Anleger sollten klassische Bonds nicht abschreiben

Ungeachtet der jüngsten Kursverluste bleiben die erwarteten Renditen für klassische Bonds mau. Aber das ist kein Grund zu verzweifeln. Und schon gar nicht, vermeintlichen Ballast über Bord zu werfen und auf Absolute-Return-Produkte vertrauen, die versprechen, die Logik der Märkte auszuhebeln.

Ali Masarwah 05.11.2018

Schon seit Jahren debattieren Finanzexperten darüber, wann die Zinswende kommen wird. Je tiefer die Renditen, desto vehementer wird gegen Renten-Anlagen polemisiert. Viele Investoren sind deshalb verunsichert. Doch Anleger sollten bedenken, dass Fondsmanager mit den Emittenten von sicheren Bundesanleihen quasi konkurrieren, und in Letztere können Anleger ohne Kosten investieren. Kein Wunder also, dass Fondsanbieter eine unschöne Gemengelage ausnutzen, um ihre Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen. 

Die tiefen Renditen sind eine gute Gelegenheit für Asset Manager, Fonds auf den Markt zu bringen, die versprechen mehr Rendite abwerfen als Bundesanleihen oder welche die Auswirkungen steigender Zinsen ausgleichen sollen - oder sogar beides gleichzeitig! Der gemeinsame Nenner dieser Produkte ist die Zusage (keine Garantie!) eines positiven Nominalertrags -- und zumeist erhöhte Kosten. 

Das Zinsumfeld von heute ist dazu angetan, Investoren zu Fehlern zu verleiten. Umso wichtiger, ein Blick auf die Fakten zu werfen:  

1.   Die Renditen sind niedrig – ein Fakt, den man anerkennen muss 

Kein Zweifel: Die Zeiten sind für Bond-Anleger hart. Die Renditen sind in Europa im Keller, und wer die höheren Renditen von US-Staatsanleihen vereinnahmen will, kann dies eigentlich nur mit Erfolgsperspektiven tun, wenn er das Währungsrisiko eingeht. Dann sind die Renditeaussichten bestenfalls wolkenverhangen! 

Halten wir also fest, dass die Renditen auf historischen Tiefs sind. Und weil die niedrigen Renditen Aufschluss über die künftigen Zinserträge liefern, sind das schlechte Nachrichten. Die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen in Deutschland, die man gemeinhin als „Marktzins“ bezeichnet, schwankt in diesen Wochen zwischen 0,12 und 0,39 Prozent. Anleger sollten bedenken, dass es Phasen gibt, in denen manche Asset-Klassen keine Prämien bieten. Aber keiner weiß, wie lange diese Phase andauern wird. Bonds sind ein essentieller Bestandteil von allen Portfolios, aus dem man sich nicht verabschieden sollte, wie wir weiter unten ausführen werden. 

Übrigens sind mit diesem Problem auch Asset Manager konfrontiert, die Absolute-Return-Produkte auflegen. Auch sie haben mit tiefen Zinsen zu kämpfen. Hinzu kommt, dass solche Produkte Gebühren von üblicherweise zwei Prozent pro Jahr kosten. Um das auszugleichen, müssen Asset Manager mehr als nur herkömmliche Bond-Risiken eingehen. Vielleicht sind das aber Risiken, die ein Anleger, der typischerweise auf sichere Staatsanleihen setzt, nicht eingehen möchte?  

2. Fakt: Die Zinsen steigen drüben aber nicht hüben   

In den USA ist die Sache klarer als in Europa: Die Fed ist mitten im Zinserhöhungszyklus. Erst im September hat die Fed zum dritten Mal in diesem Jahr die Zinsen erhöht, und zwar auf die Spanne zwischen 2,0 bis 2,25 Prozent. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt derzeit bei ansehnlichen 3,14 Prozent. Angesichts der starken US-Konjunktur ist davon auszugehen, dass die US-Notenbank im nächsten Jahr bis zu dreimal die Zinsen weiter erhöhen wird. Das dürfte auch den US-Dollar gegenüber dem Euro stärken. 

