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Brauchen junge Anleger überhaupt Staatsanleihen?

Auch wenn Aktien die Hauptrolle spielen sollten, können sich Anleihen zu den heimlichen Stars im Portfolio mausern. In die Zukunft zu blicken kann angesichts der guten Bond-Historie schwer fallen, ist aber absolut nötig.

Ali Masarwah 24.11.2016

Der jüngste Crash an den Bond-Märkten nach der überraschenden Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten dürfte das Negativmarketing für Bonds noch verstärken. Viele Asset Manager heben Aktien als "alternativlos" hervor, Staatsanleihen werden dagegen bestenfalls als irrelevant bezeichnet, häufiger jedoch als potenzielle Renditevernichter. Sollten nicht also Anleger mit einem sehr langen Anlagehorizont auf Bonds verzichten?

Diese These erscheint in Zeiten nicht vorhandener Zinsen und teilweise negativer Renditen - zehnjährige deutsche Bundesanleihen haben erst im Zuge der Bond-Korrektur der Nach-Trump-Wahl wieder positives Terrain gesehen! - gerechtfertigt. Welchen Vorteil bringen Anleihen heute, gerade dann, wenn Investoren 20, 30 Jahre oder länger nicht auf das investierte Vermögen zugreifen müssen? Da mit Aktien weitaus mehr als mit Anleihen zu verdienen ist, könnte man sogar die These aufstellen, dass es besser ist eine Diversifizierung mit anderen Arten von Aktien vorzunehmen statt mit Bunds.

Gemach. Hier gilt es zwei Argumentationsebenen zu trennen. Der erste Punkt, den ich immer wieder zu hören bekomme, betrifft die obere Frage nach Diversifikationsalternativen zu sicheren Bonds. Hier wäre ich vorsichtig. Aus Diversifikationsaspekten waren sichere Staatanleihen bisher unverzichtbar, und ich würde die These vertreten, dass sie auch langfristig gute Diversifizierer von Aktienrisiken bleiben werden. Gewiss, man wird unterschiedliche Aktiengattungen bzw. Fondskategorien finden, die in bestimmten Zeiträumen eine recht niedrige Korrelation zueinander aufweisen.

Im Zweifel hat es sich mit der Aktiendiversifikation, wenn der Anleger sie am meisten braucht: in Abwärtsphasen

Aber im Zweifel hat es sich dann mit der Aktiendiversifikation, wenn sie der Anleger am meisten braucht: wenn es an den Märkten ungemütlich wird. Hochzinsanleihen und andere Unternehmensanleihen weisen im Zweifel ebenfalls eine hohe Korrelation zu Aktien auf. Sichere Bonds werden also aller Voraussicht das Instrument der Wahl aus Diversifikationsaspekten bleiben. Deutsche Bunds wiesen in den vergangenen Jahrzehnten - je nach Betrachtungszeitraum - eine extrem niedrige bis deutlich negative Korrelation zum DAX auf.

Eine ganz andere Frage ist die dagegen die der erwarteten Rendite. Es spricht viel dafür, dass Aktien für die Performance die Hauptrolle im Portfolio spielen sollten. Wer das investierte Geld mehrere Jahrzehnte lang nicht benötigt, der sollte Anleihen eine Nebenrolle einräumen. Da sich Aktien trotz ihrer Volatilität über ausgedehnte Zeiträume wahrscheinlich besser entwickeln werden als Anleihen, sollte die Allokation in Aktien zunehmen, je länger der Anlagehorizont des Anlegers ist. 

Der entscheidende Unterschied zwischen Risikotragfähigkeit und Risikotoleranz

Alles klar also? Nicht ganz. Denn auch bei langfristig angelegten Investmentprozessen ist der Faktor "Mensch" bzw. sein "Bauchgefühl" nicht zu vernachlässigen. Auch wenn es bis zum Ruhestand noch lange hin sein mag: Es fühlt sich nie gut an, Geld zu verlieren. Die Risikotragfähigkeit – also wie viel Risiko man unter Berücksichtigung seines Anlagehorizonts tolerieren kann – unterscheidet sich in der Regel stark von der Risikotoleranz, bei der es im Wesentlichen darum geht, wie gut man die Marktvolatilität aushalten kann.

Das bringt uns zur schon fast philosophischen Frage: Wie fühlt sich Marktvolatilität an? Die pragmatische Antwort lautet: Es kommt darauf an. Schießen die Kurse nach oben, dann finden wir die Marktvolatilität eine prima Sache. Brechen die Kurse ein, ist die Volatilität zutiefst verstörend. Hinzu kommt, dass die Volatilität in Abwärtsphasen in der Regel sehr viel höher ist als in Aufwärtsphasen. Aktienkurse brechen bekanntlich abrupt ein, ein Aufstieg vollzieht sich sehr viel träger.

Der Maximale Verlust illustriert das Verlustrisiko am besten

 

Zur Illustration: Der DAX Index wies seit Ende der 1990er in Aufwärtsphasen eine Volatilität von gut zwölf Prozent p.a. auf. In Abwärtsphasen schwankte der Index um 16 Prozent. Weil das vermutlich den wenigsten Investoren den Sachverhalt plastisch vor Augen führt, bringen wir den maximalen Verlust ins Spiel. Der maximale Verlust in einem gegebenen Zeitraum ist kein statistisches Maß, sondern der Anteil am investierten Vermögen, der verloren ginge, wenn man auf dem Höhepunkt eingestiegen ist und am Tiefpunkt verkauft. (Wie wahrscheinlich ist das? Sehr wahrscheinlich, wenn Sie mich fragen!).

