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Warum Biodiversität wichtig ist

Den Verlust der Artenvielfalt zu verhindern, könnte zu einem neuen Betätigungsfeld für nachhaltige Investments werden  

Cherry Reynard 15.12.2021
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Coral reef

Die Klimakonferenz COP26 zog viel Aufmerksamkeit auf sich, aber sie hat noch einen kleinen Bruder, der leicht übersehen wird: COP15 könnte sich jedoch also ebenso wichtig herausstellen. Die Konferenz, die im Oktober in China stattfand, beschäftigte sich mit dem Thema Biodiversität, das zu einem neuen Betätigungsfeld für nachhaltige Investments werden könnte. Denn ist wird immer klarer, dass der Klimawandel nicht das einzige Problem unseres Planeten ist.

Globale Organisationen richten bereits ihre Aufmerksamkeit auf den Verlust der Artenvielfalt und seine Auswirkungen. Im Juni verkündete die UN-Konferenz für biologische Diversität (CBD) eine Reihe von Zielen, die helfen sollen, bis Ende 2030 den Prozess der ökologischen Zerstörung unserer Erde umzukehren. So soll etwa der Gebrauch von Pestiziden um zwei Drittel sinken, die Einführung invasiver Arten halbiert und die Verschmutzung durch Plastikmüll beendet werden.

Die Europäische Kommission startete vor kurzem ihre neue Biodiversitäts-Strategie 2030. Sie verfolgt das Ziel, die Artenvielfalt Europas bis 2030 auf einen Pfad der Erholung zu bringen, und soll wenigstens 30% von Europas Bodenflächen und Seen in geschützte Gebiete verwandeln. Die britische Regierung wiederum hat Reformen für die Finanzierung der Landwirtschaft verkündet. Unter dem Titel „Der Weg zu nachhaltiger Landwirtschaft“ soll Nutzland wieder in Natur zurückverwandelt und Wälder wieder aufgeforstet werden.

Das Problem ist ebenso dringend wie der Klimawandel. Schätzungen der Vereinten Nationen kommen zu dem Ergebnis, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, was eine unmittelbare Gefahr für die Ökosysteme darstellt, die die Nahrung und das Wasser produzieren, von denen menschliches Leben abhängt.

Auch die Wirtschaft hat ein Problem. Der Verlust der Artenvielfalt hat einen Preis. Daniele Cat Berro, Investmentexperte bei ESG-Specialist MainStreet Partners, sagt, dass die wegen der Biodiversität möglichen Leistungen der Ökosysteme – wie etwa die Befruchtung von Pflanzen, die Reinigung von Wasser, der Schutz vor Überschwemmungen und die Bindung von Kohlenstoff – geschätzt zwischen 125 und 140 Billionen US-Dollar pro Jahr wert sind oder das Eineinhalbfache der weltweiten BIP. „Von 1997 bis 2011 hat die Welt in Folge von Veränderungen der Bodenoberflächen geschätzt zwischen 4 und 20 Billionen US-Dollar pro Jahr verloren und zwischen 6 und 11 Billionen US-Dollar pro Jahr in Folge der voranschreitenden Versteppung und Verwüstung.“

Geschäftsrisiken

Die Wirtschaft nimmt es zur Kenntnis. Im Jahr 2020 schloss sich eine Gruppe von 700 globalen Unternehmen mit einer Ertragskraft von insgesamt 4,3 Billionen US-Dollar, darunter bekannte Namen wie Burberry (BRBY), Citigroup (C) und Procter & Gamble (PG), dem Aufruf von Business for Nature an die Regierungen an, den Verlust von Natur bis 2030 umzukehren. Im September riefen 100 Organisationen gemeinsam die Regierungen dazu auf, das Global Biodiversity Framework für die Jahre nach 2020 auszubauen, das sie gerade verhandeln.

