„Eurozone wurstelt sich weiter durch die Krise“

Prominente Volkswirte sehen kein Ende für den Euro – aber auch keinen rechten Antrieb für nachhaltige Krisenlösung. Eindrücke von der Morningstar Investment Conference in Frankfurt.

Ali Masarwah 14.11.2012

Wo würde ein in volkswirtschaftlichen Belangen beflissener Marsmensch beim Blitzbesuch auf der Erde im Jahr 2012 die größten Probleme verorten? Nun, er könnte versucht sein, eine handfeste Krise in Japan, Indien oder den USA vermuten. Dort sind die Haushaltsdefizite am höchsten. Der Außerirdische könnte aber auch anhand der Schuldenstandsquote – erneut – auf Japan und die USA tippen. Oder er könnte anhand des Leistungsbilanzdefizits wiederum Indien in der Krise vermuten. Oder Großbritannien.

Und was ist mit der Eurozone? Der, so Peter Bofinger, sehe man die Krise aus der Vogelperspektive nicht an. Wer die klassischen Datenkränze begutachte, auf die Volkswirte üblicherweise schauen, käme nicht auf die Idee, dass die Eurozone seit nunmehr gut 24 Monaten durch eine handfeste Schuldenkrise taumelt. Diese Meinung äusserte der prominente Volkswirt, Professor an der Universität Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der im Volksmund auch als Rat der „Wirtschaftsweisen“ bezeichnet wird. Er hielt auf der Morningstar Investment Conference in Frankfurt am 13. November ein „Plädoyer für den Euro“.

Wider den Mainstream: „Der Euro 2.0“

Nun ist hinlänglich bekannt, dass Bofinger eher eine Minderheitenmeinung innerhalb der Gilde der Volkswirte vertritt. Während das Gros der Experten einen harten Konsolidierungskurs in Südeuropa fordert und den Rettungsprogrammen der Europäischen Zentralbank zumindest skeptisch bis zurückhaltend gegenübersteht, kritisierte Bofinger auf der Morningstar-Konferenz die derzeitige Austeritätspolitik. Sie stelle das größte Risiko für den Euroraum dar. „Es war immer nur die EZB, die den Laden zusammengehalten hat und nicht die Anstrengungen der Länder“, kritisierte Bofinger die Linie vor allem der Nord-EU-Staaten. Er äußerte die Befürchtung, dass den Euro-Staaten infolge der prozyklischen Politik im kommenden Jahr eine verschärfung der Rezession droht.

Bofinger hält einen konzeptionell großen Wurf für den Euroraum für nötig. In Bofingers „Euro 2.0“-Vorschlag ist eine direkte Überwachung der Haushaltspolitik von Ländern mit exzessiven Defiziten durch die Euro-Finanzminister vorgesehen. Als ultima ratio sei auch der Ausschluss von Ländern mit einer unsoliden Finanzpolitik möglich. Allerdings – und das dürfte dem Konsens diametral entgegenstehen – fordert Bofinger auch eine Gemeinschaftshaftung und ein Schuldentilgungspakt, was auch die Emission von Eurobonds vorsieht. Die bereits angegangene Bankenregulierung unter der Ägide der EZB sei ein erster Schritt zu einer integrierten Aufsicht. Auch eine Restrukturierung der Banken sei nötig.

Alles nur Fantastereien eines Alt-Keynsianers? Was Kritiker als Rezept für einen Staatsbankrott in Deutschland oder Quelle einer Hyperinflation bemängeln, ist eher ein mutiger Entwurf zur Rettung der Eurozone durch eine breit angelegte Integration – welche die Gründungsväter des Euro versäumt haben, als sie sich auf eine monetäre Union beschränkten.

Als das wahrscheinlichste Szenario sieht Bofinger allerdings - realistischerweise? - ein Ausbreiten der „japanischen Krankheit“, zu Deutsch: ein „Durchwusteln“. Dies sei wahrscheinlicher als der große Wurf. „Die Sparprogramme führen zu anhaltender Stagnation, die Banken bleiben schwach, und es findet eine zunehmende Finanzierung der Problemländer durch die EZB statt“, befürchtet Bofinger eine deflationäre Kettenreaktion. Eine unkontrollierte Auflösung sieht der deutsche Wirtschaftsweise indes nicht.

