ETF-Bilanz 2014: Ordentliches Wachstum, Fragezeichen bleiben

Europäischer Markt für börsennotierte Indexfonds verzeichnet die höchsten Mittelzuflüsse seit 2008. Allerdings ist 2014 kein Prädikatsjahr. Kann die ETF-Branche die Wachstumsstory fortsetzen? Eine Diskussion anhand der ETF-Vertriebsbilanz 2014.

Ali Masarwah 15.01.2015

Die ETF-Branche in Europa hat 2014 das zweithöchste Vertriebsergebnis ihrer noch jungen Geschichte erzielt. Wie aus den Morningstar Absatzschätzungen hervorgeht, flossen den in Europa domizilierten ETFs und ETCs im vergangenen Jahr netto 43,16 Milliarden Euro zu nach nur 11,0 Milliarden Euro 2013. Im Rekordjahr 2008 beliefen sich die Nettomittelzuflüsse auf 50,39 Milliarden Euro.

Auch wenn diese Vertriebsbilanz den Verantwortlichen der ETF-Branche Entwarnung signalisiert, entspannt zurücklehnen dürften sie sich damit nicht – aus verschiedenen Gründen, die wir weiter unten diskutieren werden.

Dezember-Zahlen fallen schwach aus

Doch kommen wir zunächst zu den Einzelheiten. Der ETF-Vertrieb fiel im letzten Monat des Jahres wegen Abflüssen aus Aktien-, alternativen und Rohstoff-ETFs schwach aus; lediglich 44 Millionen Euro flossen ETFs im Dezember zu.

Per Ende Dezember erreichte das in ETFs verwaltete Vermögen mit 379,26 Milliarden Euro erneut einen neuen Höchststand. (Das ist keine Besonderheit: Bisher stieg das ETF-Volumen in Europa in jedem Kalenderjahr auf einen neuen Höchststand). Per Ende 2013 hatte das ETF-Vermögen in Europa noch bei 294,16 Milliarden Euro gelegen. Das entspricht einer Steigerung von 28,9%.

Die Absatzbilanz des vergangenen Jahres wurde von Zuflüssen in die nach wie vor mit Abstand größte Asset Klasse getragen: Aktien-ETFs. Sie verbuchten Mittelzuflüsse von 24,16 Milliarden Euro und damit die höchsten Zuflüsse seit 2008, als sogar 34,21 Milliarden Euro in Aktien-ETFs investiert wurden.

2014 erzielten Bond-ETFs einen Absatzrekord, Rohstoffe brechen ein

Renten-ETFs konnten 2014 sogar einen Absatz-Rekord erzielen. Ihnen gingen netto 18,9 Milliarden zu.

Das zweite negative Jahr in Folge musste dagegen die dritte große Produktgruppe hinnehmen: Rohstoff-ETFs und –ETCs erlitten Abflüsse von netto 669 Millionen Euro. Das ist deutlich weniger als der Aderlass 2013, als vor allem aufgrund von Anteilsscheinrückgaben von Gold-ETFs 9,67 Milliarden Euro aus Rohstoff-Indexprodukten abflossen.

Die Absatzbilanz von Geldmarktfonds war Dank Zuflüssen im vierten Quartal mit einem Minus von 68 Millionen Euro über das gesamte Jahr gesehen nur leicht in negativem Terrain.

Tabelle: Flows und Vermögen: Der europäische ETF Markt 2014


Allerdings stellen diese Zahlen keine makellose Absatzbilanz dar. Die Phase des stürmischen Wachstums scheint seit 2009, spätestens seit Ende 2010 vorbei zu sein. Diese These können wir durch das Gewicht der Zuflüsse relativ zum Fondsvermögen untermauern. 2008 lag das um die Marktperformance bereinigte, also durch Mittelzuflüsse bedingte organische Wachstum bei Aktien-ETFs bei sensationellen 55,2%; Bonds-ETF wuchsen 2008 um 49,5% und Rohstoffprodukte um gut 200%. Das organische Wachstum der Rohstoff-Produkte lag auch 2009 bei über 200%, und auch Aktien- (plus 20,5%) und Bond-ETFs (22,4%) legten deutlich zu.

Hiernach ist die Wachstumskurve deutlich bei Aktien-ETFs deutlich und bei Bond-ETFs leicht abgeflacht. 2011 lag das organische Wachstum bei Aktien bei 7,8%, 2013 nur noch bei 6,6% und 2013 nur leicht höher bei 8,2%. Erst im vergangenen Jahr nahm der Anteil der Mittelzuflüsse am Volumenwachstum von Aktien-ETFs wieder deutlich zu, nämlich auf 12,1%. Das ist zwar ordentlich, auch im Vergleich zu den Wachstumsraten, die aktiv verwaltete Aktienfonds erzielen (plus 2% in den ersten elf Monaten des abgelaufenen Jahres) , für eine erst 10 Jahre alte Industrie, die sich gerne mit dem Nimbus einer Wachstumsbranche umgibt, ist das mittelprächtig.

