Fragen und Antworten zu Strategic Beta ETFs

Strategie ETFs sind für viele Anleger noch ein Buch mit sieben Siegeln. ETFs, die den Anspruch haben, besser zu sein als der Markt, auf dem sie sich bewegen, polarisieren. Einige Erklärungen im Frage-Antwort-Format für ein besseres Verständnis dieser Index-Produktgruppe.

Morningstar 27.09.2021
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An Strategie-ETFs, in der Sprache der Fondsanbieter auch „Smart Beta“ genannt, scheiden sich die Geister. Wie sind die ETFs zu beurteilen, die den Anspruch haben, besser zu sein als der Markt, auf dem sie sich bewegen? Für die einen Anleger sind es „keine echten ETFs“. Solche Investoren, nennen wir sie die Beta-Puristen, sehen ETFs und Indizes als das, was sie ursprünglich einmal waren: Als Spiegel der Märkte. Andere Investoren haben ein Faible für so genannte Faktor-Investments und wollen in möglichst purer Form und zu (relativ) günstigen Kosten Prämien, die jenseits klassischen Marktrenditen sprudeln, „ernten“. Solche Investoren haben den Anspruch, mit alternativen Indexfonds eine Überrendite gegenüber klassischen Benchmarks zu erzielen. 

Im Folgenden haben wir zehn Themen im Frage-Antwort-Format für Sie aufbereitet, in der Hoffnung, dass wir damit zu einem besseren Verständnis dieser Index-Produktgruppe beitragen können. 

1. Sind Strategic Beta ETFs die logische Weiterentwicklung der ETF-Idee? 

Nein, das sind sie nicht. Die ursprüngliche Indexfonds/ETF-Idee ist simpel. Man gebe Anlegern mit Fonds einen einfachen, günstigen Zugang zur Performance der klassischen Marktbarometer, etwa zu der des S&P 500, DAX 30 oder FTSE 100. Das geschah in Europa zu Beginn des Millenniums. Diese Produkte kamen sehr gut an. Inzwischen stecken 20 Prozent des Vermögens in Fonds in Europa in Indexprodukten.

Nun liegt es aber in der Natur des Tüftlers Mensch, Entwicklungen voranzutreiben und Innovationen zu schaffen. Das ist auch bei Indizes so. Je nachdem, wie man die Index-Formel aufsetzt, lassen sich Wertpapiere nach anderen Kriterien als der der Marktkapitalisierung gewichten. Indizes, und damit auch Indexfonds, können die Aktien von günstig bewerteten Unternehmen zusammenbringen (Value); oder von Unternehmen, die stark wachsen (Growth); oder von Unternehmen, deren Aktienkurse eine niedrige Schwankungsintensität aufweisen (Low Volatility). Und so weiter und so fort.

Das leisten die so genannten „Smart Beta ETFs“, nach unserer Terminologie „Strategic Beta ETFs“. Doch das bedeutet nicht, dass klassische ETFs ausgedient haben. Im Gegenteil: In vielen wichtigen Kategorien haben aktiv verwaltete Fonds gegen die günstigen Indexfonds kaum eine Chance. Es gibt also absolut kein Performance-Problem bei klassischen ETFs, die sich weiterhin sehr großer Nachfrage erfreuen. Insofern sind Strategic Beta ETFs eben nicht die logische Weiterentwicklung der ETF-Idee, sondern vielmehr die Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle der ETF-Anbieter, die aktiven Managern noch mehr Konkurrenz machen wollen. 

2. Sind Strategic Beta ETFs also eine Marketing-Mogelpackung?

Nein. Strategic Beta ETFs sind keine Mogelpackung, aber für die Indexwelt doch eine Art „Palastrevolution“. Denn diese ETFs tummeln sich auf der Spielwiese der aktiven Fondsmanager. Die Strategien, die sie verpacken, sind nichts anderes als das, was die meisten aktiven Fondsmanager als ihr Erfolgsrezept verkaufen: Die Fähigkeit, klassische Marktindizes zu übertreffen.

