Strategic Beta: Die Erfolgsbilanz steht in den Sternen

Wir haben nach der Performance-Bilanz von alternativen Indexfonds geschaut und dabei unsere Morningstar-Sterne-Ratings zum Maß der Dinge gemacht. Momentaufnahme zeigt, dass Risiko-orientierte Strategic Beta ETFs Vorteile gegenüber Rendite-orientierten Produkten haben.

Ali Masarwah 03.12.2015

Strategic Beta ist aktuell eines der heiß diskutierten Themen unter ETF-Anbietern und Investoren. Alternativ gewichtete Indizes gewinnen zunehmend als Underlyings für Produkte an Bedeutung. Aus diesem Grund haben wir eine kleine Serie zu diesen Index-Trackern gestartet. Im ersten Teil haben wir einige Vermutungen über die Gründe für die Hype um Strategic Beta angestellt (lesen Sie hier mehr), im zweiten Artikel haben wir einen Blick auf das verwaltete Vermögen und die Wachstumsraten dieser Produktgruppe in Europa geworfen und dabei festgestellt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen --- ungeachtet der Bedeutung, die man diesem Indexfondssegment in der allgemeinen Diskussion zubilligt (lesen Sie hier mehr). 

Zahnungsschwierigkeiten einer jungen Produktgruppe 

Zunächst lassen sich einige Thesen über den Strategic Beta Markt in Europa festhalten: Dass das Vermögen bzw. Wachstum von Strategic Beta ETFs überschaubar ist, könnte damit zusammenhängen, dass die Track Records vieler dieser ETFs noch recht überschaubar sind. Investoren achten zwar auf die Rückrechnungen (vulgo: Backtests) der Produktanbieter, sind aber in der Regel erst dann für ein Investment zu haben, wenn sich eine Strategie in einer Drei- (besser noch: Fünf-)Jahresperiode "live" behauptet hat. Wie wir im zweiten Teil der Serie gesehen haben, sind viele Strategic Beta-Produkte erst in den vergangenen 18 Monaten auf den Markt gekommen. Das wäre eine logische Schlussfolgerung: Die Zurückhaltung vieler Anleger wäre gleichbedeutend mit Zahnungsschwierigkeiten, mit denen jede neue Produktgruppe zu kämpfen hat. 

Diese Annahme hat klingt logisch, erklärt allerdings nicht die große Diskrepanz zwischen der Reichweite von Strategic Beta ETFs in Europa und in den USA. Wir erinnern uns, dass in den USA jeder fünfte Dollar, der in ETFs investiert ist, in einem Strategic Beta ETF steckt. Das Gewicht dieser Produkte in Europa beläuft sich gerade einmal auf 6,4%. Die ältesten Strategic Beta ETFs in Europa gehen dabei bis auf das Jahr 2005 zurück; somit haben einige Produkte hierzulande durchaus hinreichend lange Track Rekords. Die Volumina sind allerdings bescheiden. 

Treffen ETF-Anbietern den Nerv der Großanleger? 

Kommen wir deshalb zu einem weiteren Erklärungsversuch für das eher gebremste Wachstum von Strategic Beta ETFs. Dieser These nach haben Investoren längst die Bedeutung von Faktor-Investments erkannt, greifen aber nicht unbedingt auf die „Verpackung“ ETF zurück. Wir erinnern uns, dass ETFs vorwiegend von institutionellen Investoren gekauft werden. Großanlegern stehen indes alle Türen offen, wenn sie eine bestimmte Strategie einsetzen wollen. Sie können einen Spezialfonds auflegen lassen, oder sich ein Mandat außerhalb der Hülle eines Fonds maßschneidern lassen. Sie müssen also keine ETFs kaufen, zumal sie dann den Definitionen der ETF-Anbieter folgen, was unter einem Faktor zu verstehen sei. Wir wissen, dass es manigfaltige Definitionen von „Value“, „Growth“ oder anderen Ansätzen wie Dividendenstrategien und Minimum Variance gibt. Hier haben institutionelle Anleger oft klare Vorstellungen, die sich nicht unbedingt mit denen der Indexfondsanbieter decken müssen. 

Der Verantwortliche einer Pensionskasse muss gewissermaßen nur mit den Fingern schnippen und findet umgehend die Gebote von 5, 10 oder 20 Asset Managern vor, die nur allzu gerne bereit sind, einen bestimmten Faktor, den die Pensionskasse für sich definiert hat, für sehr viel weniger Geld in einem Mandat umzusetzen, als ein Strategic Beta ETF an Gebühren kostet.

