Geldmarktfonds werden billiger oder Kundenfreundlichkeit aus Sorge ums Kerngeschäft

Euro-Geldmarktfonds sind out – jedenfalls bei angelsächsischen Fondshäusern/die wöchentliche Morningstar-Fondskolumne. 

Ali Masarwah 16.07.2012
Anhand von Geldmarktfonds lässt sich in diesen Tagen eine interessante Frage diskutieren: Wann handelt ein Fondsanbieter im Interesse seiner Kunden? Es geht - wie könnte es bei Fonds anders sein - um Gebühren und Renditen. Die Rede ist hier allerdings nicht von der Manipulation der Geldmarktsätze Libor oder Euribor. Hier sitzen Fondsanbieter und Fondsanleger in einem Boot: Sie wurden offenbar gleichermaßen von manipulierenden Geldmarkthändlern getäuscht. 

Es geht hier vielmehr um die Folgen der jüngsten Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB). Zur Erinnerung: Vor gut 10 Tagen hatten die Euro-Währungshüter nicht nur den umgangssprachlich als „Leitzins“ bezeichneten Hauptrefinanzierungssatz auf 0,75% gesenkt, sondern auch den Einlagesatz auf null reduziert. Die so genannte Einlagefazilität sagt aus, zu welchem Zinssatz die Geschäftsbanken Geld bei der EZB parken können. 

Auch wenn die Konditionen der Übernachtausleihungen der Banken über den Geldmarkt zwangsläufig höher ausfallen als die Einlagefazilität, macht deren Absenkung auf null Geldmarktfonds zu einem Zuschussgeschäft für viele Fondsanbieter. Zumindest droht dieser Umstand dann, wenn die Anbieter sich darum bemühen wollen, dass Anleger überhaupt eine Rendite erzielen. Angesichts einer nur wenige Basispunkte umfassenden Verzinsung bedeuten Verwaltungsgebühren von 20, 30 oder sogar 40 Basispunkten jährlich, dass Anleger am Ende draufzahlen müssen, wenn sie ihr Geld in einen Geldmarktfonds stecken. Oder, wie gesagt, die Anbieter greifen zu Gegenmaßnahmen: Entweder sie schließen die Fonds, oder sie senken die Gebühren.

Nur vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Diskussion zu verstehen, die sich derzeit die Anbieter von Geldmarktfonds über die Medien im Pingpong-Verfahren liefern. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Anbieter öffentlichkeitswirksam erklärt, dass er „im Interesse der Kunden“ Schritte eingeleitet habe. Mit der Schließung ihrer Euro-Fonds für Neuanlagen, so  etwa J.P. Morgan, schütze man Kunden vor einer Verwässerung der Renditen. Inzwischen haben BlackRock, Goldman Sachs, BNY Mellon und Insight Investment sich diesem Schritt angeschlossen. 

Dagegen kündigte die französische Amundi an, ihre Fonds offen zu halten und notfalls mit Gebührensenkungen zu verhindern, dass die Renditen für Anleger ins Minus rutschen. 

Nun werden aufmerksame Leser festgestellt haben, dass es ausnahmslos angelsächsische Anbieter sind, die ihre Euro-Geldmarktfonds geschlossen haben, während Anbieter aus der Eurozone unverändert ihre Produkte offen lassen. Eine angelsächsische Verschwörung also gegen den Euro mit Amundi in der Rolle des Weißen Ritters? 

Die Wahrheit ist in Wirklichkeit viel profaner: Dass sowohl Goldman und Co. als auch Amundi das Kundeninteresse mit konträren Vorgehensweisen gleichermaßen hochhalten, deutet weniger auf eine unterschiedliche Auslegung der fiduziarischen Pflichten eines Fondshauses, sondern auf die unterschiedlichen Interessen der betreffenden Unternehmen, die zu unterschiedlichen Herangehensweisen führen. 

Wer sich die Marktanteile im Euro-Geldmarktfondsgeschäft ansieht, stellt fest, dass die Angelsachsen nur eine Nebenrolle einnehmen: Selbst J.P. Morgan, der größte Player weltweit bei Geldmarktfonds, ist im Eurofonds-Geschäft eher eine mittelgroße  Nummer. Und wer Euro-Geldmarktfonds nicht zu seinem Kerngeschäft zählt, wird sich vermutlich nicht ein Arm ausreißen, um zu verhindern, dass diese Fondsklasse stagniert. (Übrigens hat J.P. Morgan bereits im vergangenen Jahr die Gebühren für seine US-Dollar-Geldmarktfonds auf null gesenkt, ein Bereich, in dem das Haus globaler Marktführer ist). 