Wachstumsquelle Strategic Beta: wie stark sprudelt sie?

Es stellt sich die Frage, wo die Quellen des künftigen Wachstums liegen. Hier bieten sich einige mögliche Antworten an. Kommen wir zunächst zum Modethema schlechthin: Strategic Beta ETFs, welche die Marketing-Abteilungen der ETF-Anbieter gerne auch als „Smart Beta“ bezeichnen. ETFs, die vor allem auf Aktienseite alternative Gewichtungsansätze zur Marktkapitalisierung fahren, werden häufig als wichtige Wachstumsquelle genannt (lesen Sie hier mehr zu Strategic Beta ETFs).

Bisher ist diese Hoffnung allerdings ein nicht eingelöster Wechsel: Der Marktanteil alternativ gewichteter ETFs liegt in Europa gerade einmal bei sechs Prozent. Das am stärksten wachsende Segment innerhalb des Smart-Beta-Universums sind Produkte, die das Risiko relativ zu herkömmlich gewichteten Indizes reduzieren sollen. Allerdings machen diese Produkte gerade einmal 0,7% des gesamten europäischen ETF-Markts aus.

Das Gros des Strategic-Beta-Universums besteht größtenteils aus Dividenden-ETFs. Das ist Strategic Beta der Generation 1.0. Mag die Ausschüttungsrendite von Dividenden-ETFs auf den ersten Blick beeindruckend sein, sie weisen teilweise erhebliche Risiken auf Branchen- und teilweise sogar auf Einzeltitelebene auf und hatten 2008 aufgrund der hohen Gewichtung von Bankaktien ihr Armageddon. Hier stellt sich die Frage, inwiefern Minimum Volatility und Minimum Variance ETFs und Co., die Strategic Beta ETFs der Generation 2.0, die ein Gewicht von 0,7% haben, der gesamten ETF-Branche zu stürmischem Wachstum verhelfen sollen. Hier erscheint Skepsis angebracht.

Brot-und-Butter-Geschäft mit DAX und S&P 500 ETFs ist volatil

Am ehesten dürfte die ETF-Branche mit ihrem bisherigen Brot-und-Butter-Geschäft punkten. Hier sind die meisten Assets investiert, diesen Produkten fließen die meisten Gelder zu. Die extrem hohen Zuflüsse in ETFs, die den S&P 500 abbilden und auf die wir im Verlauf unserer Nachlese näher eingehen werden, sind für diese These ein guter Beleg. Einerseits. Andererseits ist das Brot-und-Butter-Geschäft mit Plain-Vanilla-Indizes ein Spiel mit vielen Unbekannten: 2013 musste die Deutsche Bank und im vergangenen Jahr iShares zur Kenntnis nehmen, dass die Flows in DAX-ETFs extrem volatil sind und sich sehr schnell umkehren können.

Kann es Vanguard richten?

Bleiben der Markteintritt neuer Anbieter und regulatorische Schocks im europäischen Vertriebsmarkt. Dass Vanguard sich anschickt, auch den europäischen Markt aufzurollen, so, wie er es bereits in den USA vorexerziert hat, ist ein realistisches Szenario, das sich bereits 2014 als reelle Möglichkeit angedeutet hat. Allerdings bin ich nicht restlos überzeugt davon, dass Gelder, die in die ETFs neuer Anbieter fließen, zwangsweise Neugelder für die ETF-Branche sind; sie könnten ebenso gut zuvor aus den ETFs anderer Anbieter abgezogen worden sein. Insbesondere die Zuflüsse in bzw. Abflüsse aus günstigen bzw. teuren ETFs sprechen für Taschenspielerei und weniger für genuines Neugeschäft.  

Wachstumsquelle Regulierungs-Schock?

Bleibt der Faktor Regulierungsschock: Das Provisionsverbot in Großbritannien und den Niederlanden hat dem Indexfondsvertrieb dort einen erkennbaren Schub verliehen. Und auch die Rechtsprechung in der Schweiz lässt darauf deuten, dass der provisionsbasierte Vertrieb in der Schweiz auf dem Rückzug ist. Auch hier ist der Vertrieb von Indexfonds und ETFs im Vorwärtsgang. Das wird auch den Vertrieb im laufenden Jahr stützen. Ob die sukzessive Zurückdrängung des Provisionsvertriebs angesichts des Scheiterns von europaweiten Kickback-Verbotsinitiativen im EU-Parlament neue Regeln im Fondsvertrieb etablieren werden, ist zumindest mit großen Fragezeichen zu versehen. 

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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.