Robo-Advisors kontra aktiv verwaltete Mischfonds

Im zweiten Teil unserer Umschau zu günstigen Alternativen zu Robo-Advisors unternehmen wir eine im Ergebnis frustrierende Recherche im Kreis der aktiv verwalteten Mischfonds. Und wir wagen einen Ausblick auf die Zukunft automatisierter Anlageprogramme.

Ali Masarwah 13.03.2019

Unsere Hinweise zu digitalen Vermögensverwaltungen vom vergangenen Freitag haben einige Wellen geschlagen. Der Artikel „Robo-Advisors kontra ETF-Mischfonds“ hat bereits wenige Tage nach Erscheinen tausende Klicks erzielt, und auch die Leserreaktionen waren vielfältig. Wie bei kritischen Texten üblich, sind Lob und Tadel bei den Reaktionen gleichermaßen vertreten. Das deutet darauf hin, dass man zumindest nicht am Thema vorbeigeschrieben hat! 

Wie dem auch sei: Fakt ist, dass der Artikel in der Form nicht vollständig ist. Ich hatte zwar angemerkt, dass Mischfonds die richtige Benchmark für Robo-Advisors sind und weniger die Vermögensverwaltungen der Banken, die Ottonormal-Anleger ohnehin verschlossen sind. Der erste Artikel ging dann auf Index-Mischfonds ein. Das ist naheliegend, weil die kleine, aber überwiegend feine Auswahl, überwiegend ETFs, sehr günstig ist, und sowohl auf Einzeltitelebene wie auch mit Blick auf die Asset-Allocation breit diversifiziert ist. Zudem weisen die Index-Mischfonds zumeist in Gestalt eines Rebalancing-Mechanismus effiziente antizyklische Komponenten auf. 

Unvollständig ist der oben erwähnte Artikel insofern, als er keinen Hinweis auf aktiv verwaltete Fonds enthält. Das wollen wir jetzt nachholen. Meine Kollegin Barbara Claus hat sich in ihrer zweiteiligen Serie zu aktiv verwalteten Mischfonds bereits zu den Produkten geäußert, die ein Morningstar Analyst Rating haben. Ich will mich hier auf die günstigsten EUR-Mischfonds beschränken, die über ein quantitatives Morningstar Analyst Rating verfügen. 

Morningstar Quantitative Rating für die Fonds-Trüffel-Suche 

Zur Erinnerung: Bereits seit dem vergangenen Jahr replizieren wir die Morningstar Analyst Ratings mittels eines quantitativen Algorithmus. Wegen des hohen Aufwands des Fonds-Rating-Prozesses ist die Anzahl der Produkte, die ein Analyst Rating halten, begrenzt. Um die Anzahl der analysierten Fonds zu erweitern, haben wir deshalb ein quantitatives Modell entwickelt, das die Entscheidungsprozesse unserer Analysten repliziert. Bei der Entwicklung wurden ihre bisherigen Rating-Entscheidungen und die zur Unterstützung dieser Entscheidungen verwendeten Daten genutzt. 

Das Ergebnis des Machine-Learning-Modells ist das Morningstar Quantitative Rating for Funds (MQR). Es wird ausschließlich bei Fonds angewendet, die kein qualitatives Morningstar Analyst Rating halten. Es drückt eine Bewertung aus, die ein Morningstar-Analyst einem Fonds zuweisen könnte, wenn er den Fonds analysieren würde. Mit diesem neuen Ansatz können wir fast sechsmal so viele aktive Fonds und ETFs analysieren, wie es bisher möglich war. Kurz gesagt: unsere MQR führen uns in Marktnischen, die unsere Fonds-Analysten niemals erschließen könnten! (Lesen Sie hier mehr zu unseren Morningstar Quantitative Ratings

Um mögliche günstigste Robo-Alternativen bei aktiv verwalteten Mischfonds zu finden, haben wir unsere Datenbank nach aktiv verwalteten Mischfonds mit einem positiven Morningstar Quantitative Rating durchforstet, die weniger als 0,8 Prozent pro Jahr an Fixgebühren aufweisen. Dabei haben wir institutionelle Tranchen ausgeschlossen und uns auf Fondstranchen mit Basiswährung EUR und Vertriebszulassung Deutschland beschränkt. Dass wir eine Jahresgebühr von 0,8 Prozent als Untergrenze bei unserer Suche definiert haben, war nur halbwegs willkürlich. Unterstellt man, dass Handelskosten und Performance Fees hinzukommen, könnten Fonds mit Fixgebühren von 0,8 Prozent durchaus in der Endabrechnung Gesamtkosten von rund einem Prozent aufweisen. Damit nähert man sich dem Niveau der meisten Robos, die Inklusive Produktkosten auf insgesamt 0,6 bis 1,4 Prozent kommen. (Zusätzlich müssen Anleger damit rechnen, Abgeltungssteuer auf die Robo-Transaktionen zu bezahlen, wenn der persönliche Steuerfreibetrag von 801 Euro jährlich bereits ausgeschöpft ist.) 