"Onscreen" Liquidität lässt oft zu wünschen übrig 

Die großen Institutionen sind zudem nicht auf börsenkotierte Vehikel angewiesen. Der Börsenhandel ist bei großen Tickets, also bei hohen Anlagesummen, keine gute Option. Der ETF-Handel wird bei großen Orders außerhalb der Börse abgewickelt, weil die Tiefe des ETF-Marktes zu wünschen übrig lässt. In der Regel werden nur für begrenzte Volumina Kurse „on screen“ gestellt. Kleinere Dachfonds bzw. Vermögensverwalter sowie Kleinanleger stellen somit das Gros der Investorenschaft, die ihre Orders über die Börsen abwickeln. Die geringe „on screen“ Liquidität spricht ebenfalls für die These, dass ETFs nicht unbedingt die erste Wahl für Großanleger sind.

Die dritte These über die noch geringe Reichweite von Strategic Beta betrifft die Produktqualität. Vielleicht fällt das Rendite-Risiko-Profil  dieser Produkte nicht so überragend aus, wie es die Pläne der Anbieter am Reißbrett nahelegen? Diese These ist eng mit der zweiten verknüpft. Sie mündet in der Frage ein: Sind Strategic Beta ETFs die optimalen Vehikel zur Umsetzung alternativer Indexstrategien bzw. Faktoren?

Qualitäts-Check mit dem Morningstar Sterne-Rating

Diesem Aspekt wollen wir uns nun widmen. Um einen groben Überblick über die Qualität dieser Produkte zu gewinnen, haben wir das Morningstar Sterne Rating zu Rate gezogen, das recht zuverlässig Auskunft über das Rendite-Risiko-Profil eines Fonds im Kontext seiner Kategorie gibt. Wir erinnern uns: Ein Vier- oder Fünf-Sterne-Rating erhalten Fonds, die eine bessere risikoadjustierte Performance aufweisen als der durchschnittliche Fonds in einer Morningstar Kategorie. Ein Drei-Sterne-Rating zeigt einen durchschnittlichen Fonds an, ein Ein- oder Zwei-Sterne-Rating impliziert ein unterdurchschnittliches Rendite-Risiko-Profil. Voraussetzung für ein Sterne-Rating ist unter anderem eine Dreijahreshistorie sowie die Zugehörigkeit zu einer homogenen Peer Group (lesen Sie hier mehr zur Methodologie des Sterne Ratings).

Wir haben nachgeschaut, wie das volumengewichtete Sterne-Rating von Strategic Beta ETFs ausfällt. Wir haben per Ende Oktober 197 Strategic Beta ETFs in Europa mit einem Vermögen von 29,82 Milliarden Euro ausgemacht. Davon stecken 19,57 Milliarden Euro in ETFs mit einem Morningstar Sterne Rating. Von diesen 19,57 Milliarden Euro waren per Ende Oktober 52,9 Prozent oder 10,36 Milliarden Euro in Strategic Beta ETFs mit einem Ein- bis Drei-Sterne Rating investiert. 9,21 Milliarden Euro oder 47,1 Prozent waren in mit vier oder fünf Sternen bewerteten Produkten angelegt. Das lässt zunächst auf eine recht unspektakuläre Erfolgsbilanz schließen (Tabelle).

Tabelle: Das meiste Geld steckt in bestenfalls durchschnittlichen Strategic Beta ETFs

Wir wollen nun etwas tiefer in die Materie einsteigen. Im nächsten Schritt haben wir uns die Bilanz der zwei großen Untergruppen der alternativen Indexfonds angeschaut. Wie haben die Rendite-orientierten und wie die Risiko-orientierten Strategic Beta ETFs abgeschnitten? (Weil die Gruppe „sonstige" in diesem Zusammenhang einer eher amorphe Masse darstellt, haben wir diese Strategic Beta Produktgruppe nicht berücksichtigt). 

Insgesamt steckten zum Stichtag 17,28 Milliarden Euro in Rendite-orientierten Strategic Beta ETFs mit einem Morningstar Sterne Rating. Überdurchschnittliche Ratings konnten Fonds mit einem Vermögen von 7,78 Milliarden Euro aufweisen. Das bedeutet, dass 45 Prozent des Vermögens der Rendite-orientierten ETFs in Produkten mit einem Vier- oder Fünf-Sterne Rating steckten, 55 Prozent sind also in bestenfalls durchschnittlichen Produkten investiert. Dies Bild ähnelt dem eher unspektakulären Abschneiden des gesamten Strategic Beta Markts in Europa. 

Tabelle: Rendite-orientierte Strategien zeigen unspektakuläres Bild

 

Besser fällt indes die Bilanz der risiko-orientierten Produkte aus. Hier waren 0,89 Milliarden Euro der 1,52 Milliarden Euro, die in bewerteten Risiko-orientierten Strategic Beta ETFs steckten, in Vier- oder Fünf-Sterne ETFs investiert. Das entspricht einer Quote von 58,6 Prozent. 