Einen Überblick über die wichtigsten Anbieter von Geldmarktfonds haben wir für Sie in der Tabelle unten aufbereitet. Sie zeigt, dass Anbieter wie Amundi und BNP Paribas am meisten im gleichermaßen margenschwachen wie skalierbaren Geldmarktfondsgeschäft zu verlieren bzw. zu gewinnen haben. Sie sind die beiden größten Häuser bei Euro-Geldmarktfonds. Und vielleicht hält man ja mit einer Null-Prozent-Gebühren-Politik Anleger bei der Stange und stößt damit die Tür auf für andere Geschäfte mit wichtigen Anlegergruppen? Anleger goutieren es erfahrungsgemäß nicht, wenn ein Fondsanbieter in schweren Zeiten seine Produkte schließt. 

Wie unsere Übersicht zeigt, liegt J.P. Morgan erst auf Platz fünf der größten europäischen Geldmarktfondsanbieter - mit großem Abstand auf der viertplatzierten Natixis. Es folgen mit gebührendem Abstand BlackRock, Goldman Sachs und BNY Mellon (alle grün markiert).


Stand der Daten: 31.5.2012, Quelle: Morningstar Direct.

Und was bedeutet das Ganze für den Anleger? Das Beispiel zeigt, dass nur der Investor die Frage beantworten kann, was in seinem eigenen Interesse liegt. Natürlich  begrüßen wir jede Gebührensenkung bei Fonds, egal, aus welchem Motiv der Anbieter handeln mag. Schließlich fordern wir bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit, dass die Gebührenpolitik der Fondsanbieter kundenfreundlicher werden sollte. (Lesen Sie auch unsere aktuelle Auswertung zu Fondsgebühren hier.

Privatanleger sollten sich kritisch die Frage stellen, ob sie überhaupt in Geldmarktfonds investieren sollten. Tagesgeldkonten sind meistens die attraktivere Variante, auch wenn die meisten Langfristangebote selten mehr als 1,0% Rendite abwerfen (in diesem Zusammenhang der obligatorische Hinweis für Investoren, darauf zu achten, dass die Bank mit dem augenscheinlich tollen Angebot Mitglied in einem Einlagensicherungsfonds ist). 

Anders dürfte das Bild bei institutionellen Anlegern wie Unternehmen aussehen. Sie sind oft bei ihrem Cash-Management auf Geldmarktfonds angewiesen. Allerdings ist auch hier Gelassenheit angesagt. Bestandsinvestoren in den jetzt geschlossenen Euro-Fonds angelsächsischer Anbieter sind ohnehin nicht von der Maßnahme betroffen: Sie können ihre Bestände unverändert halten oder verkaufen. 

Und wer noch kein Geldmarktfonds von Goldman Sachs und Co. hält, kann ohnehin gelassen auf die Schritte der angelsächsischen Häuser reagieren; es gibt genug Alternativen. Jedenfalls so lange sich die politischen Rahmenbedingungen nicht verändern. Wir erinnern uns: Im vergangenen Herbst wurden zeitweilig massiv Gelder aus den Geldmarktfonds vor allem französischer Häuser abgezogen, aus Furcht der Anleger vor einer Pleite einer oder mehrerer französischer Banken, die vor den Krisenmanagement der EZB - Stichwort: LTRO-Programm - in Wanken zu drohen gerieten. 

So lange kein Austrocknen des Euro-Geldmarkts droht, können europäische Anleger beruhigt kommende Gebührensenkungen der Geldmarktanbieter abwarten und ihren Cash-Bestand weiter bei Euro-Geldmarktfonds parken. Sie sollten eher prüfen, ob sie einen klassischen Geldmarktfonds halten, der in Papiere mit längstens 120 Tagen Restlaufzeit und Top-Bonitätsnoten investiert, oder in einen Geldmarktfonds, der auf höhere Renditen abzielt und entsprechend Papiere von niedriger Qualität hält. Wir meinen, dass in diesen Zeiten konservative Geldmarktfonds Trumpf sind. Schließlich hat ein Anleger, der in heutigen Zeiten Geldmarktfonds investiert, ohnehin nicht vor, damit Geld zu verdienen. 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.