In Deutschland sind günstige Mischfonds eine frustrierend kleine Minderheit 

Die Fokussierung auf 0,8 Prozent an maximalen Fixkosten bei gleichzeitiger Beschränkung auf Retail-Fonds mit Vertriebszulassung für Deutschland erwiesen sich bei unserer Recherche als Killerkriterien. Es blieben zunächst ganze 88 Fonds in unserem Netz hängen. Das ist erschreckend wenig, bedenkt man, dass ohne die beiden oben genannten Einschränkungen rund 1.600 Mischfonds Fonds ermittelt worden wären. Halten wir fest: Es ist nicht leicht, günstige aktiv verwaltete Fonds mit guten Ratings zu finden, die für Privatanleger in Deutschland erhältlich sind! 

Doch es kommt noch dicker: Etliche der 88 Fonds haben Mindest-Anlagesummen von über 50.000 Euro, sodass viele der Fonds faktisch institutionelle Produkte sind, auch wenn sie nicht als solche deklariert sind. Sie stehen eben nicht Jedermann zur Verfügung. Andere aktive Mischfonds unserer Auswahl haben wiederum zwar keine hohen Mindestanlagesummen, sind aber in nur wenigen ausgewählten Vertriebsstellen erhältlich und wurden als nicht allgemein zugänglich­ aussortiert. 

Herausgekommen ist eine Auswahl, die in der unteren Tabelle vertreten ist. Es sind sage und schreibe nur 14 Fonds, die auf allgemein zugänglichen Fondsplattformen erhältlich sind. Zu beachten ist allerdings auch, dass es sich teilweise um Fondstranchen handelt, die typischerweise nicht im Retail-Vertrieb erhältlich sind. Einige sind eigentlich für Honorarberater gedacht, auch wenn sie per Mitte März 2019 auf einigen Plattformen für Privatinvestoren direkt erhältlich waren. (Gut möglich, dass es sich die Vertriebsstellen bald anders überlegen könnten und diese günstigen Fonds aus ihrem Sortiment nehmen.). 

Tabelle: Günstige aktiv verwaltete Mischfonds am Markt 

Bereits auf den ersten Blick fällt auf, dass es sich bei diesen Fonds um Nischenprodukte handelt. Nur drei Fonds verwalten ein Vermögen von über einer Milliarde Euro. Zudem sind einige nicht wirklich spottbillig, wenn man Handelskosten und Performance Fees in die Kostenrechnung einbezieht.  Zwei Fonds kommen bei der Gesamtkosten-Rechnung auf über 1,0 Prozent; „FvS Der erste Schritt“ kostet 1,02 Prozent; der „DWS Concept DJE Alpha Renten Global TCF“ 1,17 Prozent. 

Siemens Fonds Invest gegen den Rest der Fondswelt

Doch der genauere Blick auf die Exoten kann sich lohnen. Das gilt vor allem für die drei Produkte der Siemens Fonds Invest GmbH. Diese sind für die Öffentlichkeit ohne Einschränkung zugänglich, auch wenn es sich bei dem Vermögensverwalter des Siemens-Konzerns um einen institutionellen Vermögensverwalter handelt, der schwerpunktmäßig einen Teil der Pensionsgelder für die Mitarbeiter des Siemens Konzerns verwaltet. 

In den vergangenen Jahren hat die Siemens Fonds Invest den sehr lobenswerten Entschluss gefasst, auch nicht zum Konzern gehörige Investoren dieselben Konditionen anzubieten wie den Konzernmitarbeitern. Zwei der drei Siemens-Mischfonds haben einen Track-Record von über zehn Jahren. Der Siemens Balanced, ein flexibler EUR Mischfonds, kommt auf laufende Gebühren von unglaublich günstigen 0,35 Prozent pro Jahr. Inklusive Handelskosten belaufen sich die Gesamtkosten derzeit auf 0,41 Prozent, was sogar günstiger ist als die meisten gemischten ETFs am Markt, die wir jüngst vorgestellt haben. 

