Frau Bloom schlägt Oliver um Längen

Zwei Beispiele aus der Realität zeigen, dass Aktien für die Rente eminent wichtig sind, dass Investieren mühsam ist, dass sich Langfristigkeit auszahlt -- und dass sich in Deutschland das fehlende Finanzwissen zur Geißel der künftigen Rentnergeneration zu entwickeln droht.  

Ali Masarwah 11.05.2018

Vor wenigen Tagen hat mich mein hochgeschätzter Kollege aus Chicago, John Rekenthaler, auf einen recht erfolgreichen Vermögensbildungsprozess aufmerksam gemacht. Eine Dame namens Sylvia Bloom, die lange Jahre als Sekretärin tätig war, hat im Laufe ihres Lebens ein Vermögen von 9,2 Millionen Dollar aufgebaut, wie anlässlich ihres Dahinscheidens bekannt wurde. Die Story, die John zitierte, entstammt der „New York Times“. In den USA findet man immer wieder in den Medien derartige Erfolgstories, die offenbar darauf abzielen, Leser zu überwältigen (in Amerika spricht man vom „Oh my God“-Moment). 

9,2 Millionen Dollar Ansparerfolg: Ein dicker Batzen Geld, aber kein Weltwunder 

Nun sind 9,2 Millionen Dollar zweifellos eine Menge Holz. Aber blickt man auf die Bedingungen, unter denen das Anlageergebnis zustande kam, dann entpuppt sich der Fall nicht als so mirakulös, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die Highlights: Frau Bloom war 67 ihrer 94 Lebensjahre beruflich aktiv. Sie lebte offenbar in sehr bescheidenen Verhältnissen, hatte keine Kinder, bei ihrer Wohnung griff eine Mietpreisbremse (ja, die gibt es auch in New York!), und bis zum Jahr 2002 gab es einen Zweitverdiener in ihrem Haushalt. 

Ausgehend vom Endergebnis von Frau Blooms Aktien-Investments hat John berechnet, dass sie ihren Sparvorgang 1948 mit einer Rate von jährlich 652 Dollar initiiert haben könnte, die dann sukzessive auf knapp 7.000 Dollar im Jahr 2015 hochgeschraubt wurde. Das ist viel, aber für eine langgediente Sekretärin in New York durchaus machbar. 

Die Moral der Geschichte: 9,2 Millionen Dollar sind ein dicker Batzen für eine Sekretärin, aber aufgrund von Frau Blooms Disziplin, den fabelhaften Kapitalmarktbedingungen zwischen 1948 und 2015 und des Zinseszinseffekts kein wirkliches Wunder. Wohl aber ein Beispiel dafür, was Aktieninvestments langfristig erwirtschaften können. (In Summe war John also nicht wirklich überwältigt. Wenn Sie die ganze Story lesen möchten, klicken Sie bitte hier.) 

Kapitalmarktstories in Deutschland: Von Wunschträumen und Verbrechern 

Schnitt. Wir kommen jetzt nach Deutschland. Hier sind Geschichten über deutsche Frau Blooms Mangelware. Geht es um Finanzen, dann findet man in den Medien oft unrealistische „Diese-Aktien-machen-Sie-reich“-Geschichten, oder Gruselgeschichten über kriminelle Schneeballsysteme a la S&K. Oder Berichte über unerreichbare Großinvestoren a la George Soros (die idealerweise nach ihrer erfolgreichen Spekulantenkarriere zu Philanthropen mutiert sind). Für sich genommen sind solche Berichte in Ordnung, aber in Summe ist das alles wenig ambitioniert für ein Land, das erkennbar auf ein Rentenproblem zusteuert und in dem die meisten Bürger Finanzanalphabeten sind. (Vielleicht ist vieles erklärbar durch die fehlende Investmenttradition oder durch eine Grundskepsis gegenüber dem kapitalistischen Wirtschaftssystem. Das beantwortet indes nicht die Frage, warum die so kapitalismuskritischen Deutschen dennoch jeden Trend am Markt für Konsumgüter mitmachen. Aber lassen wir das.) 

Auf einen Bericht, den ich im ersten Moment als willkommene Ausnahme missverstand, will ich etwas näher eingehen. Es ist die Investment-Story des Web-Entwicklers Oliver aus Hannover, welche die Spiegel-Tochter „Bento“ jüngst dokumentierte. Wie auch Frau Bloom lebt Oliver sehr frugal und investiert einen Großteil seines frei verfügbaren Einkommens in Aktien. Sein Anlageziel: Die Altersversorgung. 

So weit, so gut. Doch jetzt kommt es: Unser Protagonist ist 29 Jahre alt, er lebt von 900 Euro im Monat und spart sich seit zwei Jahren monatlich 1.500 Euro vom Munde ab, die er „größtenteils“ in Indexfonds anlegt. Das will er elf weitere Jahre durchziehen, damit er mit 40 Jahren (sic!) in Rente gehen kann. Als ich die Story erneut las, wurde mir klar, dass es sich um nichts anderes als eine abgewandelte Variation der „Diese-Aktien-machen-Sie-reich“-Geschichten handelt. Sie deutet auf ein erschreckend falsches Verständnis der Kapitalmärkte, der Finanzmathematik und auch der Rahmenbedingungen im realen Leben hin. 

