Wann wird der Zins zum Zinseszins?

Anleger sollten bei ausschüttenden Fonds die Wiederanlageprämisse beachten - und überlegen, ob sie auf die volle Fonds-Power wirklich verzichten wollen.

Ali Masarwah 15.06.2012
Dividenden und andere laufende Erträge sind in der heutigen Niedrigzinsphase bei vielen Anlegern en vogue. Vor allem die Dividendenzahlungen werden immer stärker als ein wichtiger Bestandteil der Gesamtrendite von Aktien erkannt. Laut einer Untersuchung von Allianz Global Investors war zwischen 1970 und 2012 die annualisierte Gesamtrendite des MSCI Europe zu 43% von Dividenden bestimmt. Auch wir mögen Unternehmen, die den Aktienanleger in Gestalt von Ausschüttungen für sein Risiko entlohnen (lesen Sie mehr zu Dividendenfonds hier)

Fondshäuser bewerben ausschüttende Fonds immer intensiver 

In den heute unsicheren Zeiten heben Fondsanbieter indes nicht nur die Bedeutung von laufenden Erträgen auf der Fondsebene hervor, sondern auch Ausschüttungen, welche Fonds an Anleger auskehren - frei nach dem Motto: „Was man hat, hat man“. Ob bei Dividendenfonds oder Hochzinsanleihen: allseits werden die Vorzüge der starken Verzinsung und hohen Ausschüttungen hervorgehoben.

Zwei Beispiele sind uns in den vergangenen Wochen aufgefallen: So bewirbt die DWS ihren Aktienfonds DWS Top Dividende als "Sachwertanlage", die für Langfristanleger ein "laufendes Einkommen aus Dividenden-Zins" biete. Dabei versäumt es die DWS nicht zu erwähnen, dass der Fonds über ein 5-Sterne-Rating von Morningstar verfügt. Diese Note wird für Fonds mit besonders guten Rendite-Risiko-Kennzahlen vergeben. Das französische Haus Carmignac Gestion wiederum bringt in diesen Tagen ausschüttende Anteilsklassen seiner beiden Flaggschiffe Carmignac Investissement und Carmignac Patrimoine auf den Markt, um "den Wünschen seiner wachsenden internationalen Kundenbasis nachzukommen". 

Doch was wünschen sich die Kunden der Fondsbranche wirklich? Ein laufendes Einkommen oder hoch rentierliche Produkte? Die Frage ist nicht von ungefähr, denn es gibt bei ausschüttenden Fonds einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen, der vermutlich einigen Privatinvestoren aus dem Blick geraten ist: Den Performance-Angaben zu ausschüttenden Fonds liegt die Prämisse der Wiederanlage zugrunde. Das Performance-Messungsverfahren für Investmentfonds  basiert weltweit auf der Annahme, dass Ausschüttungen von Fonds umgehend in neue Anteile desselben Produkts angelegt werden, egal, ob es sich um thesaurierende oder ausschüttende Fonds handelt. 

Anleger müssen also folgenden Unterschied berücksichtigen: Nur bei thesaurierenden Fonds, die gewissermaßen automatisch Dividenden und Kupons wieder anlegen, entspricht die Rendite eines Fonds per definitionem der Rendite des  Fondsanlegers. Bei ausschüttenden Fonds kommt es darauf an, was der Anleger mit den ausgekehrten Erträgen macht, die auf seinem Konto landen. Nur wer umgehend am Ausschüttungstag bzw. vor dem Pricing-Schnitt des Folgetages exakt die ausgeschütteten Erträge in den Fonds reinvestiert, wird am Ende des Kalenderjahres die Performance des Fonds auch in seinem Portfolio für denselben Fonds hochhalten können. Anleger, die die Erträge dagegen zum Konsum verwenden, anderweitig investieren oder unter die Matratze stecken, werden nicht die volle Fonds-Performance vereinnahmen können. Sie profitieren dann nicht vom Zinseszinseffekt, der bei einer Wiederanlage für den Investor arbeitet.  

Was wäre ein Fonds ohne seine Ausschüttungen?

Bevor wir uns der Frage widmen, für wen sich vor diesem Hintergrund ausschüttende Fonds überhaupt eignen, wollen wir uns einige Beispiele aus der Praxis anschauen, um der Wirkung des Zinseszinseffekts bei einer Fondsanlage auf die Spur zu kommen.  