Auf Nachfrage heißt es bei Siemens Fonds Invest, dass man sich entschlossen habe, die Konzernmitarbeiter-Fonds für die Allgemeinheit zu öffnen, weil „wir überzeugt sind, dass niedrige Gebühren für Langfristanleger wichtig sind“. Dass den Verantwortlichen von Fondsgesellschaften vollkommen bewusst ist, dass niedrige Gebühren der beste Weg zum Anlageerfolg sind, ist das Eine. Dass eine Fondsgesellschaft indes diese Maxime beherzigt und ihre Fondsgebühren derart vorbildlich gestaltet, etwas ganz anderes! Chapeau, Siemens Fonds Invest! 

Eine 20-prozentige Performance Fee kann auch vorbildlich sein 

Die Performance Fee von 20 Prozent beim Siemens Balanced ist vor dem Hintergrund absolut angemessen. Zum einen prangern wir zwar die Gestaltung der meisten Performance Fees am Markt als unfair für Anleger an, haben aber nicht prinzipiell etwas gegen Erfolgsgebühren einzuwenden, wenn die laufenden Fixkosten günstig sind, was hier eindeutig der Fall ist. Zudem ist die Aktien-Renten-Benchmark als Hurdle Rate beim Siemens Balanced angemessen, sodass wir keine Bedenken haben. Es ist bereits in Vergessenheit geraten, aber eine Performance Fee kann dazu angetan sein, die Interessen der Anleger mit denen der Fondsanbieter zu synchronisieren! 

Anleger, die dennoch keine Performance Fee akzeptieren, können auf die Fonds-Variante Siemens DC Balanced zurückgreifen, die dafür höhere Fixgebühren aufweist. Beide Fonds halten das bestmögliche Morningstar Quantitative Rating „Gold“. 

Weil die Siemens Fonds Invest keine Retrozessionen zahlt, treten die Fonds allerdings öffentlich kaum in Erscheinung. Denn keine Vertriebsstelle, deren Geschäftsmodell auf der Vereinnahmung von Retrozessionen basiert, hat ein Interesse daran, Fonds zu vertreiben, an denen sie nichts verdient. Das gilt übrigens auch für Online-Banken, die sich zwar nur als Ausführungsstelle verstehen, sich aber dennoch Kickbacks genehmigen! 

Anleger, die bei ihrer Bank nach den Siemens-Produkten fragen, müssen deshalb damit rechnen, Ausgabeaufschläge berappen zu müssen, weil diese sonst keinerlei Erträge an dem Geschäft mit den Siemens-Fonds erwirtschaften könnten. Auch deshalb werden Sparpläne auf diese Fonds oft nicht angeboten. Investoren sollten sich von diesen überwindbaren Hürden indes nicht abschrecken lassen und sich die Fonds der Siemens Fonds genauer ansehen. Ein letzter Hinweis: Siemens Fonds Invest bewirtschaftet auch Aktien- und Rentenfonds, die teilweise noch günstiger sind als die hier vorgestellten Mischfonds! (An dieser Stelle die Erinnerung an unseren Disclaimer, den Sie unter jeder Seite auf morningstar.de finden: Diese Informationen sind keine konkrete Anlageempfehlung. Und ich halte keine Anteile an Siemens-Fonds und habe kein materielles Interesse am Wohlergehen der Siemens Fonds Invest!). 

Fazit

Wagen wir nun ein Fazit. Wir sind gestartet mit der Feststellung, dass Robo-Advisors oft teuer sind, größtenteils keinen hinreichenden Track Record haben und angesichts des harten Wettbewerbs und der geringen Assets mit der Aussicht auf Konsolidierung konfrontiert sind. Das macht viele dieser digitalen Vermögensverwaltungen nur begrenzt für Investoren attraktiv. Daher haben wir uns auf die Suche nach möglichen Alternativen zu Robo-Advisors gemacht. Prinzipiell gibt es für Anleger, die keine so genannten Selbstentscheider sind, eine gute Alternative: Mischfonds. 

Doch die Suche nach geeigneten Produkten ist alles andere als trivial. Wer auf die Indexfonds-Lösungen setzt, findet zwar einige attraktive Angebote, aber eben nur eine eingeschränkte Auswahl, die möglicherweise nicht für alle Anleger geeignet ist. So setzen etliche Indexfonds auch physische Rohstoffe ein, die keine Erträge abwerfen; notwendigerweise ist die Asset Allocation dieser Produkte zudem starr und somit nicht für alle Bedürfnisse passend. 

