Investieren zwischen Szientismus und Dilettantismus

Auch wenn Investieren keine Wissenschaft ist, sollten sich Anleger über einige Grundlagen der Finanzwissenschaft informieren. Vor allem, was die unvoreingenommene Betrachtung von Tatsachen angeht.

Samuel Lee 18.10.2013

Eines gleich vorweg: Der wissenschaftliche Ansatz funktioniert, auch wenn die Wissenschaft manchmal von Ideologen für ihre Zwecke missbraucht wird. In jeder erfolgreichen Gesellschaft werden komplizierte Aufgaben nur von Fachleuten übernommen, etwa Operationen am menschlichen Gehirn, der Bau von Flugzeugen oder die Festlegung von marktweit geltenden Zinssätzen. Und dennoch findet man immer wieder Menschen, die ihre Finanzangelegenheiten von Scharlatanen oder Astrologen regeln lassen – oder diese Aufgabe gar selbst übernehmen, auch wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt außer den vagen Glauben, es schon selbst zu können, wenn man sich nur ein bisschen damit beschäftigt.

Es mag ernüchternd sein, aber Intelligenz und eine gute Ausbildung machen nicht automatisch aus einem Dilettanten einen guten Investor. Mein Vater etwa ist ein anerkannter Professor für Elektrotechnik und arbeitet an einer der besten Universitäten Südkoreas. Wenn er einen Microchip entwickelt, greift er dabei auf sein Wissen aus einem jahrelangen Studium zurück, er recherchiert in Fachzeitschriften und liest die Arbeiten anderer Ingenieure zu dem Thema.

Die Sache mit meinem Vater

Wenn es aber darum geht, sein Geld in Aktien kleiner Technologiefirmen zu stecken, geht mein Vater sehr hemdsärmelig vor. Manchmal fragt er mich sogar, welche Firma mir am besten gefällt – eine Frage, bei der ich regelmäßig abwinke. Und obwohl mein Vater seit über 20 Jahren erwiesenermaßen nicht sehr erfolgreich bei seiner Aktienauswahl ist, gibt er nicht auf. Man hat den Eindruck, als wäre der Wissenschaftler in ihm auf einmal verschwunden und ein anderer, verwegener Teil seines Hirnes übernähme bei Fragen rund um die Geldanlage. Würde ich, nach ein paar Stunden Vorbereitung versuchen, als Chipproduzent gegen Unternehmen wie Intel oder ARM antreten? Glauben Sie mir, nichts liegt mir ferner.

Investieren ist so gesehen eine Wissenschaft. Man sollte auf jeden Fall mit einer großen Portion Demut zu Werke gehen – und sich gründlich informieren. Auch wenn Sie vielleicht nicht die Fachbegriffe kennen, sollten Sie sich doch mit Erkenntnissen der Modernen Portfoliotheorie vertraut machen, mit der Abhängigkeit von Risiko und Ertrag, mit Zinstheorien und der Effiziente-Märkte-Hypothese. Einige Bereiche der Finanzmarkttheorie sind vielen Anlegern so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man vergisst, dass sie ursprünglich wissenschaftliche Laborversuche darstellten.

„Brillenschlangen, die mit Formeln daherkommen“ 

Das gilt aber nicht für alle Bereiche – und einige der besten Investoren haben kein Diplom in Finanzwissenschaft, sondern stehen einer wissenschaftlichen Herangehensweise sogar sehr skeptisch gegenüber, wie etwa der legendäre Warren Buffett, der „vor Brillenschlangen“ warnte, „die mit Formeln daherkommen“.

Tatsächlich spielen Finanzwissenschaftler keine größere Rolle an der Börse. Warum? Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal Emotionen – ein Faktor, der die besten Denker aus der Bahn werfen kann. Nehmen wir das Beispiel des Logikers und Mathematikers Kurt Gödel: Er war besessen von der Angst, vergiftet zu werden und aß daher nur Mahlzeiten, die von seiner Ehefrau Adele zubereitet wurden. Als diese für sechs Monate ins Krankenhaus musste, verhungerte Gödel.