In Europa wird es mit steigenden Zinsen dagegen sicher noch eine Weile dauern. Das Bond-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank wird erst Ende dieses Jahres abgewickelt (übrigens werden Kupons und auslaufende Anleihen reinvestiert). Erst in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wird die EZB auch an der Zinsschraube drehen, was jedoch angesichts der labilen Lage im Euroraum keinesfalls eine ausgemachte Sache ist. Für Investoren diesseits des Atlantiks, die die Hitze des Währungsrisikos aushalten können, können überlegen, Dollarbonds zu kaufen und darauf spekulieren, dass das beste Szenario beider Welten eintritt: deftige Kupons sowie Währungsgewinne. Wer nicht bereit ist, das Währungsrisiko zu tragen, kann das Währungsrisiko durch Hedging eliminieren – und hoffen, dass die Treasury-Renditen stärker steigen als die Zinsdifferenz zwischen dem Dollar- und Euroraum. Wem das alles zu riskant oder kompliziert ist und auf Euro-Bonds setzen will, muss sich mit mageren Bund-Renditen anfreunden, oder auf den italienischen Finanzminister seines Vertrauens setzen. 

3. Steigende Zinsen drücken Anleihekurse - aber um wieviel? 

Die Kurse von Anleihen und Zinsen bewegen sich in entgegen gesetzte Richtungen: Steigen die Zinsen, führt das zu Abwärtsdruck auf die Anleihekurse. Wie stark die Kurse fallen, hängt vom Ausmaß der Zinserhöhung und der Restlaufzeit der Anleihe oder des Anleiheportfolios ab (es gibt natürlich noch andere Einflussfaktoren). In den USA, wo dieses Szenario am realistischsten ist, könnte Folgendes passieren: Gehen wir von einem Renditeanstieg um weitere 0,25 Prozent aus, wird der Nettovermögenswert eines Bondportfolios mit einer Duration von sechs Jahren per Ende August um etwa 1,5 Prozent sinken. Steigt die Renditekurve um ein Prozent, dürfte der Wertverlust bei etwa sechs Prozent liegen. Das ist unschön, aber entspricht sicher nicht den Katastrophenszenarien, die man erwarten würde, wenn man den düsteren Prophezeiungen, die derzeit am Markt kursieren, Glauben schenkt. 

Anleger sind gut beraten, auf die Kennzahl modifizierte Duration (modified Duration) zu schauen, die die Fondsanbieter standardmäßig veröffentlichen. Sie fußt auf einer etwas komplizierteren Berechnung, die aber recht einfach die Auswirkungen von Zinsbewegungen auf ein Bond-Portfolio beschreibt. Die Kennzahl zeigt die prozentuale Kursänderung einer Anleihe in Abhängigkeit von einer Marktzinsveränderung an. Die Kennzahl macht es Investoren leicht, Vergleiche auf gleicher Basis für die Zinssensitivität von Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Zinsen (Kupon) zu ziehen. Eine Anleihe mit einer Duration von 6 Jahren reagiert in der Regel doppelt so empfindlich auf Zinsänderungen wie eine Anleihe mit einer Duration von 3 Jahren, unabhängig von der Laufzeit oder den Zinszahlungen. 

Doch das ist für Buy-and-Hold Investoren irrelevant. Wer einen Bond bis zur Endfälligkeit hält, ist gegen Durationsrisiken immunisiert, wie wir bereits ausführlicher geschildert haben. 

4. Vermeintlich schlaue Lösungen können teuer sein 

Viele Investoren benötigen ein verlässliches Einkommen. Gerade für sie sind die miesen Renditeaussichten an den Bondmärkten eine schwer zu schluckende Pille. Doch anstatt diese bittere Medizin zu nehmen, versuchen viele ihre Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Sie machen sich auf die Suche nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten und gehen dabei hohe Risiken ein, von denen sie besser die Finger lassen sollten. 

