Deutschlandfonds verzeichnen Abflüsse

Ein europäischer Aktienfonds kann Risiken besser streuen als ein deutscher Investmentfonds, der per definitionem auf deutsche Titel beschränkt bleibt.

Werner Hedrich 22.04.2005
Facebook Twitter LinkedIn
Laut dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) haben die Bundesbürger 1 Mrd. Euro aus deutschen Aktienfonds zwischen Januar und März abgezogen. Zuflüsse verzeichneten europäische Aktienfonds und Produkte mit nordamerikanischem Investmentschwerpunkt. Dieser Trend ist aus mehreren Gründen zu begrüßen. Ist Analyst Hedrich ein unpatriotischer Mitbürger? Aus Anlegersicht und portfoliotheoretischen Überlegungen sicherlich nicht. Mein Anlegerherz – wie auch das politische - schlägt europäisch!

DAX – ein High-Beta-Markt

Der deutsche Aktienmarkt ist ein sogenannter High-Beta-Markt. Die 30

größten deutschen Aktiengesellschaften (Börsenkapitalisierung der frei handelbaren Aktien: 456 Mrd. Euro) schwanken stärker als zum Beispiel der Schweizer oder Britische Aktienmarkt. Investoren sollten Volatilität instinktiv meiden, hindert sie doch das Auf und Ab des DAX am geruhsamen Schlaf. Die Erklärung, warum der deutsche Bluechip-Index DAX stärker als seine europäischen Pendants schwankt, liegt in seiner Zusammensetzung begründet. Zinssensitive Versicherungs- und Banktitel machen rund ein Viertel der Gewichtung aus, die dollaranfälligen Automobilwerte und Zulieferer sind mit 12% vertreten. Für Ausgleich haben in den letzten drei Jahren die Versorger RWE (Indexgewicht: 5%), EON (9%) und die Deutsche Telekom (9%) gesorgt. Dem DAX fehlen zur Diversifikation Pharma- und Einzelhandelskonzerne (nur Metro) von Weltrang. Die Hausse der Erdölkonzerne haben die Investmentfonds mit Schwerpunkt Deutschland verpasst, weil es einfach keine Explorationsgesellschaften auf dem deutschen Kurszettel gibt.

Eingeschränkte Möglichkeiten für Fondsmanagement

Als weiterer struktureller Nachteil von Aktienfonds mit Anlageuniversum Deutschland, die von deutschen KAG begeben werden, erweist sich das Investmentgesetz. Ist ein Fonds in Deutschland aufgelegt, muss er bestimmten Regeln der Anlagepolitik folgen: Einzelpositionen im Fondsportfolio dürfen nicht mehr als 10%, zusammen addiert dürfen diese 5 bis 10%-Beteiligungen im Sondervermögen wiederum nicht mehr als 40% ausmachen. Mutter des Gedankens ist der Anlegerschutz. Vermögensverwalter sollen diversifizieren und keine Klumpenrisiken eingehen, so der Gesetzgeber. Ein signifikantes Übergewicht in bestimmten Titeln als Instrument einer möglichen Outperformance des DAX ist somit per Gesetz untersagt. Bei EON (DAX-Gewicht: 9%) oder der Deutschen Telekom (9%) stoßen Asset Manager schnell an die gesetzlich erlaubte Grenze von 10%. Relativ zum DAX ist der Industriekonzern Siemens stets untergewichtet, weil er mit rund 11% Indexanteil stärkster deutscher Börsenwert ist. Fondsmanager können eigentlich nur mit Untergewichtungen gegenüber der Benchmark punkten. Käufe von Nebenwerten sind wegen der geringen Umsätze der Titel nur eingeschränkt möglich. Der Fondsmanager eines volumenstarken Fonds hält dann schnell mal 10% des Free Floats einer MDAX- oder TecDAX-Aktie (Börsenwert MDAX 114 Mrd. Euro, TecDAX 24 Mrd. Euro). Der Ausweg aus dem Dilemma ist die Änderung der Anlagestatuten, die Produkte werden europäischer gemacht. Der dit Concentra darf zum Beispiel bis zu 10% des Portfolios in Bluechips der Eurozone investieren.

Deutsche Aktien – eine taktische Wette

Deutsche Aktienfonds können eigentlich nur unter taktischen Erwägungen Platz in einem breit diversifizierten Wertpapierdepots finden. Die deutschen Versicherungskonzerne und Banken haben ihre Überkreuzbeteiligungen aufgelöst. Der deutsche Aktienmarkt muß in Zukunft kein High Beta Markt bleiben. Zudem bewerten Asset Manager und Anlagestrategen deutsche Aktiengesellschaften als relativ attraktiv. Der US-Fondsriese Fidelity wirbt augenblicklich für ein neu aufgelegtes Deutschlandprodukt. Wie gesagt: Wegen portfoliotheoretischer Überlegungen und eingeschränktem Handlungspielraum der Fondsmanager sind europäische Aktienfonds gegenüber rein deutschen Produkten vorzuziehen. Doch scheint der Angriff Fidelitys auf die volumenstarken Produkte der deutschen Fondsgesellschaften Dekafonds (4,4 Mrd.), DWS Investa (2,6 Mrd. Euro), Unifonds (2,3 Mrd. Euro) und dit Concentra (Volumen: 1,6 Mrd. Euro) verführerisch. Es wird spannend, wenn der Fidelity Deutschlandfonds die Milliardengrenze überschreiten sollte. Dann müssen die marketingaffinen Amerikaner zeigen, dass sie einen Tanker genauso gut manövrieren können wie ein Schnellboot.

Es ist nur verständlich, dass wir deutsche Aktienfonds überproportional in unseren Depots halten. Die Fondsindustrie spricht hier vom sogenannten home bias, der in den meisten Ländern zu beobachten ist. Investoren kaufen das, was ihnen vertrauter ist. Die Deutsche Bank Aktie bietet sich intuitiv eher an als die margenstarke Royal Bank of Scottland. Es ist Zeit, europäisch zu denken.

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken. Sie sind weder als Aufforderung noch als Anreiz zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers oder Finanzinstruments zu verstehen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sollten nicht als alleinige Quelle für Anlageentscheidungen verwendet werden.

Facebook Twitter LinkedIn

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

BezeichnungKursVeränderung (%)Morningstar Rating
Concentra A EUR142,28 EUR-0,04Rating
DekaFonds CF126,94 EUR0,06Rating
DWS ESG Investa LD201,93 EUR-0,60Rating
UniFonds58,30 EUR-0,19Rating

Über den Autor

Werner Hedrich