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ETF-Portfolios für die Langfristanlage

ETFs eignen sich hervorragend für langfristige Sparvorgänge. Doch die Zusammenführung von ETFs in den Portfolio-Kontext ist mühsam. Geeignete standardisierte Produkte sind Mangelware. Zum Abschluss unserer dreiteiligen Reihe zu ETF-Portfolios stellen wir vier Portfolio-Ideen für langfristiges Sparen mit ETFs vor.*

Ali Masarwah 18.11.2016

ETFs sind optimale Vehikel für langfristiges Investieren. Börsennotierte Indexfonds verschaffen Anlegern einen diversifizierten Zugang zu Märkten und weisen sehr niedrige Kosten auf. Das sind zwei Vorteile, auf die es aufzubauen gilt! Interessanterweise verhält es sich allerdings mit der Integration von ETFs in den Gesamtkontext von standardisierten Portfolios in der Praxis unbefriedigend – ungeachtet der großen Anzahl an ETFs, die es inzwischen am Markt gibt!

Lösung ETF Dachfonds? Eher nicht

Im ersten Teil unserer Serie zu ETF-Portfolios haben wir festgestellt, dass ETF-Dachfonds zumeist keine optimale Lösung sind. In Summe schneiden sie sogar schlechter ab als die ohnehin schwachbrüstigen Mischfonds-Kategorien. Zu hohe Kosten und (allzu) taktische Investment-Ansätze haben Anlegern in vielen ETF-Dachfonds die Performance verhagelt.

Auch die systematische Fahndung nach gemischten Produkten, die Asset Allocation Lösungen mit ETFs bieten und zugleich den Grundgedanken von ETFs effizient transportieren, fiel unbefriedigend aus. Günstig müssen solche Fonds sein, strategisch sollten sie agieren. Es gibt indes nur eine Handvoll solcher Fonds, welche diese Voraussetzungen erfüllen, wie wir im zweiten Teil unserer Reihe zu ETF-Portfolios ermittelt haben.

Dieser Befund verwundert nicht. Es gibt in Deutschland neben ETFs so gut wie keine Fondsgeschäftsmodelle, in denen die Vertriebskosten nicht in den Produktkosten enthalten sind. Das schmälert die Leistungsstärke dieser Fonds. In einigen Ländern Europas ist man deutlich weiter. In Großbritannien etwa. Dort wurden Kickbacks verboten; Vertriebs- und Produktkosten sind nunmehr getrennt. Wie sehr diese Kostenentschlackung Fonds attraktiver machen kann, zeigt das Beispiel der „Vanguard Life Strategy“-Fondsreihe. Es handelt sich um Dachfonds, die mit hauseigenen Vanguard-Indexfonds bestückt werden. Diese Fund of Funds kosten nur 0,24 Prozent pro Jahr. (In den USA weisen die dortigen Versionen dieser Vanguard-Dachfonds sogar nur jährliche Gebühren von zwischen 12 und 15 Basispunkten auf!)

Doch da wir im hier und heute leben, müssen wir uns damit abfinden, dass günstige ETF-Portfolios von der Stange Zukunftsmusik sind. Anleger, die von der Produktklarheit und den Kostenvorteilen von ETFs profitieren wollen und es sich zutrauen, die nötige Disziplin aufzubringen, sollten sich deshalb mit der Idee befassen, Portfolios der Marke Eigenbau aufzubauen.

Klassische Risikoklassifizierung bei Langfristinvestments eher hinderlich

Man muss sich jedoch zunächst bewusst machen, dass die typische Beratungspraxis von Banken oder unabhängigen Vermittliern aus regulatorischen Gründen vorsieht, Anleger entlang der Parameter „risikofreudig“ bis „risikoscheu“ einzuordnen. Solche Klassifizierungen sind jedoch suboptimal und können für langfristige Sparprozesse, etwa für die Altersvorsorge, im schlimmsten Fall jedoch schädlich sein.

Wer der typischen Risikoklassifizierung folgt, schießt entweder mit Kanonen auf Spatzen oder produziert einen potentiellen Performance-Rohrkrepierer.

Wer der typischen Risikoklassifizierung folgt, läuft Gefahr, entweder mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, oder einen potentiellen Performance-Rohrkrepierer zu produzieren. Am Ende landet der „risikofreudige“ Kunde entsprechend dieses typischen „Profiling“ bei einer Aktienquote von 100 Prozent (davon können 50 Prozent und mehr Emerging Markets sein!); dem „risikoscheuen“ Investor werden vorwiegend nichtrentierliche Staatsanleihen empfohlen. Es drohen also Portfolio-Konstruktionen, die in beiden Richtungen unter einer erheblichen Unwucht leiden! Fest steht: Langfristig brauchen auch konservative Anleger renditestarke Investments, und auch leidenschaftliche Achterbahnfahrer sollten nicht alles auf die Aktienkarte setzen.

