Lautes Geschrei um stille Reserven

Um die Bewertungsreserven der Lebensversicherer wird heftig gestritten. Die heutige Praxis belastet die Mehrheit der Versichertengemeinschaft. Dieser Fehler muss korrigiert werden, meint unser Gastautor Klaus Morgenstern.

Klaus Morgenstern 21.03.2014

Um die Bewertungsreserven der deutschen Lebensversicherer ist ein Glaubenskrieg ausgebrochen. Folgt man den aktuellen Schlagzeilen in der Tagespresse und den Verlautbarungen von Verbraucherschützern, so macht sich die Regierung gerade mit einem Gesetzentwurf bei der Versicherungswirtschaft lieb Kind, der die bisherige Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven abschafft. Mit beinahe schon hysterischen Zügen wird eine angebliche Begünstigung der Versicherungsunternehmen zu Lasten der Altersvorsorgesparer beklagt. Das ist billiger Populismus. Die tatsächlichen Fakten weisen eine andere Situation aus.

Die aktuelle Regelung, die seit 2008 für die Bewertungsreserven gilt, war von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Unter den Bedingungen der gegenwärtigen Niedrigzinsphase begünstigt sie einseitig einen kleinen Teil der Versicherten zu Lasten der großen Mehrheit. Das belegen die Zahlen: Im vergangenen Jahr haben die Versicherer insgesamt 2,8 Milliarden Euro aus Bewertungsreserven an festverzinslichen Wertpapieren ausgeschüttet. Davon profitierten aber lediglich fünf Prozent aller Versicherungskunden, nämlich nur jene, deren Vertrag 2013 wegen Fälligkeit oder Abbruch endete. All jene, deren Verträge weiterlaufen, haben nichts davon.

Bewertungsreserven stiegen 2011 und 2012 explosionsartig 

Da die Höhe der Bewertungsreserven, also der Unterschied zwischen aktuellem Marktwert und dem ursprünglichen Kaufpreis, in den zurückliegenden zehn Jahren enorm schwankte, gerät es zum Glückspiel für Versicherungsnehmer, ob sich ihre Leistung durch die Beteiligung an Bewertungsreserven erhöht. Von Ende 2006 bis Anfang 2009 gab es so gut wie gar nichts zum Ausschütten, ebenso Anfang 2011. In den Jahren 2010 und 2012/2013 hingegen stiegen die stillen Reserven branchenweit in der Spitze bis auf 80 Milliarden Euro, weil das Zinsniveau entsprechend niedrig war und höher verzinste Anleihen im Bestand der Versicherer deutliche Kurssteigerungen erfuhren.

Von Anfang 2011 bis Ende 2012 zum Beispiel sind die Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere auf das 30-facheangestiegen. Es kann nicht im Sinne einer stabilen Altersvorsorge und auch nicht im Interesse des Verbraucherschutzes sein, dass durch diese erratischen Bewegungen in der Bilanz jeweils nur ein sehr geringer Teil der Sparer durch Windfall Profits begünstigt wird, während gleichzeitig eine Schwächung der Ertragsbasis für das Gros der verbleibenden Versicherten eintritt. Die fünf Prozent jährlich abgehenden Kunden bekommen nach den Berechnungen des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft mittlerweile mehr an Bewertungsreserven, als die 95 Prozent verbleibenden Kunden an laufenden Überschüssen gutgeschrieben bekommen.

Bewertungsreserven sind reine Buchgewinne. Und da die Versicherer ihre Zinspapiere bis zur Fälligkeit in der Regel halten, lösen sich diese Papiergewinne mit der Zeit wieder auf. 

Die Lebensversicherer geraten so in eine absurde Situation. Bei den Bewertungsreserven handelt es sich um reine Buchgewinne. Bei einem Investor, der Zinspapiere bis zur Fälligkeit hält, so wie es die Versicherer in der Regel tun, lösen sich diese Papiergewinne mit der Zeit wieder auf. Da aber eine gesetzliche Pflicht zur hälftigen Ausschüttung der Bewertungsreserven besteht, müssen die Versicherer die stillen Reserven zum Teil heben und hochverzinsliche Papiere verkaufen. Das geht zu Lasten der Substanz und zu Lasten der Bestandskunden, die anschließend auf die Zinsen aus diesen Papieren verzichten müssen.

80% der Ausschüttungen stammten 2013 aus Bewertungsreserven

2013 mussten die Versicherer immerhin knapp 300 Millionen Euro in jedem Monat auskehren. Das waren 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr als vier Fünftel davon entfallen auf Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren. Das alles geschieht in einer anhaltenden Niedrigzinsphase, in der Bestände mit höher verzinsten Anleihen für die finanzielle Stabilität Gold wert sind. Obwohl die Zinsen sanken, stieg 2012 das Kapitalanlageergebnis von 4,1 Prozent im Vorjahr auf 4,6 Prozent. Diese skurrile Situation war letztlich nur möglich durch den Verkauf höherverzinster Papiere.

Die Beteiligung an den Bewertungsreserven der festverzinslichen Wertpapiere war von Anfang an ein Fehler. Ursprünglich war auch nur die Berücksichtigung der stillen Reserven bei Aktien und Immobilien geplant. Die Zinspapiere wurden dann entgegen dem Rat vieler Experten miteinbezogen. Nach dem enormen Anstieg der Bewertungsreserven ist nun unübersehbar, dass dieser Fehler korrigiert werden muss.

Klaus Morgenstern ist Mitglied des Sprecherkollegiums des Deutschen Instituts für Altersvorsorge in Berlin. Sein Kommentar gibt nicht die Meinung von Morningstar wieder.

Über den Autor

Klaus Morgenstern  ist Mitglied des Sprecherkollegiums des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), Berlin