Noch schwieriger gestaltet sich die Suche nach günstigen aktiv verwalteten Mischfonds. Mischfonds mit positiven Morningstar Quantitative Ratings verhalten sich wie die sprichwörtlichen Nadeln im Heuhaufen: es gibt sie kaum, und sie sind schwer zu finden. Unsere heute vorgestellte Auswahl an Fonds umfasst nur wenige Produkte, die zudem teilweise nicht für den Privatkundenvertrieb gedacht sind und daher möglicherweise nicht durchgängig über Banken und Fondsplattformen erhältlich sein werden.

Die Siemens Fonds Invest ist hier eine rühmliche Ausnahme, auf die es sich zu achten lohnt. 

Perspektivisch ist mit zwei Entwicklungen zu rechnen: Zum einen werden angesichts des harten Wettbewerbs Robos günstiger werden (müssen). Die hohe Online-Affinität der Millennials ist das Eine. Das andere ist, dass nichts dafür spricht, dass Online-Affinität mit Finanz-Affinität gleichzusetzen ist. Das Geschäft mit Robos ist also kein Selbstläufer, wie die niedrige Asset-Basis von geschätzt 2,5 Milliarden Euro andeutet. 

Auch wenn einige Robos aus dem Markt ausgeschieden sind, werden etliche Newcomer dafür sorgen, dass der Konkurrenzdruck bestehen bleibt. Vermutlich werden einige Robos verstärkt Allianzen mit klassischen Vertriebskanälen bilden, um auf hinreichende Assets zu kommen. Die Zusammenarbeit von Scalable und der ING Diba könnte hier eine Blaupause darstellen. Mutieren Robos zum Annexvertrieb von Banken, könnte das allerdings den Trend zu niedrigeren Gebühren ausbremsen. Für Kunden muss eine Robo-Konsolidierung also nicht zwangsläufig mit sinkenden Gebühren verbunden sein. (Es ist fast schon überflüssig zu erwähnen, dass auch bei Robos keinesfalls das Motto gilt: Hohes verwaltetes Vermögen = überdurchschnittliche Performance für Anleger!) 

Zum anderen ist es absehbar, dass die Gebühren bei klassischen Mischfonds mittelfristig sinken werden. Auch wenn in Deutschland Kickbacks auf absehbare Zeit nicht verboten werden, so gehen in Europa die Uhren heute anders als vor 20 Jahren, und es ist zu erwarten, dass über kurz oder lang selbst in Deutschland der Regulierer eingreifen wird. Im Ergebnis wird künftig die Vertriebsvergütung nicht über die vermittelten Produkte erfolgen. Kickbacks sind im Rückzug begriffen, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen oder übermorgen. 

Das bedeutet, dass Investmentprodukte günstiger werden, die Beratung indes mit einem Preisschild versehen wird. Alternative Vertriebsmodelle werden entstehen, in denen Berater in einen echten Konditionen-Wettbewerb gegeneinander antreten werden und sehr viel dafür tun werden, die Performance ihrer Investoren zu optimieren. Was wiederum zwangsläufig zu günstigen Produkten führen wird. In den Niederlanden und Großbritannien wurden Kickbacks de facto verboten; beide Länder weisen einen Weg, der künftig vielleicht auch für Anleger in Deutschland offen stehen wird. 

Und was bedeutet das for die Situation im Hier und Jetzt? Robos und Fonds sind gleichermaßen überwiegend teuer, und es riecht nach Konsolidierung. Aber sie macht sich derzeit nicht durch signifikant sinkende Kosten bemerkbar. Deshalb müssen Anleger damit leben, entweder für eine teure bis zu teure Dienstleistung zu optieren oder aber nach den wenigen günstigen Alternativen, die es am Markt gibt, zu suchen. Diese Recherche kann mühsam sein, aber wir hoffen, den Weg durch unsere zweiteilige Artikel-Serie etwas geebnet zu haben.

Die besten Anlage-Alternativen stehen derzeit nur den Selbstentscheidern unter den Investoren offen, die wiederum oft nur auf ETFs zurückgreifen können. Das ist schade, aber angesichts der insgesamt schwachen Performance der oft viel zu teuren aktiv verwalteten Fonds sind ETFs (als Direktinvestments!) derzeit die einzigen Vehikel, die Anlegern Konditionen bieten, wie sie sonst nur für institutionelle Anleger zu haben sind. 

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.