Anleger schließen Bücher 2011 mit großem Knall
Flucht aus Aktienfonds und Euro verstärken sich im Dezember/2011 ein Jahr zum Abhaken. Der monatliche Morningstar-Absatz-Bericht.
In der Analystensprache kennt man den Begriff „blood-bath accounting“. Dahinter steht die Praxis bei börsennotierten Unternehmen, alle nur erdenklichen Verlust- und Abschreibungsposten in ein Quartal zu packen und damit reinen Tisch zu machen und eine neue Seite für Investoren aufzuschlagen. Ähnlich scheinen Aktienfondsanleger in Europa im Dezember vorgegangen zu sein. Sie beendeten das für Aktieninvestoren miese Jahr 2011 und verkauften auf breiter Front. Wie aus der Morningstar-Absatzstatistik hervorgeht, zogen Anleger im Dezember 11,53 Milliarden Euro aus Aktienfonds ab. Im Vormonat wurden Anteile im Wert von 9,39 Milliarden Euro verkauft. Damit haben sich Anleger, die dieses Jahr mit frischem Elan wieder Aktien kaufen, sich im letzten Monat des vergangenen Jahres erneut von Risiko-Assets verabschiedet. (Ob sich hinter dem Dax-Anstieg im Januar auch Zuflüsse in aktive Fonds verbergen, werden wir Ihnen im Februar berichten!).
Doch die Abflüsse aus Aktienfonds war nicht alles. Für die Investment-Industrie kam es 2011 auch sonst knüppeldick. Wie aus den Morningstar-Daten zum Anlageverhalten in Europa weiter hervorgeht, mussten im Dezember nahezu alle Fondskategorien für längerfristige Anlagen Nettoabflüsse hinnehmen. Rentenfonds verzeichneten Abflüsse von 6,81 Milliarden Euro nach 13,32 Milliarden im November, alternative Fonds verloren netto 3,36 Milliarden (minus 1,67 Milliarden) Euro, Mischfonds büßten 919 Millionen (minus 1,03 Milliarden) Euro und Wandelanleihefonds 620 (739) Millionen Euro ein. Lediglich Rohstoffprodukte konnten unter Langfristanlagevehikeln mit netto 221 (minus 220) Millionen Euro eine positive Absatzbilanz im letzten Monat des Jahres 2011 verzeichnen. Geldmarktfonds konnten einen Absatz von 4,45 (21,51) Milliarden Euro erzielen.
Damit ging für die Branche der aktiven Asset Manager ein rabenschwarzes Jahr zu Ende - erneut stimmten Anleger in einem turbulenten Investment-Jahr in großem Stil mit den Füßen ab. Im Gegensatz zur Branche der börsennotierten Indexfonds, ETPs (steht für Exchange Traded Products), die 2011 eine positive Absatzbilanz hatte, mussten aktiv verwaltete Fonds sehr hohe Desinvestitionen hinnehmen (mehr zum Absatz von ETPs 2011 lesen Sie hier). 2011 zogen Anleger europaweit 124,28 Milliarden Euro netto aus Fonds ab. Besonders hoch waren die Abflüsse aus Aktienfonds, die knapp 70 Milliarden Euro verloren. Insgesamt drängt sich die Analogie zu 2008 auf: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise verkauften Anleger in Europa Fonds mt einem Vermögen von 175,26 Milliarden Euro, wie aus der Tabelle hervorgeht.

Allerdings unterschied sich das Investmentjahr 2011 in einigen Punkten gegenüber 2008. Während sich 2008 alles auf die Lehman-Krise im Herbst zuspitzte, dominierte die seit Anfang 2010 schwelende Eurokrise das Anlegerverhalten über das gesamte Jahr, vor allem jedoch im zweiten Halbjahr. Vor allem im vierten Quartal mussten alle Langfristvehikel Abflüsse hinnehmen - auch Mischfonds, die ansonsten die einzige große Wertpapierfondskategorie war, die über das gesamte Jahr gesehen Zuflüsse verbuchen konnte.
Im Gegensatz zu 2008 haben auch Geldmarktfonds ihre Funktion als sicherer Hafen verloren. Während 2008 mehr als 155 Milliarden Euro in diesen Kurzfristvehikeln geparkt wurden, zogen Anleger im vergangenen Jahr 5,64 Milliarden Euro aus ihnen ab. Wie sehr Anleger die Gemeinschaftswährung als Risiko ansehen, wird deutlich, wenn man sich die Geldflüsse in den einzelnen Geldmarktkategorien vor Augen führt: Verkauft wurden durch die Bank Euro-Produkte. Euro-Geldmarktfonds verloren 28,89 Milliarden Euro und waren damit die Morningstar-Kategorie mit den höchsten Abflüssen 2011. Zählt man dann noch die geldmarktnahen Euro-Produkte hinzu, kommt man auf Abflüsse in Höhe von 80,85 Milliarden Euro.