Investoren erkennen immer mehr, dass die Probleme bei der Biodiversität ein erhebliches Risiko für Unternehmen darstellen. Liudmila Strakodonskaya, ESG-Analystin bei AXA Investment Managers sagt: “Biologische Vielfalt ist die Infrastruktur, die alles Leben auf der Erde unterstützt. Es ist daher unerlässlich, sich bewusst zu machen, dass Biodiversität ein systemisches Risiko ist und ebenso folgenreich wie der Klimawandel.“

Die Fondsgesellschaft sieht große wirtschaftliche Risiken im Zusammenhang mit möglichen Schwankungen der Rohstoffkosten sowie in der Disruption von Lieferketten und Geschäftsabläufen. Dies wiederum hängt mit den Risiken der Transformation zusammen, die durch die weltweit zunehmenden Regulierungsmaßnahmen zur Wiederherstellung der Biodiversität entstehen.

Strakodonskaya ergänzt: “Die Umweltprobleme gefährden die Geschäftstätigkeit und stellen daher ein mögliches Risiko für Anleger dar, die in diese Unternehmen investieren. Außerdem bietet Biodiversität einen großen natürlichen Schutz gegen Klimaereignisse. Mangroven und Wallriffe zum Beispiel schützen Küsten gegen Stürme und Überflutungen. Ihre Zerstörung setzt Unternehmen verstärkt einem klimabedingten physischen Risiko aus.“

Das ist der Risikoseite. Aber es gibt auch Unternehmen, die helfen, die Krise zu lösen. Cat Berro sagt: “Unserer Meinung nach wird es zwei Arten von Gewinnern geben: zum einen Unternehmen, die direkt oder indirekt Lösungen zum Schutz der Biodiversität entwickeln, zum anderen solche, die das Risiko fehlender Biodiversität in ihre Überlegungen einbeziehen, um sich selbst zu schützen und eine angemessene Biodiversitätsstrategie zu entwickeln.

In der ersten Gruppe der Lösungsanbieter unterscheiden wir vier Untergruppen: Unternehmen, die eine geringere Verschmutzung ermöglichen, solche, die saubere Energie bereitstellen, Transportunternehmen, die den Übergang zu umweltfreundlichen Alternativen unterstützen, und schließlich solche, die auf eine nachhaltigere Land- und Fischereiwirtschaft hinarbeiten.“ Als Beispiele nennt er Unternehmen der Abfallwirtschaft wie Republic Services und den führenden nachhaltigen Verpackungshersteller Mondi. Auch der Windturbinenentwickler Vestas und das Photovoltaikunternehmen First Solar könnten profitieren.

Präzisionslandwirtschaft

Laut Stuart Forbes, Mitgründer von Rize ETF, schafft auch die von Konsumenten angeführte Revolution bei pflanzenbasierten Nahrungsmitteln eine Menge neuer Investmentmöglichkeiten für öko-afine Investoren. Forbes sagt: „Der pflanzenbasierte Fleischmarkt wächst gerade von einer Größe von 10,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 auf 30,92 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026. Und in dieser Zeit werden mehr und mehr dieser Unternehmen an die Börse gehen.“

Präzisionslandwirtschaft – oder Landwirtschaft 4.0 wie sie manchmal auch genannt wird – ist ein weiterer Bereich mit vielen Möglichkeiten. Forbes sagt: „Da die Notwendigkeit steigt, Getreide billiger und effizienter anzubauen, nimmt die Präzisionslandwirtschaft immer mehr Fahrt auf. Bisher war Landwirtschaft die einzig verbliebene Branche, die noch von der Technologie erobert werden musste. Künftig werden fortschrittliche Technologien wie Roboter, Sensoren, Software, Luft- und Satellitenbilder mit Big Data und cloud-basierten Lösungen verknüpft, um mehr Präzision und Automatisierung (und damit Ressourceneffizienz) in den landwirtschaftlichen Prozess zu implementieren.“

Jetzt, wo die Analyse des Klimawandels in den Mainstream gelangt, könnte Biodiversität das neue Aufgabengebiet werden. Das Thema zieht bereits die Aufmerksamkeit von Politikern und Regulierern auf sich und Investoren erkennen, dass Biodiversität ein erhebliches Risiko für die Nachhaltigkeit von Unternehmen darstellt. Gleichwohl könnte das Thema Unternehmen echte Chancen bieten durch die Tools, die es braucht, um es zu lösen.

 

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Über den Autor

Cherry Reynard  ist Finanzjournalistin, die für Morningstar schreibt.