Wir stellen Ihnen im Folgenden vier Ideen vor, wie Langfristportfolios in der Ansparphase gestaltet werden könnten. Angesichts der Kapitalmarktrisiken, denen diese Ideen beinhalten, sollten Investoren rechtzeitig vor Beginn der Konsumphase die Risiken reduzieren und in sichere Instrumente, wie etwa Kurzläufer-Renten oder Bargeld umschichten.

Ohne substantielle Aktienrisiken geht es nicht

Unsere Portfolio-Ideen folgen der Erkenntnis, dass in Zeiten tiefster Zinsen auskömmliche Aktienquoten unabdingbar sind. Keine der vier Anregungen weist deshalb eine Aktienquote von unter 60 Prozent auf. Das kann, wie wir weiter unten sehen werden, zur Folge haben, dass in den ersten Jahren des Sparvorgangs Verluste anfallen können. Bei Investment-Phasen von 15, 20 Jahren oder mehr sind Anfangsverluste indes locker zu verschmerzen.

Diese Vorbemerkung ist keinesfalls trivial. Zur Erinnerung: Die staatlich geförderte Altersvorsorge (Riester, bAV und Co.) krankt in erheblichem Maße an den Garantien, zu denen Produktgeber vom Gesetzgeber genötigt werden. Wer langfristig Rendite braucht, muss sich in der Niedrigzinswelt von heute gezielt Kapitalmarktschwankungen aussetzen. Privatanleger haben bei ihrer private Vorsorge den Luxus, sich nicht um regulatorische Korsette zu scheren. Nutzen Sie diese Chance! 

Bond-Quoten liegen bei mindestens 25 Prozent

Doch Aktienrisiken sind das Eine. Das andere ist, dass Anleger nicht auf Anleihen verzichten sollten, weil die Zinsen niedrig sind. Bonds sind hervorragende Diversifizierer von Aktienportfolios. Sie dämpfen die Verluste, die bei Aktien unweigerlich in gewissen Phasen anfallen, spürbar ab. Deshalb weisen die vier Portfolio-Anregungen eine Bond-Quote von nicht unter 25 Prozent auf. Dabei greifen wir vorwiegend auf breit diversifizierte Indizes zurück: auf den Barclays Euro Aggregate für Euro-Bonds und den Barclays Global Aggregate Bond für globale Anleihen. Um die diversifizierende Wirkung von Bonds nicht preiszugeben, setzen wir bewusst keine Hochzins-Papiere ein, die typischerweise mit Aktien positiv korreliert sind.

Unsere Portfolio-Ideen sind langfristig ausgerichtet. Und sie sind praktisch umsetzbar, da jeder Index mit mindestens einem ETF - zumeist ist die Auswahl deutlich größer! - am Markt bestückt werden kann. Zudem sind die verschiedenen Ansätze realistisch kalkuliert: Es werden Gesamtkosten von 0,5 Prozent pro Jahr veranschlagt, was nicht nur die Produkt-, sondern auch die Handelskosten abbildet.

Wir weichen deshalb auf die Indexebene aus, weil das ETF-Segment noch relativ jung ist. Für etliche Kapitalmarktsegmente gibt es erst seit wenigen Jahren die passenden Indexprodukte. Da wir jedoch die historische Performance der Portfolio-Ideen vorstellen und eine Performance-Simulation für die mögliche künftige Entwicklung vornehmen wollen, brauchen wir möglichst langfristige Performance-Datenreihen. 

Vom kleinen Geldbeutel zum prallen Portfolio

Doch nach welcher Vorgehensweise sind unsere Portfoliovorschläge strukturiert, wenn sie nicht dem klassischem WpHG-Risiko-Schema folgen? Nun, sie folgen einerseits auf pragmatische Weise den Erfordernissen vor Ort. Ein Vermögen von rund 50.000 EUR und weniger sollte aus Effizienz- und Kostengründen in nicht mehr als zwei ETFs angelegt werden. Größere Vermögen können dagegen breiter gestreut werden. Beide Konstellationen werden in unseren Anregungen aufgegriffen.

