Wie Unternehmen ihre Arbeitnehmer in Zeiten von Covid-19 schützen

Das „S“ in ESG steht für den sozialen Aspekt der Nachhaltigkeit. Wie steht es mit dem Gesundheitsschutz in stark exponierten Branchen in Zeiten von Covid-19? Die Analysten unserer Tochtergesellschaft Sustainalytics haben sich der Frage angenommen.  

Sustainalytics 21.05.2020

Im April 2020 schätzte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO), dass es im zweiten Quartal weltweit zu einem Rückgang der Arbeitszeit um 6,7% kommen werde. Es wären rund 195 Millionen Vollzeitbeschäftigte betroffen, vor allem in den Sektoren, die am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffen sind: Lebensmittelservice, Fertigung und Einzelhandel. 

Weltweit werden der IAO zufolge voraussichtlich die arabischen Staaten am stärksten mit 8,1 Prozent der Vollzeitbeschäftigten - das entspricht fünf Millionen Vollzeitbeschäftigten – am stärksten betroffen sein, gefolgt von Europa (7,8 Prozent oder zwölf Millionen Vollzeitbeschäftigte) und Asien/Pazifik (7,2 Prozent bzw. 125 Millionen Vollzeitbeschäftigte). Dabei sind schätzungsweise 20 Prozent der weltweit Beschäftigten entweder im Einzelhandel (14,5 Prozent) oder in der Gastronomie und im Beherbergungsgewerbe (4,2 Prozent) tätig. 

Eine von McKinsey-Analyse zum europäischen Arbeitsmarkt ergab, dass 74 Prozent der Gesamtbeschäftigung im Unterkunfts- und Lebensmittelsektor und 44 Prozent im Groß- und Einzelhandel gefährdete Arbeitsplätze sind. Kommen wir zu den Details der betroffenen Sektoren.

Einzelhandel und Bekleidung 

Der Einzelhandel gehört zu den von der Coronavirus-Krise an den stärksten betroffenen Branchen. Aufgrund ihres diskretionären Charakters (keine Produkte für den Primärgebrauch) ist die Branche besonders anfällig für Schocks wie eine globale Pandemie. Als sich das Virus weltweit auszubreiten begann, wurden nicht nur die Lieferketten in Asien unterbrochen, was zu Betriebsstilllegungen und Lieferverzögerungen führte, sondern führte auch zur Schließung von Geschäften in Schlüsselmärkten. 

Der State of Fashion Report, der von BoF und McKinsey im März 2020 herausgegeben wurde, wies darauf hin, dass die weltweite Modeindustrie (Bekleidungs- und Schuhbranche) 2020 im Vergleich zum Vorjahr aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus um 27 bis 30 Prozent schrumpfen werde. Das wird die bereits angeschlagene Branche zusätzlich treffen, die mit hohen Lagerbeständen und sich ändernden Verbraucherwünschen konfrontiert ist. 

Neben der Bewältigung von Umsatzeinbrüchen stehen Einzelhändler auch vor dem Dilemma, wie sie mit den Beschäftigten umgehen sollen, da die Geschäfte geschlossen sind und die Produktion sich verlangsamt. Die meisten Einzelhändler kündigten an, Geschäfte zu schließen, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten. 

Am 18. März kündigte Inditex an, dass es weltweit 3.785, also etwa 50 Prozent, seiner Geschäfte schließen werde. Das Unternehmen erklärte sich bereit, die Beschäftigten während der Schließung in voller Höhe zu bezahlen. Jüngste Berichte deuten jedoch darauf hin, dass Inditex für den Fall, dass die Situation über den April hinaus andauert, die Möglichkeit der Entlassung von 25.0000 Filialmitarbeitern prüft, um die Verluste auszugleichen; das Unternehmen ist jedoch verpflichtet, die Differenz zwischen der Arbeitslosenunterstützung und den Gehältern zu zahlen. 

Konkurrent H&M sieht sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert, da das Unternehmen wegen des Virusausbruchs vorübergehend 70 Prozent seiner Geschäfte geschlossen hat. Anfang April kündigte das Unternehmen an, dass es die Beschäftigten in den Geschäften für weitere zwei Wochen weiter bezahlen werde, dass das Unternehmen aber auch mit den Arbeitnehmervertretern Gespräche über den Abbau von Arbeitsplätzen in den Geschäften wegen des 46-prozentigen Umsatzrückgangs im März 2020 führe. 

Restaurants 

Das weltweite Herunterfahren der Wirtschaft und die damit verbundene Abriegelung von Städten war eine Katastrophe für „High Street“. Restaurants haben im Großen und Ganzen ihre Türen für die Kunden geschlossen, während sich einige von ihnen durch Lieferdienste oder Drive-Throughs und Mitnahmemöglichkeiten angepasst haben. Die US-National Restaurant Association (NRA) schätzt, dass bereits drei Millionen Arbeitsplätze in der Branche verloren gegangen sind, und diese Zahl könnte sich im nächsten Quartal auf bis zu sieben Millionen erhöhen. 

Für Restaurants, die weiterhin betrieben werden und in denen Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden, waren Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz noch nie so wichtig wie heute, und das Virus hat eine problematische Haltung der Industrie gegenüber ihren Beschäftigten schlaglichtartig deutlich werden lassen, eine Industrie, die weder im besten Interesse ihrer Mitarbeiter noch ihrer Kunden oder der allgemeinen Öffentlichkeit arbeitet. 

