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Der Fondsstandort Europa: Neue Produkte am Markt 2017

Wir präsentieren eine Übersicht über neue Fonds im Jahr 2017. Dabei haben wir etliche Erkenntnisse über eine tatsächlich oder vermeintlich konsolidierende Industrie gewonnen. Eine vierteilige Übersicht über das Brot-und-Butter-Geschäft der Asset Management-Industrie.

Ali Masarwah 04.09.2017

Hört man sich unter den Vertretern der Asset Management-Branche um, ist in diesen Tagen viel Katzenjammer über das Geschäft mit Fonds zu vernehmen: Ein konstant schlechter Newsflow zu den Leistungen aktiver Manager und die zunehmende Verbreitung von günstigen Indexfonds machen der Industrie das Leben schwer. Hinzu kommen Transparenzanforderungen und eine zunehmende Regulierungsdichte – Stichwort EU-Richtlinie MIFID II (in der Schweiz lautet die Abkürzung des MIFID-Pendants FIDLEG), die 2018 in Kraft treten wird. Sie droht die Vertriebslandschaft in Europa kräftig durcheinander zu wirbeln. Das sind Vorboten einer Konsolidierung, die durch Prognosen vieler Beratungshäuser realistisch erscheint. 

Einerseits. Andererseits gilt das Asset Management als eine der profitablesten Branchen überhaupt. Operative Margen von gut 40 Prozent sind keine Seltenheit. Die britische Aufsicht FCA hat im vergangenen Herbst ermittelt, dass nur in der Immobilienbranche höhere Gewinne erzielt werden. (Die FCA-Studie vom November 2016 verknüpft die Erträge der Asset Management-Industrie mit der häufig unbefriedigenden Performance der Produkte. Sie wurde als harte Kritik an der Asset Management Industrie aufgefasst, lässt aber eigentlich in erster Linie die Zahlen für sich sprechen.) 

Steigendes Fondsvermögen macht der Fondsbranche Freude 

Unsere regelmäßigen Untersuchungen zu den Mittelflüssen in Fonds sowie die Entwicklung der Fondskosten bestätigen diese beiden widersprüchlichen Tendenzen. Einerseits wächst die Indexfondsbranche rasant, und Anleger schichten zunehmend von aktiv verwaltete Fonds in günstige passive Anlagevehikel um.

Andererseits führt das allgemeine Marktwachstum dazu, dass das verwaltete Vermögen in Fonds steigt. Das in Publikumsfonds investierte Vermögen legte zwischen Mitte 2008 und Mitte 2017 von etwa 3.500 Milliarden auf gut 8.100 Milliarden Euro zu. Dieser Effekt hat Phasen mit gelegentlichen Nettomittelabflüssen, wie es etwa bei aktiv verwalteten Aktienfonds 2008, 2011 bis 2012 sowie 2016 der Fall war, kompensiert. Auch Asset Manager, die überwiegend Mittelabflüsse erlitten haben, haben von diesem Phänomen profitiert. Hinzu kommt, dass hochmargige Produkte wie Mischfonds und alternativen Fonds in der Domäne der aktiven Manager liegen. Das Vermögen in diesen Fonds ist seit 2008 ebenfalls stark gesteigen. Auch das hat die Ertragslage der Asset Manager verbessert. 

Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage wollen wir uns mit dem Neugeschäft der Fondsbranche in Europa befassen. Das Geschäft mit neuen Fonds ist das A und O des Fondsvertriebs in Europa. Es gibt kein besseres Mittel, Kundengelder anzulocken, als einen neuen Fonds aufzulegen. Man mag das bedauern, weil Investmentfonds damit in die Nähe zu schnelllebigen Konsumgütern gerückt werden. Der Prozess der Vermögensbildung sollte idealerweise eine langfristige, gerne langweilige Angelenheit sein, in der etablierte Produkte im Vordergrund stehen. (Wenn man schon den Vergleich mit der Konsumgüterbranche bemüht, dann sollten Fonds im Portfoliokontext eher die Langlebigkeit einer Miele-Waschmaschine haben als Erinnerungen an die Modekette Primark wecken). 

Wie dem auch sei: Weil Fonds schnelllebige Produkte sind, ist die Betrachtung der Fonds-Neuauflagen ein guter Indikator für den Zustand der Branche. Wir haben deshalb die Auflagetrends europaweit untersucht. Welche Produkte sind auf den Markt gekommen? Wer hat sie aufgelegt? Wo werden sie vertrieben? Wie hoch ist das verwaltete Vermögen? Wie sieht es mit Indexfonds aus? Welche Rolle spielen Nachhaltigkeitsfonds? Wie fallen die Kosten der neuen Produkte aus? Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir unsere Datenbank Morningstar Direct angeschmissen und per 30. Juni 2017 nachgerechnet.   