Strategic Beta ETFs setzen Investment-Faktoren ein, die auch Kern der Strategien der aktiven Fonds sind – und das zu deutlich geringeren Preisen. Damit nehmen ETF-Anbieter am allgemeinen Performance-Windhundrennen der Fondsindustrie teil. Strategic Beta ETFs sind also als aktive Strategien einzuordnen, und Strategien können, das wissen alle Fans der aktiven Fonds, auch scheitern. Das müssen Anleger wissen, wenn sie sich mit der Materie vertraut machen wollen.   

3. Werden Strategic Beta ETFs überhaupt nachgefragt? 

In begrenztem Umfang schon. In Europa weniger als in den USA, wo 20 Prozent des ETF-Vermögens in Strategic Beta ETFs investiert sind. In Europa lag der Marktanteil dagegen nur bei 6,5 Prozent. Man versteht die Bedeutung von Strategic Beta-ETFs am besten, wenn man sich die Investmenthistorie an beiden Märkten anschaut. In den USA waren Investment-Stile wie Growth und Value schon lange bei Anlegern „gesetzt“. Growth- und Value-ETFs machen auch heute noch rund die Hälfte des Strategic Beta ETF-Vermögens in den USA aus.

In Europa kamen Strategic Beta ETFs deutlich später „an“. Hierzulande haben Investment-Stile wie Growth und Value keine lange Tradition. In Europa, vor allem in Deutschland, greift eher das Thema Dividenden. Mit der Auflage eines Dividenden-ETF auf den DivDAX, der erste Strategic Beta ETF in Europa überhaupt, konnten ETF-Anbieter ab 2005 den Grundstein für Strategic Beta Produkte legen. In den Folgejahren wuchs das verwaltete Vermögen in diesen Produkten stetig.

Allerdings bremste die schwache Performance vieler Dividenden-ETFs das Wachstum aus. Der Anteil am ETF-Vermögen stieg nur schleppend. 2018 wurde mit einem Marktanteil von 8,1 Prozent der vorläufige Zenit erreicht – seitdem sinkt der Marktanteil von Strategic Beta ETFs am ETF-Markt stetig. Gefragt sind bei Investoren – aus gutem Grund – in erster Linie klassische ETFs, die nach wie vor überwiegend gut performen.

4. Können Strategic Beta ETFs also gar nicht outperformen? 

Doch, und deshalb ist es schade, dass die Diskussion um diese Produkte oft nur in einem plakativen „Pro und Contra“-Muster abläuft. ETFs, die auf Growth, Momentum und Quality setzen, konnten in ihren jeweiligen Fondskategorien sogar die kapitalisierungsgewichtete Mutter-Indizes im Schnitt übertreffen. Die Performance-Bilanz sieht sowohl in den vergangenen drei und fünf Jahren gut aus. Damit lagen diese ETFs auch vor ihren - größtenteils aktiv verwalteten – Konkurrenzfonds. 

5. Werden Strategic Beta ETFs also verkannt? 

In Teilen schon. Allerdings können Strategic Beta ETFs auch brutal underperformen. Gegenüber klassischen Indizes lagen etwa Dividenden-ETFs, Value und auch Multi-Faktor-ETFs in den vergangenen Jahren hinten. Vergegenwärtigt man sich, dass die überwiegend schwach performenden Dividenden-ETFs in den ersten Jahren des Bestehens dieser Produkte den Strategic Beta Markt dominiert haben, dann wird verständlich, warum Anleger diesen ETFs oft mit Skepsis begegnen.

6. Sind Strategic Beta ETFs vielleicht gefährlich für Anleger? 

Verwendet man das Wort „gefährlich“ synonym mit „unberechenbar“, dann ist das nicht der Fall. Hinter den allermeisten Strategien stehen Investment-Faktoren, die bereits seit Jahren, ja oft sogar: seit Jahrzehnten, bekannt sind. Viele Value- oder Growth-Indizes haben sehr weit zurückreichende Historien, sodass man diese Investments einigermaßen einschätzen kann.