„Die typisch europäische Art der politischen Evolution“

Teilweise Zustimmung erntete Bofinger von Professor Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Er bezeichnete bei seinem Vortrag die EU-Politik allerdings vornehmer als die „typisch europäische Art der politischen Evolution“. Unterschiedliche Interessen auf einen Nenner zu bringen, gehe nun einmal nur langsam voran. Das sei auch der Grund, warum Europa international zu Unrecht unterschätzt werde, so Heise.

Heises optimistischer Tenor manifestierte sich auch in der erwarteten Wirtschaftsentwicklung: Er rechnet mit einem BIP-Wachstum 2013 von 1,5% in Deutschland. Das ist sehr ambitioniert, wenn man bedenkt, dass selbst die Bundesregierung jüngst ihre BIP-Wachstumsschätzung von 1,6 auf 1,0% für das kommende Jahr reduzierte. Bofinger bzw. der Rat der Wirtschaftsweisen kam in der vergangenen Woche zum Schluss, dass die deutsche Wirtschaft 2013 nur mit 0,8% wachsen werde.

In einem Punkt gingen die Meinungen der Volkswirte indes auseinander: „Eine Austerität, was ja Enthaltsamkeit heißt, sehe ich in den Euro-Südstaaten nicht“, so Heise. Nach wie vor werde in den Euro-Südstaaten mehr konsumiert und investiert als produziert. Das Leistungsbilanz-Defizit sei nach wie vor manifest. „Wie soll man aus der Krise anders rauskommen als mit Sparen“, so der Chefvolkswirt der Allianz.

In einem anderen Punkt war die Übereinstimmung der Meinungen der beiden Volkswirte indes total: So lange die sogenannte financial repression weitergehe, sei nicht mit einem Anstieg der Zinsen und damit der so panisch gefürchteten Inflation zu rechnen. Während der Investor Heise für das fortdauernde Renditetief bei sicheren Bundesanleihen auch „strukturelle Gründe“ ausmachte, wie etwa die Verknappung des Angebots an sicheren Assets, argumentierte Bofinger aus der Makrosicht. „Es gibt keine Inflationsgefahr, denn die Geldmenge M3 ist stabil“. Auch wenn die Geldbasis durch die Bankenstützungsaktionen der EZB gestiegen ist, gelange das Geld nicht in den Wirschaftskreislauf. Bofinger: „Es werden keine Kredite vergeben, die Banken horten Cash“.

Eine Inflation sei erst dann wahrscheinlich, wenn die expansive Linie der Notenbank auch auf den Wirtschaftskreislauf überschwappe. „Wenn die Preise in der Breite steigen, setzen Unternehmen ihrerseits Preiserhöhungen durch, die Löhne steigen, und dann steigt die Inlation: einen Trend zu fulminanten Lohnerhöhungen sehe ich aber nicht“, so Bofinger.

Sollte die Eurozone dem US-Beispiel folgen?

Die typisch deutsche Diskussion über die besten Wege aus der Eurokrise dürfte für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar sein – und dafür muss man nicht vom Mars kommen. Das zeigten die Kommentare von Mark Burgess, Chief Investment Officer der britischen Fondsgesellschaft Threadneedle, in der anschließenden Podiumsdiskussion. Noch stärker als Bofinger mahnte er ein Ende der Sparprogramme in den südlichen Eurostaaten an. Nicht nur, dass dieser Weg fundamental falsch sei, weil er Europa sicher in die Rezession stürzen werde: „Bei Arbeitslosenquoten von 25% in Griechenland und in Spanien ist der soziale Zusammenhalt in diesen Ländern bedroht“, warnte Burgess. Die EU-Politiker müssten ihre Linie überdenken und dem US-Beispiel folgen.

Die Amerikaner fluten mit einer expansiven Geldpolitik die Märkte und versuchen auch, mit dem so genannten „QE3“-Programm die US-Wirtschaft zum Wachstumskurs zurückzubringen. Auf eine derartige Linie in der europäischen Politik dürften nicht einmal Keynsianer vom Schlage eines Peter Bofinger zu hoffen wagen.

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Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich