Wann senkt die EZB die Zinsen?

Der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) wächst, die Zinsen eher früher als später zu senken, denn die Inflationszahlen gehen zurück und gleichzeitig ebben die Sorgen um die Konjunktur nicht ab. Was wird der EZB-Rat auf seiner Sitzung Anfang März beschließen?

Antje Schiffler 12.02.2024
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EZB

Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer ersten Sitzung des Jahres am 25. Januar beschlossen, die Zinssätze unverändert zu lassen, doch die Inflationszahlen sind seitdem gesunken. Der Druck auf die EZB, die Zinsen zu senken, wächst damit zunehmend. Die Märkte rechnen jedoch nicht damit, dass der EZB-Rat auf seiner nächsten Sitzung am 7. März über eine Lockerung der Geldpolitik entscheiden wird.

Die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen - die Benchmark für die Eurozone - erreichte am Freitag mit 2,385% den höchsten Stand seit Anfang Dezember. Inzwischen preisen die Geldmärkte mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 50% ein, dass die EZB bereits im April mit einer Zinssenkung beginnen wird.

Die Renditen von Bundesanleihen stiegen an, nachdem mehrere wichtige Zentralbanker vor frühen Zinssenkungen gewarnt hatten. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erklärte letzte Woche gegenüber der Financial Times, dass die Inflation "wieder aufflammen könnte". Die "letzte Meile", um die Inflation zu senken, wird die schwierigste sein, sagte sie. "Wir sehen eine hartnäckige Dienstleistungsinflation. Wir sehen einen widerstandsfähigen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sehen wir eine bemerkenswerte Lockerung der finanziellen Bedingungen", sagte sie der Financial Times.

Aber Äußerungen von Italiens Zentralbankchef Fabio Panetta am Wochenende zeigen jedoch, wie gespalten der Rat ist. In einem separaten Interview sagte er der Zeitung, dass die Zeit für eine Senkung der Leitzinsen "schnell näher rückt". Er schlug einen taubenhafteren Ton an als Schnabel und wies Befürchtungen über eine neue Inflationsspirale zurück. Die Inflation im Euroraum gehe schneller zurück als erwartet.

 

EZB Zinsentscheid: Inflation in der Eurozone sinkt

Der Anstieg des Verbraucherpreisindexes in der Eurozone ging im Januar auf 2,8 % zurück, nach 2,9 % im Dezember, was den Erwartungen der Ökonomen entsprach. Die Kerninflation, die die Preise ohne Energie- und Lebensmittelkosten angibt, fiel im Jahresvergleich um 10 Basispunkte auf 3,3 % und damit weniger als erhofft. Doch auch diese Kennziffer bewegt sich in die richtige Richtung.

"Die europäische Headline-Inflation ist im Januar um 0,1% auf 2,8% gesunken, eine willkommene Abwärtsbewegung nach dem Anstieg im Dezember", sagte Michael Field, European Market Strategist bei Morningstar. "Die Kerninflation ist mit 3,3% zwar höher, bewegt sich aber ebenfalls in die richtige Richtung und spiegelt den Rückgang um 0,1% wider. Die Tatsache, dass die Kerninflation, die in der Regel hartnäckiger ist, immer noch sinkt, ist in der Tat ein positives Zeichen."

Laut Amundi Global Asset Management besteht die Sorge, dass die Spannungen am Roten Meer die Preise vor allem in Europa hoch halten werden. Die Aufgabe der Zentralbanker wird also immer schwieriger, da sie versuchen müssen, die Zinsen für die richtige Dauer auf einem restriktiven Niveau zu halten.

 

 

 

Wann sinken die Zinsen wieder?

Eine deutliche Verlangsamung der aktuellen Lohnentwicklung und weitere Fortschritte bei der Bekämpfung der Inflation sind Voraussetzung für eine Zinssenkung im April, sagt Steven Bell, Ökonom bei Columbia Threadneedle Investments. Da im Mai keine Sitzung stattfindet, ist der nächste mögliche Termin für eine Senkung des Leitzinses erst im Juni.

Die Ökonomen von ING teilen diese Einschätzung. "Es wird erwartet, dass die EZB die Zinsen ab Juni senkt, aber vorsichtiger, als der Markt derzeit erwartet", sagt Peter Vanden Houte von ING. Der Rückgang der Kerninflation (die zurzeit bei 3,3% im Jahresvergleich liegt), ist für die Maßstäbe der EZB wohl zu langsam. Außerdem ist das Lohnwachstum nach wie vor zu hoch.

"EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat klar gesagt, dass der Disinflationsprozess weiter voranschreiten muss, damit die Zentralbank sicher sein kann, dass er nachhaltig ist", so Houte. "Daraus schloss sie, dass eine Zinssenkung vor dem Sommer unwahrscheinlich bleibt. Wir halten eine erste Zinssenkung um 25 Basispunkte im Juni immer noch für wahrscheinlich. Danach wird die EZB die Zinsen aber wahrscheinlich nur noch schrittweise senken. Während der Markt bereits Ende dieses Jahres mit kurzen Zinssätzen von 2,5 % rechnet, sehen wir dieses Niveau erst im zweiten Quartal 2025."

 

Entwicklung der Bauzinsen

Die Fremdkapitalkosten in der Eurozone bleiben weiterhin hoch. Die Hypothekenzinsen stiegen weiter auf 4 %, so die EZB in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht. Die Kreditzinsen für Unternehmen sind unterdessen gesunken. Sowohl Haushalte als auch Unternehmen hielten sich mit ihrer Nachfrage nach Krediten im ersten Monat des Jahres zurück, die Zahlen waren weiter rückläufig.

