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ETFs: Wachstumsbranche mit Fragezeichen

Die ETF-Branche ist in diesem Jahr zwar wieder auf Wachstumskurs. Die Treiber des Wachstums werfen allerdings Fragen auf. Mischfonds, alternative Fonds und Wandelanleiheprodukte sind wichtige Abwehrwaffen der "Aktiven".

Ali Masarwah 27.06.2014

Indexfonds sind sexy, Indexfonds lassen aktiv verwaltete Fonds alt aussehen, Indexfonds wachsen stark. Spiegelbildlich liefern aktive Fonds nicht, was sie versprechen. Sie sind teuer, nicht performant. Western von gestern also. Das sind die (lebenden) Legenden, welche die Vertreter der ETF-Branche gerne verbreiten. Und bei den Medien und vielen Anlegern Gehör finden. Entsprechend werden ambitionierte Wachstumsziele ausgerufen – man hört, dass bis zu 20, 30% der in Fonds investierten Gelder mittel- bis langfristig in Indexfonds und ETFs investiert sein könnten. (In den USA liegt die "Passiv-Quote" derzeit bei rund 22%).

Es gibt Gründe, die für diese - je nach Perspektive - optimistische bzw. pessimistische Sicht der Dinge sprechen. Allerdings sollten die aktuellen Trends nicht aus den Augen verloren werden. Man liefe sonst Gefahr, den Wald vor lauter luftiger Prognosen nicht zu sehen. Wir haben uns deshalb das Wachstum von ETFs und aktiven Fonds europeweit etwas genauer angesehen.

2013 war kein gutes Jahr für die ETF-Anbieter in Europa 

Rückblende: Zu Beginn dieses Jahres hatten wir den für viele vermutlich überraschenden Befund zutage gefördert, dass die Wachstumsbranche im Jahr 2013 im Vergleich zu aktiv verwalteten Fonds geschwächelt hat. Das organische Wachstum der in Europa domizilierten aktiv verwalteten Fonds (ex Geldmarktfonds) belief sich 2013 auf gut 6,3 %. Diese Zahl ergibt sich, wenn man die Markt-Performance aus dem Fondsvermögen herausrechnet und die Veränderung im Fondsvermögen auf die Mittelflüsse reduziert. Demgegenüber belief sich das organische Wachstum bei ETFs in Europa (wiederum ex Geldmarktprodukte) auf 4,6 Prozent. Das erscheint dürftig für eine gerade einmal 14 Jahre alte Branche (lesen Sie hier mehr).

Wir haben per Ende Mai 2014 den Schnitt gemacht und eine Zwischenbilanz für dieses Jahr gezogen. Heute stellt sich die Lage auf den ersten Blick anders dar. Während aktiv verwaltete Fonds per Ende Mai ein organisches Wachstum von 3,47% hinlegten, wuchsen börsennotierte Indexfonds in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 6,43%, also fast doppelt so stark. 

Wo die Quellen des Wachstums sind

Sind ETFs also wieder auf Wachstumskurs? Gemach. Interessant ist nun der Blick auf die Details. ETFs profitierten 2014 bislang nicht nur von den Geldern, die ihnen zuflossen, sondern auch von denen, die nicht abflossen: sprich: von der Stabilisierung der Rohstoffprodukte. Im vergangenen Jahr hatten Rohstoff-ETFs und –ETCs im Soge des abstürzenden Goldpreises bzw. den Abflüssen aus Gold-ETFs das Wachstum der Indexfondsbranche deutlich gebremst. In diesem Jahr traten diese Produkte auf der Stelle und traten so zumindest nicht als Negativfaktor in Erscheinung.

Aktien-ETFs dagegen, die mit Abstand größte Produktgruppe bei den Indexfonds, wuchsen mit 4,6% und damit unterdurchschnittlich. Das stärkste organische Wachstum unter den großen Gruppen generierten Bond-ETFs, die um 16,2% zulegten. Alternative ETFs wuchsen mit 4,6%, und das starke Wachstum bei gemischten ETFs von 16,2% muss angesichts der Größe dieser Gruppe relativiert werden: Die acht Misch-Produkte kamen per Ende Mai auf ein Vermögen von gerade einmal 193 Millionen Euro und sind damit eine vernachlässigenswerte Größe.

Wo steht also die tatsächliche oder vermeintliche Wachstumsbranche heute? Ohne Geldmarktfonds sind derzeit in europäischen börsennotierten Indexvehikeln knapp 333 Milliarden Euro investiert. Das ist ohne Zweifel viel und nahe des historischen Höchststands. Verglichen mit den aktiv verwalteten Fonds sind ETFs allerdings nach wie vor in Europa eher eine Randerscheinung. Aktiv verwaltete Fonds brachten per Ende Mai 4.914 Milliarden Euro auf die Waage. ETFs machen also gerade einmal 6,8% des verwalteten Vermögens der aktiven Fonds bzw. 6,3% des gesamten europäischen Fondsmarkts aus. Das rückt das Wachstum von 6,43% in ein etwas anderes Licht. Sturm und Drang sieht anders aus.

