Trend zur Nachhaltigkeit treibt Veränderungen in der Unternehmenswelt voran

Das Beispiel USA zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen in kurzer Zeit eine durchschlagende Wirkung in der Unternehmenswelt haben können. Seit wenigen Jahren beeilen sich immer mehr US-Unternehmen, einen nachhaltigen Kurs einzuschlagen. Einige Details, die auch für europäische Anleger relevant sind.  

Jon Hale 21.05.2020

Lange Zeit bewegte sich in Corporate Amerika herzlich wenig in Sachen Nachhaltigkeit. Anleger, die nachhaltig und verantwortungsbewusst investieren, waren lange Zeit als Exoten verschrien. Doch das hat sich in wenigen Jahren rapide verändert, viele Unternehmen denken in Sachen Nachhaltigkeit um. Das liegt weniger als nur an den Investoren, die zwar zahlreicher geworden sind, aber immer noch verschwindend klein sind im Vergleich zu Anlegern, die keine ESG-Präferenzen zeigen.

Das Umdenken hat im Wesentlichen zwei Gründe. Der erste ist der Klimawandel, der immer mehr Verbraucher umtreibt; der zweite ist die wachsende Kritik am Shareholder Value Prinzip, das unternehmerische Handeln in den vergangenen Jahrzehnten geprägt hat. Heute spricht man indes vom Stakeholder Value und ist damit – spät – zur Erkenntnis gekommen, dass Unternehmen nicht nur die Interessen der Aktionäre berücksichtigen müssen, sondern auch die Rechte von Arbeitnehmern und gesellschaftliche Prioritäten in ihre Strategien einbeziehen müssen. 

BlackRock gibt den Takt vor - auch für Unternehmen 

Was waren die Meilensteine dieser Entwicklung? Einige lassen sich benennen. Zu Beginn dieses Jahres hat BlackRock, der weltweit größte Vermögensverwalter, angekündigt, dass Nachhaltigkeit sein „neuer Standard“ bei Investments sein werde. BlackRock-Chef Larry Fink schrieb der Unternehmenswelt ins Stammbuch, dass „der Klimawandel zu einem bestimmenden Faktor“ in den langfristigen Aussichten ihrer Unternehmen geworden sei. Und wer will dem größten Anleger der Welt offen widersprechen? 

Darüber hinaus haben sich neben BlackRock drei prominente US-Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit und dem Prinzip des Stakeholder Value verpflichtet. So kündigte Microsoft an, bis 2030 eine negative CO2-Bilanz aufzuweisen und seine Kohlenstoffemissionen der Vergangenheit bis zum 2050 zu beseitigen. Das Unternehmen kündigte darüber hinaus einen Klima-Innovationsfonds mit einem Vermögen von einer Milliarde Dollar an. 

Starbucks stimmte mit einer „neuen Nachhaltigkeitsverpflichtung“ ein. Die Kaffeekette will mit Blick auf Kohlenstoffemissionen, Abfallvermeidung und Wasserverbrauch sogar ressourcenpositiv werden. CEO Kevin Johnson kündigte neben einer „Verpflichtung für den Planeten“ an, dass man Wert für alle Stakeholder schaffen werde. 

Auch Airbnb versprach, sich künftig auf den Stakeholder Value zu konzentrieren. Das Unternehmen, das noch nicht an der Börse notiert ist und sich mit Fragen der Qualität und Zuverlässigkeit befasst hat, hat für alle seine Stakeholder Wertschöpfungsziele und Messgrößen zur Erfolgsmessung festgelegt, einen Stakeholder-Ausschuss im Vorstand eingerichtet und die Vergütung an den Gesamterfolg der Stakeholder gebunden. 

Boeing geht noch mit negativem Beispiel voran

Doch auch die Negativbeispiele werden helfen, einen Bewusstseinswandel in Corporate America durchzusetzen. Ein typisches Beispiel ist Boeing und der tragische Fall des Fliegers vom Typ 737 Max. Boeing ist ein Unternehmen, das im alten Paradigma des Aktionärs-Primats gefangen ist. Dafür werden Kosten gesenkt, um die Gewinne zu steigern, was bei der 737 Max zu betrieblichen Problemen und tragischen Flugabstürzen führte. 

Ein im November 2019 in "The Atlantic" erschienener Artikel beschreibt im Detail, wie Boeing in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine Kultur verändert hat, weg von seinen Wurzeln als ein von Ingenieuren geprägtes Unternehmen hin zu einer rein auf Gewinnerzielung ausgerichteten Firma. Der Wirtschaftsjournalist Joe Nocera argumentierte in einer Kolumne, dass Boeing „auf dem Wandel des Shareholder Value Qualität geopfert“ habe. 

Laut der Corporate-Governance-Expertin Nell Minow geschah dies unter der Führung eines Vorstands der „alten Schule aus den 1990-er Jahren“, der sich eng auf den Shareholder Value konzentriert und überbezahlt und überlastet sei mit mehrfachen Vorstandsbesetzungen und ohne einschlägige Fachkenntnisse in den Bereichen Technik und Flugsicherheit - ganz zu schweigen von der fehlenden Perspektive auf mehr Nachhaltigkeit, die das Unternehmen für die Zukunft dringend benötigt. 

Offensichtlich haben sich nicht alle Investoren und nicht alle Unternehmen mit Nachhaltigkeit und Stakeholder Value auseinandergesetzt, aber die Richtung für US-Unternehmen scheint klar zu sein: Für jede Boeing wird es mehrere BlackRocks, Microsofts, Starbucks und Airbnbs geben.

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Über den Autor

Jon Hale  Jon Hale is a consultant with Morningstar Institutional Investment Consulting.

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