Ein Vermögen von rund 50.000 EUR und weniger sollte aus Effizienz- und Kostengründen in nicht mehr als zwei ETFs angelegt werden

Andererseits spiegeln unsere Ideen auch unterschiedliche Anlegerpräferenzen wider. Sie reichen von einfachen Lösungen entlang typischer Aktien-Renten-Benchmarks (MSCI World bzw. Barclays Euro Aggregate) über eher BIP-gewichtete Ansätze bis hin zu Inflationsschutz-Erfordernissen. Aufmerksame Leser werden zur Kenntnis nehmen, dass mit einer Ausnahme sparsam mit den ETF-Bausteinen umgegangen wird. So viel wie nötig, so wenig wie möglich, lautet unser Motto. Einmal mit Blick auf die Handhabbarkeit, aber auch wegen der Transaktionskosten, die möglichst klein gehalten werden sollen. Unsere Baupläne sehen vor, dass einmal im Jahr das Portfolio auf seine Ausgangslage zurückgesetzt wird. Das gibt der Sache einen antizyklischen Kick, produziert jedoch Umschichtungskosten. Diese gilt es zu minimieren.

Doch kommen wir nun zu den vier Anregungen für ETF-Portfolios im Einzelnen:

1.   „Das Einfache“

Hier kommt ein gleichermaßen einfaches wie bewährtes Aktien-Renten Portfolio zum Einsatz. Es setzt sich aus dem MSCI World auf der Aktienseite und dem Barclays Euro Aggregate auf der Rentenseite im Verhältnis von 60:40 zusammen. Es handelt sich um Indizes, die typischerweise als Benchmarks für klassische Euro-Mischfonds zum Einsatz kommen. Auf der Aktienseite beläuft sich die USA-Quote derzeit auf über 55 Prozent, Japan folgt mit rund zehn Prozent, danach finden sich Großbritannien (6,5 Prozent), Kanada, Frankreich, Deutschland und die Schweiz (jeweils zwischen 3 und 3,6 Prozent). Die Bond-Seite beinhaltet für Euro-Investoren keine Fremdwährungsrisiken, setzt sich jedoch nicht nur aus deutschen Bunds (rund 18 Prozent), sondern auch aus Staatsanleihen aus Frankreich (22 Prozent), Italien (15,5 Prozent) und Spanien (10 Prozent) zusammen. Hinzu kommen Emissionen von supranationalen Organisationen und qualitativ hochwertige Unternehmensanleihen.

Die Stärke dieser zusammengesetzten Indizes: Sie sind stabil aufgesetzt und werden typischerweise regelmäßig rebalanciert, also auf die Ausgangslage zurückgeführt. Das gibt der Sachen eine angenehme antizyklische Note.

Viele Manager von aktiv verwalteten Mischfonds bemängeln, dass derartige Portfolios für Anleger zu „starr“ und ihre Kapitalallokation suboptimal auf der Aktien- (zu hoher USA/US-Dollar-Anteil) wie auf der Rentenseite (zu hohe Zinsänderungsrisiken, zu hoher Club-Med-Anteil) seien. Nun muss man wissen, dass die derartig kritisierten Benchmarks in der Vergangenheit von aktiv verwalteten Mischfonds kaum zu übertreffen waren. Bei den Index-Kritikern handelt es sich also mutmaßlich um Fondsmanager, die diese einfachen Benchmarks underperformt haben. Einerseits.

Andererseits sollte die typische Kritik von Asset Managern nicht nur als Marketing-Getöse abgetan werden. Anleger sollten in der Tat davon ausgehen, dass die hervorragende Index-Performance der Vergangenheit auf der Bond-Seite künftig nicht wiederholbar sein wird. Die Renditen substanzieller Teile des globalen Markts für Staatsanleihen sind inzwischen negativ, und das muss Folgen für die Performance der Zukunft haben.

Wer sein Portfolio entlang des "Einfachen“ aufbaut, wird also die Risiken abwägen und seine Renditeerwartungen zurückschrauben müssen. Allerdings müssen Investoren in derartigen Portfolios keinen Weltuntergang befürchten. Angesichts der extrem niedrigen Renditen wird die Bond-Performance künftig bescheiden ausfallen, auch wenn nicht unbedingt ein Renten-Crash anstehen muss. Zu mächtig erscheinen die derzeit den Bond-Markt prägenden Akteure: die Notenbanken. Zudem sind auch die Manager von aktiv verwalteten Mischfonds von dieser Rendite-Kompression betroffen. Schlimmer noch: In Zeiten sinkender Performance-Erwartung mindern die Kosten aktiv verwalteter Mischfonds die Chancen solcher Investments deutlich. Wir halten also an der These fest, dass "Das Einfache" auch in Zukunft eine Daseinsberechtigung haben wird.

