Spekulationsblasen: Im Nachhinein weiß man es ganz genau

Was passiert, wenn sich die Börse scheinbar in ein Kasino verwandelt? Und was ist zu tun, wenn sich die Börse tatsächlich in ein Kasino verwandelt? Überlegungen zum Muster spekulativer Übertreibungen an den Märkten und wie Anleger damit umgehen sollten.

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Bear Market Large

Aktienhöhenflüge ähneln Kinderpartys. Die Pänz kommen zusammen, haben eine großartige Zeit und gehen glücklich nach Hause. Ähnliche Hochgefühle verspüren Aktienanleger in einer Hausse. Die Kurse steigen und steigen. Manchmal entstehen spekulative Blasen. Das lieben Investoren, denn sie werden immer reicher. Aber wehe, wenn die Finanzblasen platzen! Dann verfallen die vormals euphorischen Anleger in tiefe Depressionen. Sie sind zumeist ärmer als zu Beginn der Party. (Finale Analogie zu den Kinderpartys: Viele enden für Eltern auf traumatische Art in der Nacht danach; ich begnüge mich mit den Stichworten „Käsewürfel“, „Würstchen“, „Ketchup“.) 

Nicht jede Spekulationsblase endet mit einem Knall

Das tückische an Börsenblasen ist, dass sie nicht den gleichen Verlauf nehmen wie, sagen wir, Seifenblasen, die früher oder später immer platzen werden. Denn Börsen-Blasen sind schwer vorherzusagen und auch nicht immer als solche zu erkennen. Manchmal platzen sie mit einem lauten Knall, manchmal lassen sie nur ein klein wenig Luft ab, manchmal passiert überhaupt nichts. Anleger sind erst im Nachhinein schlauer.  

Spekulationswellen gibt es in allen Formen und Größen. Einzelne Aktien können überbewertet sein, oder einzelne Sektoren - oder der Kapitalmarkt eines ganzen Landes oder einer ganzen Region. Man kennt das Phänomen vom Aktienmarkt, aber auch Immobilienpreise können unrealistisch hoch sein, oder auch die Kurse von Anleihen. 

Die Gemeinsamkeit aller Blasen besteht darin, dass sich Anleger irgendwann nicht nur von ihrem Wunschdenken leiten lassen, sondern dass diese irrationalen Erwartungen die Asset-Preise tatsächlich in unrealistische Höhen treiben. Versuchen wir, die Eigenschaften einer Blase etwas näher zu bestimmen:   

Der übertriebene Optimismus der Anleger steht den Erkenntnissen von bewertungsorientierten Analysen entgegen. Es sollte darum gehen, den intrinsischen Wert eines Assets zu ermitteln, diesen mit seinem Preis abzugleichen und vor dem Kauf genau abzuwägen. In Zeiten einer Spekulationsblase machen das immer weniger Investoren.

Doch hier wird es schwierig. Zwar lässt sich der Wert eines Guts recht einfach ins Verhältnis zu seiner Bewertung setzen. Doch auch wenn dieses Asset aus fundamentaler Sicht fällig für eine Korrektur ist, heißt das noch lange nicht, dass sich diese auch einstellen muss. Die meisten Anleger haben beim Stichwort "Spekulationsblase" krasse Beispiele wie die Dot-Com-Ära im Hinterkopf. Aber überbewertete Aktienkurse implodieren nicht zwangsläufig. Wenn die Gewinne eines Unternehmens einen Kurs von, sagen wir, zwei Dollar rechtfertigt, dann ist es nicht gesagt, dass die Aktie für nicht auch für 20 Dollar den Besitzer wechseln kann.  

Wenn der wahre Wert eines Unternehmens erst überwunden wurde, nimmt die Blasenbildung ihren Lauf. Aber warum? Weil die Zinsen niedrig sind und Schuldenmachen angesagt? Aus Angst, die Hausse zu verpassen? Aus Gier? Die genaue Ursache dürfte bei jeder Blase anders sein als bei der vorherigen. Es ist deshalb hilfreich, sich den idealtypischen Zyklus einer spekulativen Hausse zu vergegenwärtigen. 

Der Ökonom Hyman P. Minsky skizzierte in seinem Buch „Stabilizing an Inststable Economy“ (1986) die fünf Phasen eines typischen Kreditzyklus. Blasen können einem ähnlichen Muster folgen. 

Verdrängung

Etwas Neues kommt ins Spiel. An den Rentenmärkten können niedrigere Zinsen einen grundlegenden Einfluss auf die Nachfrage nach Gütern oder Dienstleistungen haben, etwa Hypotheken. Das wiederum kann die Hauspreise in die Höhe treiben (was die Nachfrage nach oben treibt, und so weiter). Oder eine neue Technologie kommt ins Spiel und verändert oder verdrängt eine frühere Technologie. Das treibt Investoren um und bringt das System durcheinander. 

Boom

Die Zahl der Investoren, die auf den fahrenden Zug aufspringt, wächst und wächst. Die Aufmerksamkeit der Medien steigt, in den sozialen Medien wird das Thema gehypt, und der Kursanstieg beschleunigt sich. Ein Investment wird als eine „seltene Gelegenheit“ apostrophiert, der potenzielle Gewinn ist scheinbar grenzenlos. Die Angst, die Hausse zu verpassen, wird zu einer mächtigen Kraft. Jetzt sind mehr und mehr Investoren bereit, Risiken einzugehen, die sie zuvor nie eingegangen wären. 

