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Herausforderung Indexfonds -- Wo die „Passiven“ besonders stark wachsen

Eine Auswertung zeigt, in welchen Fondskategorien Investoren seit 2013 besonders stark auf europäische Indexfonds gesetzt haben. Teil I einer Ursachenforschung.

Ali Masarwah 15.05.2017

Über die passive Herausforderung für aktives Asset Management ist viel geschrieben worden. Auch wir veröffentlichen regelmäßig Statistiken, die zeigen, dass (und wie stark) Indexfonds wachsen. 2016 war ein besonders gutes Jahr für passive Investments, was global gesehen vor allem auf die Dominanz des Neugeschäfts in den USA durch Vanguard zu erklären ist. Doch auch in Europa wachsen Indexfonds seit Jahren überdurchschnittlich stark. Auf die günstigen Index-Tracker zu setzen, entwickelt sich hierzulande zu einem veritablen Trend. Inzwischen stecken, ohne Hinzurechnung von Geldmarktfonds, rund 15 Prozent des europäischen Publikumsfondsmarktes in ETFs und nichtbörsennotierten Indexfonds.

Doch wir wollen innehalten und jenseits dieser Schlagzeile genauer auf das Wachstum der „Passiven“ blicken und eine Zwischenbilanz auf Fondskategorie-Ebene ziehen. Unsere heutige Übersicht über das Wachstum von passiven Fonds seit 2013 ergänzt vorzüglich unsere monatlichen Geldflussstatistiken für Fonds, in denen wir Mittelzu- und -abflüsse in Publikumsfonds europaweit Monat für Monat schätzen. Da Indexfonds nach wie vor in erster Linie den Aktienmarkt betreffen, haben wir uns heute die zehn wichtigsten Aktienkategorien für Investoren aus dem deutschsprachigen Raum vorgenommen.1)

Wachstum in zehn wichtigen Kategorien im Blick

Die untere Übersicht zeigt das organische Wachstum von zehn ausgewählten Morningstar Kategorien seit 2013. Das organische Wachstum misst die prozentuale Veränderung des Fondsvermögens, die auf Mittelflüsse zurückgeht. Zur Erklärung: Die Veränderung des Fondsvermögens über die Zeit sagt an sich nichts über die Nachfrageseite aus, da sie auch auf Markteffekte zurückgeht. Spiegelbildlich geben die Nettomittelflüsse zwar Aufschluss auf die Vertriebsleistung, aber nicht auf deren Bedeutung. Hohe Mittelbewegungen haben für kleine Fonds (bzw. Fondskategorien) eine andere Bedeutung als die identischen Mittelflüsse für große Fonds (bzw. große Fondskategorien). Aus diesem Grund haben wir im Folgenden die Mittelflüsse ins Verhältnis zum investierten Vermögen der jeweiligen Kategorie gesetzt. Das steht hinter der Kennzahl „organisches Wachstum“.

Sie lesen die untere Tabelle so: Rechts neben der Fondskategorie finden Sie das prozentuale jährliche Wachstum der Indexfonds und der aktiv verwalteten Fonds zwischen 2013 und 2016. Die Zellen, die das organische Wachstum von Indexfonds widergeben, sind farblich unterlegt. Eine grüne Kolorierung bedeutet, dass das Wachstum von Indexfonds das der aktiven Fonds in der identischen Kategorie übertroffen hat. Eine rote farbliche Unterlegung signalisiert, dass aktiv verwaltete Fonds ein höheres Wachstum hingelegt haben. Um die Bedeutung von Indexfonds in den jeweiligen Kategorien taxieren zu können, finden Sie in der Spalte rechts außen das verwaltete Vermögen in Indexfonds und aktiv verwalteten Fonds.