Grafik: „Das Einfache“

2.   „Das Diversifizierte“

Größere Vermögen hingegen können granularer investiert werden. Hier könnte "Das Diversifzierte“ ins Spiel kommen. Die Asset Allocation ist hier recht ausgefeilt. Investiert wird in elf ETFs. In dieser Portfolio-Idee werden Schwellenländeraktien hinzugenommen. Sie finden sich mit einer Gewichtung von zehn Prozent in Gestalt des MSCI Emerging Markets wieder. Die im MSCI enthaltenen Länder werden zudem in (günstige) Länder-ETFs aufgefächert und durch Nebenwerte ergänzt; europäische und amerikanische Mid und Small Caps sind mit jeweils fünf Prozent gewichtet. Das Emerging Markets Exposure von zehn Prozent und die Nebenwerte-Quote von insgesamt 20 Prozent verleiht dieser Portfolio-Idee also einen sportlichen Charakter.

Auf der Bond-Seite verlagert sich das Geschehen auf die globale Ebene. Die Rentenquote von 35 Prozent wird vom Barclays Global Aggregate Bond bestritten. In diesem Index sind nur Investment-Grade Emissionen vertreten. Es dominieren Staatsanleihen aus den USA mit knapp 40 Prozent, gefolgt von Japan (18 Prozent), Frankreich und Großbritannien (jeweils sechs Prozent). Den größten Anteil am Index - knapp 40 Prozent – machen Laufzeiten von bis zu fünf Jahren aus. Für Euro-Investoren bieten sich aufgrund der hohen (Fremd-)Währungsvolatilität währungsgesicherte ETFs auf diesen Index an. Die genaue Zusammensetzung finden Sie in der unteren Grafik.

 Grafik: „Das Diversifizierte“

3.„Das Realwirtschaftliche“

Bei dieser Idee wird auf der Aktienseite das weltweite Bruttoinlandsprodukt stärker als Gewichtungsmaßstab verwendet als das Prinzip der Marktkapitalisierung. Deshalb kommen Schwellenländer deutlich stärker als bei den beiden oberen Vorschlägen zum Einsatz. Das Gewicht der USA ist entsprechend relativ niedrig im Vergleich zum MSCI Welt Index. Aktienseitig ist Europa in etwa ähnlich hoch gewichtet.

Wie auch beim "Diversifizierten" findet sich der globale Rentenindex wieder - schließlich ist die Verschuldung der USA und Japans eine realwirtschaftliche Realität. Auch hier sollten Anleger jedoch über einen ETF mit Währungsabsicherung nachdenken.

 Grafik: „Das Realwirtschaftliche“

4.   „Das Inflationsbremsende“

Viele Anleger in Deutschland dürften sich mit dem Portfolio „Das Inflationsbremsende“ anfreunden. Die hohen Aktienquoten in allen Portfolio-Ideen implizieren bereits einen gewissen Inflationsschutz. In dieser Portfolio-Idee werden den Teurungs-Risiken auf der Bond-Seite stärker Rechnung getragen. Inflationsschutzanleihen machen insgesamt 25 Prozent des Portfolios aus. Die Kuponhöhe von inflationsgeschützten Anleihen ist an die Entwicklung der Verbraucherpreise gekoppelt. Allerdings müssen Anleger beachten, dass auch solche Papiere bei einer Bond-Korrektur nicht vor Verlusten gefeit sind. Die variablen Kupons mindern allenfalls die Schmerzen.

Hinzu kommt eine Goldquote von zehn Prozent. Gold ist zwar nicht unbedingt ein effektiver Hedge gegen steigende Preise per se. Indes entfaltet das Edelmetall seinen Charme als Katastrophen-Hedge, also als Absicherung gegen stark steigende Preise und Krisen im Allgemeinen. "Das Inflationsbremsende" ist übrigens das Einzige unter den vier Portfolio-Ideen, in dem Inflationsschutzanleihen und Gold zum Einsatz kommen. Auch eine leicht erhöhte Aktienquote trägt der Tatsache Rechnung, dass Dividendentitel eine moderate Teuerung durchaus ohne Performance-Schäden überstehen können, wohingegen Anleihen typischerweise in Zeiten steigender Preise leiden.

Grafik: „Das Inflationsbremsende“

 

Im zweiten Teil des Artikels schauen wir uns das Rendite-Risiko-Profil der vier ETF-Portfolio-Ideen an und wagen auch ein Blick auf das, was die Zukunft bringen könnte. Lesen Sie hier weiter.

*Dieser Artikel ist eine inhaltlich und vom Umfang erweiterte Fassung eines Gastbeitrags, den ich für die Oktober-Ausgabe des Magazins „Der Neue Finanzberater“ verfasst habe. Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frankfurt Business Media GmbH – Der F.A.Z.-Fachverlag. 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.