Was die neuen Ermittlungen an der Wall Street für Anleger bedeuten

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC untersucht, ob Angestellte von großen Wall Street Brokern Hedgefonds Informationen über bevorstehende Wertpapiertransaktionen durch große Fondshäuser weitergegeben haben, um diesen einen Vorteil zu verschaffen.

Russel Kinnel 14.02.2007
Unter einer solchen Weitergabe von Insiderinformationen leidet der durchschnittliche Fondsanleger. Wenn große Fondsgesellschaften Kauf- und Verkaufsaufträge abgeben, wechseln hohe Summen den Besitzer. So kann es Tage oder manchmal sogar Wochen dauern, um soviel Geld zu bewegen. Wenn nun jemand frühzeitig von einer geplanten Transaktion erfährt, kann er sich dies im Rahmen des so genannten Front Running zunutze machen. Beispielsweise kann ein Händler für einen Hedgefonds die Aktien erwerben, für die ein großer Kaufauftrag durch eine Fondsgesellschaft ansteht. Bei Ausführung der Order profitiert der Hedgefonds von dem dadurch ausgelösten Kursanstieg. Für die Fondsgesellschaft dagegen ergibt sich ein schlechterer Ausführungskurs, wodurch wiederum deren Kunden, die Fondssparer, geschädigt werden.

Daher verwenden die Händler einer Fondsgesellschaft viel Mühe darauf, ihre Spuren zu verwischen. Sie platzieren Aufträge bei mehreren Brokern, um den Umfang ihrer Trades zu verbergen. Sie bedienen sich elektronischer Plattformen, wo Transaktionen anonym durchgeführt werden können. Darüber hinaus beobachten sie die Reaktion des Marktes auf ihre Transaktionen, um in Zukunft Broker umgehen zu können, bei denen sie den Verdacht haben, dass Informationen durchsickern.

Trotz dieser Verschleierungstaktiken lässt es sich aber nicht vermeiden, dass große Transaktionen die Kurse bewegen. Dazu bedarf es nicht einmal des illegalen Front Runnings. Das bekannte Gesetz von Angebot und Nachfrage sorgt dafür, dass ein steigendes Angebot (d.h. ein großer Verkauf durch einen Fonds) den Kurs drückt, während eine steigende Nachfrage (ein großer Kauf durch einen Fonds) den Kurs treibt. Nicht zuletzt analysieren viele Händler, so auch Hedgefondsmanager, laufend Marktbewegungen und halten Ausschau nach Anzeichen für große Wertpapiertransaktionen, um davon profitieren zu können – ganz ohne illegale Tipps zu bekommen.

Front Running verschärft natürlich die Kursbewegungen, die durch große Käufe und Verkäufe ausgelöst werden. Allerdings ist es schwer zu beweisen. Die US-Börsenaufsicht SEC muss nicht nur verdächtige Kursbewegungen identifizieren, sondern auch beweisen, dass jemand, der von größeren Aufträgen Kenntnis hatte, andere Personen darüber informiert hat und diese wiederum auf diese Nachricht hin gehandelt haben. Nach Berichten der New York Times untersucht die SEC auch den Vorwurf, dass „vorgewarnte“ Hedgefonds ihre Aufträge dann bei einem anderen Broker ausführen ließen, um keinen Verdacht auf Insiderhandel zu erregen.

In den vergangenen Jahren haben Hedgefonds die traditionellen Fondshäuser als die größten Kunden bei den Brokern verdrängt. Dies verwundert nicht, haben sie doch in Anzahl und Volumen ein starkes Wachstum erlebt und handeln häufiger als klassische Fonds. Daher liegt es nahe, dass es Fälle von Front Running gegeben hat. Jedoch sind Investmentfonds weiter wertvolle Kunden vieler Broker. Während sich ein Regelverstoß für manchen Broker auszahlen kann, dürften wenige Häuser ihr Geschäft damit aufs Spiel setzen wollen, dass sie einige ihrer besten Kunden zu kurz kommen lassen.

Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die an den Handelstischen von Fondsgesellschaften arbeiten und sich sicher sind, dass entsprechende Informationen hin und wieder durchgesickert sind. Allerdings muss die SEC-Untersuchung erst zeigen, ob und in welchem Umfang dies tatsächlich der Fall war. Die Fondsbranche dürfte im Gegensatz zu den vor einigen Jahren erfolgten Untersuchungen im Zusammenhang mit Market Timing und Late Trading diesmal eindeutig auf Seiten der Ermittler stehen. Denn sie zählt zusammen mit den Fondsanlegern zum Kreis der Geschädigten, während sich die Vorwürfe an große Wall Street Firmen richten. Zumal klassische Investmentfonds in den letzten Jahren zunehmend von Seiten der Hedgefonds unter Druck standen, die für sich reklamierten, die besseren risikoadjustierten Renditen zu liefern.

Für Anleger ist gut zu wissen, dass die Aufmerksamkeit, die nun dem Thema gewidmet wird, die Sicherheitsvorkehrungen gegen das Front Running erhöhen dürfte. Nachdem sich nun die Aufsichtsbehörde damit befasst, dürften die Compliance-Regeln der großen Brokerhäuser verschärft werden und viele werden es sich dann vielleicht zweimal überlegen, ob sie Insiderinformationen weitergeben. So könnte sich die SEC-Untersuchung für Fondssparer noch als Segen erweisen.


(Russel Kinnel ist Director of Fund Research bei Morningstar in den USA.)

Über den Autor

Russel Kinnel  Russel Kinnel is Morningstar's director of mutual fund research. He is also the editor of Morningstar FundInvestor, a monthly newsletter dedicated to helping investors pick great mutual funds, build winning portfolios, and monitor their funds for greater gains. (Click here for a free issue). Mr. Kinnel would like to hear from readers, but no financial-planning questions, please. Follow Russel on Twitter: @russkinnel.