Teuren Fonds steht Rating-Crash bevor

Wir werden den Kosten ein größeres Gewicht bei der qualitativen Bewertung von Fonds einräumen. Und weil unser Morningstar Analyst Rating künftig auch auf Fondstranchen-Ebene vergeben wird, wird die Benachteiligung von Privatanlegern klarer zutage treten.

Ali Masarwah 14.08.2019

Seitdem wir angekündigt haben, dass unsere Morningstar Analyst Ratings verfeinert werden, rätselraten Anleger, Berater und Fondsanbieter, welche Folgen die Veränderungen auf die Bewertung „ihrer“ Fonds haben werden. Ohne die genauen Ergebnisse heute vorhersagen zu können, wollen wir anhand der Verteilung der Morningstar Sterne Ratings und der Verteilung der Morningstar Quantitative Ratings etwas darüber spekulieren, wie unsere Morningstar Analyst Ratings künftig aussehen könnten. 

Doch wollen wir zunächst erinnern, welche Rolle Fondskosten in unseren Morningstar Analyst Ratings heute spielen und was sich künftig ändern wird. Derzeit beurteilen wir die Gebühren eines Fonds relativ zu seiner Kategorie. Sofern verfügbar, legen wir hier eine sogenannte ‚Clean Share Class‘, eine Anteilsklasse ohne Bestandsprovisionen, zugrunde und vergleichen diese mit ähnlichen Anteilsklassen von Fonds mit vergleichbarer Ausrichtung. 

Nach der neuen Methodik, die wir ab Herbst dieses Jahres sukzessive einführen werden, machen wir uns von der relativen Bewertung unabhängig. Künftig werden die Gebühren der Fondstranchen von der prognostizierten Mehrrendite eines Fonds, auch Fonds-Alpha genannt, abgezogen. Dadurch kommt der Bewertung der Gebühren dieselbe Bedeutung wie der Einschätzung der Bereiche „People“, „Process“ und „Parent“ zu. Insgesamt läuft es auf eine „höhere Hürde für positive Analyst-Ratings“ hinaus, wie es meine Kollegin Barbara Claus neulich formuliert hat. 

Knüppeldicke Performance-Nachteile bedingen knüppeldicke Rating-Unterschiede 

Da wir künftig Fonds nicht mehr einheitlich bewerten werden, sondern Fondstranche für Fondstranche, werden teure Fondstranchen höhere Abzüge beim prognostizierten Fonds-Alpha erhalten als Fondstranchen (desselben Fonds) mit niedrigeren Kosten. Da wir wissen, dass das Fonds-Alpha ein rares Gut ist, ist es keine gewagte Prognose vorauszusagen, dass teure Fondstranchen Nachteile gegenüber günstigen Fondstranchen haben werden. 

Eine Fondstranche mit (hypothetischen) Gebühren von 200 Basispunkten wird eher ein negatives prognostiziertes Alpha aufweisen als die Fondstranche mit nur (wiederum: hypothetischen) Gebühren von 20 Basispunkten. Man muss wissen, dass eine Fondstranche mit einem prognostizierten Alpha unter null kein positives Rating („Gold“, „Silver“, „Bronze“) bekommen kann, sondern, je nachdem, wie tief das prognostizierte Alpha unter den Wert von null fällt, das Rating „Neutral“ oder „Negative“. 

Diese Änderung ist nur folgerichtig, da teure Fonds deutlich schlechtere Performance-Prognosen haben als günstige Fonds, wie wir erst jüngst wieder in unserem Active-Passive-Barometer für Fonds ermittelt haben