Tabelle: Das Wachstum von Indexfonds in ausgewählten Fondskategorien 

Wie aus der oberen Tabelle hervorgeht, haben Indexfonds in fast allen großen Kategorien aktiv verwalteten Fonds seit 2013 im Vertrieb den Schneid abgekauft. Von den 40 Feldern sind nur sechs rot koloriert, was bedeutet, dass in fast allen betrachteten Fondskategorien Indexfonds stärker gewachsen sind als aktiv verwaltete Fonds. Und der Abstand ist überwiegend bedeutsam. Beispiel global investierende Standardwertefonds: In der größten Publikumsfondskategorie (ex Geldmarkt) in Europa sind die MSCI World Tracker in jedem Jahr seit 2013 deutlich stärker gewachsen als aktiv verwaltete Fonds. Per Ende 2016 steckte gut ein Viertel aller investierten Gelder der Kategorie in Indexfonds.

Das Wachstum der Passiven war in der Kategorie „Aktien USA Standardwerte“ ebenfalls überdurchschnittlich - mit der Folge, dass per Ende 2016 knapp 60 Prozent aller Assets dieser Kategorie passiviert waren. Mit Ausnahme der Kategorie „Aktien Schweiz Standardwerte“, in der die Passivquote per Ende 2016 sogar bei über 62 Prozent lag, war in keiner anderen großen europäischen Fondskategorie der Anteil von Indexfonds höher. In den Aktienkategorien für europäische und Schwellenländer-Standardwerte waren die Wachstumsraten von Indexfonds in jedem Kalenderjahr seit 2013 höher als bei aktiv verwalteten Fonds.

Bleibt also festzuhalten, dass das Indexfondswachstum in acht der zehn untersuchten Aktienfondskategorien, die für Anleger im deutschsprachigen Raum besonders wichtig sind, überdurchschnittlich groß ist. Hier setzen Investoren offenbar nachhaltig auf günstige Indexfonds. Die Ursachen dafür wurden oft genannt: regulatorische Veränderungen stellen den klassischen Provisions-Vertrieb in etlichen Ländern ins Aus. Zudem macht sich zunehmend die Erkenntnis bei Anlegern breit, dass günstige Kosten eine wichtige (wenn nicht die wichtigste) Voraussetzung für ihren Anlegererfolg darstellen. Auch Vermögensverwalter setzen immer mehr auf ETFs und anderen Indexfonds, statt dem Star-Fondsmanager von morgen nachzulaufen. 

Deutschland- und Eurozonen-Indexfonds stellen interessante Ausnahmen dar

Will man den Unterschieden zwischen dem Vertrieb von aktiven und passiven Fonds auf den Grund gehen, lohnt es sich schon eher, auf die wenigen roten Felder unserer Tabelle einzugehen. Indexfonds für Standardwerte Eurozone mussten 2016 signifikante Abflüsse hinnehmen, während ihre aktiv verwalteten Pendants nur leichte Abflüsse hinnehmen mussten. Der identische Befund gilt für deutsche Standardwertefonds, wo die Passiven 2016 kein gutes Jahr hatten. Die Kategorie „Aktien Deutschland Standardwerte“ ist übrigens die einzige, in welcher der Trend zur Passivierung von Kapitalanlagen zwischen 2013 und 2016 nicht vorhanden war: In drei von vier untersuchten Jahren war das Wachstum der Zuflüsse bei den Aktiven stärker - bzw. das Tempo der Abflüsse nicht so hoch. In den Jahren 2013 und 2014 waren die Abflüsse bei Deutschland-Indexfonds besonders signifikant.

Angesichts des säkularen Wachstums von Indexfonds bieten sich drei Erklärungsversuche für das unterdurchschnittliche Wachstum von Deutschland- und Eurozonen-Indexfonds an:

       - ihr Rendite-Risiko-Profil der Produkte ist unbefriedigend;

       - Anleger nutzen ETFs und Indexfonds hier stärker als Trading-Instrumente;

       - die Rahmendbedingungen des lokalen Markts bestimmen die Präferenz von Investoren in die eine bzw. in die andere Richtung.