Interessant ist auch die Spreizung des Anlegerverhaltens innerhalb der Asset-Klasse "Rohstoffe". Während Agrarrohstoffe mit Abflüssen von 633 Millionen 2011 auf breiter Front verkauft wurden, sammelten Edelmetall-Fonds 220 Millionen Euro netto ein.
Spiegelbildlich zur Flucht der Anleger aus Euro-Geldmarktfonds investierten Anleger in Geldmarktfonds, die auf andere Hartwährungen lauten: Britische-Pfund- und US-Dollar-Papiere waren die ersten Profiteure der Anlegerflucht aus dem Euro. Die beiden Morningstar-Fondskategorien mit den höchsten Zuflüssen waren Geldmarktfonds, die auf das britische Pfund und den US-Dollar lauten. Ihnen flossen 23,7 Milliarden beziehungsweise 13,87 Milliarden Euro zu. Besonders pikant: Wer in US-Dollar-Geldmarktfonds investiert, nimmt eine nominale Nullverzinsung in Kauf. Real und nach Gebühren ist die Verzinsung also negativ. Einige Investmenthäuser, wie etwa der Marktführer bei Geldmarktfonds, J.P.Morgan Asset Management, sind dazu übergegangen, die Management-Gebühren für ihre Geldmarktprodukte auf null zu senken, um für den Anleger keine negativen Renditen darzustellen.
Bemerkenswert und stellvertretend für die Risikowahrnehmung 2011 ist auch, dass Anleger inzwischen Anleihen aus den Schwellenländern, die auf lokale Währungen lauten, für wenig riskant halten als Euro-Anleihen- oder zumindest als so lohnenswert sehen, dass sich das Risiko im Vergleich zu Euroanlagen lohnt! Auf Platz zehn der Tabelle der Morningstar-Kategorien mit den höchsten Nettomittelzuflüssen liegt diese Fondskategorie mit einem Absatz von netto 3,08 Milliarden Euro. Auch flexible und konservative Mischfonds waren gefragt - allerdings nur solche, die auf das britische Pfund lauten! Was sonst noch im Fokus der Investoren 2011 stand, zeigt die untere Tabelle.

Stand: 31.12.2011, Sortierkriterium: Nettoabsatz 2011, absteigend, in Millionen Euro, Zahlen in Klammern = Nettomittelabflüsse, Quelle: Morningstar Direct.
Die Flucht aus dem Euro beschränkte sich logischerweise nicht nur auf Geldmarktfonds, sondern auch andere Asset-Klassen, die auf Euro lauten. Auch Euro-Rentenfonds mussten Nettomittelabflüsse von 15,47 Milliarden Euro hinnehmen. Unter den Morningstar-Kategorien mit den höchsten Abflüssen kamen sie auf Rang vier. Anleger trennten sich ebenfalls vor allem von Euro-Aktien-, Euro-Misch- und Euro-Anleihefonds. Auch wenn andere Risikoanlagen wie Aktien aus den USA, Asien sowie Wandelanleiheihen ebenfalls 2011 per saldo verkauft wurden, zählten die sieben Morningstar-Kategorien mit den höchsten Abflüssen zu den Anlagebereichen, die normalerweise als sicher gelten. Doch was ist heute normal? Dass der Sicherheitsbegriff 2011 auf den Kopf gestellt wurde, zeigen einige Beispiele aus der unteren Tabelle „Was 2001 verkauft wurde“.
.gif)
Stand: 31.12.2011, Sortierkriterium: Nettoabsatz 2011, absteigend, in Millionen Euro, Zahlen in Klammern = Nettomittelabflüsse, Quelle: Morningstar Direct.
Hinweis: Morningstar schätzt die Daten zum Absatzgeschäft der Fondsindustrie in Europa auf monatlicher Basis. Wir wenden folgende Methodologie an: Es werden - kurz gesagt - die Volumina der in Europa zugelassenen Fonds zum Ende des jeweiligen Monats mit ihrem Volumen zum Monatsanfang abgeglichen. Die Residualgröße, die sich nicht auf die Performance-Entwicklung zurückführen lässt, stellt die (positive oder negative) Nettoabsatzleistung des jeweiligen Fonds dar. Die aggregierten Morningstar-Daten geben zuverlässig und sehr zeitnah die Absatztrends in Europa wider, können sich aber von den offiziellen Daten der nationalen europäischen Fondsverbände und der europäischen Fondsvereinigung Efama unterscheiden. Unterschiede basieren im wesentlichen darauf, dass unser Schätzverfahren durch die Dynamik der Zuflüsse innerhalb eines Monats beeinflusst werden kann. Darüber hinaus unterscheiden sich unsere Fondskategorien von denen der Fondsindustrie; auch der unterschiedliche Umgang mit instutitionellen Fondstranchen, die wir nicht in der Publikumsfondsstatistik erfassen, kann zu Abweichungen zu den endgültigen Fondsstatistiken der Fondsindustrie führen.