Laut dem Consumer Expectations Survey der EZB erwarten die Verbraucherinnen und Verbraucher jedoch, dass die Bauzinsen in den nächsten 12 Monaten von ihrem derzeitigen Niveau aus sinken werden. "Ein großer, aber abnehmender Prozentsatz der Befragten schätzt die Kreditbedingungen als angespannt ein und erwartet, dass es im gleichen Zeitraum schwieriger wird, Wohnungsbaudarlehen zu erhalten", heißt es in der Umfrage von Mitte Januar.

Die Hypothekenmärkte funktionieren in den Ländern der Eurozone sehr unterschiedlich. Während deutsche Hausbesitzer/innen weniger von steigenden Hypothekenzinsen betroffen sind, da die Verträge in der Regel für 10 oder 15 Jahre festgeschrieben sind, könnten beispielsweise spanische Hausbesitzer/innen unter variablen Zinsen leiden.

 

In Deutschland sinken aktuell die Bauzinsen

In Deutschland sind die Bauzinsen zum Jahresstart auf unter drei Prozent gesunken: Aktuell liegen die bestmöglichen Zinsen für zehnjährige Baufinanzierungen bei 2,93%. Das sind  0,36 Prozentpunkte niedriger als noch am 1. Dezember 2023, so das Vergleichsportal Check24.

„Die gesunkenen Renditen für zehnjährige Bundesanleihen und die sich entspannende Inflation sorgen für fallenden Bauzinsen“, sagt Ingo Foitzik, Geschäftsführer Baufinanzierung bei CHECK24. „Die Banken haben diese Entwicklung bereits eingepreist. Wir rechnen in den nächsten Wochen eher mit einer Seitwärtsbewegung als mit stark fallenden Zinsen. Immobilienkäuferinnen und -Käufer sollten sich jetzt um ihre Finanzierung kümmern und nicht auf weitere Senkungen spekulieren.“

Check24-Experte Foitzik erwartet nicht, dass sich der Trend stark fallender Bauzinsen fortsetzt. "Wir rechnen in den nächsten Wochen eher mit einer Seitwärtsbewegung als mit stark fallenden Zinsen." Ökonomen der Deutschen Bank erwarten im Jahresverlauf sogar wieder steigende Bauzinsen.

 

EZB Zinsentscheid: Wachstumssorgen in der Eurozone

Derweil wird die Eurozone weiterhin von Wachstumssorgen geplagt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone schrumpfte im dritten Quartal, stagnierte aber im vierten Quartal und entging damit nur knapp einer technischen Rezession.

Die ersten Indikatoren für Januar sind gemischt. Der PMI-Indikator stieg im Januar zwar an, blieb aber unter 50, was auf eine anhaltende wirtschaftliche Schrumpfung hindeutet. Der Indikator für die wirtschaftliche Einschätzung der Europäischen Kommission verzeichnete im Dezember einen deutlichen Anstieg, konnte sich aber im Januar nicht weiter verbessern.

Die größte Volkswirtschaft der Eurozone, Deutschland, steckt derweil in einer Rezession fest. Der Ifo-Indikator ist auf ein 3,5-Jahres-Tief gefallen. Die Industrieproduktion ging im Dezember auf Monatsbasis um 1,6 % zurück und war 2023 insgesamt um 1,5 % niedriger als im Vorjahr. Die Exporte sanken im Dezember um 4,6 % und im gesamten Jahr um 1,4 %.

"Deutschland, das einstige Kraftzentrum Europas, wird jetzt als 'kranker Mann Europas' bezeichnet. Die Volkswirtschaft befindet sich mitten in einer technischen Rezession", so Keith Palmer, Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle.

 

EZB-Sitzung im Januar: Kein Hinweis auf mögliche Senkung des Leitzinses

Auf ihrer letzten geldpolitischen Sitzung am 25. Januar beschloss die EZB, wie allgemein erwartet, die Leitzinsen auf ihrem Rekordhoch von 4,5% zu belassen und gab keinen Hinweis darauf, wann sie mit Zinssenkungen beginnen könnte.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte sich im Vorfeld gegen aggressive Wetten des Marktes auf Zinssenkungen gewehrt. "Natürlich sind die Zentralbanker nicht glücklich über den zusätzlichen Druck der Investoren, die Zinsen zu senken, aber angesichts der fragilen Lage der europäischen Wirtschaft und der im Dezember auf nur 2,9 % gesunkenen Inflation glauben wir, dass die Sterne für anstehende Zinssenkungen günstig stehen", so Field von Morningstar.

 

EZB, Fed, BoE: Erwarten Sie keine koordinierten Zinssenkungen

Allerdings hat die EZB einen viel größeren Spielraum für Zinssenkungen als ihr Pendant auf der anderen Seite des Atlantiks. Letztes Jahr erwarteten die Märkte, dass die Zentralbanken gleichzeitig mit Zinssenkungen beginnen würden, und deshalb lag auch hier in Europa der Schwerpunkt auf der Fed, sagt Morningstar's Field. 

Die Devisenmärkte haben derweil in dieser Woche mit der jüngsten EZB-Kreditumfrage am Dienstag und den vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für Januar am Mittwoch einiges zu verdauen. Diese beiden Datensätze hatten den Euro im vergangenen Jahr stark belastet und werden am Donnerstag genau beobachtet werden. 

 

 

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Über den Autor

Antje Schiffler  ist Redakteurin bei Morningstar in Frankfurt.