Auf den Punkt gebracht: Verwirklicht Oliver seinen Plan, dann folgt auf eine spartanische Ansparphase eine zutiefst freudlose Rentenphase und schlimmstenfalls ein erbärmliches Dahinvegetieren im Alter. (Sorry, Oliver, sofern Sie eine echte Person sind: Das hier ist auf keinen Fall persönlich gemeint!). 

350.000 Euro: Nominales Ansparergebnis mit realem Abwärtspotential 

Fangen wir mit den Investmentprämissen an: Wer langfristig in Aktien investiert, macht vieles richtig, aber auch Aktien können keine Wunder vollbringen. Wenn Oliver 1.500 Euro pro Monat in einen Aktienindexfonds investiert und diesen Sparvorgang wie geplant 13 Jahre durchhält, hat er am Ende 234.000 EUR eingezahlt. Bei einer Performance des zugrunde liegenden Index von angenommen sechs Prozent pro Jahr und Fondsgebühren von einem Prozent jährlich (inklusive Depot- und Handelskosten), dann ergibt das einen kumulierten Ertrag von gut 115.000 EUR. Aufgerundet sind das 350.000 Euro. 

Unterstellen wir der Einfachheit halber, dass die Abgeltungssteuer nicht bei laufenden Dividendenzahlungen, sondern erst im Jahr 2029 fällig wird, dann stehen für Oliver rund 320.000 Euro zum Verzehr bereit. (Wer glaubt, dass eine Performance von sechs Prozent pro Jahr zu tief angesetzt ist, der sei daran erinnert, dass der DAX in den vergangenen 20 Jahren auf nur 4,5 Prozent pro Jahr gekommen ist.) 

Nehmen wir an, dass Oliver einen Zinssatz von einem Prozent pro Jahr auf das Verzehrguthaben von 320.000 erhält, dann wird er 40 Jahre lang gut 800 Euro monatlich entnehmen können, bevor sein Guthaben auf null fällt. Wenn der Zinssatz bei zwei Prozent läge, käme Oliver auf rund 970 Euro. Das wäre etwas mehr als die Summe, die Oliver derzeit zum Leben braucht. Knapp bemessen, aber doch irgendwie machbar, wenn Oliver 80 alt wird? Wie realistisch ist diese Rechnung? 

Aus 320.000 Euro werden nach 40 Jahren real 145.000 Euro 

Nun, bereits eine grobe Überschlagsrechnung zeigt, dass hier völlig unrealistische Prämissen angesetzt wurden. Der Euro von heute ist nicht derselbe Euro des Jahres 2050 oder 2060. Die Inflation wird an Olivers Vermögen nagen. Auf dem Weg zum Renteneintritt und erst recht darüber hinaus. Real werden 2029 natürlich deutlich weniger als 320.000 Euro herausspringen, und das wäre nicht das Ende der Geschichte. 320.000 Euro im Jahr 2029 besäßen bei einer zweiprozentigen Inflationsrate 40 Jahre später nur noch eine Kaufkraft von real 145.000 Euro. Um also kontinuierlich reale 800 bis 900 Euro pro Monat konsumieren zu können, muss Oliver die monatliche Entnahme dynamisieren, was bedeutet, dass er entweder eine deutlich kürzere Rentenbezugsdauer hinnehmen oder die ohnehin mickrige Entnahmesumme weiter senken muss.* 

Plädoyer für das Schulfach „Persönliches Finanzmanagement“ 

Wir wollen hoffen, dass Oliver im Laufe der nächsten elf Jahre seine Rentenpläne noch einmal nüchtern durchkalkuliert und überdenkt. Gerne mit Unterstützung eines Rentenberaters oder zumindest unter Einsatz eines Gratis-Rentenrechners im Internet. Dann wird er feststellen, dass seine Rentenpläne auf Sand gebaut sind.  

Im Ergebnis zeigen die beiden Beispiele zunächst unmittelbar, dass Frau Bloom eine bessere Investorin war, als es Oliver nach dem derzeitigen Stand der Dinge werden wird. Sie illustrieren jedoch vor allem auf erschreckende Weise zwei unterschiedliche Investmentkulturen. Salopp gesagt: In den USA spart man langfristig, in Deutschland herrscht blankes Unwissen, und oft hängen auch Investoren unrealistischen Erwartungen nach. Das Finanzanalphabetentum in Deutschland ist ein brennendes Problem. Das Fach „Persönliches Finanzmanagement“ sollte flächendeckend als Pflichtfach an den Schulen eingeführt werden. Gerne auch als nicht-abwählbares Hauptfach an den weiterführenden Schulen.

* In der ersten Fassung des Artikels sind wir davon ausgegangen, dass Oliver aus Hannover auch eine gesetzliche Rente beziehen wird. Ein Leser wies mich dankenswerter Weise darauf hin, dass er als Selbstständiger arbeitet. Also haben wir die ab 2056 angesetzte gesetzliche Rentenzahlung nunmehr aus der Rechnung gestrichen. 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.