ETF-Leiheerträge: „Was springt für mich dabei heraus?“

Mit zunehmender Fixierung des ETF-Marktes auf physisch replizierende Produkte sollten sich Anleger verstärkt der Frage widmen, welche Leiheerträge ihr ETF erzielt.  

Ali Masarwah 07.11.2014

Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat Anfang 2013 einige neue Regeln ETFs betreffend erlassen. Unter anderem stellte die ESMA klar, dass die Erträge, die aus der Wertpapierleihe erzielt werden, den Anlegern zustehen. Sie wies die ETF-Anbieter an, sämtliche Nettoerträge, die aus der Leihe generiert werden, dem Anleger bzw. seinem ETF gutzuschreiben. Anbieter dürfen laut ESMA freilich die Kosten, die beim Leiheprozess entstehen,  den Bruttoerträgen entnehmen. Leider ging die Aufsicht in ihrer Regelung nicht weit genug. Denn sie äußerte sich nicht zur Frage, was in den Posten „Leihekosten“ einzurechnen ist und was nicht. 

Kostenbestandteile bleiben zumeist im Ungefähren

Wie unsere aktuelle Marktübersicht zum europäischen ETF-Markt zeigt, interpretieren die ETF-Anbieter die Kostenfrage sehr unterschiedlich. In der Praxis werden 10 bis 40% der Bruttoleiheerträge als Kosten definiert. Netto ist eben nicht gleich Netto. 

In den vergangenen Monaten haben wir einige Neuerungen mit Blick auf die Aufteilung der Leiheerträge festgestellt. Anfang des Jahres änderte stellte State Street die Praxis bei seinen SPDR ETFs um. Seit Januar 2014 bekommen Anleger 70% der Bruttoerträge gutgeschrieben statt vorher 60%. iShares und EasyETF gehen nunmehr auch stärker auf ihre Anleger zu: beim Marktführer bekommen Anleger nunmehr 62,5% statt 60% gutgeschrieben, bei EasyETFs sind es sogar 80% statt zuvor nur 45%. 

In einer weiteren Entwicklung hat sich HSBC inzwischen komplett von seinem Leiheprogramm verabschiedet – was den Briten vermutlich keine große Überwindung gekostet hat, da sein Umfang minimal war. Die UBS wiederum verleiht nunmehr nur noch maximal 50% ihrer ETF-Portfolios statt zuvor 100%. (Die sie in der Praxis nach unserer Beobachtung freilch nicht ausgeschöpft hatte.) 

Insgesamt ist der Umfang der Wertpapierleihe in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen. In diesem Jahr verliehen 80% der physisch replizierenden ETFs im Schnitt weniger als 10% ihres Wertpapierbestands. Vor zwei Jahren lag die Quote noch bei 58%. Heute verleihen nur 4% der ETFs im Schnitt über 50% ihrer Portfolios nach 18% in der vorperiode, wie aus der unteren Übersicht hervorgeht. 

Tabelle: Wie intensiv ETFs in Europa Wertpapierleihe betreiben

Doch was macht die Wertpapierleihe für den ETF-Anbieter bzw. für den Anleger in der Performance-Praxis aus? Grundsätzlich gilt die Maxime, dass die Verleihung von Aktien höhere Erträge bringt als Bonds und dass liquidere Werte weniger Leiheerträge generieren als illiquide. Als Performance-Quelle ist die Wertpapierleihe nicht zu verachten, sie schwankt allerdings von ETF zu ETF bzw. von Anbieter zu Anbieter mitunter erheblich. 

Einige Beispiele: 2013/2014  waren im Schnitt knapp 20% des Portfolios des db x trackers Euro STOXX Select Dividend 30 ETF verliehen. Der Fonds erhielt dafür (Netto-) Erträge von 23,5 Basispunkten. In der selben Periode waren 24% des iShares MSCI Turkey verliehen. Der ETF vereinnahmte dafür Nettoerträge von 11,4 Basispunkten. Der SPDR MSCI Europe Information Technology ETF hatte 20% seines Portfolios verliehen und schrieb seinen Anlegern dafür 13 Basispunkte gut. 

Deutlich magerer die Erträge auf der Bond-Seite. 2013-2014 waren im Schnitt 45% des Portfolios des iShares Euro Government Bond 7-10 yr ETF verliehen. Dem standen Erträge von 4 Basispunkten entgegen. Beim Deka ETF Deutsche Börse Eurogov France 3-5 waren im selben Zeitraum im Schnitt sogar 73% des Portfolios verliehen. Dem Fonds wurden ebenfalls 4 Basispunkte gut geschrieben.

Hier gelangen Sie zu unserer breit angelegten Untersuchung auf Englisch, die in dieser Woche erschienen ist. 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.