Wir müssen über den Dollar sprechen

Der US-Dollar ist Dreh- und Angelpunkt des globalen Finanzsystems. Aber die Schwellenländer versuchen, ihn zu umgehen, und es zeigen sich erste Risse

James Gard 04.09.2023
Facebook Twitter LinkedIn

Neon US dollar

Vor fast vier Jahren sagte Mark Carney, damals Gouverneur der Bank of England, dass sich das Pfund wie eine Schwellenländerwährung verhalte. Das war natürlich kein Kompliment, sondern er meinte damit, dass das Pfund unruhig sei und zu plötzlichen Vertrauensverlusten neige. Im letzten Herbst durchlief das Pfund eine weitere, deutlich ernsthaftere Krise, als es kurzzeitig fast die Parität mit dem Dollar erreichte.

Diese Episoden verdeutlichen unter anderem die Vorrangstellung des Dollars gegenüber allen anderen Währungen. Schließlich ist er die wichtigste Reservewährung der Welt, ein Symbol für die wirtschaftliche Macht Amerikas und ein hilfreicher Fixpunkt für Rohstoff-, Währungs- und Aktieninvestoren weltweit. Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, wenden sich die Anleger dem Dollar (und dem Yen) zu.

Wenn Sie in den USA arbeiten, in Dollar bezahlt werden, in Dollar sparen und investieren, bereitet Ihnen Amerikas politisches Gewicht auf der Weltbühne kein Kopfzerbrechen. Sie halten eine Währung, die sträker ist als alle anderen. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass einige Schwellenländer eigene Pläne zu schmieden beginnen, die den Dollar nicht berücksichtigen.

Experten haben den Dollar schon seit vielen Jahren abgeschrieben, und eines Tages könnten sie Recht haben. Vorerst bleibt das globale Finanzsystem mit dem US-Dollar als Dreh- und Angelpunkt bestehen. Aber wie bei allen Herrschaftssystemen zeigen sich allmählich Risse - die Economist-Titelschlagzeile "The Mighty Dollar" von Ende 2016 scheint in weiter Ferne. Den Dollar zu verunglimpfen ist in Mode und die "Entdollarisierung" in aller Munde. "Jeder sucht nach Beweisen dafür, dass der USD an Bedeutung verliert (es gibt welche, sozusagen am Rande)", sagte der Kommentator Dario Perkins kürzlich auf X. Einer der Tagesordnungspunkte des BRICS-Gipfels Ende August in Johannesburg war die Verringerung der Abhängigkeit vom US-Dollar durch die "Neue Entwicklungsbank", einen in China ansässigen Kreditgeber. Wenn Sie sich ein Bild von der globalen Glaubwürdigkeit dieser Veranstaltung machen wollen: Wladimir Putin hielt eine Grundsatzrede, die per Video übertragen wurde.

Die Liste der Schwellenländer, die gegenüber dem Dollar abgestürzt sind, ist lang. Dabei handelt es sich nicht um vorübergehende Crashs, sondern um eine völlige Zerfleischung der jeweiligen Schwellenländerwährung durch den US-Dollar: Der südafrikanische Rand, die türkische Lira, der brasilianische Real und sogar der argentinische Peso machten eine Nahtoderfahrung: 2003 konnte man für einen US-Dollar drei argentinische Pesos kaufen, jetzt sind es 350. Offensichtlich ist etwas zerbrochen, zumindest aus der Sicht der Schwellenländer, die verständlicherweise genug von den Schlägen haben. Sich zusammenzuschließen und China einzubeziehen ist ein Ansatz. Eine einsame Gegenstimme ist der argentinische Präsidentschaftskandidat Javier Milei, der den Peso abschaffen und den US-Dollar zur Landeswährung machen will. Natürlich ist der Peso daraufhin abgestürzt. Ist das die Zukunft von Schwellenländerwährungen?

Diese Ansätze erscheinen in gewisser Weise pragmatisch, insbesondere der argentinische. Weniger abhängig zu sein von dem, was die Fed als nächstes tut, könnte für diese Länder sogar ein positiver Schritt sein. Aber die USA sollten diese Schritte zur Kenntnis nehmen, vor allem, da die Länder des Nahen Ostens beginnen, ihre finanziellen Muskeln spielen zu lassen. Ein aktuelles Beispiel ist, dass Indien Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mit seiner Landeswährung und nicht mit in US-Dollar bezahlte. In dem Zusammenhang: Indien kauft auch billiges russisches Öl, das der Westen wegen der Sanktionen nicht kaufen kann. Es geht nicht einfach um finanzielle Entscheidungen von Schwellenländern, sondern um das Vorhaben, die US-zentrierte Weltanschauung zu unterlaufen. Ähnlich verhält es sich mit der Türkei, die Waffen an die Ukraine verkauft, russische Exilanten angelockt und den Getreidehandel zwischen den beiden Ländern vermittelt hat - und dabei gleichzeitig auf der Seite der USA steht.

Ressourcenhungrigen Ländern blieb bisher beim Kauf von Rohstoffen nichts anderes übrig, als zu zahlen. Jetzt beginnen sie, die Vorlaufkosten für den Kauf von auf Dollar lautenden Materialien und die Transaktionskosten zu umgehen.

