5 Charts zu Kryptowährungen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Senior Research Analystin Madeline Hume fragt, wie es wirklich ist, im Jahr 2022 Kryptowährungen zu besitzen.

08.04.2022
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Crypto

 

Die Katze - oder genauer gesagt CryptoKitties - ist aus dem Sack.

In den letzten sieben Jahren ist die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen von etwa 5,2 Milliarden US-Dollar für die 100 wichtigsten Coins auf fast 1,7 Billionen US-Dollar im Januar 2022 gestiegen.

Kryptowährungen sind inzwischen die viertbeliebteste Anlageform unter Investoren nach Aktien, Investmentfonds und Anleihen. Bitcoin allein hat eine Marktkapitalisierung, die zu den 10 größten Unternehmen im S&P 500 zählen würde.

 

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Es gibt ein paar wichtige Dinge, die man im Vorfeld über das Universum der Kryptowährungen wissen sollte: was sind die verschiedenen Arten von Kryptowährungen und wie werden sie auf verschiedenen Blockchains betrieben.

Bitcoin ist wohl die mit Abstand bekannteste Kryptowährung, doch es gibt noch zahlreiche andere. Auf Platz zwei folgt Ether, dessen Hauptunterschied zum Bitcoin in seinem Zweck besteht: Während Bitcoin recht einfach aufgebaut ist und in erster Linie als alternative Währung dienen soll, enthält Ether einen Code, um Käufe und Verkäufe auszulösen, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind (sogenannte "Smart Contracts"). Und dann gibt es noch die "Altcoins", eine Kategorie, die alle anderen Kryptowährungen wie Ripple und Litecoin umfasst.

Kryptowährungen basieren auf der zugrunde liegenden Technologie der Blockchain, die jede Transaktion registriert. Die Transaktionen sind dann nicht mehr veränderbar. Durch diese Unveränderlichkeit erhalten zum Beispiel Nonfungible Tokens (NFTs) ihre Echtheitszertifikate. Verschiedene Blockchains unterstützen dabei verschiedene Arten von Kryptowährungen: Bitcoin beispielsweise lebt auf der Bitcoin-Blockchain; Ether existiert auf der Ethereum-Blockchain.

Da der Markt für Kryptowährungen inzwischen die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich gezogen hat und die anfängliche Skepsis überwunden ist, haben wir uns entschlossen, einen genaueren Blick darauf zu werfen, was den sagenhaften Aufstieg dieser Asset-Klasse antreibt. Die Ergebnisse haben wir zusammengefasst in der Publikation Morningstar's 2022 Cryptocurrency Landscape, die nun erstmals erschien.

Bitcoin verliert Marktanteile, neuere Kryptos treiben Wachstum

Wir waren nicht überrascht, dass Bitcoin in den frühen Zeiten des Kryptowährungs-Marktes den größten Teil des Gesamtwachstums ausmachte. Doch es war schon überraschend, wie schnell der Bitcoin in den letzten Jahren Marktanteile an andere Kryptowährungen verloren hat.

Wie die folgende Grafik zeigt, übertraf ein nach Marktkapitalisierung gewichteter Index der 100 nächstgroßen Kryptowährungen zwischen Januar 2017 und Januar 2022 den Bitcoin um mehr als 75 Prozentpunkte auf Jahresbasis[2]. Obwohl Bitcoin jedes Jahr durchschnittlich 103 % abwarf, sank sein Anteil am Kryptowährungs-Markt von fast 90 % im Dezember 2016 auf weniger als 43 % im Januar 2022, weil Ether und Altcoins immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Ether ist für den früheren Teil dieses Wachstums verantwortlich. Altcoins werden zwar oft übersehen, doch ihr Marktanteil ist in den letzten fünf Jahren erheblich gewachsen.

 

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Der Preis von Ether weist starke Ausschläge nach oben und unten auf, weil seine Fans auf eine ganze Palette von Anwendungen auf der Ethereum-Blockchain spekulieren. Seit Januar 2021 bewegt sich der Anteil von Ether am Gesamtmarkt jedoch konstant zwischen 15 % und 20 %, während der Marktanteil von Bitcoin stetig von 70 % auf knapp 40 % gesunken ist, obwohl er eine kumulierte Rendite von 32 % verzeichnete.