Kurz gesagt, die Arbeitnehmer in vielen Betrieben müssen zur Arbeit erscheinen, um bezahlt zu werden. Dieser Ansatz setzt Arbeitnehmer, die es sich nicht leisten können, auf einen Gehaltsscheck zu verzichten, durch Krankheitsfälle unter Druck. Laut US-Bundesdaten erhalten nur 25 Prozent der Beschäftigten in der Gastronomie in den USA bezahlten Krankheitsurlaub. 

Vor dem Hintergrund von COVID-19 führen einige multinationale Restaurantketten ihre Politik zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein oder verbessern sie. McDonald's hat eine neue Politik eingeführt, die den bezahlten Krankenstand von maximal fünf Tagen auf zwei Wochen erhöht, und zwar für diejenigen, die dem Coronavirus ausgesetzt oder damit infiziert sind. Die Richtlinie wurde jedoch auf firmeneigene Geschäfte angewandt, die nur sieben Prozent des Unternehmens und etwa 205.000 Beschäftigte ausmachen (Stand Ende 2019). 

Für die Millionen anderen Beschäftigten, die der Gnade der einzelnen McDonalds Franchisenehmer ausgeliefert sind, haben Streitigkeiten über Krankengeld und sanitäre Einrichtungen zu Protesten und Arbeitsniederlegungen geführt. Unternehmen, die strenge Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen anwenden und die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen aller Beschäftigten haben, die ihre Marke repräsentieren, sind besser in der Lage, diese harte Zeit zu überstehen. 

Lebensmitteleinzelhändler 

Mit der Ausbreitung von Covid-19 mussten Bars und Restaurants weltweit ihre Türen schließen. Zugleich erlebte der Lebensmitteleinzelhandel einen Nachfrageschub, da sich die Haushalte mit Lebensmitteln, Getränken und anderen lebensnotwendigen Gütern eindecken. Es wurde berichtet, dass die Lebensmittelverkäufe im Vereinigten Königreich einen Rekord von 10,8 Mrd. GBP (13 Mrd. USD) erreichten, was einem Anstieg um 20,6 Prozent im März entspricht. Allein die Alkoholverkäufe stiegen um 22 Prozent. 

Betrachtet man prominente börsennotierte Unternehmen, so gehörten Walmart (-10 Prozent), Costco (-12 Prozent) und Kroger (+2,6 Prozent) zu den wenigen Glücklichen, die sich deutlich besser schlugen als der Gesamtmarkt im März. Trotz des Booms beim Lebensmitteleinkauf stellt Covid-19 den Handel und die Millionen von Arbeitnehmern in dieser Branche vor Herausforderungen. Viele Einzelhändler mussten ihre Öffnungszeiten verkürzen und mehr Personal einstellen, um zusätzliche Hygienemaßnahmen und die Befüllung der Regale zu ermöglichen, da die Zahl der Einkaufstouren sprunghaft angestiegen. 

Abgesehen von der Unterbrechung der Lieferkette waren das Humankapital und die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz für die Lebensmitteleinzelhändler in dieser Zeit eine besondere Herausforderung. Die Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel gehören zu den am stärksten gefährdeten Personen, da sie weiterhin Millionen von Kunden bedienen, und in den letzten Wochen kam es zu einer Häufung von Arbeitskonflikten, da die Beschäftigten ihre Besorgnis über Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen zum Ausdruck gebracht haben. 

Vermehrt haben Arbeitnehmer protestiert damit gedroht, die Kassen zu schließen, da die ihre Unternehmen keine Masken, Handschuhe oder Schutzschirme zur Verfügung stellten. Einige Arbeitgeber sind sogar beschuldigt worden, die Verwendung von Schutzausrüstung zu verbieten. Gewerkschaften haben eine zusätzliche Entschädigung für die Risiken gefordert, die von den Arbeitnehmern getragen werden. 

Ein japanischer Minister wiederholte dies und erklärte, dass die Kassiererinnen und Kassierer von Supermärkten eine Barauszahlung verdient hätten, um für ihre harte Arbeit belohnt zu werden und sie für das eingegangene Infektionsrisiko zu entschädigen. Auch US-Senatoren forderten eine Gefahrenzulage für unverzichtbare „Frontarbeiter“. 

Unser Fazit 

Die Tatsache, dass Unternehmen in diesen Industriezweigen in schwierigen Zeiten mit Problemen beim Management des Humankapitals konfrontiert sind, überrascht nicht. Sustainalytics-Daten zeigen weiter unten, dass nur zehn Prozent analysierten Unternehmen ein starkes Management aufweisen, die Probleme im Bereich des Humankapitals aufweisen. Das schließt auch der Abmilderung von Kontroversen ein. 

Indes kommen die „restlichen“ 90 Prozent der Unternehmen aus diesen Branchen nur auf durchschnittliche und niedrige Noten, was das Management der Human-Kapital-Probleme anbelangt. Allerdings haben selbst Unternehmen mit einem starken Management wie Inditex oder H&M Schwierigkeiten, ihre Mitarbeiter während dieser Pandemie zu schützen. Sie sind dennoch in einer besseren Position, um diese Probleme zu bekämpfen.

Grafik: Wie gut Unternehmen Humankapital Risiken managen 

 

Über den Autor

Sustainalytics  Sustainalytics, eine Tochtergesellschaft von Morningstar, ist ein weltweit führender Anbieter von ESG- und Corporate Governance-Analysen und ESG Risk-Ratings

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