Können Aktien-ETFs konservative Investments sein?

Das Ranking der beliebtesten ETFs auf morningstar.de im zweiten Quartal lässt darauf schließen, dass viele Investoren defensiver ausgerichtet sind, als es die Beliebtheit von Aktien-ETF-auf den ersten Blick vermuten lassen könnte. 

Ali Masarwah 01.08.2019

Wie konservativ bzw. risikoarm können Aktien-Investments eigentlich sein, und wie risikofreudig sind Anleger in Deutschland? Diese Fragen drängen sich bei der Betrachtung der beliebtesten ETFs auf morningstar.de auf. Auf den ersten Blick ist die Sache klar: neun der zehn beliebtesten ETFs auf unserer Homepage waren im vergangenen Quartal Aktienprodukte. Das spricht für Risikofreude pur!

Doch dieser Befund verwundert doch. Auch wenn der ETF-Markt in Europa nach wie vor aktienlastig ist, so sind Renten-ETFs auf dem Vormarsch. Sie machen inzwischen gut ein Viertel des ETF-Vermögens in Europa aus, auch Dank des deutlich dynamischeren Wachstums. Und da Anleger in Deutschland risikoavers sind, verwundert diese Aktien-ETF-Orientierung, die auf eine hohe Risikobereitschaft schließen lassen lässt. Wir werden weiter unten versuchen, uns auf dieses Phänomen einen Reim zu machen.

Doch kommen wir zunächst in Kürze zum Format unseres Rankings: Jedes Quartal schauen wir nach, welche ETFs die User unserer Website am häufigsten gesucht haben. Wir messen also, welche ETF-Portraits auf morningstar.de die meisten "Klicks" in einem Quartal erhalten haben. Heute schauen wir, welche Produkte zwischen April und Juni 2019 am häufigsten von Anlegern und Beratern gesucht wurden. 

Sie finden in der Tabelle unten neben den Fondsdaten (ISIN, Kosten, Fondskategorie) das quantitative Sterne-Rating, das qualitative Morningstar Analyst Rating sowie einige Performance-Daten, unter anderem das Perzentil-Ranking, das zeigt, wie sich die Fonds gegenüber Produkten in der identischen Kategorie im abgelaufenen Quartal geschlagen haben. 

Tabelle: Die beliebtesten ETFs auf morningstar.de

Der Blick auf die obere Tabelle verdeutlicht zunächst, dass Anleger in erster Linie global investierende Aktien-ETFs auf morningstar.de gesucht haben. Sechs der zehn beliebtesten ETFs bilden globale Aktien-Indizes ab, zwei davon den Index MSCI World, der aus gut 1.600 Aktien aus 23 Industrieländern besteht.

Erneut war dabei der iShares Core MSCI World ETF der beliebteste ETF unserer Leser. Er hält das Morningstar Analyst Rating „Silver“ und ein Fünf-Sterne-Rating. Die Kosten belaufen sich auf 20 Basispunkte. Der ComStage MSCI World ETF, der ebenfalls in unserem Ranking vertreten ist, kostet auch 20 Basispunkte jährlich. Dieses Niveau war lange Zeit das Maß aller Dinge bei globalen Aktien-ETFs. Doch inzwischen wurde diese Preisschwelle von anderen Billigheimern unterboten. So hat Amundi in diesem Jahr mit seinem weltweit anlegenden Aktien-ETF Amundi IS Prime Global, der einen Index von Solactive abbildet, mit Gebühren von nur fünf Basispunkten neue Maßstäbe beim Pricing gesetzt. 

Drei Dividenden-ETFs für den Zinsersatz

Doch wir wollen nun den Blick auf die eigentliche Besonderheit des Rankings lenken. Was hat es mit seiner Aktienlastigkeit auf sich? Drei Aktien-ETFs bilden Dividenden-Indizes ab, und einer folgt einem Index, der einen Minimum Volatility Ansatz verfolgt, der also den Anspruch hat, das Risiko gegenüber einem klassischen kapitalisierungsgewichteten Index zu reduzieren. Anleger strebten also spezielle Aktien-Vehikeln an, die man unter die Rubrik "vermeintlich risikominimierend" einsortieren könnte. 

