ein nennenswertes Vermögen steckt, ist der MSCI World Minimum Volatility, der rund 2,5 Milliarden Euro an ETF-Geldern auf sich vereint, was rund 0,4 Prozent der ETF-Assets europaweit entspricht. (Kritiker werden zu Recht anmerken, dass Minimum-Volatility-Indizes nicht wirklich exotisch sind, aber dies war der Index, der unter den bedeutsamen Underlyings am weitesten weg vom Mainstream ist!) 

Tabelle: Die zehn größten Indizes für europäische Indexprodukte per Ende 2018

 

Auf Ebene der Fondskategorien brachten es Aktien-ETFs für USA Standardwerte blend auf knapp 16 Prozent aller Assets. Spiegelbildlich zur Beliebtheit des S&P 500 als Underlying waren also US-Standardwerte die wichtigste Kategorie für europäische ETF-Anbieter. Es folgen mit jeweils sieben Prozent ETFs auf Aktien Eurozonen Standardwerte Indizes und solche auf global anlegende Aktien-ETFs. Auch hier ergibt sich im Großen also ein Spiegel des Micro-Bildes.

Insgesamt herrschte auf der Ebene der Fondskategorien eine große Konzentration: 55 Prozent der ETF-Assets in Europa sind in den unteren Fondskategorien investiert, die allesamt der Grobcharakterisierung: „Standard-Bausteine“ entsprechen. Für Index-Exoten hatte das Gros der Investoren per Ende 2018 wenig Geld übrig. Halbwegs aus dem Rahmen fallen ETFs auf Finanzwerte-Indizes, in denen etwas über acht Milliarden Euro stecken, was rund 1,1 Prozent des ETP-Markts ausmacht. 

Tabelle: Die zehn größten Märkte für europäische Indexprodukte nde 2018

 

Es stellt sich nun die Frage, ob die Konzentration der Assets im Vergleich zu 2009 zu- oder abgenommen hat. Zunächst die Feststellung, dass vor zehn Jahren das Bild der beliebtesten Underlyings für ETFs deutlich anders aussah als heute. 2009 war der Euro Stoxx 50 NR der beliebteste Index in Europa mit 18 Milliarden Euro an verwaltetem ETF-Vermögen. Das entsprach seinerzeit gut 12 Prozent aller ETF Assets. Damals steckten 44 Prozent aller ETP-Assets in den zehn bedeutendsten Indizes, die ebenfalls ausschließlich so genannte Plain-Vanilla-Indizes abbildeten. Der Goldpreis und der DAX folgten mit acht bzw. vier Prozent der Assets. 

Der MSCI India, der vermutlich exotischste Index, der nennenswerte Assets auf sich vereinte, befand sich seinerzeit auf Rang 28 der Indizes; das ETF-Volumen belief sich auf gerade einmal eine Milliarde Euro, was damals 0,7 Prozent des ETP-Vermögens in Europa entsprach. 

Tabelle: Die zehn größten Indizes für europäische Indexprodukte 2009 

Auf der Ebene der Fondskategorien steckten 2009 gut 16 Prozent der ETP-Assets in Benchmarks, die Eurozonen-Aktienbarometer abbilden. Es folgten damals Gold-ETPs mit einem Anteil von zehn Prozent der Assets. USA-Standardwerte-Indizes vereinten seinerzeit rund sechs Prozent der Assets, gefolgt von ETFs für deutsche Standardwerte mit einem Anteil von fünf Prozent. Damals steckten 58 Prozent der ETP-Assets in den zehn größten Kategorien. 

Tabelle: Die zehn größten Märkte für europäische Indexprodukte 2009

 

Insgesamt hat die Konzentration der ETF-Assets also in den vergangenen zehn Jahren leicht abgenommen. Die Top zehn Indizes vereinten per Ende 2018 rund 55 Prozent der Assets auf sich, drei Punkte weniger als 2009. Dieser Unterschied sollte nicht überschätzt werden, da 2009 nur 441 Benchmarks als ETP-Underlyings in unserer Datenbank verzeichnet waren. Im Schnitt waren knapp 346 Millionen Euro pro ETP investiert. Per Ende 2018 waren es schon gut 1.780 Indizes mit durchschnittlich 382 Millionen Euro pro Index. Insofern lässt sich konstatieren, dass, ungeachtet der deutlich steigenden Proliferation an Indizes, die meisten Assets unverändert in klassischen Indizes stecken und die Kopflastigkeit nach wie vor groß ist. 