Tabelle: Risiko-orientierte Strategien mit ordentlicher Bilanz

 

Unsere erste Übersicht zeigt, dass Risiko-orientierte Produkte innerhalb ihrer jeweiligen Kategorie ein tendenziell besseres Rendite-Risiko-Profil aufweisen, als das bei den Rendite-orientierten Produkten der Fall ist. Wir erinnern uns, dass das Gros der in Strategic Beta investierten Gelder in Rendite-orientierten Strategien steckt. Dass diese über die Zeit ein eher durchschnittliches Profil im Vergleich zu den (aktiven und passiven) Produkten in ihrer jeweiligen Morningstar Kategorie aufweisen, ist keine besonders überzeugende Werbung für diese Produkte bzw. die ihnen zugrunde liegenden Indizes.

Dass die volumenmäßig deutlich kleinere Gruppe der Risiko-orientierten Produkte in unserer Stichtagsbetrachtung besser abschnitt, könnte zwar --- sofern dieser Trend anhält --- unter Investoren die Runde machen. Allerdings spricht die nachlassende Wachstumsdynamik, die wir im zweiten Teil der Serie für Risiko-orientierte Produkte ausgemacht haben, gegen die These, dass es sich bei dieser Gruppe um die shooting stars der Zukunft handelt.  

Zum Schluss wollen wir noch einen Blick auf die unterschiedlichen „Generationen“ von Strategic Beta Produkten werfen. Zur Erläuterung: Zwischen 2005 und 2009 gab es den ersten Schub bei Strategic Beta ETFs (die damals weder so noch „Smart Beta“ hießen). Dabei handelt es sich in erster Linie um Dividenden-Produkte a la DivDAX ETFs sowie Tracker auf die diversen Select Dividend Indizes von STOXX. Im Jahr 2009, das ganz im Zeichen der Finanzkrise stand, kam die Emissionstätigkeit von Strategic Beta ETFs weitgehend zum Erliegen; hiernach, also ab 2010, kamen verstärkt risiko-orientierte und andere Produkte auf den Markt, die der zweiten Generation an Strategic Beta ETFs zugeordnet werden können.

Wie ist es um die Unterschiede zwischen Vermögen und Qualität der beiden Produktgenerationen bestellt? (Von zwei Generationen innerhalb von zehn Jahren zu sprechen, mag als vermessen erscheinen, aber Trends in der Finanzbranche ist nun einmal sehr kurzlebig). Auch hier hilft für die erste Übersicht ein Blick auf die volumengewichtete Rating-Verteilung. Das Vermögen von Strategic Beta ETFs, die vor 2010 auf den Markt kamen und über ein Morningstar Sterne-Rating verfügen, beläuft sich auf 12,88 Milliarden Euro. Knapp 39 Prozent dieser Assets stecken in Produkten mit einem Vier- oder Fünf-Sterne Rating, 61 Prozent sind in ETFs mit einem Drei-Sterne-Rating oder schlechter investiert. Dividenden-ETFs blicken nun einmal auf eine eher gemischte Bilanz zurück (lesen Sie hier mehr).

Tabelle: ETFs der Generation 1.0

 

Interessant ist, dass es sich bei Strategic Beta ETFs der zweiten Generation spiegelbildlich dazu verhält. Produkte, die ab 2010 auf den Markt kamen und über ein Morningstar Sterne Ratig verfügen, weisen ein Vermögen von 6,69 Milliarden Euro auf. Davon steckten knapp 63 Prozent in ETFs, die ein Vier- oder Fünf-Sterne Rating, nur 37% des Vermögens war in ETFs mit einem Drei-Sterne Rating oder weniger investiert. 

Tabelle: ETFs der Generation 2.0

Auch wenn man bei solchen Stichtagsuntersuchungen, die nur kurze Fristen umspannen, vorsichtig sein sollte, wenn es um Schlussfolgerungen geht, spricht einiges dafür, dass Strategic Beta ETFs, die das Risiko minimieren, eine bessere Bilanz aufweisen als solche Produkte, die aufgelegt wurden, um ein besseres Renditeverhalten als vergleichbare marktkapitalisierungsgewichtete Indizes (bzw. Produkte). Jüngere Produkte bilden --- grosso modo --- auf den ersten Blick sophistiziertere Indexansätze ab als DivDAX und Co.  

Im letzten Teil unserer Reihe werden wir in die Produktwelt eintauchen und uns die größten Produkte am Markt etwas näher ansehen --- und anlässlich dessen die Thesen, die wir oben aufgestellt haben, ausführlicher und anhand konkreter Beispiele zu diskutieren. 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.