Auf diese Indizes haben Investoren nicht gewartet

Passive Investments sind en vogue wie nie zuvor. Doch Anleger sollten einige Mindeststandards beachten, unter anderem das Gebot der Diversifikation, das nicht nur für aktiv verwaltete Fonds, sondern auch für ETFs gelten sollte. Wir haben eine Indizes ausgemacht, die diesbezüglich klare Schwächen aufweisen.

Ali Masarwah 23.03.2018

Ja, natürlich sind ETFs auch taktische Investment-Instrumente. Es gibt Anleger, die mit einem ETF für wenige Tage oder Wochen einen Markt „spielen“ wollen. Dafür eignen sich ETFs auch. Doch der wichtigste Vorzug von börsengehandelten Indexfonds sind die günstigen Kosten. Das macht sie zum perfekten Instrument für Langzeitinvestoren, die Aktienmarktprämien zu tiefen Preisen abgreifen wollen und keine Meinung zu einem bestimmten Fonds oder Fondsmanager haben. Immer mehr Anleger mit einem langfristigem Anlagehorizont kaufen entsprechend ETFs. Davon liefern die vielen Gratis-Sparpläne der Direktbanken ein beredtes Zeugnis ab. Auch die meisten so genannten Robo-Advisor setzen auf ETFs als Langzeit-Instrumente in ihren Portfolios. 

Geht man also davon aus, dass ETFs immer mehr zu festen Bestandteilen von Anlegerportfolios mutieren, sollten sich Anleger vergewissern, dass ihre ETFs auch ein zweites wichtiges Gebot für Investmentfonds erfüllen: Sie sollten einen diversifizierten Zugang zum Kapitalmarkt bieten, den sie abbilden. Viele Anleger wissen nicht, dass das oft nicht der Fall ist. Denn für ETFs gilt das Diversifikationsgebot für herkömmliche Investmentfonds nicht. Bei aktiv verwalteten Fonds darf der Maximalanteil einer einzelnen Aktie gemäß UCITS-Regularien bei zehn Prozent liegen, und alle Fondspositionen, die mehr als fünf Prozent des Fondsvermögens ausmachen, dürfen in Summe nicht die 40 Prozent-Marke überschreiten.

Doch die so genannte 5/10/40-Regel gilt nicht für Indextracker. Sie dürfen maximal 20 Prozent des Fondsvermögens in einzelne Titel investieren, in Extremfällen können es sogar bis zu 35 Prozent sein. Das hat zur Folge, dass passive Investoren an einer wichtigen Stelle aktiv werden müssen: Sie sollten ein besonderes Augenmerk auf die Qualität der ETF-Benchmarks richten. 

Vor diesem Hintergrund wollen wir heute auf einige Indizes aufmerksam machen, die aus Diversifikationsgründen mit Vorsicht zu genießen sind. Es handelt sich samt und sonders um Benchmarks, auf die Produkte begeben wurden, die in Europa zum Vertrieb zugelasssen sind. Es handelt sich hier also nicht um eine Trockenübung, sondern um real existierende ETF-Underlyings. Aber da wir nicht nur mit einer Mängelliste aufwarten wollten, haben wir auch Index-Alternativen, soweit vorhanden, aufgeführt. 

1. EURO STOXX Telecom 30-15. Dieser Sektor-Index für Telekomwerte zählt zu den am wenigsten diversifizierten Aktienindizes in Europa. Er ist mit nur zwölf Titeln extrem konzentriert. Die Deutsche Telekom macht sage und schreibe knapp 30 Prozent des Indexgewichts aus. Es folgen die spanische Telefonica und die französische Orange mit jeweils rund 15 Prozent. Drei Aktien machen also 60 Prozent des Gewichts aus. Hier drängt sich die Frage auf, warum man für derartige Indizes bzw. ETFs bis zu 0,5 Prozent an jährlichen Verwaltungskosten berappen muss – Einzelinvestments wären hier eine durchaus realistische Alternative. Hinzu kommt, dass der Fokus auf Telekom-Aktien ein sehr hohes Konzentrationsrisiko auf Sektorebene mit sich bringt.  

Die Alternativen. Investoren, welche die defensivere Natur bzw. die Dividendenqualität von Telekom-Aktien schätzen, finden mit dem STOXX Europe 600 Telecom oder dem MSCI Europe Telecommunications brauchbare Alternativen, die mit rund 25 Aktien breiter aufgestellt sind. Anleger, die über den Tellerrand des europäischen Aktienmarkts blicken wollen, finden mit dem MSCI World Telecom Services einen Index, der rund 40 Titel umfasst. 