Hintergrund ist, dass so viele Nutzer bei Ethereum eingestiegen sind, dass der Handel in diesem Netzwerk zu kostspielig geworden ist.

Hier kommen die ungeliebten Kryptowährungen ins Spiel: Altcoins. Für Altcoins - also alle Kryptos außer Bitcoin und Ether, wie etwa Solana - wurden Blockchains entwickelt, die Ethereum bei den Transaktionskosten unterbieten und gleichzeitig vergleichbare Anwendungen anbieten (insbesondere dezentrale Finanzdienstleistungen). So konnten sie dem Ether Marktanteile abnehmen.

Altcoins sind in der Regel spezialisierter als Bitcoin, der eine Kryptowährung mit wenig Derivaten ist (d. h. Produkten, deren Wert von einem zugrunde liegenden Vermögenswert abhängen), und auch als Ether, dessen Blockchain wiederum so viel Flexibilität bietet, dass Programmierer sie für praktisch jedes Derivateprojekt nutzen können.

Der Altcoin terra beispielsweise existiert auf einer Blockchain, die nur Stablecoin-Token erzeugt, eine Klasse von Kryptowährungen, die durch Vermögenswerte wie den US-Dollar oder Gold gedeckt ist. Der Altcoin Polkadot hingegen kann Informationen oder Vermögenswerte zwischen verschiedenen Blockchains hin und her navigieren.

Diese Spezialisierungen haben in der Vergangenheit das Interesse der Anleger gedämpft, aber mit der Reifung des Kryptowährungs-Marktes erwarten wir, dass gerade die Vielfalt der Altcoins zu einer entscheidenden Stärke dieser Anlageklasse werden wird. Die historisch engen Korrelationen zwischen Bitcoin und anderen digitalen Vermögenswerten dürften damit aufweichen.

Mit hohen Erträgen kommt hohe Volatilität

Von der historischen 9.500%-Strähne von Ether im Jahr 2017 bis zur 11.100%-Rally von Solana im Jahr 2021 war ein Großteil des Interesses an Kryptowährungen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Investoren verzeichnen erstaunliche Gewinne und steigen in den Markt ein, was zu einem weiteren Aufwärtsdruck der Preise führt. Aber jede Rally hat auf der anderen Seite zu einem ebenso starken Absturz geführt. Kryptowährungen fehlt einfach ein fundamentaler Anker wie der Nennwert einer Anleihe oder der diskontierte Cashflow einer Aktie. Ether verlor zwischen Dezember 2017 und Dezember 2018 fast 90 % seines Wertes, und Solana büßte zwischen November 2021 und Januar 2022 mehr als die Hälfte des Wertes ein.

Aggregiert betrachtet ist die Volatilität von Kryptowährungen mit keiner anderen messbaren Anlageklasse vergleichbar.

Von Januar 2015, dem Beginn der regelmäßig erfassten Preisdaten, bis Januar 2022 wies der MVIS CryptoCompare Digital Asset 100 Index eine Standardabweichung auf, die weitaus höher ist als die des zweitvolatilsten von uns ermittelten Indexes. Die Volatilität des MSCI ACWI Indexes übertreffen die Kryptos um das fünffache.

Schwer zu glauben: diese Kennzahl schließt dabei auch Stablecoins ein, die häufig an einen festen Wert gebunden sind. Das bedeutet, dass nicht gebundene Kryptowährungen insgesamt wahrscheinlich noch stärker schwanken, als diese Zahl vermuten lässt.

 

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Performance von Kryptowährungen: eine Liga für sich

Auch über die Volatilität hinaus verhält sich der Kryptowährungs-Markt nicht wie andere Anlageklassen, was das Interesse von institutionellen Investoren weckt, die ihr Engagement in unkorrelierten Werten erhöhen möchten.

Historisch betrachtet haben die Renditen am Kryptomarkt am meisten mit Industrieländer-Aktien gemeinsam, aber mit einer Korrelation von nur 0,28 ist dies nicht recht hoch.

Allerdings haben die Korrelationen von Kryptowährungen zu risikoreichen Vermögenswerten  in den letzten Jahren zugenommen, insbesondere nach dem Zusammenbruch des Aktienmarktes im Jahr 2020.