Euphorie

Zu diesem Zeitpunkt werden irrationale Bewertungen mit Rationalisierungsversuchen begegnet. Neue Bewertungsmaßstäbe werden kreiert und Fakten verbogen, um Bedenken in Bezug auf absurde Bewertungen zu relativieren. Die Manie um Aktien wie Tesla weckt Erinnerungen an das Jahr 1999. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass einige Technologieaktien sehr hohe Bewertungen erreicht haben.  

Gewinnmitnahmen setzen ein

Ja, Einhörner sind sehr selten, manche Produkte sind eine Klasse für sich, und tiefe Zinsen rechtfertigen historisch überdurchschnittliche Aktienbewertungen. Aber die gigantischen Kursbewegung bei Tesla und bei Apple im August (Tesla plus 74,2% und Apple plus 21,7%) mahnen zur Vorsicht. Zumal es sich nicht um kleine Klitschen handelt, sondern um Großkonzerne, die zu den wertvollsten der Welt nach Marktkapitalisierung zählen. Tesla repräsentiert die derzeitige Euphorie um Tech-Aktien am besten; Die Aktie könnte der sprichwörtliche Kanarienvogel im Kohlebergwerk sein. Der Preis der Aktie hatte sich dramatisch nach oben bewegt, nachdem ein Aktiensplitt im Verhältnis von 5:1 stattfand. Faktisch hat sich damit nichts geändert, aber offenbar verhalf der Split machen Investoren zu einre neuen Sicht auf das Unternehmen. (Tatsächlich rauschte der Tesla-Kurs im Verlauf des Septembers nach unten.) 

Panik

Das Verhalten der Märkte ist nicht linear, nach dem Motto: Große Ereignisse lösen große Krisen aus. Es kann sein, dass kleinere, an sich nichtige Anlässe einen Crash auslösen. Sind die Bewertungen an den Märkten in irrationalen Höhen angekommen, kann der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen. Das könnte eine Gewinnwarnung eines prominenten Unternehmens sein, oder eine Ansammlung kleiner Ereignisse wie Hypothekenausfälle, oder ein Reddit-Mem, das tausende von Robin Hood-Depotinhabern dazu veranlasst, eine Aktie synchron zu verkaufen. Und es verläuft jedes Mal anders! Ereignisse können Domino-Effekte auslösen; ein kleiner Preisrückgang kann dazu führen, dass Anleger zum Verkauf gezwungen werden, etwa wenn Kredite zu Spekulationszwecken aufgenommen wurden. Wer den Margin Call seiner Bank erhält, muss um jeden Preis aussteigen. 

Gerade vor dem Hintergrund der letzten Phase des idealtypischen Crashs klingen Finanzblasen beängstigend. Aber müssen wir uns heute Sorgen machen? Die obigen Schritte könnten vieles von dem widerspiegeln, was wir heute sehen, und wir könnten bei „Phase 4“ angelangt sein. Aber ist es ausgemachte Sache, dass „Phase 5“ wirklich kommt? Und wenn ja: Wann? Es könnte nächstes Jahr so weit sein. Oder in zehn Jahren. Oder nie. 

Wenn Sie ein Langfrist-Investor sind, der einen langen Weg vor sich hat und ratierlich spart, spielen solche Überlegungen für Sie keine Rolle. Die Märkte haben sich in der Vergangenheit nach oben bewegt, auch wenn es zwischenzeitlich schmerzhafte Rücksetzer gab. Bleiben Sie einfach dabei und achten Sie nicht auf das Rauschen der Märkte (und des Blätterwalds).

Es ist übrigens wichtig zu wissen, dass annualisierte Renditen eine höchst lineare Darstellung des Marktgeschehens sind, und das wird der Volatilität an den Märkten nicht gerecht. Sie bewegten sich bisher zwar langfristig in eine (positive) Richtung. Doch der Weg zum Rendite-Ziel ist nicht ohne erhebliche Unebenheiten. Daher müssen Anleger volatile Marktphasen als Teil des Spiels an den Märkten akzeptieren lernen. 

Anstatt über Marktblasen zu spekulieren lohnt es sich eher, über den Zeithorizont eines Investments und die eigene Risikotragfähigkeit nachzudenken. Und Anleger müssen lernen, dass die Risikotragfähigkeit etwas ganz anderes ist als die Risikotoleranz. Anleger haben typischerweise eine geringe Risikotoleranz, denn zwischenzeitliche Volatilitäten verursachen Bauchschmerzen und Schweißausbrüche.

Wenn Sie langfristig investieren, sind Volatilitäten für Sie irrelevant. Sie sollten dann klare Kante zeigen und sich nicht um etwas kümmern, was Sie nicht beeinflussen können. Wenn Sie sich indes das Horrorszenario eines 50-prozentigen Aktien-Crashs vergegenwärtigen und feststellen, dass in dem Fall ihre finanziellen Ziele in Gefahr wären, dann betrifft das Ihre Risikotragfähigkeit. Dann sollten Sie zügig gegensteuern und das Risiko in Ihrem Portfolio reduzieren. Denn im Auge des Orkans das Portfolio umzustellen, war in der Vergangenheit selten eine gute Idee.  

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Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier

 

 

 

 

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Über den Autor

Ali Masarwah und Andrew Willis  Ali Masarwah ist Chefredakteur Morningstar Deutschland, Österreich und Schweiz   Andrew Willis ist Content Editor bei Morningstar Canada