2. NYSE Arca Gold Bugs: Auch dieser Index weist mit 18 Aktien und dem Fokus auf Goldminenaktien ähnliche Nachteile wie der oben erwähnte Telekom-Index auf.  Das Konzentrationsrisiko ist mit Blick auf Einzelaktien und aufgrund des Sektorfokus sehr hoch. Das schlägt sich auch in der sehr hohen Volatilität von über 40 Prozent pro Jahr seit 2015 nieder. Die drei Top-Holdings (Newmont Mining, Barrick Gold und Goldcorp) machen in Summe rund 40 Prozent aus, was sehr viel ist, aber immerhin etwas weniger als das Gewicht der Top drei Holdings im EURO STOXX Telecom 30-15.

Die Alternativen: Es gibt etliche Alternativen, die zumindest auf Einzeltitelebene breiter diversifiziert sind. Der Solactive Global Pure Gold Miners umfasst rund 30 Aktien, der NYSE Arca Gold Miners hat mit 53 Aktien deutlich mehr auf der Einzeltitelebene zu bieten als sein „Bugs“-Namensvetter. Am breitesten aufgestellt ist der Index MVIS Global Junior Gold Miners mit rund 70 Aktien, der jedoch aufgrund seines Fokus auf kleinstkapitalisierte Werte eine neue Risiko-Komponente hinzubringt. 

3. DivDAX: Dieser Index zählt zu den etabliertesten Dividenden-Indizes im deutschsprachigen Raum. Das erste Produkt, das die Performance dieses Index abbildet, wurde bereits 2005 lanciert. Heute gibt es mehrere DivDAX-Tracker am Markt. Doch das macht den Index nicht empfehlenswerter. Er vereint die 15 Top-Dividendenzahler im DAX 30, die nach Marktkapitalisierung gewichtet werden. Auch wenn er auf Branchenebene deutlich diversifizierter als die ersten beiden Indizes unserer Auswahl, so ist er mit 15 Titeln hoch konzentriert. Die fünf größten Positionen (BASF, Allianz, Daimler, Siemens und Bayer) machen rund 50 Prozent des Indexgewichts aus. Hinzu kommt noch ein weiterer Malus: Der Index setzt sich ausschließlich aus den Top-Dividendenzahlern der Vergangenheit zusammen. Es gibt also keinerlei Kontrollmechanismen, die sicherstellen, dass es sich bei den Indexwerten um nachhaltige Dividendenzahler handelt.

Die Alternativen: Es gibt jede Menge Dividenden-Alternativen. (Wobei sich prinzipiell über die Frage streiten lässt, ob Langfristinvestoren, denen das Kapitalwachstum wichtig ist, wirklich Dividendenfonds brauchen. Aber das ist eine andere Frage). Der EURO STOXX Select Dividend 30 weitet den Horizont über den lokalen Tellerrand hinaus und enthält immerhin doppelt so viele Aktien wie der DivDAX. Mit über 40 Titeln ist der S&P Euro High Yield Dividend Aristocrats deutlich breiter aufgestellt, und er enthält auch einen grobmaschigeren Qualitätsfilter als die beiden oberen Indizes. Einen breiteren, pan-europäischen Fokus weist der LibertyQ European Dividend auf. Er enthält gut 50 Aktien.  

4. MSCI Russia ADR/GDR: Dieser Index zählt mithin zum Stoff, aus dem Anleger-Alpträume gemacht sind. Nicht nur, dass er mit 15 Aktien ebenfalls höchst konzentriert ist. Es gibt zahlreiche andere Monita: Er weist das extrem hohe Einzelländer-Risiko eines Emerging Markets aus. Auch der Fokus auf Energiewerte, die derzeit 50 Prozent des Gewichts ausmachen, ist bedenklich. (Lukoil und Gazprom machen knapp 30 Prozent des Indexgewichts aus.) Wenig beruhigend ist auch der knapp 30-prozentige Anteil von Sberbank. Nicht nur Kenner der Geopolitik wissen, dass russische Banken potenziell (und teils aktuell) schwer von westlichen Sanktionen getroffen werden können. Ein weiteres Manko auf der langen Mängelliste ist auch der Umstand, dass dieser Index ausschließlich auf so genannte depository receipts zurückgreift, also auf Verbriefungsurkunden, die nicht an den lokalen Märkten gelistet sind. Streng genommen liefert dieser Index also nicht einmal ein reinrassiges Risiko-Exposure zu russischen Aktien.