Allerdings stimmt die These andererseits doch, weil es keine allgemeingültigen Definitionen gibt, wie Faktor-Indizes kalkuliert werden müssen. Die ETF-Anbieter können bei Strategic Beta die Faktoren nach ihrem Gutdünken zuschneiden. Welche Kriterien bei der Wertpapierauswahl gelten und wie diese gewichtet werden, liegt in der Diskretion der ETF-Anbieter, die sich dann für den passenden Index-Algorithmus bei S&P, MSCI oder auch Morningstar entscheiden.

Nicht selten lassen sie sich „on demand“ auch die passenden Indizes kreieren. Das bedeutet, dass viele dieser ETFs ihre ganz eigene Interpretation von Value, Growth oder Quality haben. Für wenig erfahrene Anleger gibt es auch noch eine weitere Gefahr. Auf den ersten Blick (und zumeist auch auf den zweiten) sind die verborgenen Risiken dieser Produkte nicht erkennbar. Etwa gelten Dividenden-ETFs als Untergruppe des Value-Stils, und der schwächelte lange Zeit.

Quality-ETFs haben in der Vergangenheit mitunter heftig auf steigende Renditen am Bond-Markt reagiert. Wenn eine Branchen-Rotation in großem Stil stattfindet, können Momentum-ETFs unter die Räder kommen. Daher ist viel Research nötig, um die Risiko-Aspekte dieser Produkte zu verstehen.   

7. Was ist von Multi-Faktor-ETFs zu halten, die mehrere Strategien verbinden? 

Die Existenz von Multi-Faktor-ETFs ist einerseits zu begrüßen. Denn hier können ETF-Anbieter zeigen, ob sie wirklich in der Lage sind, mit ihren Algorithmen Mehrwert für Anleger zu schaffen. Wenn wir uns darauf verständigen können, dass Strategic Beta ETFs aktive Strategien darstellen, dann sind Multi-Faktor-ETFs nichts anderes als eine All-in-One Lösung, die verschiedene Faktor-Strategien unter einen Hut bringt.

Viele Multi-Faktor-ETFs üben sich in Faktorrotation. Das ist nichts anderes als Market-Timing, und Anleger wissen, wie tückisch das sein kann. Schaffen es die ETF-Anbieter, durch die Über- und Untergewichtung von Faktoren Mehrwert zu schaffen, dürfte das Strategic Beta ETFs einen großen Schub geben. Doch das Ergebnis ist, wie bereits weiter oben angedeutet, nicht vollends überzeugend.

Multi-Faktor-ETFs blieben in Drei- und Fünfjahres-Zeiträumen hinter den jeweiligen Marktindizes zurück. Das spiegelt das Dilemma der aktiven Fonds wider, das hier genauso zum Tragen kommt. Schlimmer noch: Gegenüber vergleichbaren (aktiven) Fonds fällt die Performance nicht zu jeder Zeit überzeugend aus. Die ETF-Anbieter sind also nach wie vor im Obligo, unter Beweis zu stellen, dass sie die Kniffe der Faktor-Rotation beherrschen. Sich auf der Spielwiese der aktiven Manager zu tummeln, ist das eine. Erfolg dabei zu haben, das andere. 

8. Ohne Dividenden-Strategien würde doch kein Mensch über Strategic Beta reden?

Das war tatsächlich einmal so, inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Im September 2011 lag der Marktanteil der Dividenden-ETF am verwalteten Vermögen in Strategic Beta ETFs bei deutlich über 50 Prozent. Ende September 2020 belief sich deren Anteil auf nur noch etwas über 30 Prozent.