Blicken wir nun auf die Welt der Strategie-Indizes. 2009 waren Strategic Beta ETFs bzw. die ihnen zugrunde liegenden Indizes echte Exoten. Gerade einmal 32 dieser Benchmarks vereinten seinerzeit knapp vier Milliarden Euro an Assets bzw. 124 Millionen Euro pro Index.  Insgesamt kamen Strategic Beta ETFs auf rund 2,5 Prozent des europäischen ETP-Marktes. 

2019 hat sich die Zahl der Benchmarks verzehnfacht: 332 Indizes, die semi-aktive Strategien verfolgen konnten wir in unserer Datenbank ausmachen. Per Ende Dezember lag das ETP-Vermögen bei rund 51 Milliarden Euro, was knapp 7,5 Prozent des europäischen ETP-Marktes ausmacht. Gut 150 Millionen Euro waren pro Index investiert. Zwar lässt sich bei Strategic Beta ETFs also eine signifikante Zunahme an relevanten Indizes festmachen, allerdings fiel der Anstieg des den Indizes zugrunde liegenden Vermögens deutlich weniger beeindruckend aus – der Marktanteil an Strategic Beta ETFs hat sich seit 2009 gerade einmal verdreifacht, was nicht viel ist, wenn man dies mit dem Hype um Faktor Investments kontrastiert. Marketing ist halt nicht alles.   

Fazit 

Unsere kurze Übersicht hat gezeigt, dass auch die Anzahl an Benchmarks für europäische ETPs in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Allerdings bleibt das Geschäft mit ETFs nach Vermögen gewichtet eine recht konzentrierte Angelegenheit. Anleger setzen unverändert auf breit aufgestellte Marktindizes und auf große Kategorien. Dabei hat die Konzentration zwar seit 2009 abgenommen, aber nicht in dem Maße, wie es die rasant steigende Anzahl an Indizes vielleicht hätte vermuten lassen können. 

Nicht so viel anders sieht es mit Blick auf Strategie-Indizes aus. Zwar hat sich die Zahl der Strategic-Beta-Indizes seit 2009 verzehnfacht. Der Anteil am ETP-Vermögen ist indes nur um 300 Prozent gestiegen. Das ist zwar ein deutlicher Anstieg, allerdings war die Ausgangsbasis recht klein, sodass eine Verdreifachung des Marktanteils von Strategie-ETPs am Gesamtmarkt nach viel klingt, aber absolut gesehen mit 7,5 Prozent der Assets im Vergleich zu den USA doch immer noch recht klein ist. Zur Erinnerung: Dort stecken gut 20 Prozent der ETP-Assets in alternativen Indexstrategien. 

Insgesamt ist das Vermögen pro Smart-Beta-Index gestiegen, sodass man derzeit nicht von einer Atomisierung der Indexwelt bei Strategic Beta ETFs reden kann. Mit der zunehmenden „Entdeckung“ von Faktoren durch die quantitative Finanzmarkt-Forschung ist zu erwarten, dass Strategic Beta ETFs weiter an Bedeutung gewinnen werden. Allerdings erscheint es angesichts der bisherigen Entwicklung fraglich, ob das zu erwartende Wachstum spektakulär ausfallen wird. 

Das schließt zunächst nicht einen Zuwachs an Indizes und Strategic Beta ETFs aus. Ob diese Strategien zum Erfolg im Sinne einer überlegenen Risiko-adjustierten Rendite führen, steht indes auf einem anderen Blatt. Bei diesen semi-aktiven Strategien kann man unterstellen, dass nur eine Outperformance nennenswerte Gelder anlocken wird. Und Outperformance ist bei Fonds, wie wir alle wissen, ein recht seltenes Phänomen, bei aktiv verwalteten wie bei Strategic Beta ETFs auch.

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier.

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.