 

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Es ist jedoch wichtig, diese Zahlen im Kontext zu betrachten. Kryptowährungen sind bei weitem nicht die einzigen Asset-Klassen, die nun eine engere Korrelation zur globalen Marktkapitalisierung aufweisen. Tatsächlich stiegen die Abhängigkeiten mehrerer wichtiger Untersegmente des Anleihemarktes im betrachteten Zeitraum im Gleichschritt mit den Kryptowährungen.

Dies ist nicht überraschend. Die Korrelationen aller Anlageklassen tendieren dazu, in Zeiten von Marktstress, wenn sich die Liquidität verknappt, zu erhöhen. Diese Beziehungen lösen sich in der Regel auf, wenn sich die Lage beruhigt. Relativ gesehen haben Kryptowährungen immer noch praktisch keine Korrelation zu Aktien.

Auch wenn sich der Anstieg der Korrelationen für Anleger, die an raue Finanzmärkte gewöhnt sind, wie ein kleiner Ausrutscher anfühlen mag, deutet dies doch darauf hin, dass ungesicherte Kryptowährungen ein schlechter Ersatz für Fiat-Geld sind.

Im Gegensatz zu Finanztiteln neigen sichere Häfen wie Bargeld nicht dazu, sich wie der Rest des Marktes zu verhalten, wenn dieser fällt. Ganz im Gegenteil: Fiat-Währungen sind so konzipiert, dass sie bei Marktstress stabil bleiben, weil sie das Vertrauen der Verbraucher über Jahrhunderte hinweg gewonnen haben.

Alles, was glänzt: Bewegt sich Bitcoin mit Gold?

Das bringt uns zu einem anderen Vermögenswert, den der Markt mit Bitcoin verglichen hat: Gold. Der als "digitales Gold" angepriesene Bitcoin hat aufgrund seiner festen Verfügbarkeit und seiner dezentralen Natur die Aufmerksamkeit derjenigen auf sich gezogen, die glauben, dass er eine ernstzunehmende Konkurrenz sein könnte zu den Goldbarren, die von Weltuntergangs-Preppern in Bunkern gelagert werden.

Das Argument hat durchaus einen intellektuellen Wert, aber auf kurze Sicht, sind die Morningstar-Analysten überzeugt, ist es unwahrscheinlich, dass Bitcoin den Glanz von Gold trüben wird. Die Menschen haben das Edelmetall seit mindestens 600 v. Chr. zur Abwicklung von Geschäften verwendet, während Bitcoin erst seit 14 Jahren existiert[3].

Die alternativen Verwendungsmöglichkeiten von Gold puffern das Metall zudem in Zeiten von Marktstress ab, so dass die Liquidität nicht allein von der Marktstimmung abhängt. Wir sind daher der Meinung, dass es dem Bitcoin im Gegensatz zu Gold an externen Anwendungen fehlt, die die Auswirkungen von Marktereignissen auf den Preis abmildern würden. Das schränkt die Funktion des Bitcoin als Wertaufbewahrungsmittel ein.

Hinzu kommt, dass die erste in Bitcoin denominierte Transaktion erst 2010 stattfand, was bedeutet, dass wir bisher nur Preisdaten über 11 Jahre zur Verfügung haben. Während der einen Marktkorrektur in diesem Zeithorizont blieb die Korrelation von Gold zu Aktien gering, während der Bitcoin dem Kryptowährungs-Markt auf dem Weg nach oben folgte.

 

 

Was wir jetzt erwarten

Mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von 1,7 Billionen US-Dollar können sich Kryptowährungen nicht länger im Schatten von Reddit-Foren verstecken. Das atemberaubende Wachstum dieser Anlageklasse rechtfertigt ebenso viel Vorsicht wie Euphorie.

Während Kryptowährungen in nur 14 kurzen Jahren ganze Parallelwirtschaften aus dem Boden gestampft haben (was keine geringe Leistung ist), stellt die dezentrale Infrastruktur von Kryptowährungen immer noch erhebliche Hindernisse für reale Anwendungsfälle dar.

Infolgedessen sind Kryptowährungen immer noch ein brandneues, stark konzentriertes und sehr volatiles Asset. Wir gehen davon aus, dass die Integration in bestehende Systeme in Finanz- und anderen Sektoren ausschlaggebend für die Akzeptanz sein wird. Diese Integration würde allerdings nicht von heute auf morgen erfolgen. Sofern sie aber erfolgt, werden die Chancen in einem Maße zunehmen, das nur von den potenziellen Risiken übertroffen wird.

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