Spiegelbildlich hat die Bedeutung von Risiko-orientierten ETFs deutlich zugenommen. Auch die Faktoren Quality, Multi-Faktor und Momentum haben zugelegt. Sie weisen inzwischen einen Marktanteil von jeweils zwischen sechs und zwölf Prozent am verwalteten Vermögen in Strategic Beta ETFs auf. Die Spielwiese der semi-aktiven ETFs ist also größer geworden. 

9. Sind Strategic Beta zu komplex für Privatanleger? 

Die Frage ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade Strategien wie Multi-Faktor-ETFs oder auch Quality oder Fundamentals haben dem ETF-Markt mehr Komplexität gebracht. Insofern sollten Privatanleger diesen Produkten mit Demut begegnen, oder sich an einen Berater ihres Vertrauens wenden.

Andererseits gibt es auch Selbstentscheider, denen so mancher Berater nicht das Wasser reichen kann. Solche Anleger sollten die Komplexität nicht scheuen und sich mit Strategic Beta ETFs auseinandersetzen.

In einem Punkt machen es Strategic Beta ETFs dem Anleger leicht: sie arbeiten regelbasiert. Hat man die zugrunde liegende Regel verstanden, wird sich der ETF entsprechend dieses „Drehbuchs“ verhalten.

So aktiv diese Strategien im Vergleich zu klassischen Indizes auch erscheinen mögen: Die Anleger sind hier nicht den Launen eines Fondsmanagers ausgeliefert, der einer Strategie seinen eigenen Stempel aufdrückt und zu mitunter nicht erwarteten Entscheidungen kommt. Anleger sollten zugleich jedoch Komplexität nicht pauschal mit Qualität gleichsetzen. Komplexe Strategien können mitunter „over-engineered“, mithin also zu Tode optimiert worden sein. Einfache, robuste Ansätze sind manchmal besser, als es ihr Ruf vermuten lässt. Morningstar bewertet inzwischen zahlreiche Strategic Beta ETFs qualitativ. Und wir sind nicht das einzige Research-Haus, das sich mit diesen ETFs befasst. Anleger und Berater haben also das nötige Rüstzeug an der Hand, wenn sie sich anschicken, diese Produkte zu analysieren. 

10. Welchen Raum sollten Anleger Strategic Beta ETFs in ihrem Portfolio einräumen? 

Dass diese ETFs nicht aus der Nische herausgekommen sind, illustriert im Grunde, dass Anleger sehr wohl verstanden haben, was die Funktion von Strategic Beta ETFs ist: Sie sind Beimischungen in diversifizierten Wertpapier-Portfolios, die – je nach der Präferenz der Anleger - dem Portfolio einen Dreh in die eine oder andere Richtung geben können.

Aber Anleger weisen ihnen eben nicht die Funktion von Kernbausteinen ihrer Portfolios zu. Diese Produkte haben also ihre Daseinsberechtigung – und sei es nur, weil sie klare Kostenvorteile gegenüber aktiv verwalteten Fonds haben. Das schließt nicht aus, dass ein Investment in Strategic Beta ETFs im Einzelnen mit Frust verbunden sein kann.

Es wurden inzwischen gut 20 Prozent aller jemals in Europa aufgelegten Strategic Beta ETFs liquidiert. Für die ETF-Branche dürfte dabei die Tatsache unangenehm sein, dass ausgerechnet Multi-Faktor-ETFs besonders häufig vom Markt genommen wurden. Hier scheint die Faktorrotation doch anspruchsvoller gewesen zu sein, als es die Produktdesigner antizipiert haben mögen.

Gerade derartige Ausrutscher sind dazu angetan, dass Anlegern ein Risiko von Strategic Beta ETFs präsent bleibt: viele werden nicht in der Lage sein, ihre Marktindizes zu übertreffen. Strategic Beta ETFs werden eine zweischneidige Sache bleiben – für Anleger wie für die ETF-Anbieter.

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken. Sie sind weder als Aufforderung noch als Anreiz zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers oder Finanzinstruments zu verstehen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sollten nicht als alleinige Quelle für Anlageentscheidungen verwendet werden.

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