126 Milliarden Euro stecken bereits in den 2017 aufgelegten Fonds

Fangen wir mit der großen Übersicht an. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres kamen 1261 neue Fonds europaweit auf den Markt, die per Ende Juni ein verwaltetes Vermögen von knapp 126 Milliarden Euro auf die Waage bringen. Darunter befinden sich 1159 aktiv verwaltete Fonds, die ein verwaltetes Vermögen von 101,6 Milliarden Euro aufwiesen. 102 Fonds werden passiv gemanagt. In ihnen steckten per Ende Juni 24,2 Milliarden Euro. 

Während Indexfonds zahlenmäßig nur 8,1 Prozent der Neuauflagen ausmachen, liegt ihr Gewicht am verwalteten Vermögen bei gut 19 Prozent. Das ist deutlich mehr als der Marktanteil von Indexfonds am verwalteten Vermögen in Europa von knapp 13,5 Prozent (inklusive Geldmarktfonds; ex Geldmarktfonds stecken rund 15,2 Prozent aller Publikumsfondsgelder in Indexprodukten). Beim Indexfondsgeschäft geht es um Masse, und das deutet sich bereits kurz nach der Auflage der Fonds an. Aktiv verwaltete Fonds in Europa haben es dagegen oft schwer, auf ein nennenswertes Vermögen zu kommen. Das kann sich nachteilig auf die Kosten für Anleger auswirken und hat darüber hinaus auch zur Folge, dass viele der Fonds mangels Masse nach einer Weile vom Markt verschwinden. 

Nachhaltigkeit: Das Buzz-Word zieht nicht unbedingt Investments nach sich 

Wie die Auswertung unserer Daten zu neuen Fonds weiter ergab, spielen Nachhaltigkeitsfonds bei Neuauflagen in diesem Jahr keine große Rolle: Insgesamt kamen 66 dieser Produkte auf den Markt, die ein Vermögen von 4,75 Milliarden Euro aufwiesen. ESG-Fonds sind also auch mit Blick auf das Neugeschäft für Anbieter ein Nischenthema. Zwölf der neuen ESG-Fonds sind Indexfonds, 54 werden aktiv verwaltet. Zahlenmäßig gesehen haben ESG-Fonds bei den Passiven zwar einen größeren Anteil am Neugeschäft, allerdings nicht beim verwalteten Vermögen. Die zwölf ESG-Indexfonds brachten es nur auf 627 Millionen Euro, was gerade einmal 2,6 Prozent des in neuen Indexfonds verwalteten Vermögens per Ende Juni ausmachte. Bei aktiv verwalteten Fonds steckte mit 3,8 Milliarden Euro prozentual etwas mehr Geld - 3,8 Prozent des Vermögens - in ESG-Fonds. 

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Strategic Beta. Im Marketing der Indexfondsanbieter spielen diese semi-aktiven Strategien eine wichtige Rolle. Unter den 102 neuen Indexfonds am Markt befinden sich 39 Produkte, die eine alternative Gewichtungslogik aufweisen als typische kapitalisierungs- bzw. schuldengewichtete Indizes. Doch ganz so groß ist die Bedeutung von Strategic Beta Indexfonds dann doch nicht, wie es der große Anteil der neuen Fonds auf den ersten Blick suggeriert; diese Fonds bringen nur gut 820 Millionen Euro auf die Waage, was 3,4 Prozent des Vermögens neuer Indexfonds in Europa ausmacht. 

Tabelle: Neu aufgelegte Fonds 2017 in der Übersicht

Im zweiten Teil unserer Auswertung steigen wir eine Ebene tiefer ein und blicken auf die Daten neuer Fonds nach Asset-Klassen und Fondskategorien. Lesen Sie hier weiter.

 

Hier finden Sie die vierteilige Serie in der Übersicht:

Teil 1: Einführung: Die Übersicht: Der Fondsstandort Europa: Neue Produkte am Markt 2017

Teil 2: Übersicht nach Asset-Klassen: Mischfonds dominieren das Neugeschäft in Europa

Teil 3: Übersicht nach Morningstar-Kategorie: "Italiener" mögen es bei den Gebühren gerne opulent: Neue Fonds im Spiegel der Morningstar Kategorien

Teil 4: Übersicht nach Fondsanbieter und Vertriebsregion: Fonds 2017: globaler Markt, lokaler Markt

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.