„Schatz, es ist ernst, ich übernehme das Ruder!“

In Krisenzeiten nehmen Anleger das Heft selbst in die Hand – mit unschönen Folgen für ihre Portfolios. Neues aus der Hexenküche der Verhaltensökonomie.

Ali Masarwah 27.11.2012

Aktien-Investoren tendieren dazu, in Zeiten von Finanzkrisen das Ruder selber in die Hand zu nehmen. Auch wenn man Privatanlegern typischerweise unterstellt, bei Marktverwerfungen aus dem Aktienmarkt zu flüchten, neigen sie (auch) dazu, Aktienfonds zu verkaufen und im Gegenzug auf einzelne Titel zu setzen. „Sie reduzieren die Delegation an Fondsmanager und machen damit genau das Falsche, weil sie die Diversifikation ihrer Portfolios verringern. Das drückt auf die Sharpe Ratios“, sagte Martin Weber, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Mannheim, bei der Vorstellung einer aktuellen Studie auf der Morningstar Investment Conference 2013 Mitte November. 

Weber, einer der renommiertesten Experten der wissenschaftlichen Disziplin der Verhaltensökonomie, hat in der Studie 40.000 (anonymisierte) Kundendaten einer deutschen Direktbank während der zwei Finanzmarktkrisen 2008/09 und Herbst 2011 untersucht. Dadurch konnte er das Trading-Verhalten von selbst entscheidenden Anlegern lückenlos nachvollziehen. Es waren keine Finanzvermittler zwischengeschaltet, sodass man die menschlichen Affekte der Investoren „live“ und ohne Störgeräusche verfolgen konnte.

Die Lehre von der Verhaltensökonomie, in der Fachsprache auch Behavioural Finance genannt, geht menschlichen Verhaltensweisen auf den Grund, die Investoren typischerweise zu irrationalen und zumeist unvernünftigen Entscheidungen hinführen. Typische Fehler sind: eine selektive Wahrnehmung, das Handeln nach dem berühmten Bauchgefühl, eine hohe Verlustaversion, die häufig mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten gepaart ist; menschliche Affekte sind selten guten Ratgeber für Investoren, worauf wir wiederholt in der Vergangenheit hingewiesen haben (lesen Sie hier weiter).

Hektisches Hin und Her im Depot während der Krise

Wie die untere Grafik zeigt, haben Aktien-Anleger in Webers Studie zwischen September 2008 und März 2009 sowie zwischen August und Oktober 2011 ihre Portfolios auf markante Weise verändert. Die untere Grafik zeigt, dass in beiden Phasen Anleger den Fondsanteil signifikant reduziert haben. Anleger entzogen ihren Aktienfondsmanagern das Vertrauen und kauften im Gegenzug Aktien. Dies wird durch den Knick der schwarzen Linie nach unten während der beiden Finanzkrisen illustriert (rot umrandet). Sie zeigt den Rückgang der Aktienfondsquote in den untersuchten Portfolios. Der Fondsanteil eines 100-prozentigen Aktienportfolios sank demnach von rund 50% Anfang 2007 auf 42% im Oktober 2011.

Grafik: Die Quote der Direktanleger steigt 2008/09 und 2011 deutlich an

Quelle: Universität Mannheim

„Interessant ist dabei, dass die Anleger in Krisenzeiten immer häufiger Aktien und zumeist auch Indexfonds gekauft haben als in normalen Zeiten, während sie in der Krise weniger aktive Fonds gekauft haben als in Nichtkrisenzeiten üblich. Egal, was sie verkauft haben, sie sind seltener in aktive Fonds gegangen“, so Weber weiter. Er erklärte die Motivation der Anleger anekdotisch mit einer fiktiven Gesprächssituation zwischen einem Ehepaar, in welcher der Mann das Heft des Handelns mit den Worten in die Hand nimmt: „Schatz, es ist ernst, ich übernehme das Ruder“. Ganz aus der Luft gegriffen dürfte das nicht sein, denn der überwiegende Anteil der Depoteigner war entweder männlich (53,6%) oder es handelte sich um ein gemeinsames Depot (23,6%). Nur die Minderheit der Depoteigner war Frauen (22,9%).

Weitere Erkenntnisse der Studie der Universität Mannheim: Anleger tendierten in Krisenzeiten überproportional häufig dazu, deutsche Aktien und dabei vor allem Standardwerte aus dem DAX zu kaufen. Darüber hinaus zeigten sie sich in Krisenzeiten von volatileren Aktien angezogen und setzten dabei stärker auf Aktien, die im Monat zuvor überproportional hohe Verluste verzeichnet hatten.

Nicht schuldig blieb Professor Weber den Teilnehmern unserer Konferenz die Folgen dieser erratischen Verhaltensweisen für die Performance. Das untere Schaubild vergleicht die Performance der Portfolios von je 4 Anlegergruppen während (Panel B) und nach der Krise 2008/2009 (Panel C).

 

Tabelle: und wie verhält es sich mit der Performance?

Quelle: Universität Mannheim

Während der Krise mussten Anleger, die konstant auf Aktien gesetzt hatten, mit einem monatlichen Minus von 7,4% die schlechteste Performance und die höchste Volatilität (20,3%) hinnehmen. Am besten schnitten die Anleger ab, die mit Fonds eine Buy-und-hold-Strategie fuhren (minus 5,9% monatlich). Wer in der Krise in aktive Fonds allokierte, schnitt mit minus 6,2% im Durchschnitt leicht schlechter ab, als der Anleger, der die Delegation an Fondsmanager reduzierte, also Fonds verkaufte und Aktien erwarb. Letztere Gruppe verlor 6,3% bei einer Volatilität von 13,3%.

Noch deutlicher waren die negativen Folgen der Fonds-Desinvestition für Anleger in der nachfolgenden Erholungsperiode. Mit einem Plus von 1,2% monatlich fuhren sie von allen 4 Anlegergruppen die schlechtesten Renditen ein. „Das zeigt, dass es Privatanleger nicht so gut können wie die Profis“, so das Resümee von Martin Weber.

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Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich