Es gibt zwischenzeitlich technische Probleme bei der Nutzerregistrierung. Wir bedanken uns für Ihre Geduld, während wir das Problem beheben.

‚Die Behavioral Finance geht davon aus, dass Investoren nicht rational handeln, sondern dass sowohl Markt- als auch Anlegeranomalien beobachtet werden können.’

Ein Interview über den Versuch der Wirtschaftswissenschaften, die traditionellen Annahmen der Kapitalmarkttheorie um verhaltenspsychologische Erkenntnisse zu erweitern.

Werner Hedrich 06.07.2007
Facebook Twitter LinkedIn
Werner Hedrich, Leiter Research Morningstar, spricht mit Dr. Mattern, der den Conquest Behavioral Finance Aktien AMI betreut. Der Fonds wurde vor rund einem Jahr aufgelegt und versucht, anhand verhaltenspsychologischer Regeln eine aktive Vermögensaufteilung (taktische Asset Allocation) zu generieren.

Der Fonds investiert in Aktien aus der Eurozone sowie in die entsprechenden Derivate. Er verfolgt nach eigenen Angaben einen Absolute Return-Ansatz. Der Fonds ist wegen des aktiven Asset Allokation Ansatzes bei Morningstar als Mischfonds mit hoher Aktienquote einklassifiziert.

Herr Dr. Mattern, wen oder

was wollen Sie mit dem Conquest Behavioral Finance erobern?

Wir wenden uns an Investoren, die eine Diversifikation der Anlagestile anstreben und nicht nur eine Diversifikation der Assetklassen. Bisher gibt es kaum Produkte, die in ihrem Investmentprozess explizit Marktstimmungen und die typischen Anlegerfehler berücksichtigen. Diese Nische haben wir uns erobert.

Wieviele Mitarbeiter hat die Conquest Investment Advisory und wieviele Anlagegelder verwalten Sie?

Wir sind zur Zeit noch zu dritt und beraten Anlagegelder in Höhe von ca. 50 Mio. EUR.

Können sie bitte den Forschungsgegenstand der Wissenschaftsdisziplin Behavioral Finance kurz erläutern.

Die Behavioral Finance geht davon aus, dass Investoren nicht rational handeln, sondern dass sowohl Markt- als auch Anlegeranomalien beobachtet werden können. Wir haben uns auf die Anlegeranomalien spezialisiert, also auf die immer wieder zu beobachtenden Anlegerfehler. Dazu gehört u.a. das Bestreben der Investoren, möglichst keine Position mit einem Verlust abzuschließen. Die Folge ist, dass viele Anleger ihre Gewinne begrenzen, die Verluste aber laufen lassen. Andere Effekte sind die immer wieder zu beobachtende Selbstüberschätzung der Investoren oder die sogenannte begrenzte Aufmerksamkeit. Darunter versteht man das Verhalten von Menschen, ihre Aufmerksamkeit immer nur auf bestimmte, aktuelle Dinge zu richten und dabei zu übersehen, was in anderen Bereichen passiert.

Wie können die Erkenntnisse der Behavioral Finance in einen Investmentansatz fließen?

Das geschieht auf vielfältige Weise. Zum einen haben wir sogenannte Themenindizes entwickelt mit denen wir messen, wie oft bestimmte Themen in den Medien vorkommen. Daraus können wir dann in Verbindung mit der Kursentwicklung ableiten, ob ein spezielles Thema bereits eingepreist ist (und damit kaum noch Überraschungspotential bietet) oder ob die Märkte ein Thema ignorieren und somit überrascht werden können. Dies hätte dann entsprechende Folgen für die Kursentwicklung, die wir so antizipieren können. Ein typisches Beispiel ist die aktuelle Zinserwartung für die USA. Da zeigen unsere Themenindizes, dass die Investoren kaum noch davon ausgehen, dass die Fed die Zinsen ein weiteres Mal anhebt. Wenn nun die Daten aber einen aufkommenden Inflationsdruck anzeigen, der dann auch noch von Äußerungen der US-Notenbanker betont wird, belastet das die Aktienmärkte.

Die Behavioral Finance wird von uns aber auch berücksichtigt, indem wir die Marktstimmung analysieren. So können wir feststellen, ob die Investoren eher risikoscheu sind oder zum Übermut neigen. Das berücksichtigen wir dann in unseren Investmentempfehlungen. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch, dass wir uns die typischen Anlegerfehler immer selbst vor Augen halten. So kann man sich selbst konditionieren, nicht seinem Bauchgefühl nachzugeben, sondern konsequent gegen den vorhandenen Reflex zu handeln.

Erläutern Sie bitte kurz Ihren Asset Allocation Ansatz.