Fangen wir mit dem oben erwähnten DWS Top Dividende an. Wer vor gut 5 Jahren, sagen wir am 31. Mai 2007, Anteile des global anlegenden Aktienflaggschiffs der DWS kaufte und alle ausgeschütteten Erträge umgehend reinvestierte, kam auf eine Performance von 0,69% pro Jahr (per 26.6.2012). Wer indes die ausgeschütteten Erträge des DWS-Fonds seit 2007 in keinem Jahr erneut in Fondsanteile anlegte, blieb auf einem Minus von 2,98% pro Jahr sitzen. 

Wer den DWS Top Dividende Ende Mai 2009 erwarb, konnte sich seitdem pro Jahr über ein Plus 13,85% jährlich freuen. Ohne Wiederanlage der Erträge fiel das Plus des Anlegers in den vergangenen 3 Jahren mit 9,88% pro Jahr deutlich niedriger aus. Der von der DWS-Werbung hervorgehobene "Dividenden-Zins" ist demzufolge eine Tautologie. Wer die Erträge nicht umgehend in den DWS Top Dividende reinvestierte, dürfte es gefühlt mit einem 3-Sterne-Fonds zu tun haben. 

Um die Wirkung des Zinseszinses über die Jahre (bzw. dessen Fehlen) abschätzen zu können, finden Sie in der unteren Tabelle eine Auswahl an bekannten Fonds, die ausschütten. Von links nach rechts finden Sie neben den Spalten "Fondsname", "ISIN", "Fondskategorie" die alles entscheidenden Informationen: Die Spalte "letzte Ausschüttungsrendite" gibt das Verhältnis zwischen der letztmals gemessenen Ausschüttung und dem Fondspreis an und ist das Pendant der Dividendenrendite einer Aktie. Weiter rechts finden sich neben den jeweiligen Performance-Daten der vergangenen fünf bzw. drei Jahre die Renditen abzüglich der Ausschüttungen in der betreffenden Zeitspanne. 

Tabelle: Seid wiederangelegt, Erträge! Die Wirkung des Zinseszinseffekts



Am eklatantesten fällt die Wirkung des Zinseszinseffekts bei den Fonds auf, die hohe Ausschüttungsquoten aufweisen. Der Hochzins-Anleihefonds Loomis Sayles High Income Fund etwa hatte zuletzt eine Ausschüttungsrendite von 10,54%. Auch in den Vorjahren kehrte er hohe Erträge an Anleger aus. Wer diese nicht reinvestierte, verzichtete auf eine extrem wichtige Ertragsquelle. In den vergangenen 5 Jahren lag die Fonds-Performance bei 6,99% jährlich. Ohne Wiederanlage der Ausschüttungen sackte die Anleger-Performance auf minus 1,67% pro Jahr. Ähnlich fiel die Wirkung beim britischen Aktienfonds Newton Higher Income und den Hochzinsanleihefonds BGF USD High Yield Bond, Franklin High Yield und Templeton Euro High Yield aus. Auch beim ausschüttenden Lyxor-ETF auf den Aktienindex Euro Stoxx 50 fällt die große Wirkung des Zinseszinseffekts  ins Auge.   

Für wen eignen sich ausschüttende Fonds eigentlich?

Nachdem wir die großen Vorteile des Zinseszinseffekts gesehen haben, wollen wir uns nun in spekulative Gefilde vorwagen: Wie könnte der typische Anleger in ausschüttende Fonds aussehen? Wir setzen hier voraus, dass dieser Investor nicht umgehend am Ausschüttungstag exakt die ausgeschütteten Erträge reinvestieren wird, um am Ende des Kalenderjahres den Total Return des Fonds auch in seinem Portfolio-Kontext hochhalten zu können. Wer so vorgeht, sollte sich gleich für die thesaurierende Fondstranche entscheiden, Für wen eignen sich diese Produkte also?