Können Bond-ETFs Investoren glücklich machen?

Schaut man sich nun das derzeitige Wachstumssegment bei ETFs an, ergeben sich Fragezeichen über die weiteren Perspektiven. Das mit Abstand größte Vermögen in Bond-ETFs steckt in Produkten auf klassische EUR-Staatsanleihe- und EUR-Unternehmensanleihen-Indizes. Sie bringen 17 bzw. 16 Milliarden Euro auf die Waage, und sie wachsen organisch in diesem Jahr mit 17,5 bzw. 14,4% gut bzw. ordentlich. Doch angesichts des Niedrigzinsumfelds stellt sich die Frage, ob diese beiden Bereiche auch künftig gefragt sein werden. Oder auch sollten. Gerade mit Blick auf die steigenden Zinsänderungsrisiken für Anleger infolge der immer längeren Laufzeiten dieser Indexprodukte – die durchschnittlichen Laufzeiten verschieben sich bei den diesen ETFs unterliegenden Indizes auf der Zeitachse fortlaufend nach rechts – sind Zweifel erlaubt, ob klassische Bond-ETFs künftig so gefragt sein werden wie heute.

Bleibt das Thema Strategic Beta, das sich nicht auf die einzelnen Asset-Klassen herunterbrechen lässt, weil sich alternative Indizes sowohl bei Aktien als auch bei Bonds finden lassen. Laut unseren Berechnungen machen ETFs, die das Vermögen nicht nach Marktkapitalisierung (bzw. bei Bonds nach Verschuldungsgrad der Emittenten) gewichten, gut 4% des ETFs-Universums Europaweit aus. Diese Produkte setzen sich wiederum vorwiegend aus Dividenden-Aktien-ETFs zusammen, und die haben sich in der Vergangenheit angesichts mäßig ihrer mäßig intelligenten Konstruktionsweise anfällig für Blasenbildungen erwiesen. (Dividenden-ETFs waren 2008 in hohem Maße in Banken investiert).

Alternative Fonds, Mischprodukte und Wandelanleihen stärken Fonds

Angesichts dieses Befunds stellt sich die Lage für aktiv verwaltete Fonds nicht unbedingt schlecht dar: Sie wachsen vor allem in Bereichen, die für ETFs auch künftig kaum zugänglich sein werden. In diesem Jahr wuchsen Mischfonds um 7,4%, Wandelanleihefonds legten um 11,2% zu, und alternative Fonds, die Hedgefonds ähnliche Strategien verfolgen verzeichneten sogar ein organisches Wachstum von 13,93%. Angesichts des ordentlichen Volumens dieser Fondsgruppen – wir sprechen von gut 1.000 Milliarden Euro – handelt es sich keinesfalls um eine Randerscheinung, sondern um einen gesunden, stark wachsenden Branchenkern.

Sorgen können sich die Manager aktiver Fonds zwar sehr wohl um ihr wichtigstes Produktsegment machen: Aktienfonds. Sie kommen auf ein Vermögen von 1.922 Milliarden Euro europaweit – mehr als in jeder anderen Fondsgruppe investiert ist. Mit einem organischen Wachstum von nur 1,3% treten aktiv verwaltete Aktienfonds auf der Stelle. Zu teuer, zu wenig performant, zu riskant, könnte die Diagnose lauten (lesen Sie mehr zu den Kosten aktiv verwalteter Fonds hier und zur Performance-Frage hier). Einerseits.

Smart muss nicht smart sein, sondern eher weniger als Beta  

Es stellt sich allerdings die Frage, ob ETFs wirklich eine Gefahrenquelle für die vielen mäßig performenden aktiven Aktienfonds darstellen. Aktien-ETFs wuchsen in diesem Jahr gerade einmal um 4,6%. Dieses mäßige Wachstum sollte den Verantwortlichen der ETF-Branche zu denken geben. Wenn die Schwächen der aktiven Fonds so offen zutage treten, warum erfolgt dann nicht der Run auf Plain-Vanilla-Aktien-ETFs? Zumal sich die ETF-Branche gerade mit Preissenkungen fast im Wochentakt immer aufs Neue überbietet (lesen Sie hier mehr).

Vermutlich erklärt die Stagnation bei Aktien-ETFs in gewisser Weise, warum sich die Marketing-Aktivitäten der Indexfondsanbieter derzeit auf – tatsächlich oder vermeintlich – smarte Produkte konzentrieren. Die Entscheider der ETF-Branche sollten allerdings bedenken, dass sie mit aktiven Index-Produkten Gefahr laufen, in die Outperformance-Falle zu laufen, die bei aktiven Fonds derzeit so brutal zuschnappt. ETFs sind der Idee nach einfache, transparente und – vor allem – günstige Produkte. Die Branche könnte gut beraten sein, sich ihrer Wurzeln bzw. ureigenen Stärken zu besinnen.

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.