Der maximale Verlust beim DAX seit Anfang des Jahrtausends belief sich auf knapp 70 Prozent. Dieser Einbruch vollzog sich zwischen März 2000 und April 2003. Hatten Anleger die Nerven, das auszusitzen? Wohl die wenigsten, und das dürfte eine gute Erklärung für den miesen Ruf der Aktie in Deutschland sein. Die allermeisten T-Aktien-Anleger der ersten Stunde sind wohl lange nicht mehr dabei. (Wären sie das, dann hätten sie, die Re-Investition der Dividenden vorausgesetzt, eine ziemlich ordentliche Performance erzielt und der selige Manfred Krug hätte sich über noch höhere Beliebtheitswerte beim Fernsehpublikum erfreuen können.) 

Halten wir also fest, dass es für die Praxis keine gute Idee ist, Aktienrisiken im Portfoliokontext 1:1 einzugehen. Bonds waren hervorragende Airbags, und sie dürften es auch bleiben.  

Ist die Zeit immer auf der Seite des Langfristanlegers?

Doch auch die eingefleischtesten Aktienfans müssen zur Kenntnis nehmen, dass Bonds aus Performance-Überlegungen eine höchst attraktive Anlageklasse sein können. Auch wenn wir der Meinung sind, dass Aktien bei langfristigen Sparprozessen die beste Wahl sind, kann es Phasen geben, in denen es ziemlich lange ganz anders kommt. Würden Sie 18 Jahre als lange Zeit ansehen? Vermutlich schon. In dieser Zeitspanne sahen Aktien, illustriert am DAX, im Vergleich zu Anleihen, illustriert an einem marktüblichen Index für deutsche Staatsanleihen, ziemlich alt aus. Das zeigt der untere Vergleich zwischen DAX und Bloomberg Barclays Euro Aggregate Germany Government TR zwischen Juli 1998 und Mitte November 2016. Die volatile blaue Linie zeigt die Performance des DAX TR, die grüne die des Bloomberg-Index. 

Grafik: Outperformer sehen anders aus: DAX vs Bunds 1998 bis 2016

 Quelle: Morningstar Direct

Dass Bonds durchaus langfristig Aktien überlegen sein können, ist also kein pessimistisches Szenario aus dem Wolkenkuckucksheim, sondern die Realität vieler alter Hasen, die vor den Generationen X und Y geboren wurden. Der DAX hinkte in den vergangenen 18 Jahren dem Index für deutsche Staatsanleihen jedes Jahr um knapp 150 Basispunkte hinterher, und das bei einer mehr als sechs Mal so hohen Volatilität! Ohne Berücksichtigung von Kosten wären aus 10.000 Euro bei einem DAX Investment im besagten Zeitraum 18,000 Euro geworden. Bei Bunds wären knapp 23,350 Euro herausgesprungen. Aua! 

Sind Aktien immer noch das Risiko wert?

In den letzten 18 Jahren sind viele Anleger also für die Übernahme des Aktienrisikos nicht gut belohnt worden. Angesichts dieser Historie dürften Aktien für weite Teile der Anlegerschaft keinesfalls so alternativlos sein, wie es viele Finanzprofis vermuten. Objektiv mag es so sein, aber in der Realität von heute werden sich vermutlich viele Anleger die Frage stellen, ob Aktien überhaupt das Risiko wert sind! 

Ohne Berücksichtigung von Kosten wären aus 10.000 Euro bei einem DAX Investment seit 1998 gut 18.000 Euro geworden. Bei Bunds wären knapp 23,350 Euro herausgesprungen. Aua!

Die Tücke liegt darin, Investoren klar zu machen, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen wird. Ohne explizite Prognosen über die Renditen von Anlageklassen machen zu wollen, erscheint es nahezu unmöglich, dass sich das Muster der vergangenen 18 Jahre auf lange Sicht fortsetzen wird. Wohl schon mit Blick auf Aktien. Diese dürften weiterhin kräftig schwanken. Nicht aber mit Blick auf Bonds!

Die letzten Jahrzehnte waren von einem markanten Renditerückgang geprägt. Die Renditen deutscher Benchmark-Anleihen sackten im Juni 2016 sogar erstmals in ihrer Geschichte in negatives Terrain. Aktuell, also Mitte November, haben zehnjährige Bunds gerade einmal wieder positives Terrain erreicht. Auch wenn das Beispiel Japans und das der Schweiz zeigen, dass Renditen durchaus noch tiefer tendieren können, dürfte das Ende der Fahnenstange zumindest nah sein. Auch wenn ein Bond-Crash nicht ausgemachte Sache ist, so werden Anleihen mittelfristig nicht mehr das Zeug zum Performance-Motor haben.

Die richtige Allokation finden

Ein gewisser Anteil an festverzinslichen Wertpapieren ist also selbst für sehr junge (=risikotragfähige) und risikotolerante Anleger sinnvoll. Auch künftig werden Anleihen die Aktienvolatilität glätten und das Verlustrisiko von gemischten Portfolios verringern. Allerdings sollte man es gerade in Zeiten tiefster Renditen mit Bonds nicht übertreiben. Eine Anleihenallokation sollte maßvoll sein, da man andernfalls riskiert, auf zu viel Aufwärtspotenzial zu verzichten. Mit anderen Worten: Selbst wenn man eine angemessene Sparquote hat, gerät das Rentenziel in Gefahr, kein ausreichendes Aktienrisiko im Portfolio vorhanden ist. Anleger und Berater stehen also vor der großen Herausforderung, das angemessene Maß zu ergründen und das Depot des Anlegers robust aufzusetzen.  

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.