Die Politik der Notenbanken hat bewirkt, dass sich viele Investoren in intransparente oder volatile Bereiche des Marktes drängen. Das spiegelt sich in der Popularität von Absolute Return Fonds und Emerging Markets Bonds wider. Wer mit solchen Investments tiefe Erträge kompensieren will, geht damit oft ungewollte Risiken ein. Viele Anleger scheinen zu vergessen, was der eigentliche Vorteil von Bonds mit guten Bonitäten in einem diversifizierten Portfolio ist. Die hohen Verluste bei Emerging Markets Bonds in diesem Jahr und die langfristig enttäuschende Bilanz vieler Absolute Return Fonds liefern ein beredtes Zeugnis ab. 

5. Vergessen Sie nicht die Vorteile (guter) Anleihen!   

Anleihen guter Bonität sollten in einem gut diversifizierten Portfolio immer Platz haben. Denn sie bringen die für Investoren wichtige Eigenschaften mit: Kapitalerhalt, Diversifikation und (notabene: derzeit minimale) Erträge. Es ist also schlicht ein Fehlschluss, Rentenpapiere als Ballast zu verstehen. Anleihen sind keine Aktien: Sie sind Fremdkapital, verbriefte Ansprüche an den Schuldner, der diese Ansprüche zum Ende der Laufzeit bedienen muss. Aktien hingegen sind Eigenkapital, Unternehmensanteile, die am Ende der Kapitalstruktur stehen. Als Aktien-Investor geht man deswegen ein höheres Risiko ein, sein Geld zu verlieren. Und das ist ein wichtiger Aspekt: Anleihen guter Bonität sind weniger riskant als Aktien. Sie bieten damit eine gute Möglichkeit, Risiken durch Aktienengagements zu diversifizieren. Die Zinsen können sich ändern. Aber diese Eigenschaft bleibt.  

Was soll man als Investor tun?  

Werfen Sie also Ihren vermeintlichen Ballast nicht über Bord! Ganz im Gegenteil: Sie sollten überlegen, ob Sie noch mehr an Bord nehmen. Nachdem die Bullen seit über sechs Jahren am Aktienmarkt das Sagen hatten, könnte sich ihre Zeit dem Ende nähern. Nehmen wir einmal an, Sie wären so vorausschauend gewesen und hätten auf dem Tiefpunkt am Aktienmarkt in ein klassisches Aktien-Anleihen-Portfolio investiert, aufgeteilt in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Renten. Wenn Sie in den Jahren danach keine Anpassungen vorgenommen haben, hätten sich die Verhältnisse in Ihrem Portfolio vermutlich auf 80:20 geändert. Aktien hatten einen guten Lauf und haben nun ein zumindest faires Kursniveau erreicht. Jetzt ist daher ein guter Zeitpunkt, Ihre Ladung zu überprüfen um zu sehen, ob Sie gewappnet sind, um jeden Sturm zu meistern, der sich möglicherweise  am Horizont zusammenbraut.  

Fazit  

Ersetzen Sie nicht vermeintlichen Ballast mit etwas, das Ihnen möglicherweise nur mehr Risiko bringt. Besonders riskant sind Junkbonds, Bankkredite und andere, neuartige Anleiheprodukte. Derartige Anlagen haben meist eine starke Korrelation zu Aktien und stellen Ihr Portfolio keinesfalls auf ein breiteres Fundament. Das heißt natürlich nicht, dass diese Produkte nichts in einem diversifizierten Portfolio zu suchen haben. Aber sie sind kein guter Ersatz für eine solide Basis aus Anleihen guter Bonität.  

Wie schon Mark Twain treffend sagte: “It’s not return on my money I’m interested in, it’s return of my money.”

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.