Anleger durch­schauen das Outper­for­mance-Ammen­märchen der aktiven Fonds

Ein Interview mit der Finanzplattform fundplat.com über die Lage der Fondsindustrie und was Investoren im ersten Halbjahr 2020 bewegt hat.

Ali Masarwah 21.07.2020
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Ein Interview mit der Finanzplattform fundplat.com über die Lage der Fondsindustrie und was Investoren im ersten Halbjahr 2020 bewegt hat. Das Gespräch wurde am 10. Juli auf deutschen Website von fundplat.com veröffentlicht. Die Fragen stellte Thomas Caduff, CEO der Fundplat GmbH. Für die Genehmigung der Wiedergabe des Interviews ein herzliches Dankeschön!  

Thomas Caduff: Herr Masarwah, das erste Halb­jahr ist vorüber. Zum Glück sagen viele. Sie auch?

Ali Masarwah: Oh ja, ich freue mich, dass wir hier in Europa wieder langsam zur Norma­lität zurück­kehren. Wobei ich dazu sagen muss, dass wir nicht zu laut jammern sollten - die Corona-Pandemie hat uns hier in der Schweiz / Deutschland längst nicht so schwer getroffen wie in anderen Ländern, etwa wie in Spanien, Italien, geschweige denn in den USA, wo meine Kollegen in Chicago auf unbe­stimmte Zeit im Home Office unter unsi­cheren Bedin­gungen ausharren müssen, weil dort die erste Infektions­welle anscheinend umstandslos in die zweite über­geht. Da sind wir auf der Insel der Glückseligen!

Machen Sie Witze? Die Wirtschaft ist schwer getroffen, und die Luft an den Märkten ist doch extrem dünn!

Ich wirke vielleicht nicht immer so, aber ich bin prinzi­piell opti­mistisch, was die Adaptions­fähig­keit von Menschen anbe­langt und ihrer Fähig­keit, zu vergessen und zu verdrängen. Auch wenn die Lage der Wirt­schaft heute nicht gut ist, so spricht meines Erachtens viel dafür, dass die Erholung der Konjunktur in Europa im dritten Quartal an Fahrt aufnehmen wird, auch getragen vom steigenden Konsum, der wiederum ange­trieben wird von der Sehnsucht der Menschen nach Norma­lität. Vielleicht sind ja die Aktien­bewer­tungen doch nicht abstrus hoch?

Wenn Sie in ein paar Jahren zurück­blicken, an was werden Sie sich am meisten erinnern?

An die grosse Verunsi­cherung vieler Anleger, ja die Panik einzelner, als es im März kein Halten mehr gab an den Märkten. Das war Angst pur, das habe ich so das letzte Mal im Herbst 2008 erlebt und davor im Herbst 2001, als tage­weise die Welt aus den Angeln gehoben zu sein schien. Prägend war in diesem Jahr die Erkenntnis, dass absolut iden­tische Inves­toren­typen vollkommen konträre Verhaltens­weisen an den Tag legen können. Darf ich das etwas ausführen?

Bitte!

Ein Bekannter von mir, der sonst das Risiko nicht scheut, arbeitet als Vermö­gens­ver­walter. Der hat das Risiko aus den Depots der Kunden einiger­massen recht­zeitig rausge­nommen Anfang März. Ich dagegen habe, in meiner Eigen­schaft als Morning­star Analyst, der Lang­frist­inves­toren anspricht, genau das Gegenteil getan: Ich habe laut­stark propagiert, dass im Einkauf der Gewinn liegt und Anleger daher zugreifen müssten, wenn die Kurse am Boden sind und es so richtig weh tut. Und jetzt raten Sie mal, wie ich mich als Investor verhalten habe und wie mein Bruder im Geiste?

Sie haben investiert, und er nicht?

Richtig! Ich war in meiner Rolle, in meinem Frame, gefangen, er in seinem, und das, so würde ich behaupten, ist typisch für uns: Wir Menschen sind als Anleger in unseren sozialen und beruf­lichen Sozial­zusammen­hängen gefangen, und das kondi­tioniert unsere Verhaltens­weisen. Das Sein bestimmt das Bewusst­sein, da hatte ein weiser Mann aus Urzeiten einmal Recht. Oder, etwas moderner: «Put your money where your mouth is» - der Spruch ist weniger präskriptiv zu verstehen, sondern vielmehr als eine realis­tische Umschreibung mensch­licher Verhaltens­weisen.