Übertragbares gilt auch für die Geldanlage: Selbst schlaue Investoren können ihre Altersvorsorge mit einem Streich vernichten, wenn sie sich von ihren Urinstinkten leiten lassen. An der Börse muss man außergewöhnlich diszipliniert vorgehen – das können die meisten Menschen nicht. Das hat meiner Erfahrung nach nichts mit Intelligenz zu tun. Zudem fehlt es vielen Wissenschaftlern an den nötigen Instrumenten, um aus den vorliegenden Daten die relevanten Informationen zu ziehen. Einige versuchen es trotzdem – und die Ergebnisse sind dann so erbärmlich, dass dagegen sogar ein Horoskop wissenschaftlich fundiert aussieht.

Warum zahlen Unternehmen Dividenden?

Hinzu kommt, dass an der Börse die meisten Informationen nicht einfach zu quantifizieren sind. Manch ein Wissenschaftler will sich nur auf harte Fakten verlassen und sieht dabei die einfachsten Zusammenhänge nicht. So war Franco Modigliani, nach dem das Modigliani-Miller-Theorem benannt wurde, überrascht, dass so viele Unternehmen Dividenden zahlen. Dabei ist seit Ben Graham bekannt, dass die Dividendenpolitik eine disziplinierende Wirkung auf das Management eines Unternehmens hat und Manager davon abhält, Geld zu verpulvern. Es gibt eben Dinge wie Kultur oder Anreize, Dinge, die man nicht in eine Formel packen kann, die aber dennoch eine wichtige Rolle spielen.  

Sicher: Es gibt gute Gründe dafür, die Aussagen eines Finanzwissenschaflters skeptisch zu betrachten. Die Modellgläubigkeit vieler Marktteilnehmer und der Pseudo-Szientismus vieler Methoden haben vielen Anlegern in der Finanzkrise hohe Verluste beschert. Aber es wäre ein Fehler, die Erkenntnisse der Finanzwissenschaft außer Acht zu lassen. Die meisten Anleger dürften gut damit fahren, auf Basis von Erkenntnissen der Wissenschaft zu investieren. Dabei kann man viel lernen. Und man macht es sich leichter, als wenn man anhand der „persönlichen Erfahrung“ vorgeht.

Erfahrungen sind nicht zuverlässig, von Emotionen und aktuellen Stimmungen überlagert und decken – historisch gesehen – nur eine kurze Zeitspanne ab. Die Weltwirtschaftskrise hatte zur Folge, dass die Investoren die Risiken einer Aktie erkannten; die Hochphasen an der Börse in den 1980er und 1990er Jahren zeigten, dass Aktien die Quelle großen Reichtums sein können. Und in beiden Fällen mussten Anleger auf die harte Tour lernen, dass sie ihre „persönliche Erfahrung“ böse täuschen kann.   

Es ist besser, wenn man aus der Geschichte seine Lehren zieht und die Fehler vorangegangener Generationen nicht selbst machen muss. Geht man wie ein guter Wissenschaftler vor, wertet man die vorliegenden Daten und Zahlen unvoreingenommen aus, in der Hoffnung, etwas Neues zu lernen, was die bisherigen Erkenntnisse widerlegt.

Die Wissenschaft, so wie sie heute praktiziert wird, ist zwar alles andere als perfekt – aber es ist nach wie vor die beste Methode auf der Suche nach der Wahrheit. Für Investoren gilt in vielen Aspekten das gleiche wie für die Wissenschaft. Man tut gut daran, sich auf die Fakten zu konzentrieren.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Artikels, in dem wir auf einige konkrete finanzwissenschaftliche Erkenntnisse eingehen, die die Grundlage für viele Investmentstrategien darstellen.

Über den Autor

Samuel Lee  Samuel Lee is an ETF Analyst with Morningstar.