In angelsächsischen Ländern sind die Erträge dieser Fonds für Privatinvestoren ein wichtiger Bestandteil der Altersrente. Auch Vorsorgeeinrichtungen sind in Großbritannien und den USA wesentlich aktien-affiner als deutsche Lebensversicherer. Die beiden Newton-Aktienfonds in der oberen Tabelle sind zwei klassische Beispiele für die so genannten „income funds“. Ob ausschüttende Fonds auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz diese Funktion erfüllen, darf bezweifelt werden. Auch wenn das gesetzliche Rentenniveau in Deutschland künftig sinken wird, dürften nur wenige Rentner von den Erträgen ihrer Hochzins- und Aktienfonds leben. Offene Immobilienfonds dürften dieser Funktion in der Vergangenheit nahegekommen sein, aber diese Zeiten dürften - Tempora mutantur - seit der Schließung und Liquidierung zahlreicher dieser Fonds vorbei sein. (Auch in der Schweiz dürften neben der gesetzlichen Vorsorge eher Pensionskassen als Income-Fonds vorhandene Lücken füllen). 

In den deutschsprachigen Ländern dürften ausschüttende Wertpapierfonds bei solchen Anlegern ihren Zweck erfüllen, die auf regelmäßige Zahlungsströme angewiesen sind und eine höhere Volatilität aushalten können. Beispielhaft hierfür sind Family Offices, Vermögensverwalter sowie Stiftungen, für die berechenbare jährliche Ausschüttungen essenziell für die Erfüllung ihres Stiftungszwecks sind. (Für Altersvorsorgeeinrichtungen hierzulande sind Aktien-Investments indes weitgehend tabu, und es ist ebenfalls zu bezweifeln, dass Hochzinsanleihen künftig die Funktion der auskömmlichen Kupons von Bundesanleihen in der Vergangenheit erfüllen werden.) 

Unter dem Strich bleibt bei uns daher das ungute Gefühl zurück, dass die allermeisten Privatanleger nicht essentiell abhängig sind von den Erträgen der ausschüttenden Fonds. (Wobei wir nicht außer Acht lassen wollen, dass es ein höchst befriedigender, haptischer Anlageerfolg sein kann, die Fondserträge regelmäßig dazu zu nutzen, um mit der Ehefrau oder Freundin Essen bzw. ins Theater zu gehen.)

Wer auf die Gesamtmarktrendite abzielt, ist bei thesaurierenden Fonds richtig

Angesichts der Fülle neuer ausschüttender Aktien-Produkte wächst die Gefahr, dass Anleger, die vor allem Rendite brauchen, von nur vermeintlich attraktiven Ausschüttungserträgen gelockt werden. Wer von der Anlagekompetenz des Fondsmanagers bzw. der Leistungsfähigkeit eines Marktes (der über einen ETF erschlossen werden kann) überzeugt ist, sollte diese voll ausschöpfen und den Zinseszinszauber wirken lassen. Anleger, die nicht 100% sicher sind, dass sie mit den ausgeschütteten Erträgen eine bessere Verzinsung erreichen können, sollten sich für thesaurierende Fonds entscheiden. 

Und was ist mit Baisse-Phasen, in denen die Märkte regelrecht abstürzen? Kann es nicht dann sinnvoll sein, die Erträge eines ausschüttenden Fonds zu parken und dann in berechenbaren Marktphasen mit den ausgeschütteten Erträgen wieder einzusteigen? Dieses Szenario ist aus mehreren Gründen unrealistisch: Wenn es schon den wenigsten Fondsmanagern gelingt, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt an den Kapitalmärkten zu finden, dürften die Aussichten für Privatanleger, das Market Timing hinzubekommen, noch schlechter und somit nicht empfehlenswert sein. Zudem werden die meisten Anleger erst gar nicht in einen Long-only-Fonds investieren, wenn sie davon ausgehen, dass der Preis fallen wird. 

In einem Punkt könnten ausschüttende Aktienfonds allerdings eine sinnvolle Funktion für Total-Return-orientierte Anleger erfüllen: als Instrumente für antizyklische Rebalancing-Strategien im Portfolio-Kontext. Dazu ein kleines Beispiel: Nehmen wir an, dass ein Anlegerportfolio aus einigen Fonds besteht, die über verschiedene Märkte streuen und jährlich die angefallenen Dividenden in Gestalt von Fondserträgen auskehren. Hier kann der Investor die Ausschüttungen der am besten performenden Fonds nutzen, um in die Fonds zu investieren, die am schlechtesten gelaufen sind (vorausgesetzt, es macht Sinn, diese Fonds weiterhin zu halten!). Wenn der Anleger zudem noch nicht seinen persönlichen Steuerfreibetrag ausgereizt hat, ermöglichen ihm die - steuerfreien - Ausschüttungen eine höchst effiziente und kostengünstige antizyklische Rebalancing-Strategie.

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.