Aktive Fonds­gesell­schaften sagen gerne, in Krisen wären ihre Vorteile versus passiven Produkten besonders gross. Konnten aktive Fonds­manager im Grossen und Ganzen über­zeugen, konnten sie die Referenz­indizes schlagen?

Oje, ich hatte gehofft, Sie würden das nicht fragen. Natürlich nicht! Das ist ein Ammen­märchen, und ich denke, dass die meisten Inves­toren es als solches durch­schaut haben. Ich schere zwar ungern alles über einen Kamm, aber wenn Sie nach dem Grossen und Ganzen fragen, dann gilt im Aufschwung dasselbe Gesetz wie im Abschwung: Im Mittel erzielen Fonds die Rendite des Marktes, auf dem sie aggieren, aber dann muss man ja noch die Kosten abziehen. Deshalb fällt die Durch­schnitts-Rendite von Fonds zwangs­läufig schlechter aus als die des Marktes, egal, ob sie aktiv inves­tieren oder ob es Index­fonds sind. Der Grad der Under­perfor­mance richtet sich an den Kosten, die das Investment kostet. Das gilt auf dem Weg nach oben wie auf dem Weg nach unten. Ich würde sogar weiter gehen und die These aufstellen, dass das Gegen­teil der Fall war: Index­fonds hatten absolut keine Probleme im ersten Halb­jahr: Sie sind plan­mässig nach unten gerauscht und dann plan­mässig nach oben zurück­geschnellt. Sie sind nun mal ihren Indizes gefolgt. Einige aktive Manager haben dagegen nach unten etliches mitge­nommen, haben dann kalte Füsse bekommen und standen zu lange an der Seiten­linie, derweil ihnen die Märkte enteilt sind. Im Gegen­satz zu früheren Zeiten haben das viele Anleger bewusst mitbe­kommen, und die pushen jetzt Index­fonds zu neuen Höhen.

Was passiert mit den Hunderten von kleinen Fonds, deren Kurse absackten? Kommen die jemals wieder zurück ins Spiel?

Da sieht es nicht gut aus. Natürlich gibt es kleine Fonds, die auf engen, ineffi­zienten Märkten agieren, wo ein kleines Volumen gera­dezu eine Notwen­digkeit ist, um eine Outper­formance zu erzielen. Das sind oft die Fonds von kleinen, spezia­li­sierten Asset Managern. Um die mache ich mir keine Sorgen. Aber Ihre Skepsis ist absolut berechtigt; gerade bei grossen Asset Managern kommt nach einer Kapital­markt­krise die Zeit des Gross­reine­machens, und dann wird geholzt, bis der Arzt kommt. Nicht zuletzt deswegen haben grosse Häuser oft hohe Sterblich­keits­raten bei Fonds; das fördert aber nicht das Vertrauen der Anleger. Ist ja auch ärgerlich: Da hält man durch in der Krise und gratuliert sich zu seinem Mut, und dann wird der Fonds, an dem man festge­halten hat, liquidiert. Aber vielleicht kommt es dieses Mal anders; ich bin zwar diesbe­züglich skeptisch, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

Welche beruflichen Wünsche haben Sie für den Rest des Jahres?

Mehr Büroschlaf wagen! Im Ernst: Ich bin jetzt erst mal ziemlich ausge­powert; das Halb­jahr war ziemlich intensiv und fordernd, und ich freue mich jetzt erst mal auf zwei Wochen Urlaub. Ansonsten freue ich mich auf eine stärkere Norma­li­sierung des Alltags im zweiten Halb­jahr und hoffe, dass wir vernünftig genug sind, eine zweite Corona-Welle im Herbst zu vermeiden. Auch wenn der Krisen­modus für Ana­lysten und Journa­listen zweifellos eine wahnsinnig spannende Zeit ist, habe ich erst einmal Lust auf Norma­lität.

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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah war von 2011 bis Frühjahr 2021 als Chefredakteur für die deutschsprachigen Anleger Websites von Morningstar verantwortlich