Auf der anderen Seite profitierten rohstoffproduzierende Länder von dem stärkeren Dollar. Wie Japan in diesem Jahr feststellt, kann eine schwächere Währung die Exporte ankurbeln. Und Schwellenländer werden für ihre natürlichen Ressourcen in Dollar bezahlt, was ihre wertvollen Devisenreserven erhöht.

Länder wie Hongkong und Saudi-Arabien binden ihre Währungen an den Dollar. Die Aufrechterhaltung einer solchen Bindung kann einen völligen Zusammenbruch verhindern, aber für die Länder sehr kostspielig sein, da sie zur Stützung des Wechselkurses lokale Währungen kaufen müssen.

Schulden und der Dollar

Eine weitere Auswirkung der Anti-Dollar-Mission wird sich bei den Schulden der Schwellenländer bemerkbar machen. Eine Entwicklung nach dem Ende des Kalten Kriegs war die Öffnung der Schuldenmärkte für ausländische Investoren. China, ein Land, in dem die Staatsführung mehr oder weniger absolute Macht über das Land besitzt, hat seine Staatsanleihen vermarktet, und sie haben sich als beliebt erwiesen. Die Wirtschaft läuft gut, zumindest für ein aufstrebendes Land, und bietet anständige Renditen.

Für renditehungrige westliche Anleger schien dies eine gute Gegenleistung zu sein; Schwellenländer zahlten aufgrund ihres Status einen Aufschlag, hatten aber ein geringeres Ausfallrisiko als in der Vergangenheit. So bekamen die Schwellenländer lebenswichtige Dollar-Zuflüsse und die reiche Welt ein paar satte Renditen. Und jetzt kommt der Punkt, an dem die Dollarabhängigkeit wirklich ins Gewicht fällt: Bei einer Krise der Landeswährung müssen Schwellenländer nach wie vor ihren Dollar-Verpflichtungen nachkommen, und das kann brutal teuer werden.

(Schwellenländer haben ihre Währungen in der Vergangenheit an den Dollar gekoppelt und viele tun dies immer noch. Dartüber gibt es eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Aber es ist ein faszinierendes Thema).

Ein aktuelles Beispiel für einen Dollar-Ausfall ist der chinesische Immobilienentwickler Evergrande, der 2021 seine Schulden nicht mehr bedienen konnte. Auch wenn die Regierungen der Schwellenländer normalerweise nicht zahlungsunfähig werden, kann das doch passieren. Rating-Agenturen haben in der Welt der Schwellenländer viel Macht, so dass potenzielle Anleiheinvestoren glaubwürdige Informationen über die Ausfallwahrscheinlichkeit haben. Jetzt, da die Zinsen im Westen höher sind, müssen Anleger nicht weit gehen, um Rendite zu erzielen: Eine zweijährige US-Staatsanleihe bringt etwas mehr als 5%.

China ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich die Beziehung zwischen Schwellenländern und dem Dollar nach der Öffnung der Wirtschaft und der Aufhebung der Devisenkontrollen verändert. Der Yuan, der bis 2005 an den US-Dollar gekoppelt war, wurde abgewertet, um die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte des Landes zu erhalten. Die Regelung funktionierte viele Jahre, in denen die USA billige chinesische Waren kauften, die mit billigen Arbeitskräften hergestellt wurden, und Chinas Wirtschaft boomte.

2016 wurde der chinesische Yuan in die Liste der "Reservewährungen" aufgenommen und ist heute eine der meistgehandelten Währungen der Welt. Doch Vorhersagen, dass er den US-Dollar überholen wird, haben sich nicht bewahrheitet, wie diese FT-Grafik zeigt. Peking hat kürzlich interveniert, um den kränkelnden Yuan zu stützen, nachdem die Wirtschaft aufgrund von Deflationsängsten ins Stocken geraten war.

Währungsrisiko

Was ist mit Aktienanlegern? Als europäischer oder britischer Anleger habe ich keine reibungslose Erfahrung, wenn ich mich in Schwellenländern engagieren möchte, denn die meisten Schwellenländerfonds werden in Dollar bewertet. Wenn ich Fondsanteile kaufe, sind drei Währungen an der Transaktion beteiligt: der Euro/das Pfund, der Dollar und die Währung der Schwellenländer, in der die Aktien bewertet werden.

Weil das Pfund in diesem Jahr einen kleinen Aufschwung erlebt, kann eine schwache Währung die Performancezahlen kurzfristig sogar befeuern, wie dieser Artikel erklärt. Ich kann solche Fonds jederzeit in Pfund, Euro oder Yen kaufen oder eine abgesicherte Version erwerben.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die Performancezahlen im Auge zu behalten - manchmal werden sie in Landeswährung, manchmal in US-Dollar angegeben. Ja nachdem wie, können sie sehr unterschiedlich ausfallen, insbesondere wenn sich das Währungspaar in dem betreffenden Jahr stark gegeneinander verschoben hat. Die Rendite kann in der einen Währung fantastisch aussehen, in der anderen weniger, und der Währungseffekt kann der entscheidende Faktor sein.

 

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken. Sie sind weder als Aufforderung noch als Anreiz zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers oder Finanzinstruments zu verstehen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sollten nicht als alleinige Quelle für Anlageentscheidungen verwendet werden.

Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Abonnieren Sie unsere kostenfreien Newsletter!

Facebook Twitter LinkedIn

Über den Autor

James Gard  ist Redakteur bei Morningstar.