Das bringt uns zur Frage über die mögliche Tragweite unterschiedlicher Kosten bei der Vergabe unterschiedlicher Ratings. Da unser neues Analyst Rating erst ab Ende Oktober in den nachfolgenden zwölf Monaten sukzessive eingeführt wird, müssen wir Ihnen die definitive Antwort an dieser Stelle schuldig bleiben. Allerdings können wir Anhand der Verteilung der Morningstar Sterne Ratings und der Verteilung der Morningstar Quantitative Ratings, die bereits heute Tranche für Tranche vergeben werden, taxieren, welchen Einfluss die Fondskosten auf die Ratings der unterschiedlichen Tranchen ein und desselben Fonds haben könnten. Da das Morningstar Quantitative Rating das Analyst Rating synthetisch repliziert, weist es logischerweise dieselben Rating-Stufen auf wie das Morningstar Analyst Rating. Das Morningstar Sterne Rating ist wiederum eine risiko-adjustierte Performance-Messung. Es werden fünf Ratings vergeben von „schwach“ (ein Stern) bis „sehr gut“ (fünf Sterne)

Hohe Kosten können Fonds Sterne kosten 

Doch in welchem Ausmaß können sich Kosten auf die Sterne-Ratings und die Morningstar Quantitative Ratings auswirken? Wir haben folgende Stichprobe gemacht: Im ersten Schritt haben wir alle Aktien-, Renten- und Mischfondstranchen ermittelt, die ein Morningstar Quantitative Rating halten. Dabei haben wir uns auf Produkte beschränkt, die in Luxemburg und Irland domiziliert sind, eine Fonds-Historie von mindestens drei Jahren haben und im Deutschland zum Vertrieb zugelassen sind. 

Aus den insgesamt 11.237 Fondstranchen, die zu 4996 „genuinen“ Fonds gehören, haben wir 75 Fonds ermittelt, deren Tranchen aufgrund des unterschiedlichen Pricings zwei oder mehr Stufen beim Morningstar Quantitative Rating auseinander liegen. Nachrichtlich haben wir auch die Verteilung der Morningstar Sterne Ratings erfasst. (392 Fondstranchen dieses Samples tragen Morningstar Sterne Ratings.) Kommen wir zu den Ergebnissen.  

Institutionelle Tranchen weisen sehr günstige Kosten auf. Fondshäuser räumen institutionellen Anlegern Konditionen ein, von denen Privatanleger nur träumen können. So weist etwa die „I“ Tranche des Rentenfonds AXA WF Global Sustainable Aggregate Gebühren von 55 Basispunkten jährlich auf. Diese Tranche ist für Investoren ab einem Anlagevolumen von fünf Millionen Euro zugänglich. Sie hält das höchstmögliche Morningstar Quantitative Rating „Gold“. 

Anders die im Privatkundenvertrieb eingesetzte „E“-Tranche des AXA-Fonds. Sie weist Kosten von 1,49 Prozent pro Jahr auf auf. Das sind knapp 100 Basispunkte mehr als für die institutionelle Tranche fällig wird. Wegen dieses Kostenunterschieds kommt die Tranche auf ein Morningstar Quantitative Rating „Neutral“. Das sind drei Rating-Stufen weniger als bei der institutionellen Tranche. Naturgemäß sind die Folgen für die Performance signifikant. Kommt die institutionelle Tranche auf eine Fünfjahres-Performance von jährlich 1,8 Prozent, sind es bei der Retail-Tranche des AXA-Rentenfonds nur 0,9 Prozent jährlich. Institutionelle Anleger haben also in fünf Jahren eine doppelt so hohe Performance erzielt wie Retail-Anleger! 

Beim JPMorgan-Dividendenfonds sprudelt die Rendite für Privatanleger spärlich 

Auch das US-Fondshaus JPMorgan Asset Management weist einige derartige Beispiele auf. So kostet die „X“-Tranche des JPM Europe Strategic Dividend, die für institutionelle Vertriebskanäle konzipiert ist, 0,16 Prozent jährlich. Diese Tranche weist ein Morningstar Quantitative Rating „Gold“ auf.  (Sie kommt auch auf das höchstmögliche Morningstar Rating von fünf Sternen.) Indes kostet die typische Retail-Tranche „A“ 1,74 Prozent jährlich. Das Quant-Rating lautet auf „Silver“. Derweil kostet die „D“-Tranche des JPMorgan Fonds, die auch in Retail-Vertriebskanälen eingesetzt wird, 2,5 Prozent pro Jahr. Sie kommt auf ein „Bronze“-Rating. (In unserem Sterne-Rating kommt letztere Tranche auf nur drei Sterne). Entsprechend dieser sehr großen Kosten-Diskrepanz belief sich die Fünf-Jahres-Performance der X-Tranche per Ende Juli auf 4,6 Prozent pro Jahr, während die „D“-Tranche nur auf eine Performance von 2,1 Prozent pro Jahr kommt. 