Die Alternativen: Auch wenn es mit dem MSCI Russia Capped einen Index gibt, der immerhin rund 30 Werte umfasst, so lassen sich wegen der hohen Einzelländer-Risiken Russland-Indizes nicht guten Gewissens als Anlageuniversum empfehlen. Im Grunde gilt das auch für Osteuropa-Indizes, die typischerweise wegen der Größe des russischen Marktes ein derart hohes Russland-Gewicht aufweisen, dass man hier von verkappten Russland-Investments sprechen muss. Der MSCI Eastern Europe beispielsweise enthält einen Russland-Anteil von gut 60 Prozent. BRIC-Fonds sind breiter aufgestellt, aber ebenfalls wegen der Konzetration auf nur vier Märkte nicht empfehlenswert. Konservativere Varianten, die deutlich empfehlenswerter sind: Ein Investment in globale Emerging Markets Märkte mit mehr (FTSE Emerging) oder weniger (MSCI Emerging Markets) China-Gewicht (lesen Sie mehr zu beiden Indizes hier). 

5. PSI 20: Auf den ersten Blick erscheint es unfair, den Aktienindex für portugiesische Standardwerte hier aufzuführen. Doch wir tun es, weil der Index ungeachtet seines Namens schon seit längerer Zeit nur 18 Aktien umfasst und eben nicht 20. 

Alternativen: Einzelländer-Indizes, die sehr eng sind, erscheinen grundsätzlich nicht als geeignete Langfrist-Investments. Insofern würden wir prinzipiell auf Regionen-Indizes verweisen, in denen kleinere Märkte wie die obigen „verschwinden“. (Notabene: Im MSCI Europe machen Portugal-Aktien 0,24 Prozent aus. Das ist jenseits der Wahrnehmunsgrenze.)

FAZIT 

Grundsätzlich sollten Langfristinvestoren bei ETFs dieselbe Messlatte anlegen wie bei aktiv verwalteten Fonds. Sie sollten grundsätzlich diversifiziert sein, auch wenn Indexreplizierer von der 5/10/40-Regel befreit sind. Insofern sind Indizes, die unter 20 Wertpapiere aufweisen, grundsätzlich nicht empfehlenswert für Fondsanleger. Leider gibt es in Europa keine Produkte auf den MSCI Greece, der mit nur neun Aktien ein heißer Kandidat für unsere No-No-Liste gewesen wäre!

Doch das bringt uns zu den Limitationen unserer Auflistung, die sich auf Indizes kapriziert, die unter 20 Aktien aufweisen. Was ist mit Indizes wie der MSCI Indonesia oder FTSE Vietnam, die deutlich mehr als 20 Aktien enthalten. Sind sie empfehlenswerter als, sagen wir, den PSI Index? Mit Sicherheit nicht, denn sie weisen im Zweifel noch höhere Risiken auf in ihrer Eigenschaft als Schwellenländer-Märkte. (Übrigens machen die Emittenten von Einzelländer-ETFs für die oben erwähnten Asien-Märkte oft das Argument geltend, dass ihre Produkte nicht für Europa, sondern für die asiatischen Fondsmärkte gedacht sind, auch wenn sie in Europa domiziliert und zum Vertrieb zugelassen sein mögen. Dem ist nichts hinzuzufügen).

Damit kommen wir zu einem grundsätzlichen Punkt. Anleger, die ein stark konzentriertes Investment anstreben, sollten entweder überlegen, ob sie nicht lieber ein Investment in eine Einzelaktie eingehen sollten, wenn sie einer einzelnen Story nachhängen. So können sie eine klare Wette eingehen und sich zudem die Verwaltungsgebühren für den ETF, so niedrig sie auch sein mögen, sparen. Oder sie überdenken aufgrund der hohen Risiken ihre Investmentthese, zumal Anleger oft Gefahr laufen, begrenzte Mittel in viel zu viele Produkte zu stecken und somit ihre Portfolios überzudiversifizieren. Dann überlassen sie vermutlich zu Recht das Feld den, ach so aktiven, taktischen Asset Allokatoren.

 

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.