Fangen wir mit der dritten These an. Steigt man ins Archiv hinab, zeigt sich, dass die sehr hohen Abflüsse aus Deutschland-Indexprodukten 2013 und 2014 vor allem auf das Konto von DAX-ETFs von db X-trackers und iShares gingen. Auch wenn sich die Verantwortlichen weiland über die Natur der Abflüsse ausschwiegen, waren die Rückgaben dermaßen hoch wie punktuell, dass die Auguren – einschließlich ihres Morningstar Beobachters - auf Asset-Allocation Entscheidungen institutioneller Investoren schlossen. Angeblich handelte es sich um Großanleger aus Asien, die in den Jahren zuvor massiv DAX-ETFs gekauft hatten.

Wenn es sich bei der Causa DAX-ETFs 2013/14 also um Einzelentscheidungen sehr großer, ggf. ausländischer Institutionen handelte, dann erlaubt die schlechte Vertriebsbilanz der passiven Deutschlandfonds nicht die Schlussfolgerung, dass sie einen grundsätzlichen Nachteil aufweisen, der Anleger stärker zu aktiv verwalteten Fonds hinführt. So gesehen haben diese punktuellen Abflüsse lediglich die entsprechenden vorherigen Zuflüsse egalisiert. Grundsätzlich sind passive Fonds bei deutschen Standardardwerten also nicht "out" -- die Passivquote liegt in dieser Kategorie vielmehr bei nach wie vor beachtlichen 35 Prozent. 

Trading-These klingt auf den ersten Blick verlockend, aber... 

Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Kategorie, in der die Absatzbilanz von Indexfonds schwächer war als die von aktiv verwalteten Fonds: Fonds für Eurozonen-Aktien im Jahr 2016. Mit gut 40 Prozent ist der Anteil von Indexfonds auch in dieser Kategorie sehr hoch, was nicht zuletzt auch auf das immense Wachstum von Eurozonen-Indexfonds in Höhe von 41 Prozent im Jahr 2015 zurückzuführen ist.

Das bringt uns zur zweiten These, welche die Investorenebene betrifft. Hatten Investoren Gründe, zwischen 2013 und 2016 Eurozonen-ETFs überdurchschnittlich häufig zu traden? Mit Blick auf Eurozonen-Aktien bzw. Deutschland-Aktien könnten das stark wechselhafte Sentiment vieler Anleger mit Blick auf die krisengeschüttelte Eurozone Anleger seit Beginn der Eurokrise 2010 immer wieder dazu bewogen haben, Euroland-ETFs überdurchschnittlich häufig zu traden. Man könnte versucht sein, diese Erklärung für plausibel zu halten. Aber man unterläge einem gedanklichen Irrtum. Ja, ETFs werden häufig getraded, aber für die These, dass Eurozonen- bzw. Deutschland-ETFs besonders stark getraded werden, gibt es keinen Beleg. Anleger, die in ihrer Asset Allocation Veränderungen vornehmen, verkaufen (oder kaufen) aktive wie passive Fonds. Zum Vergleich: Im Brexit-Jahr 2016 sah die Bilanz von Großbritannien-Indexfonds besser aus als die Vertriebsbilanz aktiv verwalteter UK-Fonds, auch wenn es viele Gründe gab, UK-Aktienprodukte zu verkaufen.

Insofern muss die Eurozonen-Trading-These ins Reich der Spekulationen befördert werden. Und was ist mit der dritten These, welche die Frage nach der Qualität der Indexprodukte aufwirft? Der Frage nach dem Rendite-Risiko-Profil von passiv verwalteten Fonds wollen wir im zweiten Teil des Artikels in der kommenden Woche auf den Grund gehen. Am kommenden Montag nehmen wir uns die Bilanz der zehn Aktienfondskategorien vor, in der Hoffnung, uns so der Quelle der unterschiedlichen Wachstumsraten von aktiven und passiven Fonds unseres Samples anzunähern.

 

1) Die Liste der Fondskategorien wurde überwiegend anhand des verwalteten Vermögens zusammengestellt. Es finden sich überwiegend die Kategorien mit dem höchsten Fondsvolumen. Allerdings haben wir die Auswahl um rein britische Aktien-Kategorien sowie um Kategorien „Europa ex UK“ bereinigt, weil diese Fondsgruppen typischerweise von geringer Relevanz für Investoren aus dem deutschsprachigen Raum sind. 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.