Große Diskrepanzen zwischen den Ratings für günstige institutionelle Tranchen und teure Retail-Tranchen findet man auch bei Schroders. Die institutionelle Tranche des Schroder ISF Global High Yield („I“) ist ab einem Anlagevolumen von fünf Millionen Euro verfügbar. Diese Tranche kostet 0,07 Prozent an jährlichen Gebühren und wird im Morningstar Quantitative Rating mit „Silver“ bewertet. Die „A“-Tranche kommt auf Kosten von 1,8 Prozent – und auf ein „Neutral“-Rating. (Auch die Unterschiede beim Sterne-Rating sind hier erheblich; die „I“-Tranche hat ein Vier-, die „A“-Tranche ein Zwei-Sterne-Rating.) 

Auch die Allianz-Tochter PIMCO ist nicht nur dafür bekannt, gute Rentenfonds zu bewirtschaften. Sie langt bei Privatanlegern auch kräftig bei den Gebühren zu. Die institutionellen Tranchen des PIMCO GIS Emerging Markets Bond kosten beispielsweise 0,8 Prozent pro Jahr. Das führt zu „Silver“ Ratings. Die „E“-Tranchen des Fonds für Privatanleger kosten dagegen 1,7 Prozent. Das führt zu einem „Neutral“-Rating. 

Rendite-Unterschied von durchschnittlich 1,4 Prozentpunkten pro Jahr 

Ähnliche Diskrepanzen sind unter anderem auch bei Häusern wie AllianceBernstein, BlackRock, BNY Mellon, Candriam, DWS oder Fidelity vorzufinden. Sie illustrieren, dass Fondskosten bereits heute zu höchst unterschiedliche Morningstar Quantitative Ratings und Morningstar Sterne Rating führen. Privatanleger bezahlen unter Umständen sehr viel für aktiv verwaltete Fonds, institutionelle Anleger kommen dagegen sehr günstig weg. 

Diese Rating-Unterschiede spiegeln sich naturgemäß auch in der Rendite wider. In unserem 75 Fonds umfassenden Sample lag der Rendite-Unterschied zwischen den teuersten und den günstigsten Tranchen der identischen Fonds im Schnitt bei mindestens 1,4 Prozentpunkten jährlich. Was dieser Performance-Unterschied in Heller und Cent ausmacht, sei anhand des folgenden Beispiels gezeigt: Aus einer Anlagesumme von 10.000 Euro würde bei einer Fonds-Rendite von sechs Prozent jährlich nach 20 Jahren ein Anlageergebnis von gut 32.000 Euro stehen. 1,4 Punkte weniger Rendite pro Jahr würde das Ergebnis auf 24.600 Euro reduzieren. Die krasse Benachteiligung von Privatanlegern bei den Kosten führt folgerichtig zu einer krassen Benachteiligung bei der Rendite. 

Es steht zu erwarten, dass die großen Unterschiede beim Pricing, die bereits heute im Morningstar Quantitative Rating und im Morningstar Sterne Rating zu höchst unterschiedlichen Ratings führen können, sich künftig auch im Morningstar Analyst Rating widerspiegeln werden, wenn die Ratings in den kommenden 18 Monaten nach und nach auf die neue Methodologie umgestellt werden. Manche Anleger sind gleicher als andere; das zeigt sich bei der Performance, und das wird sich auch bei unseren qualitativen Fonds-Ratings bemerkbar machen. Es steht zu erwarten, dass dann die Debatte um die Kosten von aktiv verwalteten Fonds neu entbrennen wird. Zu Recht.

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.