ETFs: Es war einmal eine Wachstumsbranche

Aktive Fonds wuchsen zuletzt schneller als ETFs - und es gibt gute Gründe, warum 2013 kein Ausrutscher gewesen sein muss.

Ali Masarwah 07.02.2014

Es geht schon sein Jahren eine Geschichte um: ETFs sind die Wachstumsstory der Vermögensverwaltungsindustrie! Derweil die Branche der aktiv verwalteten Fonds stagniere und sogar mit rückläufigen Wachstumsrate zu kämpfen habe, eilen ETFs von Rekord zu Rekord, so die allgemeine Wahrnehmung. Kräftigen Rückenwind erhalten die Indexvehikel durch die Darstellung in den Medien: Aktive Fonds befriedigten die Kickback-Gier maßloser Berater, derweil ETFs mit niedrigen Kosten Anleger glücklich machten. Mit anderen Worten: Die Geschichte der ETFs ist zu einer Legende geworden.

Dieses Bild ist indes nicht durch die Realität gedeckt. Zumindest was die Legende vom ewigen Wachstum anbelangt. In Europa sieht es für ETFs mitnichten rosig aus. Genauer gesagt: ETFs haben in Europa ein richtig mieses Jahr hinter sich. Die Wachstumsraten der vermeintlichen Wachstumsbranche liegen sogar deutlich hinter denen der aktiv verwalteten Fonds. Und es ist nicht gesagt, dass 2013 ein Ausrutscher gewesen sein muss.

Aktiv versus passiv in neuem Licht betrachtet

Wie aus unseren europäischen Absatzdaten für Fonds hervorgeht, konnten aktiv verwaltete Fonds im vergangenen Jahr mit ordentlichen Wachstumsraten punkten. Das organische Wachstum der in Europa domizilierten aktiv verwalteten Fonds (ex Geldmarktfonds) belief sich 2013 auf gut 6,3 %. Diese Zahl ergibt sich, wenn man nur die Mittelflüsse in Fonds und nicht die Markt-Performance als Wachstumsfaktoren in Rechnung stellt.

Demgegenüber belief sich das organische Wachstum bei ETFs in Europa (wiederum ex Geldmarktprodukte) auf 4,6 Prozent. Das erscheint dürftig.

Nun beeilen sich die Vertreter der ETF-Branche auf zwei Punkte hinzuweisen. Zum einen, so die aus der ETF-Wachstumslegende abgeleitete Erklärung, hätten die hohen Abflüsse aus Gold-ETFs und anderen Rohstoff-ETPs das Bild 2013 verzerrt. Zum anderen hätten die Verkäufe eines oder mehrerer großer Investoren – es dürften asiatische Staatsfonds gewesen sein – zu extrem hohen Abflüssen aus dem db x-trackers DAX-ETF geführt. Gut 5,7 Milliarden Euro flossen im vergangenen Jahr aus diesem Produkt. Das, so die Botschaft, seien Sondereffekte.

Beide Argumente klingen auf den ersten Blick plausibel. Und sind doch nur der unzulässige Versuch, auf Teufel komm raus die Wachstumslegende aufrecht zu erhalten. Sie sind somit zurückzuweisen.

Operatives Geschäft oder Sondereffekte?

Warum? Weil großvolumige Mittelbewegungen für ETFs keine außerordentlichen Ereignisse darstellen. Die hohen Abflüsse aus Rohstoff-ETFs und –ETCs sowie aus dem DAX-ETF der Deutschen Bank im vergangenen Jahr spiegeln einen vollkommen normalen Geschäftsverlauf wider, der für die von institutionellen Anlegern dominierte Branche üblich ist. Hinter den Geldbewegungen stehen Asset-Allocation-Entscheidungen der Profis. Und wenn asiatische Staatsfonds oder andere Großanleger ihre Portfolios umstellen, kann das durchaus Milliarden-Volumina bewegen. Das ist der Alltag im Vermögensverwaltungsgeschäft und mithin keine Ausnahme.

Wer hohe Zuflüsse als normalen Geschäftsverlauf und hohe Abflüsse als Sondereffekte darstellt, geräte argumentativ schnell ins Schlingern. Logischerweise müsste man die Zuflüsse in Gold- und Rohstoff-Produkte 2008 und 2009 als Ausnahme von der Regel abhaken. Mir ist keine derartige Darstellung durch die ETF-Branche erinnerlich. (Kein Wunder, denn dann wäre auch eine der Grundlagen der Wachstumslegende erschüttert, ja mithin die Wachstumsstory selbst als eine Art Konstantinische Schenkung entlarvt).

Doch es kommt noch schlimmer. Auch in den Plain-Vanilla-Asset-Klassen wächst die Indexfonds-Branche nicht so stark wie gemeinhin angenommen. Aktien-ETFs wuchsen unter dem Strich nur um 7,9% im vergangenen Jahr. Das ist kein neues Phänomen. Die Wachstumsraten sind schon seit Jahren ziemlich mager und bewegen sich seit 2010 im mittleren einstelligen Bereich. Es hat bisher nur kaum jemand gemerkt.

Auch das vermeintliche Wachstumssegment der Bond-ETFs vermag derzeit nicht zu überzeugen. Zwar wuchs das in Bond-ETFs investierte Vermögen 2013 mit einer Rate von 18%, was auf den ersten Blick beeindruckt. Das ist indes für eine recht junge Produktpalette nicht so viel, wie es zunächst anmutet, zumal die organische Wachstumsrate 2012 noch bei 22,5 Prozent lag und schon 2009 und 2010 einen Höhepunkt erreichte (als die Assets noch sehr gering waren).

Gut möglich, dass vor diesem Hintergrund die ambitionierten Wachstumsziele, die die Branche unverdrossen aufruft, nicht viel mehr sind als berühmte Pfeifen im Walde. Die Branche der aktiven Fondsmanager hat es in den vergangenen Jahren vermocht, einen recht breiten und tiefen Graben um viel versprechende Geschäftsfelder zu ziehen, welche die ETF-Branche aller Voraussicht nach auch mittelfristig nicht überwinden wird.

Sackgasse für ETFs: Mischfonds, alternative Fonds, Wandelanleihefonds

Mischfonds, alternative Fonds und Wandelanleihen sind drei Sektoren, in denen die Branche der aktiven Fonds im vergangenen Jahr mit höchst beeindruckenden Wachstumsraten aufwarten konnte. Mischfonds konnten 2013 europaweit mit Zuflüssen von 94,65 Milliarden Euro absolut von allen großen Fondskategorien das meiste Geld einsammeln, und sie legten auch mit 17% ein sehr ordentliches organisches Wachstum hin. Alternative Fonds wuchsen um 26,6%, Wandelanleihefonds sogar um 27,3 Prozent (lesen Sie mehr zum Fondsabsatz 2013 hier)

Natürlich könnte es sein, dass sich mit steigenden Aktienmärkten und wachsendem Optimismus auch die Laune der ETF-Anleger verbessert und die Neuanlagen wieder sprudeln werden. Das käme den Plain-Vanilla-ETFs auf DAX, SMI und Co. zugute - dem Brot und Butter-Geschäft der ETF-Anbieter. Möglich ist schlussendlich auch, dass die Branche mit einer neuen ETF-Generation – die Rede ist von „Smart Beta“ – den Nerv der Anleger treffen wird. Die bis dato soliden Wachstumsraten dieser Produkte verschleiern jedoch, dass die Asset-Basis dieser Produkte nach wie vor sehr klein ist und weniger als 5% der in ETFs investierten Assets europaweit ausmacht. Hier wäre also exponentielles Wachstum gefragt.

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.