So wie ich es eben gerade ansatzweise beschrieben habe analysieren wir monatlich das fundamentale und das Marktumfeld. Dazu berücksichtigen wir unsere Themenindizes, Sentimentindikatoren, aber auch die volkswirtschaftlichen Rahmendaten. Auf dieser Basis kommen wir dann in einem qualitativen Prozess zu unseren Einschätzungen für die Aktienmärkte, Renten, Währungen und Rohstoffe. Wir berücksichtigen immer diese vier Assetklassen, auch wenn der CONQUEST Behavioral Finance Aktien AMI-Fonds nur in Euroland-Aktien und die entsprechenden Derivate investiert, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass es nur dann ein „rundes“ Bild gibt, wenn die Interdependenzen zwischen den einzelnen Märkten berücksichtigt werden. Für den Conquest-Fonds haben wir drei Assetklassen definiert, nämlich Aktien long, Aktien short und Kasse. Die Long-Seite stellen wir über Einzeltitel und Derivate dar, die Short-Seite kann bei einem deutschen Publikumsfonds ja nur über Derivate abgebildet werden.

Bei der Asset Allocation unterscheiden wir auch zwischen strategischen und taktischen Positionen. Die Einzeltitel stellen für uns immer strategische Investments dar, bei denen sich in der Regel nur mittelfristig etwas ändert. Der kurzfristige Investitionsgrad wird dagegen ausschließlich mit Derivaten gesteuert. Das ist kostengünstig und flexibel zu handhaben. So kann es dann schon einmal vorkommen, dass das mittelfristige Bild positiv ist und wir über die Einzeltitel einen hohen Investitionsgrad abbilden. Wenn die Märkte dann aber wie zuletzt deutlich nachgeben, sichern wir dies dann auch mit Derivaten ab. Unser Gesamtinvestitionsgrad ´wird sich in der Regel zwischen -50 und +150 Prozent bewegen. So sind wir dann in der Lage, auch eine Shortposition für den Gesamtfonds abzubilden, um in einem fallenden Marktumfeld zu profitieren.

Wie gehen Sie schließlich bei der Aktienauswahl vor?

Für die Einzeltitelauswahl greifen wir auf ein quantitativ-technisches Modell zurück, mit dem wir börsentäglich ein Universum von ca. 1100 Titeln beobachten. Wir haben dabei Filter eingebaut, die uns erfolgversprechende Aktien anzeigen. Letztendlich entscheidet aber nicht das Modell, sondern erfahrene Investmentberater. Bei der Auswahl orientieren wir uns an keinem Index, sondern ausschließlich an den Signalen. Aus diesem Grund haben auch alle Aktien nahezu das gleiche Gewicht im Fonds.

Wie kommt es im Fonds zu dem starken Gewicht an deutschen Aktien von 55%?

Die Filter des Modells greifen, wenn sich die Aussichten für einzelne Aktien verbessern. Häufig ist das in der Frühphase eines Trends, so dass dieser Ansatz Aspekte einer Momentum-Strategie umsetzt, die ja auch Teil der Behavioral Finance ist. Wenn Sie nun berücksichtigen, dass sich deutsche Aktien zuletzt sehr gut entwickelt haben, ist es also nicht verwunderlich, dass der Anteil zur Zeit so hoch ist. Das kann sich aber auch schnell wieder ändern. So hatten wir vor einiger Zeit auch einen relativ hohen Anteil an griechischen Aktien, als der griechische Markt besonders gut lief. Inzwischen ist dieser Anteil aber wieder auf eine Position zusammengeschrumpft

Was ist die Zielrendite und das angestrebte Risiko des Fonds?

Wir streben auf mittlere Sicht immer eine absolut positive Rendite an, unabhängig von der jeweiligen Marktentwicklung. Damit lässt sich in „normalen“ Jahren dann eine Rendite von 7-10 Prozent erwarten bei einem angestrebten maximalen Drawdown von nicht mehr als 3-4 Prozent.

Der langfristig stärkste Faktor auf die Performance von Investments sind Gebühren. Die Verwaltungsvergütung von 1,85% p.a. plus Performancevergütung ist im Vergleich zu Aktienfonds und gemischten Mandaten sehr hoch.

Im Vergleich zu einem herkömmlichen benchmarkorientierten Fonds mag die Gebührenstruktur ambitioniert erscheinen. Angesichts des Ansatzes und dem Ziel, auch in negativen Börsenjahren eine positive Performance zu erzielen, befinden sich die Sätze auf einem marktüblichen Niveau. Angesichts der möglichen Investitionsgrade hat ein Investor uns gegenüber den Fonds auch schon einmal als „Hedge Fonds light“ bezeichnet. Dies spiegelt sich dann eben auch in den Gebühren wider.

Vielen Dank für das Gespräch.

Facebook Twitter LinkedIn

Über den Autor

Werner Hedrich