Fangen wir mit den Dividenden-ETFs an. Bereits seit längerem sind der iShares STOXX Global Select Dividend 100 UCITS ETF (DE) und der  SPDR S&P Euro Dividend Aristocrats UCITS ETF in unserem Ranking vertreten. Neu hinzugekommen ist der Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield UCITS ETF. Er bildet den gleichnamigen Index ab, der sich aus dem marktbreiten Index FTSE All-World Index ableitet. Er enthält die Unternehmen mit der höchsten erwarteten Dividendenrendite in den nachfolgenden zwölf Monaten (ausgeschlossen sind Immobilien-Aktien).

Allerdings ist der FTSE-Index nicht nach der Dividendenrendite, sondern nach der frei handelbaren Marktkapitalisierung gewichtet, was die Liquidität verbessert und den Turnover minimiert. Der FTSE All World High Dividend enthält rund 1.200 Aktien und ist somit auf Ebene der Einzeltitel sehr breit diversifiziert. Die Neu-Zusammensetzung und das Rebalancieren erfolgen zweimal jährlich.

Allerdings fehlen Qualitätsfilter, welche auf die Finanzstärke der Indexunternehmen abheben, was einen Fokus auf nachhaltige Dividendenstärke bewirken würde. Bei diesem Index schlägt das Pendel also eher zugunsten der Dividendenhöhe als der Dividenden-Nachhaltigkeit aus. Der Vanguard-ETF wies ein Vermögen von knapp 720 Millionen Euro per Ende Juni auf. Er ist mit jährlichen Gebühren von 0,29 Prozent nicht besonders günstig. 

 

Bedenkt man, dass in Zeiten tiefster Zinsen in Europa viele Anleger nach alternativen Renditequellen suchen, dann erscheint die Beliebtheit von Dividenden-ETFs in einem neuen Licht. Mit einer Ausschüttungsrendite von zuletzt 4,2 Prozent ist der iShares STOXX Global Select Dividend der ETF mit der höchsten Ausschüttung, gefolgt vom Vanguard FTSE All World High Dividend Yield (3,6 Prozent) und dem SPDR S&P Euro Dividend Aristocrats (3,3 Prozent). Das klingt hochattraktiv, wenn man bedenkt, dass zehnjährige Bundesanleihen inzwischen eine negative Rendite aufweisen. Allerdings haben wir uns an anderer Stelle mit den Chancen und den Risiken von Dividendenfonds auseinandergesetzt und gezeigt, dass solche Produkte auch Nachteile haben.

Chancen und Tücken von Minimum Volatility ETFs

Dass viele ETF-Anleger einen risikoreduzierten Zugang zu den Aktienmärkten suchen, zeigt auch die Beliebtheit des iShares Edge MSCI World Minimum Volatility ETF. Er schwankt typischerweise deutlich weniger als der Mutter-Index MSCI World. Doch das macht ihn nicht immun gegen Schwankungen, die in bestimmten Marktphasen auftreten können und die klassische, kapitalisierungsgewichtete ETFs nicht zwingend in Mitleidenschaft ziehen. Ab dem Herbst 2016 etwa mussten risikoreduzierende ETFs aufgrund ihrer hohen Korrelation mit den Rentenmärkten schmerzliche Verluste hinnehmen, als die Renditen recht abrupt nach oben schnellten, was Bonds attraktiver machte und somit Anleger zum Abverkauf von Low-Vol-Aktien brachte. Das verdeutlicht, dass Minimum Volatility ETFs zwar oft, aber eben nicht immer das Risiko der Investoren senken - und schon gar nicht immer so funktionieren, wie es das Marketing der ETF-Anbieter suggerieren könnte. 

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier.

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.